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»… hält sich für den Größten in seiner selbstgewählten Mission des…« Er hielt plötzlich inne. »Was? Was hast du gesagt?«

»Du«, wiederholte Wren, wobei sie ihn nicht aus den Augen ließ. »Du warst sein Lehrer, stimmt’s?«

In der darauffolgenden Stille blickten die Augen des Alten sie abschätzend an. »Ja, Mädchen, das war ich. Bist du jetzt zufrieden? Ist das die Antwort, die du gesucht hast? Oder wünschest du sonst noch etwas?«

Er hatte vergessen, Garth mit seinen Händen über das Gesagte zu unterrichten, doch Garth schien von seinen Lippen gelesen zu haben. Als er Wrens Blick erhaschte, nickte er zustimmend. Versuch immer etwas über deinen Gegner in Erfahrung zu bringen, was dieser vor dir geheimhalten will, hatte er sie gelehrt. Dadurch bist du im Vorteil.

»Das heißt also, daß er nicht geht, stimmt’s?« drängte sie. »Ich meine Walker.«

»Ich bin gerade zu dem Schluß gekommen, daß du ein kluges Mädchen bist, und schon beweist du mir das Gegenteil!« Der alte Mann zog eine Augenbraue in die Höhe. »Walker sagt, daß er nicht geht, und er ist überzeugt davon, daß er nicht geht. Aber das stimmt nicht. Das Gleiche gilt für Par. So wird es sein! Die Dinge entwickeln sich immer so, wie wir es nie für möglich halten. Aber vielleicht steckt dahinter nur die Magie der Druiden, mit der sie die Versprechungen und Gelübde, die wir so leichtfertig eingehen, umkehren und uns dorthin lenken, wo wir am allerwenigsten sein wollen.« Er zog seine Kleider enger um sich und beugte sich vor. »Wie steht’s nun mit dir, kleine Wren? Tapferer Adler oder ängstlicher Spatz – was bist du? Die Situation erfordert eine klare Entscheidung. Wähle also.«

Wren ließ ihren Blick kurz zu Garth gleiten, bevor er sich im Wald verlor und tief in die Schatten eintauchte. Ihre Gedanken und Fragen der vorhergegangenen Nacht holten sie wieder ein, setzten sich mit quälender Beharrlichkeit in ihr fest. Sie wußte, daß sie gehen konnte, wenn sie nur wollte. Die Fahrenden würden sie nicht aufhalten, nicht einmal Garth – obwohl er darauf bestehen würde, sie zu begleiten. Sie konnte dem Schatten von Allanon entgegentreten. Sie konnte mit dem Geist einer Legende sprechen, mit einem Mann, an dessen Existenz viele zweifelten. Sie konnte ihm die Fragen stellen, die sie schon seit vielen Jahren mit sich herumtrug, vielleicht einige Antworten erhalten, möglicherweise sogar etwas über sich selbst erfahren, das ihr bis jetzt verborgen geblieben war. Ein ziemlich ehrgeiziges Unterfangen, dachte sie, und gleichzeitig ein rätselhaftes.

Es würde bedeuten, daß sie Par, Coll und Walker Boh Wiedersehen würde – ihre andere Familie, die vielleicht gar keine richtige Familie war. Nachdenklich schürzte sie die Lippen. Vielleicht würde sie sogar Gefallen daran finden.

Aber es würde auch bedeuten, daß sie sich mit der Wirklichkeit ihrer Träume auseinandersetzen mußte – oder zumindest mit der Wirklichkeit eines Geistes. Und das konnte gleichzeitig ihr ganzes Leben verändern, ein Leben, mit dem sie vollkommen zufrieden war. Es konnte bedeuten, daß ihr Leben dadurch zerstört wurde, daß sie in Dinge verwickelt wurde, die sie besser gemieden hätte.

Ihre Gedanken rasten. Sie spürte das Gewicht des kleinen Beutels mit den gefärbten Steinen um ihren Hals, so, als sollte sie an die vor ihr liegenden Möglichkeiten erinnert werden. Auch sie kannte die Geschichten um die Ohmsfords und die Druiden, und sie war vorsichtig.

Ganz unerwartet mußte sie lächeln. Seit wann hielt die Vorsicht sie vom Handeln ab? Himmel! Sie stand vor einer verschlossenen Tür, die nur daraufwartete, aufgestoßen zu werden.

