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Der alte Mann hob jetzt beruhigend seinen klapprigen Arm und sprach: »Es ist unnötig, sich aufzuregen. Seid einfach dankbar, daß ich euch habe schlafen lassen.«

Garth war jetzt ebenfalls auf den Beinen und kauerte am Boden, aber zu Wrens großem Erstaunen begann der alte Mann, mit dem Fahrenden in dessen Zeichensprache zu sprechen, ihm das verständlich zu machen, was er Wren schon gesagt hatte, und ihm zu versichern, daß er keine Bedrohung darstellte. Offensichtlich überrascht, zögerte Garth, setzte sich dann jedoch wieder.

»Wie kannst du das?« brachte Wren hervor. Sie hatte außer dem Anführer der Fahrenden noch nie jemand erlebt, der Garths Sprache beherrschte.

»Tja, ich weiß so einiges über die Kunst der Verständigung«, erwiderte der alte Mann, während ein selbstzufriedenes Lächeln seinen Mund umspielte. Seine Haut war vom Wetter gebräunt und zerfurcht, sein weißes Haar und sein Bart strähnig, seine hagere Gestalt mager wie eine Vogelscheuche. Staubige graue Kleidungsstücke hingen lose an ihm herunter. »Ich weiß beispielsweise«, fuhr er fort, »daß Botschaften übermittelt werden können mit Hilfe von Papier, von Mund zu Mund, durch Handzeichen…« Er hielt inne. »Und sogar durch Träume.«

Wren schnappte hörbar nach Luft. »Wer bist du?«

»Mir scheint«, sagte der alte Mann, »das ist jedermanns Lieblingsfrage. Mein Name ist unwichtig. Wichtig ist allein die Tatsache, daß ich geschickt wurde, um dir zu sagen, daß du deine Träume nicht mehr länger mißachten darfst. Diese Träume, Fahrende, sind dir von Allanon geschickt.«

Während er redete, sprach er gleichzeitig für Garth in der Zeichensprache, und zwar so flink, als beherrsche er die Sprache schon von jeher. Wren war sich bewußt, daß Garth zu ihr herüberblickte, aber sie konnte ihren Blick nicht von dem alten Mann losreißen. »Woher weißt du von den Träumen?« fragte sie leise.

Er erzählte ihr also, daß er Cogline sei, ein ehemaliger Druide, der noch einmal seine Pflicht erfüllte, weil die echten Druiden aus den Vier Ländern verschwunden waren und niemand sonst die Mitglieder der Familie Ohmsford hätte aufsuchen und sie davon unterrichten können, daß die Träume wahr waren. Er erzählte ihr, daß Allanons Geist ihn geschickt habe, um sie von dem Zweck der Träume zu unterrichten, um ihr zu sagen, daß sie die Wahrheit sprachen, daß die Vier Länder sich in größter Gefahr befanden, daß die Magie fast verloren war, daß nur die Ohmsfords sie wieder zum Leben erwecken konnten und daß sie ihn in der ersten Nacht des neuen Mondes aufsuchen mußten, um zu erfahren, was zu tun war. Er schloß seine Ausführungen, indem er ihr mitteilte, daß er zuerst Par Ohmsford und dann Walker Boh aufgesucht habe, denen die Träume gleichfalls geschickt worden waren, und schließlich sie, Wren Ohmsford.

Als er seine Rede beendet hatte, dachte sie kurz nach, bevor sie sprach. »Die Träume beunruhigen mich schon seit geraumer Zeit«, bekannte sie. »Ich habe sie für einfache Träume gehalten und sonst nichts. Die Magie der Ohmsfords hat noch nie zu meinem Leben gehört…«

»Und du fragst dich, ob du überhaupt eine Ohmsford bist«, unterbrach sie der alte Mann. »Du bist dir nicht sicher, stimmt’s? Wenn du keine Ohmsford bist, dann gehört die Magie tatsächlich nicht zu deinem Leben. Aber wenn es nach dir ginge, könnte das sehr wohl der Fall sein, nicht wahr?«

Wren starrte ihn an. »Woher weißt du das alles, Cogline?« Sie stellte seine Behauptung, Cogline zu sein, nicht in Frage; sie nahm sie hin, weil sie davon überzeugt war, daß dies so oder so keine Rolle spielte. »Woher weißt du so viel über mich?« Mit plötzlich erwachender Erwartung beugte sie sich vor. »Kannst du mir sagen, wer ich wirklich bin?«

Der alte Mann hob die Schultern. »Es ist sehr viel wichtiger zu wissen, was du sein könntest, als zu wissen, was du bist«, lautete seine rätselhafte Antwort. »Wenn du mehr darüber erfahren willst, solltest du der Aufforderung der Träume Folge leisten. Geh zum Hadeshorn und sprich mit Allanon.«

Sie warf einen Blick auf Garth, bevor ihr Blick wieder zurückwanderte. »Du treibst ein Spiel mit mir«, sagte sie zu dem alten Mann.

