Die Mitglieder der kleinen Gruppe blickten einander mit sichtlichem Unbehagen an.
Schließlich sagte Wren: »Verfolgen sie mit ihrem Tun eine bestimmte Absicht, Cogline? Eine Absicht, die über die Ansteckung lebendiger Wesen hinausgeht? Können sie denken wie du und ich, oder sind sie ohne Geist und Verstand?«
Par schaute das Mädchen mit unverhohlener Bewunderung an. Ihre Frage war die beste von allen. Er wünschte, er hätte sie gestellt.
»Sie denken wie du und ich, Fahrende, und mit ziemlicher Sicherheit verfolgen sie mit ihrem Tun eine Absicht. Aber wir kennen diese Absicht nicht.«
»Sie wollen uns vernichten«, warf Morgan hitzig ein. »Das ist doch wahrlich Absicht genug.«
Aber Cogline schüttelte den Kopf. »Ich glaube, sie wollen noch mehr.«
Und jäh stieg der Gedanke an die Träume, die Allanon geschickt hatte, in Par wieder auf, die Visionen einer alptraumhaften Welt, in der das Leben unkenntliche Formen angenommen hatte. Gerötete Augen leuchteten feurig, und schattenhafte Gestalten huschten durch einen Nebel aus Asche und Rauch. Er erkannte, daß es genau das war, was die Schattenwesen erreichen wollten. Ohne zu überlegen, sah er Wren an und fand seine Frage in ihren Augen bestätigt. Er wußte instinktiv, was in ihr vorging. Das Gleiche sah er in Walker Bohs Augen. Sie hatten die Träume geteilt, und diese Träume verbanden sie, und zwar so sehr, daß ihre Gedanken einen Augenblick dieselben waren.
»Irgend etwas führt die Schattenwesen«, flüsterte Cogline. »Es gibt eine Macht, die alles, was wir kennen, übersteigt…« Er ließ den Satz unbeendet, als versage ihm die Stimme den Dienst.
Seine Zuhörer blickten einander an.
»Was sollen wir tun?« fragte Wren schließlich.
Mühsam erhob sich der alte Mann. »Genau das, wozu wir hergekommen sind, Fahrende – hören, was Allanon uns zu sagen hat.« Schwerfällig ging er davon, und keiner versuchte ihn aufzuhalten.
15
Danach ging jeder seiner eigenen Wege und zog sich an ein ungestörtes Plätzchen zurück, um seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Blicke wanderten ruhelos über den funkelnden Teppich des Tales aus schwarzem Stein, dann wieder zurück zu den trägen Wassern des Hadeshorns, auf der Suche nach Zeichen neuer Bewegung.
Es gab keine.
Vielleicht passiert gar nichts, dachte Par. Vielleicht war alles nur eine Lüge.
Er spürte, wie eine Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung seine Brust zusammenschnürte, und versuchte seine Gedanken auf anderes zu lenken. Coll war nur wenige Schritte von ihm entfernt, aber er weigerte sich, ihn anzusehen. Er wollte allein sein. Es gab Dinge, die überlegt werden wollten, und Coll würde ihn dabei nur stören.
Komisch, wie viel Mühe er seit Beginn dieser Reise darauf verwendet hatte, sich von seinem Bruder zu distanzieren, dachte er plötzlich. Vielleicht lag es daran, daß er sich Sorgen um ihn machte…
Noch einmal, diesmal jedoch wütend, versuchte er seine Gedanken auf anderes zu lenken. Cogline. Wer war dieser alte Mann, der scheinbar so viel über alles wußte? Ein verhinderter Druide, sagte er sich. Allanons Bote. Doch diese kurzen Erklärungen schienen nicht auszureichen. Hinter den Beziehungen zwischen ihm, Allanon und Walker Boh verbarg sich gewiß eine Reihe von Ereignis sen, die den anderen vorenthalten blieb. Allanon hätte kaum einen verhinderten Druiden um Hilfe gebeten, selbst unter den schlimmsten Umständen nicht. Es gab einen Grund, warum Cogline bei diesem Treffen anwesend war, den sie nicht kannten.