Der alte Mann unterbrach sie in ihren Gedanken. »Mädchen, ich werde langsam müde. Diese alten Knochen müssen bewegt werden, wenn sie nicht einrosten sollen. Laß mich wissen, wie du dich entschieden hast. Oder brauchst du, ähnlich wie die anderen in deiner Familie, ein unbegrenztes Maß an Zeit, um diese Angelegenheit hin- und herzuüberlegen?«

Mit hochgezogener Augenbraue warf Wren einen flüchtigen Blick in Garths Richtung. Das Nicken des Fahrenden war kaum wahrnehmbar. Sie wandte sich wieder Cogline zu. »Du bist so gereizt, Großväterchen«, tadelte sie. »Wo ist deine Geduld?«

»Mit meiner Jugend verschwunden, mein Kind«, sagte er unerwartet milde. »Wofür hast du dich nun entschieden?«

Sie lächelte. »Für das Hadeshorn und Allanon«, antwortete sie. »Was hast du denn erwartet?«

Aber der alte Mann gab ihr keine Antwort.

14

Fünf Tage später, während die Sonne den westlichen Himmel mit lila und roten Strahlen überzog, wie es nur im Sommer zu sehen ist, erreichten Wren, Garth und der alte Mann, der sich Cogline nannte, die ersten Ausläufer der Drachenzähne und den sich windenden, engen, felsigen Pfad, der in das Tal von Shale und zum Hadeshorn führte.

Par Ohmsford sah sie als erster. Er war auf dem Pfad ein paar hundert Meter bis zu einem Felsvorsprung gewandert, der ihm einen Ausblick auf die Ebene südlich von Callahorn bot und wo er mit seinen Gedanken allein sein konnte. Er war bereits am Vortag mit Coll, Morgan, Walker Boh, Steff und Teel angekommen, und seine Geduld wurde während des Wartens auf den Anbruch der ersten Nacht des neuen Mondes auf eine harte Probe gestellt. Er war in die majestätische Schönheit des Sonnenuntergangs vertieft, als er das komische Dreiergespann erblickte, das auf Pferden aus dem Schatten eines Pappelwaldes heraus- und auf ihn zuritt. Langsam erhob er sich, als könne er seinen eigenen Augen nicht trauen. Dann, als er festgestellt hatte, daß seine Augen ihm keinen Streich spielten, sprang er auf und eilte den Pfad hinunter, um seine Gefährten, die eben ihr Lager aufgeschlagen hatten, von seiner Beobachtung zu unterrichten.

Wren erreichte das Lager fast noch vor ihm. Ihre scharfen Elfensinne machten ihn just in dem Augenblick aus, als er ihrer gewahr wurde. Ohne Rücksicht auf ihre Gefährten, die hinter ihr zurückblieben, gab sie ihrem Pferd die Sporen, ritt tollkühn auf das Lager zu, sprang aus dem Sattel, noch bevor ihr jemand herunterhelfen konnte, lief mit einem wilden Schrei auf Par zu und umarmte ihn so heftig, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor. Als sie ihn ausreichend gedrückt hatte, erfuhr ein erstaunter, aber erfreuter Coll die gleiche Begrüßung. Walker Boh wurde lediglich auf die Wange geküßt und Morgan, den sie kaum wiedererkannte, mit einem Händedruck und einem Nicken bedacht.

Während die drei Geschwister Ohmsford – diesen Eindruck machten sie ungeachtet der Tatsache, daß Wren keine echte Schwester war – einander begrüßten und umarmten, standen die anderen etwas unbehaglich daneben und bedachten einander mit abschätzenden Blicken. Die meisten galten Garth, der mindestens doppelt so groß war wie alle anderen. Er trug die grelle Kleidung der Fahrenden, die ihn noch größer erscheinen ließ. Ruhig und ohne eine Spur von Unbehagen begegnete er den Blicken der anderen. Wren erinnerte sich seiner nach einigen Augenblicken und begann mit der Vorstellung. Par tat es ihr mit Steff und Teel gleich. Cogline blieb etwas abseits von den anderen stehen; da ihn scheinbar jeder kannte, erübrigte sich eine formelle Vorstellung. Es wurde genickt, und es wurden Hände geschüttelt und Höflichkeiten ausgetauscht, doch die Wachsamkeit wollte von den meisten Gesichtern trotzdem nicht weichen. Als sie sich allesamt zur Feuerstelle begaben, die die Mitte des kleinen Lagers bildete, um die Mahlzeit einzunehmen, die die Zwerge zubereitet hatten, zerfiel die Gruppe schnell in Grüppchen. Steff und Teel widmeten sich der Fertigstellung der Mahlzeit; Walker Boh begab sich in den Schatten einer knorrigen Kiefer, und Cogline verschwand, ohne ein Wort zu verlieren, zwischen den Felsen. Er tat dies so leise, daß er fast verschwunden war, bevor die anderen es merkten. Da Cogline jedoch nicht als echtes Mitglied der kleinen Gruppe galt, kümmerten sich die anderen kaum darum. Par, Coll, Wren und Morgan machten sich gemeinsam an den Pferden zu schaffen, sattelten sie ab und rieben sie trocken, während sie über alte Zeiten und alte Freunde sprachen, über Orte, an denen sie gewesen waren, über Dinge, die sie gesehen hatten, und über das Auf und Ab des Lebens an sich.