Er sah das mädchenhafte Schattenwesen, das wieder um eine Umarmung bat und versuchte, in ihn einzudringen. Er spürte, wie er sich wehrte, sah, wie sie zurückgeworfen wurde, beobachtete, wie sie verschwand. Himmel! Sie hatte versucht, in ihn einzudringen, sich Zugang zu ihm zu verschaffen und er selbst zu werden! Das war es also, dachte er in einem Anflug von Verstehen – körperlose Schattenwesen ergriffen Besitz von den Körpern von Männern, Frauen oder Kindern.
Aber hatten Schattenwesen ein eigenes Leben?
Seine Gedanken kreisten um nicht zu beantwortende Fragen. Sein Geist schlief, und seine Reise durch das Land der Träume ging weiter. Er kletterte auf Berge, die von Kreaturen wie dem Nager bewohnt waren, überquerte Flüsse und Seen aus Nebeln und unsichtbaren Gefahren, durchwanderte Wälder, in die kein einziger Lichtstrahl drang, und geriet in Sümpfe, in denen sich Nebelschwaden in luftlosen, leeren Hexenkesseln bewegten.
»Helft mir«, bat er. Aber es war niemand da, der ihn hätte hören können.
Die Zeit schien stehenzubleiben. Die Reise nahm ein Ende, und die Träume lösten sich in nichts auf. Nach einer kurzen Pause kam das Erwachen. Er wußte, daß er geschlafen hatte, aber nicht, wie lange er geschlafen hatte. Er wußte lediglich, daß, nachdem die Träume geendet hatten, er in einen traumlosen Schlaf gefallen war. Wichtiger war jedoch das Wissen, daß er lebte.
Behutsam streckte er eine Hand aus, spürte die Weichheit von Bettwäsche und wußte, daß er ausgestreckt auf einem Bett lag, warm und geborgen.
Dann öffnete er die Augen. Er befand sich in einem kleinen, spärlich eingerichteten Raum, der von einer Lampe erhellt wurde, die auf einem Tischchen neben seinem Bett stand. Die Wände des Zimmers waren kahl, die Deckenbalken lagen frei. Ein Federbett umhüllte ihn, und Kissen stützten seinen Kopf. Wo die Vorhänge der Fenster nicht ganz geschlossen waren, konnte er sehen, daß es draußen Nacht war.
Morgan Leah döste in einem Stuhl, der noch im Lichtschein der Lampe stand; sein Kinn lag auf seiner Brust, seine Arme waren locker verschränkt.
»Morgan«, rief Par.
Der Hochländer schlug die Augen auf, und sein Falkengesicht nahm sofort einen wachen Ausdruck an. Er sprang vom Stuhl auf. »Par! Par, bist du wach? Großer Gott, wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!« Er stürzte ans Bett, um seinen Freund zu umarmen, besann sich aber eines Besseren. »Wie fühlst du dich? Bist du in Ordnung?«
Par grinste schwach. »Das weiß ich noch nicht. Ich bin immer noch am Aufwachen. Was ist passiert?«
»Was alles nicht passiert ist, solltest du fragen!« erwiderte der andere aufgeregt. »Weißt du, daß du beinahe gestorben wärst?«
Par nickte. »Ich habe es vermutet. Was ist mit Coll?«
»Er schläft und wartet darauf, daß du aufwachst. Ich hab’ ihn vor einigen Stunden zu Bett gebracht, als er vom Stuhl gefallen ist. Du kennst ja Coll. Warte, ich hol’ ihn.« Er lächelte. »Warte, sag’ ich zu dir, als ob du irgendwohin gehen könntest. Sehr komisch.«
Par lagen hundert Dinge auf dem Herzen, die er aussprechen, Fragen, die er stellen wollte, aber der Hochländer war bereits zur Tür hinaus. Par blieb ruhig liegen. Das einzige, was zählte, war, daß es Coll gut ging.
Fast augenblicklich kehrte Morgan mit Coll zurück, und Coll zögerte im Gegensatz zu Morgan keine Sekunde lang, bevor er sich zu Par hinunterbeugte und ihn vor lauter Freude fast erdrückte. Par umarmte ihn ebenfalls, wenn auch schwach, und die drei lachten, als hätten sie soeben den besten Witz ihres Lebens gehört.
»Himmel, wir dachten, du wärst verloren!« rief Coll. Er trug einen Verband an seiner Stirn, und sein Gesicht schien blaß. »Du warst sehr krank, Par.«
Par lächelte und nickte. »Kann mir denn jemand sagen, was geschehen ist?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen. »Wo sind wir hier überhaupt?«
»In Storlock«, verkündete Morgan. »Walker Boh hat dich hergebracht.«
»Walker?«
»Hab’ mir gedacht, daß du überrascht sein wirst, wenn du das erfährst – daß Walker Boh aus dem Wildewald herausgekommen ist.« Morgan seufzte. »Tja, das ist eine lange Geschichte, und so wie ich das sehe, fangen wir am besten von vorne an.«
Genau das tat er auch. Mit der Hilfe von Coll erzählte er die Geschichte, wobei die beiden einander in ihrem Eifer, auch ja nichts außer Acht zu lassen, fast ständig unterbrachen. Par hörte mit steigender Überraschung zu, während sich die Geschichte vor ihm entfaltete.
