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Das sonnengebräunte, bärtige Gesicht wandte sich dem ihren zu, und die tiefliegenden Augen starrten nach unten. »Du bist tot, Garth«, erklärte sie ihm lächelnd. Dann bewegten sich ihre Finger und formten das Zeichen.

Der Fahrende fiel in gespielter Unterwerfung zusammen, bevor er sich erhob. Dann lächelte auch er. Sie säuberten ihre Kleider und standen sich im schwächer werdenden Licht gegenüber.

»Ich werde immer besser, stimmt’s?« fragte Wren, wo­ bei sie ihre Worte mit Gesten begleitete.

Garth antwortete ohne Laute, seine Finger bewegten sich in der Sprache, die er ihr beigebracht hatte. »Besser, aber noch nicht gut genug«, übersetzte sie. Als sie nach seinem Arm faßte, breitete sich ein Lächeln über sein ganzes Gesicht aus. »Für dich vermutlich nie gut genug. Denn sonst wärst du arbeitslos!«

Sie hob ihren Stock auf und täuschte einen Angriff vor, was den anderen sofort Deckung suchen ließ. Sie sahen einander einen Augenblick aufmerksam an, bevor sie sich wieder entspannten und sich auf den Weg zurück zum Seeufer machten. Eine halbe Stunde jenseits der Bucht befand sich eine kleine Lichtung, ein idealer Platz, um ein Lager für die Nacht zu errichten. Wren hatte sie während ihrer Verfolgungsjagd gesehen und ging jetzt schnurstracks dorthin.

»Ich bin müde, und mir tut alles weh, und ich habe mich noch nie besser gefühlt«, verkündete das Mädchen fröhlich, als sie gingen und dabei die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf dem Rücken spürten, die Gerüche des Waldes einatmeten und voll Leben und Frieden waren. Sie sang und summte Lieder von Fahrenden und vom freien Leben, davon, wie das Leben war und wie es sein würde. Garth folgte ihr gleich einem stillen Schatten.

Sie erreichten die Lichtung, machten Feuer, bereiteten ihr Essen zu und aßen; dazu tranken sie aus dem großen ledernen Bierschlauch. Die Nacht war angenehm warm, und Wren Ohmsfords Gedanken waren voller Zufriedenheit. Es blieben ihnen noch fünf Tage, bevor sie wieder zurückerwartet wurden. Sie genoß ihre Streifzüge mit Garth; sie bedeuteten Aufregung und Herausforderung. Der Fahrende war der beste aller Lehrer – einer, der seinen Schülern gestattete, durch eigene Erfahrung zu lernen. Niemand wußte so viel wie er über Fährtensuche, Deckung, Fallen, Schlingen, und niemand kannte so viele Schliche in der schönen Kunst des Überlebens. Er war von Anfang an ihr Lehrer gewesen. Sie hatte nie gefragt, warum er sich gerade sie ausgesucht hatte; sie war einfach nur dankbar dafür, daß er es getan hatte.

Das Leben, das sie führte, war hart, aber es wäre ihr unmöglich gewesen, sich ein anderes Leben auch nur vorzustellen. Als Fahrende war sie geboren worden und hatte mit Ausnahme der ersten Jahre, die sie in dem Dörfchen Shady Vale im Südland bei ihren Verwandten, den Ohmsfords, verbracht hatte, immer unter den Fahrenden gelebt. Seit Jahren lebte sie jetzt im Westland, wo sie mit Garth und den anderen herumstreifte, denjenigen, die sie nach dem Tod ihrer Eltern bei sich aufgenommen hatten und sie in allen Dingen des Lebens unterrichteten. Das gesamte Westland gehörte den Fahrenden vom Kershaltgebirge bis zum Irrybisgebirge, vom Tal von Rhenn bis zur Blauen Spalte. Einst hatte es ebenso den Elfen gehört. Aber die Elfen gab es nicht mehr, sie waren verschwunden. Bei den Fahrenden hieß es, sie hätten sich wieder ins Reich der Sagen zurückbegeben. Sie hatten jegliches Interesse an der Welt der Sterblichen verloren und waren ins Zauberland zurückgekehrt.

Manche zogen das in Zweifel. Andere wiederum behaupteten, die Elfen seien immer noch da und hätten sich nur versteckt. Sie selbst wußte dazu nichts zu sagen. Sie wußte lediglich, daß die Elfen ein verwildertes Paradies zurückgelassen hatten.

Garth reichte ihr den Bierschlauch, und sie nahm einen großen Schluck, bevor sie ihn wieder zurückreichte. Sie wurde zunehmend schläfrig. In der Regel trank sie nur wenig. Aber heute war sie ganz besonders stolz auf sich selbst. Es kam nicht oft vor, daß sie Garth überlistete.

