Par nickte langsam. »Du glaubst also, daß wir diejenigen sein könnten, für die das Geheimnis bestimmt war?«
»Ja, das glaube ich – und diese Möglichkeit jagt mir Angst ein, so wie mir noch nie etwas Angst eingejagt hat! Ich fürchte mich davor! Ich will mit den Druiden und ihren Geheimnissen nichts zu tun haben! Ich will auch nichts zu tun haben mit der Elfenmagie, mit ihren Forderungen und ihren Tücken! Ich möchte nur allein gelassen werden, ich möchte mein Leben auf eine Weise leben, die ich für nützlich und befriedigend halte – und sonst nichts!«
Par senkte vor dem Zorn, der aus den Worten des anderen sprach, die Augen. Dann lächelte er traurig. »Manchmal liegt es nicht an uns zu entscheiden, Walker.«
Walker Bohs Antwort fiel anders aus als erwartet. »Zu der Meinung bin ich auch gelangt.« Sein schmales Gesicht war hart. »Während ich darauf gewartet habe, daß du wieder aufwachst, bin ich zu dieser Meinung gelangt.« Er schüttelte den Kopf. »Weil ich mich im Wildewald versteckt habe, bist du fast ums Leben gekommen. Ich könnte mich wieder so verhalten. Und welchen Preis müßte ich dann bezahlen?«
Par schüttelte den Kopf. »Du kannst dich nicht für die Risiken, denen ich mich freiwillig ausgesetzt habe, verantwortlich machen, Walker. Kein Mensch kann diese Last der Verantwortung tragen.«
»Da bin ich anderer Meinung, Par. Er muß sie sogar tragen, wenn er über die notwendigen Kräfte verfügt. Begreifst du das nicht? Wenn ich über die Kräfte verfüge, bin ich verpflichtet, davon Gebrauch zu machen. Tja, ich bin gekommen, um dir etwas zu sagen, und ich habe es dir immer noch nicht gesagt. Es wird am besten sein, wenn ich es hinter mich bringe… Ich gehe mit dir«, sagte er schlicht.
Par erstarrte vor Überraschung. »Zum Hadeshorn?«
Walker Boh nickte. »Um Allanons Schatten zu treffen – falls es tatsächlich Allanons Schatten ist, der uns gerufen hat – und um zu hören, was er zu sagen hat.«
Seine knochige Hand legte sich kurz auf die von Par. »Ruh dich jetzt aus. Wir haben eine weite Reise vor uns. Laß mich für die Vorbereitungen sorgen. Ich werde den anderen Bescheid geben und dich abholen, wenn es Zeit ist, daß wir uns auf den Weg machen.«
Walker Boh stand zu seinem Wort. Zwei Tage später, kurz nach Sonnenaufgang, erschien er mit Pferden und Proviant. Par war in den vergangenen anderthalb Tagen auf den Beinen gewesen; er hatte sich ziemlich gut erholt. Er war angekleidet und wartete mit Steff und Teel auf der Veranda des Hauses, als sein Onkel, gefolgt von den Tragtieren, aus dem Schatten des Waldes trat.
»Hier kommt ein Fremder«, murmelte Steff. »Hab’ ihn in der ganzen Zeit höchstens fünf Minuten gesehen. Und jetzt ist er plötzlich wieder da, einfach so. Mehr Geist als Mensch.«
»Walker Boh ist wirklich«, antwortete Par, ohne den Zwerg anzuschauen. »Ein Mensch, der von seinen eigenen Geistern verfolgt wird.«
»Tapfere Geister, wie ich das sehe.«
»Du fürchtest dich noch immer vor ihm, nicht wahr?«
»Mich fürchten?« Steffs Lachen war rauh. »Hast du das gehört, Teel? Er will mich auf die Probe stellen!« Einen Augenblick wandte er sein narbiges Gesicht Par zu. »Nein, er flößt mir keine Angst mehr ein. Er bringt mich nur zum Nachdenken.«
Coll und Morgan erschienen, und die kleine Kolonne machte sich bereit zum Aufbruch. Störs eilten herbei, um sich von ihnen zu verabschieden, als die Gefährten ihre Pferde bestiegen.
Walker sprach mit einem oder zweien; seine Worte waren so leise, daß kein anderer sie verstehen konnte. Dann blickte er sich noch einmal nach ihnen um. »Ich erhoffe für uns viel Glück, meine Freunde«, sagte er und wandte sein Pferd nach Westen, zur Ebene hin.
Viel Glück, weiß Gott, das brauchen wir, dachte Par Ohmsford.
13
Vereinzelte Sonnenstrahlen drangen durch die Bäume, brachen sich auf der ruhigen Oberfläche des Myriansees, tauchten das Wasser in leuchtendes Rotgold und ließen Wren Ohmsford blinzeln. Weiter im Westen ragten die Zacken des Irrybisgebirges in den Himmel, bildeten gleichsam eine Grenze zwischen Erde und Firmament und warfen die ersten Schatten der Nacht über die riesige Ebene von Tirfing.
