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»Du bist ganz schön erwachsen geworden, Wren«, sagte Par mit Verwunderung in der Stimme. »Längst nicht mehr der Besenstiel von einem Mädchen, den ich in Erinnerung hatte.«

»Und eine wilde Reiterin obendrein, für die es keine Schranken gibt!« Par lachte.

Wren lachte zurück. »Ich lebe ein besseres Leben als ihr alle zusammen, die ihr auf eurem Hintern sitzt, alte Geschichten erzählt und schlafende Hunde aufweckt.« Doch dann wurde sie wieder ernst. »Der alte Mann, Cogline, hat mir davon erzählt, was im Vale passiert ist. Jaralan und Mirianna waren irgendwann auch meine Eltern, und ich habe sie immer noch gern. Gefangene, sagt er. Habt ihr irgendwas von ihnen gehört?«

Par schüttelte den Kopf. »Seit dem Vorfall in Varfleet sind wir auf der Flucht.«

»Das tut mir leid, Par.« Aus ihren Augen sprach echtes Mitgefühl. »Die Föderation tut ihr Bestes, um uns das Leben schwer zu machen. Sogar im Westland sind Soldaten und Regierungsbeamte stationiert, obwohl es das Land ist, das sie bisher mehr oder weniger links liegen gelassen haben. Die Fahrenden wissen auf jeden Fall, wie man ihnen aus dem Weg geht. Wenn alle Stricke reißen, könnt ihr euch uns gerne anschließen.«

»Ich glaube, es wird am besten sein, wenn wir uns zunächst um die Träume kümmern«, flüsterte Par.

Sie nahmen die Mahlzeit zu sich, die aus gebratenem Fleisch, frischgebackenem Brot, gedünstetem Gemüse, Käse und Nüssen bestand, und spülten alles mit Bier und Wasser hinunter, während sie der Sonne nachblickten, die langsam am Himmel verschwand. Das Essen war gut, und zu Steffs Freude, der die meiste Arbeit getan hatte, machten die anderen keinen Hehl daraus. Cogline war immer noch abwesend, aber das Gespräch der anderen wurde immer persönlicher. Nur Teel brachte kaum ein Wort über die Lippen. Soweit Par wußte, waren er und Steff die einzigen, mit denen das Zwergenmädchen bisher ein Wort gewechselt hatte.

Als sie die Mahlzeit beendet hatten, übernahmen Steff und Teel den Abwasch des Geschirrs, während die anderen allein oder zu zweit in der abendlichen Dämmerung umhergingen. Während Coll und Morgan sich auf den Weg zu einer Quelle machten, die ungefähr eine Viertelmeile entfernt lag, um frisches Wasser zu holen, fand sich Par in Gesellschaft von Wren und Garth wieder auf dem Pfad, der in die Berge und das Tal von Shale führte.

»Bist du schon dort gewesen?« fragte Wren und deutete in Richtung Hadeshorn.

Par schüttelte den Kopf. »Man braucht mehrere Stunden, und keiner wollte bisher die Sache unnötig beschleunigen. Selbst Walker hat sich bisher geweigert, vor der vereinbarten Zeit hinzugehen.« Er blickte zum Himmel, wo unzählige Sterne und eine kleine, fast unsichtbare Mondsichel am nördlichen Nachthimmel standen. »Morgen nacht«, sagte er.

Wren gab keine Antwort. Schweigend gingen sie wei­ ter, bis sie den Felsvorsprung erreichten, auf dem Par bereits zu früherer Stunde gesessen hatte. Dort blieben sie stehen und ließen ihre Blicke über das Land im Süden schweifen.

»Du hast die Träume auch gehabt, nicht wahr?« fragte ihn Wren und beschrieb sogleich ihre eigenen. Als er nickte, sagte sie: »Was hältst du davon?«

Par ließ sich wie die anderen beiden auf dem Fels nieder. »Ich glaube, daß die zehn Generationen der Ohmsfords, die seit den Tagen von Brin und Jair gelebt haben, immer auf ein solches Ereignis gewartet haben. Ich glaube, daß die Magie des Elfenhauses von Shannara, die dann zur Magie der Ohmsfords wurde, mehr ist, als wir annehmen. Ich glaube, daß Allanon – oder zumindest sein Schatten – uns sagen wird, was es damit auf sich hat.« Er schwieg. »Ich glaube, daß die Magie zugleich wunderbar und schrecklich sein wird.« Er zuckte entschuldigend die Schultern. »Ich wollte nicht übermäßig drastisch klingen. Ich wollte dir nur sagen, wie ich die Dinge sehe.«

Ganz automatisch übersetzte sie seine Aussagen für Garth, dessen Miene keinen Hinweis auf seine Gedanken gab. »Du und Walker verfügt über Magie«, sagte sie ruhig. »Aber ich nicht. Was sagst du dazu?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht sicher. Morgans Zauberkraft ist im Augenblick stärker als meine, und er wurde nicht gerufen.« Er erzählte ihr daraufhin von ihrem Zusammentreffen mit dem Schattenwesen und von des Hochländers Entdeckung der Zauberkraft, die im Schwert von Leah geschlafen hatte. »Ich frage mich manchmal selbst, warum die Träume mich und nicht ihn gerufen haben, auch wenn ich das Wunschlied hier und da eingesetzt habe.«

