Cogline tauchte um Mittag herum wieder auf. Als er sich ihnen näherte, sah er staubig und unordentlich aus, sein Haar war wirr, seine Augen lagen aufgrund einer schlaflosen Nacht in tiefen Höhlen. Er erklärte ihnen, daß alles bereit sei – was immer das zu bedeuten hatte – und daß er sie nach Einbruch der Nacht abholen werde. Er weigerte sich trotz des Drängens der Ohmsfords, mehr zu sagen, und verschwand auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war.
»Was, glaubt ihr, macht er da oben?« murmelte Coll den anderen zu, als die schäbige Gestalt sich in einen kleinen schwarzen Fleck in der Ferne verwandelte, bis sie schließlich ganz verschwunden war.
Die Sonne wanderte langsam nach Westen, und die Mitglieder der kleinen Gruppe zogen sich noch mehr in sich selbst zurück. Das, was geschehen sollte, machte sich immer mehr in ihren Gedanken breit, ein Schreckgespenst von solcher Tragweite, daß sie den Gedanken daran fürchteten. Selbst Walker Boh, von dem man hätte annehmen können, daß eine Begegnung mit Schatten und Geistern nichts Neues für ihn war, verkroch sich in sich wie ein Dachs in seinem Loch und wurde vollkommen unnahbar.
Nichtsdestoweniger stieß Par am Nachmittag, als er durch die Berge am Rand der Quellen wanderte, auf seinen Onkel. Als sie einander gewahr wurden, gingen sie langsamer, um schließlich stehen zu bleiben und einander argwöhnisch anzuschauen.
»Glaubst du, daß er wirklich kommt?« fragte Par schließlich.
Walker Bohs blasse Gesichtszüge wurden durch die Kapuze seines Mantels teilweise verdeckt, so daß seine Empfindungen kaum auszumachen waren. »Er wird kommen«, erwiderte er.
Par überlegte kurz und sagte dann: »Ich weiß nicht, was ich zu erwarten habe.«
Walker Boh schüttelte den Kopf. »Das macht nichts, Par. Was du auch erwartest, dieses Treffen wird in keiner Weise so sein, wie du es dir vorstellst, das kann ich dir versichern. Die Druiden haben schon immer für Überraschungen gesorgt.«
»Du machst dich auf das Schlimmste gefaßt, nicht wahr?«
»Ich vermute…« Seine Stimme verklang, ohne daß er den Satz beendete.
»Magie«, sagte Par.
Der andere runzelte die Stirn.
»Druidenmagie – das ist es, was du vermutest, stimmt’s? Ich hoffe, du hast recht. Ich hoffe, daß sie erschallt und ertönt und daß sie uns all die Türen öffnet, die so lange verschlossen waren, damit wir erkennen, wozu die Magie in der Lage ist.«
Das Lächeln, das dem Ausdruck von Erstaunen in Walker Bohs Gesicht wich, war ironisch. »Manche Türen bleiben besser für immer verschlossen«, sagte er leise. »Du tätest gut daran, das nicht zu vergessen.«
Er legte kurz seine Hand auf den Arm seines Neffen, bevor er sich schweigend wieder auf den Weg machte.
Der Nachmittag ging nur langsam in den Abend über. Als die Sonne endlich am Horizont verschwand, kehrten die Mitglieder der kleinen Gruppe langsam zum Lager zurück, um ihr Abendessen einzunehmen. Morgan war mehr als redselig, ein sicheres Zeichen seiner nervlichen Anspannung, und sprach unablässig von Magie und Schwertern und allen möglichen Schauergeschichten. Die anderen schwiegen, aßen, ohne zu sprechen, warfen nur ab und zu wachsame Blicke nach Norden in Richtung der Berge. Teel aß überhaupt nichts, sondern saß allein im Schatten der Bäume; die Maske, die ihr Gesicht bedeckte, glich einer Mauer, die sie von allen anderen trennte. Selbst Steff ließ sie in Ruhe.
Die Nacht senkte sich herab, und die Sterne tauchten zuerst vereinzelt, dann in großer Zahl am Himmel auf, bis er von ihnen über und über bedeckt war. Kein Mond war zu sehen; es war dies die verheißene Zeit. Die Geräusche des Tages verklangen, und die der Nacht waren noch nicht zu hören. Das Feuer knisterte und knackte in der Stille. Einer oder zwei rauchten, und der durchdringende Geruch durchdrang die Luft. Morgan zog das glänzende Schwert von Leah aus der Scheide und fing an, es zu polieren. Wren und Garth fütterten und striegelten die Pferde. Walker Boh begab sich ein Stück den Pfad hinauf und starrte in Richtung der Berge. Die anderen saßen gedankenverloren um das Feuer herum.