Coll, so schien es, verfing sich in einer Schlinge der Spinnengnome, als diese sie auf der Lichtung am Ostende des Kamintales überfallen hatten. Er war zwar nur betäubt, doch als er das Bewußtsein wiedererlangte, waren Par und die Angreifer fort. Da es in Strömen geregnet hatte, waren die Spuren am Boden schnell verschwunden, und Coll war sowieso zu schwach, um die Verfolgung aufzunehmen. Er stolperte also zurück zur Hütte, wo er die anderen vorfand, und erzählte ihnen, was sich ereignet hatte. Obwohl es jetzt bereits dunkel war und immer noch regnete, bestand Coll darauf, daß sie sich auf den Weg machten und nach seinem Bruder suchten. Morgan, Steff, Teel und er selbst tappten stundenlang im Dunkeln herum und fanden nichts. Steff drang darauf, die Suche zu unterbrechen, auszuruhen und am nächsten Morgen weiterzusuchen.
»Wir trennten uns«, erzählte Coll, »weil wir versuchen wollten, ein möglichst großes Gebiet im nördlichen Tal zu durchsuchen. Aus den Geschichten von Brin und Jair Ohmsford wußte ich, daß die Spinnengnome auf dem Tofferkamm leben und es deshalb einleuchtend schien, daß sie von dort gekommen waren. Das hoffte ich wenigstens, weil wir sonst keine Anhaltspunkte hatten. Wir beschlossen, daß wir, sollten wir dich nicht sofort finden, bis zum Tofferkamm weitergehen würden.« Er schüttelte den Kopf. »Wir waren ziemlich verzweifelt.«
»Das waren wir«, pflichtete ihm Morgan bei.
»Jedenfalls war ich auf dem Weg zum nordöstlichen Rand des Tales, als völlig unerwartet Walker und diese riesige Katze, die so groß ist wie ein Haus, auftauchten. Er wollte wissen, was uns zugestoßen sei. Ich war dermaßen überrascht, ihn zu sehen, daß es mir gar nicht in den Sinn kam, ihn zu fragen, was er dort machte oder warum er nach dem ganzen Versteckspiel nun doch beschlossen hatte, zum Vorschein zu kommen. Ich habe ihm also nur erzählt, was er wissen wollte.«
»Weißt du noch, was er dazu gesagt hat?« unterbrach ihn Morgan, während seine grauen Augen, in denen eine Spur von Bosheit blitzte, Pars Augen suchten.
»Er sagte: ›Warte hier! Diese Sache ist nichts für dich; ich werde ihn zurückbringen‹, als ob wir Kinder wären, die verbotene Spiele spielen.«
»Aber er hat sein Wort gehalten«, bemerkte Morgan.
Coll seufzte. »Nun, das stimmt«, gab er widerwillig zu.
Walker Boh war einen ganzen Tag und eine Nacht weg gewesen, doch als er zum Kamin zurückkehrte, wo Coll und seine Gefährten gewartet hatten, brachte er Par mitsich. Par war dem Tode nahe. Die einzige Überlebenschance, die ihm laut Walker blieb, gab es in Storlock, der Gemeinde der Gnomenheiler. Die Störs hatten Erfahrung in der Behandlung von Krankheiten der Seele und des Geistes und konnten das Gift der Werbestien bekämpfen.
Sie machten sich sofort auf den Weg, sechs an der Zahl. Sie waren vom Kamin und dem Wildewald nach Westen gewandert, folgten dem Mangoldstrom aufwärts bis zum Wolfsktaag, überquerten den Jadepaß und erreichten schließlich das Dorf der Störs. Obwohl sie fast ununterbrochen gewandert waren, hatten sie zwei Tage gebraucht. Wäre Walker nicht gewesen, der mit Hilfe seiner Zauberkraft verhindert hatte, daß sich das Gift weiter in Pars Körper ausbreitete, wäre Par gestorben. Zuweilen hatte Par um sich geschlagen und geschrien, hatte Fieberträume gehabt und Blut gespuckt – einmal sogar inmitten eines furchtbaren Sturms, in den sie auf dem Jadepaß geraten waren.
»Wir sind seit drei Tagen in Storlock, und heute bist du zum erstenmal aufgewacht«, endete Coll. »Du warst dem Tod nahe, Par.«