Sie ließ ihren Blick kurz auf ihm ruhen, während sie daran dachte, wie viel er ihr in der Zwischenzeit bedeutete. Ihre Zeit in Shady Vale schien so weit entfernt, obwohl sie sich noch gut daran erinnerte. Und an die Ohmsfords, ganz besonders Par und Coll – an sie dachte sie immer noch. Damals waren sie ihre Familie gewesen. Aber es kam ihr vor, als hätte sich all das in einem anderen Leben zugetragen. Garth war ihr jetzt zugleich Vater, Mutter, Bruder und Schwester, die einzige Familie, die sie noch kannte. Sie war mit ihm auf eine Weise verbunden, wie sie noch nie mit jemand verbunden gewesen war. Sie liebte ihn abgöttisch.

Trotzdem, so mußte sie zugeben, fühlte sie sich manchmal in seiner Gegenwart allein – einsam und verlassen, wie ein herumirrendes Wesen, das von einer Familie zur nächsten weitergereicht wird, ohne irgendwo wirklich dazuzugehören und ohne zu wissen, wer oder was es wirklich war. Es ärgerte sie, daß weder sie noch die anderen mehr über sie wußten. Sie hatte oft genug gefragt, doch die Antworten waren immer nur dürftig ausgefallen. Ihr Vater war ein Ohmsford gewesen, ihre Mutter eine Fahrende. Es war unklar, wie die beiden ums Leben gekommen waren. Niemand wußte, was mit den anderen Familienmitgliedern passiert war. Und niemand wußte, wer ihre Vorfahren waren.

Sie besaß in der Tat nichts anderes als einen Gegenstand, der Aufschluß darüber geben konnte, wer sie war: einen kleinen Lederbeutel, den sie immer um den Hals trug und der drei vollkommen geformte Steine enthielt. Elfensteine, hätte man meinen können – bis man beim genaueren Hinsehen feststellte, daß es sich um ganz gewöhnliche Steine handelte, die blau gefärbt waren. Aber sie waren das einzige, was man bei ihr als Kind gefunden hatte.

Sie vermutete, daß Garth darüber mehr wußte, als er zugab. Als sie ihn danach fragte, hatte er vorgegeben, nichts zu wissen, doch etwas an seinem Leugnen hatte sie davon überzeugt, daß er nicht die Wahrheit sagte. Garth konnte Geheimnisse sehr viel besser als jeder andere bewahren, aber sie kannte ihn zu gut, um sich hinters Licht führen zu lassen. Manchmal, wenn sie darüber nachdachte, wollte sie eine Antwort aus ihm herausschütteln. Doch sie hütete sich davor, ihren Ärger zu zeigen. Man konnte Garth zu nichts zwingen. Er würde erst reden, wenn er von selbst dazu bereit war.

Sie zuckte die Schultern, so wie sie dies immer tat, wenn sie über ihre Familiengeschichte nachdachte. Sie war die, die sie war, eine Fahrende, und führte ein Leben, um das viele sie beneideten, vorausgesetzt, sie waren ehrlich zu sich selbst. Ihr gehörte die ganze Welt, weil sie ihr nicht verpflichtet war. Sie konnte gehen, wohin sie wollte, und tun und lassen, was sie wollte, und das war mehr, als den meisten vergönnt war. Zudem waren viele ihrer Gefährten von zweifelhafter Abstammung. Sie schwelgten in ihrer Freiheit, in ihrer Fähigkeit, alles, was ihnen in den Sinn kam, für sich zu beanspruchen. Sollte das nicht auch für sie gut genug sein?

Natürlich war keiner von ihnen ein Elf, oder? In keinem von ihnen floß das Ohmsford-Shannara-Blut, das die Magie der Elfen in sich trug. Keiner von ihnen wurde von Träumen heimgesucht…

Ihre haselnußbraunen Augen wandten sich unvermittelt Garth zu, als sie seinen Blick auf sich ruhen spürte. Sie gab ihm eine harmlose Antwort, während sie daran dachte, daß keiner der anderen Fahrenden die Kunst des Überlebens so gründlich gelernt hatte wie sie.

Sie tranken noch ein Bier, legten weitere Scheite auf das Feuer und hüllten sich in ihre Decken. Wren blieb noch lange wach, länger, als ihr lieb war; sie wurde wieder einmal von den unbeantworteten Fragen und ungelösten Rätseln, die ihr Leben begleiteten, eingeholt. Nachdem sie endlich eingeschlafen war, warf sie sich unter ihrer Decke ruhelos von einer Seite auf die andere, heimgesucht von Träumen, die ihrem Gedächtnis sofort entglitten.

Als sie aufwachte, dämmerte es bereits, und der alte Mann saß ihr gegenüber und stocherte mit einem langen Stock müßig in der Asche des Feuers. »Es wird langsam Zeit«, schnarrte er.

Sie blinzelte ungläubig, um im nächsten Augenblick unter ihrer Decke hervorzuschnellen. Der immer noch schlafende Garth wurde durch ihre ruckartige plötzliche Bewegung geweckt. Sie langte nach dem langen Stock an ihrer Seite, während ihr unzählige Fragen auf einmal durch den Sinn gingen. Woher kam dieser alte Mann? Wie hatte er es fertiggebracht, sich ihnen zu nähern, ohne sie aufzuwecken?