»Vielleicht.«

»Warum?«

»Oh, wenn dich meine Geschichte fesselt, wirst du vielleicht meiner Bitte zustimmen und mit mir gehen. Ich habe den anderen Mitgliedern deiner Familie gedroht und sie gescholten. Bei dir wollte ich etwas Neues versuchen. Die Zeit läuft uns davon, und ich bin ein alter Mann. Es sind nur noch sechs Tage bis zum neuen Mond. Selbst zu Pferd braucht man mindestens vier Tage bis zum Hadeshorn – fünf, wenn ich die Reise mitmache.«

Alles, was er sagte, erklärte er Garth in der Zeichensprache, und nun gab Garth eine schnelle Antwort. Der alte Mann lachte. »Ob ich die Reise mitmachen werde? Ja, zum Donnerwetter, das werde ich! Ich kümmere mich jetzt seit Wochen um die Angelegenheiten eines Schattens. Ich glaube, es steht mir zu zu erfahren, wie die Sache ausgeht.« Nachdenklich hielt er inne. »Außerdem weiß ich nicht, ob mir wirklich eine Wahl bleibt…«

Wrens Blick wandte sich nach Osten, wo die Sonne als blasse weiße Kugel teilweise verdeckt von Wolken und Nebel am Rande des Horizonts ruhte. »Was hat mein Vetter…?« setzte sie an, um sofort wieder zu verstummen. Das Wort klang, während sie es aussprach, irgendwie falsch. Es drückte einen Abstand zwischen ihnen aus, der ihr nicht gefiel. »Wozu hat Par sich entschlossen?« fragte sie.

»Er sagte, daß er darüber nachdenken wolle«, erwiderte der alte Mann. »Er und sein Bruder. Ich habe beide zusammen angetroffen.«

»Und mein Onkel?«

Der andere zuckte die Schultern. »Er sagte das Gleiche.« Aber es lag etwas in seinen Augen, das seinen Worten widersprach.

Wren schüttelte den Kopf. »Du spielst schon wieder mit mir. Was hat er wirklich gesagt?«

Die Augen des alten Mannes verengten sich. »Meine Liebe, du stellst meine Geduld auf eine harte Probe. Ich habe nicht die Kraft, dir ganze Gespräche zu wiederholen. Hast du keinen eigenen Verstand? Wenn sie der Aufforderung folgen, tun sie das aus ihren Gründen und nicht aus Gründen, die du ihnen vielleicht lieferst. Meinst du nicht, du solltest das Gleiche tun?«

Wren Ohmsfords Gesicht versteinerte sich. »Was haben sie gesagt?« wiederholte sie und wog dabei jedes Wort sorgfältig ab, bevor sie es aussprach.

»Was sie wollten!« schnappte der andere und machte seine Antworten Garth verständlich, obwohl seine Augen auf Wren geheftet blieben. »Bin ich denn ein Papagei, der die Sätze anderer zu deinem Vergnügen wiederholt?« Er durchbohrte sie mit seinem Blick, um dann seine Arme in die Luft zu werfen. »Nun gut! Du sollst also die ganze Geschichte hören! Der junge Par wurde zusammen mit seinem Bruder von der Föderation aus Varfleet vertrie­ ben, weil er seine Magie dazu benutzt hat, Geschichten über ihre Familie und über die Druiden zu erzählen. Er war gerade auf dem Weg nach Hause, als ich ihn zuletzt sah, und dachte etwas eingehender über die Träume nach. Er wird in der Zwischenzeit begriffen haben, daß er dazu nicht mehr in der Lage ist, daß seine Heimat sich in der Hand der Föderation befindet und seine Eltern – ehemals auch deine Eltern, könnte man sagen -Gefangene sind!«

Überrascht wollte Wren etwas antworten, aber der alte Mann überging sie. »Mit Walker Boh ist es etwas anderes. Er glaubt, er habe nichts mehr mit der Familie Ohmsford zu tun. Er lebt allein und ist zufrieden dabei. Er will nichts mit seiner Familie, mit der Welt zu tun haben und mit den Druiden schon gar nichts. Er glaubt, daß nur er den richtigen Gebrauch der Magie kennt und daß die anderen, die über ein bißchen Zauberkraft verfügen, keinen eigenen Verstand besitzen. Er vergißt, wer ihm das alles beigebracht hat. Er…«

»Du«, unterbrach ihn Wren.