In einer Stunde würde es dunkel werden, dachte sie.
Am Ufer des Sees hielt sie an und sog, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Abgeschiedenheit der herannahenden Dämmerung in sich ein. Mit der behaglichen Selbstzufriedenheit einer schlafenden Katze breitete sich das gesamte Westland in der schimmernden Hitze des sich dem Ende zuneigenden Sommertages aus, wartete geduldig auf das Herannahen der Nacht und die damit verbundene Kühle.
Sie hatte nicht mehr viel Zeit.
Einen Augenblick suchte sie nach den Spuren, die sie vor einigen hundert Metern verloren hatte, und fand nichts. Er hätte sich ebenso gut in Luft auflösen können. Sie kam zu dem Schluß, daß er es ihr mit diesem Katz- und-Maus-Spiel nicht leicht machte. Vielleicht war sie schuld daran.
Der Gedanke trieb sie weiter, ließ sie lautlos zwischen den Bäumen am Seeufer hindurchhuschen, das Laub und die Erde mit neuer Entschlossenheit überprüfen. Sie war klein und von schmächtigem Wuchs, gleichzeitig aber zäh und stark. Ihre Haut hatte durch den Wind und die Sonne eine nußbraune Färbung angenommen, und ihr kurzes hellblondes Haar, das in kleinen Löckchen an ihrem Kopf lag, gab ihr ein jungenhaftes Aussehen. Ihre Gesichtszüge erinnerten eindeutig an eine Elfin, die Augenbrauen standen schräg, die Ohren waren klein und spitz, die hohen Wangenknochen ließen ihr Gesicht schmal erscheinen. Ihre haselnußfarbenen Augen blickten sich, während sie sich bewegte, rastlos und suchend um.
Seinen ersten Fehler entdeckte sie nach etwa dreißig Metern in Form eines winzigen abgebrochenen Ästchens und kurz darauf seinen zweiten in Form eines Stiefelabdrucks. Unwillkürlich mußte sie lächeln. Ihre Zuversicht wuchs, und erwartungsvoll hob sie den glatten dicken Stock, den sie bei sich trug.
Der See, der sich an dieser Stelle zwischen die Bäume schob, bildete eine tiefe Bucht, wodurch sie gezwungen war, durch ein dichtes Kiefernwäldchen zu ihrer Linken zurückzukehren. Sie verlangsamte ihr Tempo und bewegte sich noch vorsichtiger. Die Kiefern machten jetzt dichtem Buschwerk Platz, das nahe an einem Zedernhain wuchs. Sie umging das Buschwerk und bemerkte dabei eine frische Kratzspur an einer Baumwurzel. Jetzt wird er unvorsichtig, dachte sie, oder will es mich zumindest glauben machen.
Sie entdeckte die Falle erst in dem Augenblick, als ihr Fuß schon über ihr schwebte. Die dazugehörigen Drähte zogen sich von einer sorgfältig versteckten Schlinge in das dichte Buschwerk hinein und von dort zu einem kräftigen jungen Baum, an dem sie befestigt waren. Hätte sie sie nicht gesehen, wäre sie in die Höhe gerissen worden und würde jetzt dort baumeln.
Gleich danach bemerkte sie die zweite Falle, die noch besser versteckt war, und zwar für den Fall, daß sie der ersten entgehen sollte. Sie entkam auch dieser und bewegte sich jetzt noch vorsichtiger.
Trotzdem hätte sie ihn beinahe nicht gesehen, als er ungefähr fünfzig Meter weiter von einem Ahornbaum zu Boden glitt. Er war es müde, sie im Wald immer wieder zu verlieren, und hatte deshalb beschlossen, die Sache ein für allemal und schnell hinter sich zu bringen. Während sie zwischen den Bäumen hindurchhuschte, glitt er lautlos zu Boden, und einzig ihr Gespür rettete sie. In dem Augenblick, als er den Boden berührte, sprang sie zur Seite, holte mit ihrem großen Stock aus und erwischte ihn mit einem hörbaren Schlag an seiner riesigen Schulter. Ihr Angreifer schüttelte den Schlag ab und erhob sich mit einem lauten Grunzen. Er war ein Mann von beträchtlichen Ausmaßen. Er lief auf Wren zu, doch mit Hilfe ihres Stocks gelang es ihr, einen großen Sprung zu machen. Beim Aufkommen rutschte sie aus, und mit einer erstaunlichen Behendigkeit war er über ihr. Sie wälzte sich zur Seite, wobei sie ihn mit ihrem Stock abwehrte, bis es ihr schließlich gelang, den hölzernen Dolch hervorzuziehen und ihn zum Schein in seinen Bauch zu rammen.