»Aber du weißt nicht, wie stark deine Zauberkraft in Wirklichkeit ist, Par«, sagte sie leise. »Aus den Geschichten solltest du wissen, daß keiner der Ohmsfords seit Shea die Möglichkeiten der Elfenmagie wirklich verstanden hat. Könnte es bei dir nicht ähnlich sein?«

Schaudernd erkannte er, daß das sehr wohl der Fall sein konnte. Er reckte den Hals. »Und wie ist es mit dir, Wren?«

»Ich bin nur eine einfache Fahrende, in deren Adern nicht das Blut fließt, das die Magie von einer Generation zur nächsten weiterleben läßt.« Sie lachte. »Ich werde mich mit meinem Beutel und meinen vermeintlichen Elfensteinen zufriedengeben.«

Jetzt lachte auch er, als er an den kleinen ledernen Beutel mit den gefärbten Steinen dachte, den sie schon als Kind sorgfältig gehütet hatte. Eine Zeitlang erzählten sie einander, wie es ihnen ergangen war, wo sie gewesen waren und wen sie auf ihren Reisen getroffen hatten. Jeder fühlte sich in der Gegenwart des anderen so wohl, als wären seit ihrem Auseinandergehen nicht Jahre, sondern nur Wochen vergangen. Par entschied, daß dies Wren zuzuschreiben war. Sie hatte es geschafft, die alte Vertrautheit wiederherzustellen. Er war verblüfft über das schier unendliche Selbstvertrauen dieses wilden, freien Mädchens, das offensichtlich mit seinem Leben vollkommen zufrieden war und sich scheinbar durch Anforderungen oder Zwänge, die ihr in den Weg traten, nicht aufhalten ließ. Sie war sowohl innerlich wie äußerlich stark, und er bewunderte sie dafür. Er ertappte sich dabei, daß er sich wenigstens einen kleinen Teil ihrer Beherztheit wünschte.

»Was hältst du von Walker?« fragte sie ihn nach eini­ ger Zeit.

»Er ist unnahbar«, antwortete er sogleich. »Immer noch im Bann der Dämonen, für die mir jegliches Verständnis fehlt. Er spricht von seinem Argwohn gegenüber der Magie der Elfen und Druiden und besitzt trotzdem seine eigene Magie, die er bereitwillig einsetzt. Ich verstehe ihn wirklich nicht.«

Wren übersetzte Garth seine Aussage, und der Fahrende antwortete mit einem kurzen Zeichen. Wren sagte zu Par: »Garth meint, daß Walker Angst hat.«

Par schaute sie überrascht an. »Woher weiß er das?«

»Er weiß es einfach. Da er taub ist, sind seine anderen Sinne ausgeprägter. Er kann die Gefühle anderer sehr viel schneller erkennen als du und ich das können – selbst die Gefühle, die unterdrückt werden.«

Par nickte. »Tja, in diesem Fall hat er hundertprozentig recht. Walker hat Angst. Er hat es mir selbst gesagt. Er sagt, daß er sich vor den Auswirkungen der Sache mit Allanon fürchtet. Komisch, nicht wahr? Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend etwas Walker Angst einjagen könnte.«

Wren übersetzte für Garth, aber der Riese zuckte lediglich die Schultern. Sie saßen eine Zeitlang stumm da und hingen ihren Gedanken nach. Schließlich sagte Wren: »Hast du gewußt, daß Cogline einst Walkers Lehrer war?«

Par sah sie scharf an. »Hat er dir das erzählt?«

»Man könnte sagen, ich hab’s ihm entlockt.«

»Lehrer wofür, Wren? Lehrer der Magie?«

»Irgend etwas.« Ihre dunklen Gesichtszüge waren nicht zu deuten, ihr Blick abwesend. »Ich glaube, es gibt vieles zwischen den beiden, was, ebenso wie Walkers Angst, nicht offen ausgesprochen wird.«

Par war, obwohl er dies nie zugegeben hätte, geneigt, ihr zu glauben. Die Mitglieder der kleinen Gruppe schliefen in dieser Nacht unbehelligt im Schatten der Drachenzähne, aber bei Tagesanbruch waren sie wach. Die kommende Nacht war die erste Nacht des neuen Mondes, die Nacht, in der sie dem Schatten Allanons begegnen sollten. Ungeduldig verrichteten sie die notwendigen Arbeiten. Sie aßen, ohne daß sie den Geschmack der Speisen bemerkt hätten. Sie sprachen nur wenig miteinander, bewegten sich unruhig und fanden allerlei kleine Aufgaben, die ihre Gedanken von den kommenden Dingen ablenkten. Der klare, wolkenlose Tag verströmte die Gerüche des warmen Sommers; es war ein Tag, den sie unter anderen Umständen sehr wohl genossen hätten, der ihnen jetzt jedoch fast endlos schien.