Alle warteten. Es war Mitternacht, als Cogline sie holen kam. Der alte Mann trat wie ein Geist aus den Schatten heraus und stand so urplötzlich vor ihnen, daß sie alle aufschreckten. Niemand, nicht einmal Walker Boh, hatte ihn kommen sehen.
»Es ist Zeit«, verkündete er.
Lautlos erhoben sie sich und folgten ihm. Er führte sie den Pfad hinauf in die allmählich dichter werdenden Schatten der Drachenzähne. Cogline schien die Augen einer Katze zu besitzen. Seine Schützlinge hatten alle Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Par, Coll und Morgan gingen unmittelbar hinter dem alten Mann, gefolgt von Wren und Garth sowie Steff und Teel; Walker Boh bildete die Nachhut. Der Pfad stieg, nachdem sie die ersten Zacken erreicht hatten, steil an, und sie schritten durch einen engen Hohlweg, der sich wie eine Tasche in die Berge hinein öffnete. Es war still hier, so still, daß sie einander atmen hören konnten, während sie mühsam nach oben stapften.
Die Minuten vergingen wie im Flug. Steinblöcke versperrten ihnen den Weg, und der Pfad wand sich vor ihnen wie eine Schlange. Par stolperte und schürfte sich die Knie auf, denn die herumliegenden Steine waren so scharf wie Glas. Ihre Farbe war ein seltsames, spiegelartiges Schwarz, das ihn an Kohle erinnerte. Aus reiner Neugierde hob er einen kleinen Stein auf und steckte ihn in seine Tasche.
Dann plötzlich teilten sich die Berge vor ihren Augen, und sie betraten den Rand des Tales von Shale. Es war kaum mehr als eine breite, flache Mulde, die von Steinen übersät war, die allesamt mit der gleichen spiegelartigen Schwärze glitzerten wie der Stein, den Par eingesteckt hatte. Das Tal wies kein Leben auf. In seiner Mitte lag ein See, dessen grünlich-schwarzes Wasser träge Strudel bildete.
Cogline hielt an und blickte sich zu ihnen um. »Das Hadeshorn«, flüsterte er. »Heimstatt für die Geister der Zeiten, für die Druiden der Vergangenheit.« Sein verwittertes altes Gesicht nahm einen fast ehrfurchtsvollen Ausdruck an. Dann drehte er sich um und ging ihnen voraus ins Tal hinunter.
Mit Ausnahme der Atemzüge und der Geräusche, die ihre Stiefel auf den Steinen verursachten, war das Tal in vollkommene Stille gehüllt. Augen spähten achtsam, suchten Geister, wo es keine gab, vermuteten Leben in jedem Schatten. Es herrschte eine seltsame Wärme an diesem Ort, die Hitze des Tages schien durch die Kühle der Nacht gefangen. Par spürte, wie Schweiß seinen Rücken hinunterrann.
Dann betraten sie den Talboden. Sie konnten jetzt die Bewegungen des Wassers genauer sehen, sie hörten das Plätschern der winzigen Wellen. Sie nahmen den durchdringenden Geruch von alternden und verwesten Dingen wahr.
Sie waren immer noch mehrere Dutzend Meter vom Rande des Wassers entfernt, als Cogline ihnen Einhalt gebot, indem er beide Hände erhob. »Bleibt hier stehen. Kommt nicht näher. Die Wasser des Hadeshorns bedeuten Gift und Tod für jeden Sterblichen!« Er kauerte am Boden und legte einen Finger an seine Lippen.
Sie folgten seiner Bitte. Sie spürten etwas Greifbares, das in der Luft hing wie Rauch, der aus einem Holzfeuer aufsteigt. Sie bewegten sich nicht von der Stelle, wachsam, erfüllt von einer Mischung aus Erstaunen und Zaudern. Keiner sprach ein Wort. Der sternenbedeckte Himmel erstreckte sich wie ein endloses Gewölbe über ihnen.
Schließlich erhob sich Cogline und bedeutete ihnen mit Bewegungen seiner Hände, sich dicht bei ihm aufzustellen. Erst als sie Schulter an Schulter um ihn herumstanden, fing er an zu sprechen. »Allanon wird kurz vor Tagesanbruch erscheinen.« Die scharfen alten Augen blickten sie feierlich an. »Er wünscht, daß zuerst ich mit euch spreche. Er ist nicht mehr der, der er einmal war. Er ist nur noch ein Schatten. Die Zeit, die ihm zur Verfügung steht, ist kaum mehr als ein Wimpernschlag. Jedesmal, wenn er die Welt der Geister verläßt, kostet es ihn unendliche Kraft. Er kann nur kurze Zeit hier verweilen. Die Zeit, die ihm zur Verfügung steht, muß er weise nutzen. Er wird euch mitteilen, auf welche Weise er euch braucht. Er hat es mir überlassen, euch zu erklären, warum ihr gebraucht werdet. Ich muß euch deshalb von den Schattenwesen berichten.«