Er warf einen Blick auf den alten Mann, der sich in beunruhigender Nähe des Wassers des Hadeshorns aufhielt. Irgendwie wußte er alles über die Schattenwesen. Und irgendwie hatte er auch mehr als einmal mit Allanon gesprochen. Er war der einzige lebende Mensch, der seit dem Tod des Druiden vor dreihundert Jahren mit ihm gesprochen hatte. Par dachte an die Geschichten von Cogline zur Zeit von Brin Ohmsford. Damals war Cogline ein halbwahnsinniger Mann, der die Magie gegen die Dämonen wie eine Art Besen gegen den Staub einsetzte – dieses Bild beschworen die Geschichten in ihm herauf. Aber jetzt war er alles andere als das. Er wirkte beherrschter – verschroben und exzentrisch zwar, aber meist beherrscht.
Irgendwo weit draußen in der Nacht nahm er ein kurzes Leuchten wahr, eine flüchtige Helligkeit, die sofort wieder verschwand. »Ein Leben vergeht, ein neues Leben beginnt«, pflegte seine Mutter zu sagen. Er seufzte. Seit der Flucht aus Varfleet hatte er nur selten an seine Eltern gedacht. Ein leises Schuldgefühl beschlich ihn. Er fragte sich, ob es ihnen gut ging und ob er sie jemals Wiedersehen würde.
Sein Gesicht nahm einen Ausdruck von Entschlossenheit an. Natürlich würde er sie wiedersehen! Alles würde gut werden. Allanon würde ihm die Antworten geben können – auf die Fragen nach der Anwendung der Magie des Wunschliedes, nach den Gründen der Träume, was mit den Schattenwesen und der Föderation geschehen sollte… einfach auf alles.
Allanon würde es wissen.
Die Zeit verging, Minuten wurden zu Stunden und die Nacht langsam zum Tag. Par suchte Coll, denn er wollte seinem Bruder nahe sein. Die anderen reckten und streckten sich und bewegten sich mit einem Gefühl des Unbehagens.
Im Osten wurden die ersten Anzeichen des Morgens sichtbar.
Er kommt nicht, dachte Par bedrückt.
Es war, als erhielte er eine Antwort, als sich die Wasser des Hadeshorns plötzlich aufbäumten und das Tal zitterte, als erwachte etwas unter ihm zum Leben. Steine stoben auseinander, und die Mitglieder der kleinen Gruppe kauerten sich schützend zusammen. Der See begann zu kochen, das Wasser schäumte und erhob sich in einer Fontäne zum Himmel. Stimmen wurden laut, unmenschlich und erfüllt von Sehnsucht. Sie stiegen aus der Erde empor, kämpften gegen Fesseln an, die den Neun, die im Tal versammelt waren, verborgen blieben und die sie doch bildhaft vor Augen hatten. Walker Boh warf Silberstaub in die Luft, der sie wie ein Vorhang umgab, doch auch das konnte die Laute nicht von ihnen fernhalten.
Dann fing die Erde an zu beben, Donner entwand sich der Tiefe und übertönte selbst die Schreie. Coglines magerer Arm erhob sich und deutete starr auf den See. Der Hadeshorn-See verwandelte sich in einen Strudel, seine Wasser wirbelten wild durcheinander, und aus ihren Tiefen erhob sich…
»Allanon!« schrie Par aufgeregt.
Es war der Druide. Alle erkannten sie ihn augenblicklich. Sie erinnerten sich seiner aus den Geschichten der vergangenen drei Jahrhunderte; sie erkannten ihn mit einer Gewißheit, die nur aus dem tiefsten Innern kommt. Umgeben von flackerndem Licht, stieg er in die Nacht empor, auf geheimnisvolle Weise von den Wassern des Hadeshorn-Sees freigegeben. Er stand auf der Wasseroberfläche, ein Schatten aus dem Niemandsland, der sich nur schwach von der Dunkelheit abhob. Von Kopf bis Fuß eingehüllt in Gewänder, bot er das mächtige Bild des Mannes, der er einmal gewesen war; sein langes, markantes, bärtiges Gesicht wandte sich ihnen zu, seine Augen schienen alles zu durchdringen.
Par zitterte.
Die Wogen des Wassers glätteten sich, das Dröhnen ließ nach, das Wehklagen verklang zu einem Schweigen, das noch lange über dem Tal schwebte. Der Schatten bewegte sich auf sie zu, scheinbar ohne Hast, so als wolle er Coglines Worte Lügen strafen, der behauptet hatte, er könne nur einen Augenblick in der Welt der Menschen verweilen. Seine Augen blieben auf die ihren geheftet. Par hatte sich noch nie so sehr gefürchtet. Er wollte weglaufen. Er wollte um sein Leben laufen, aber er blieb wie angewurzelt stehen, unfähig, sich zu rühren.
Der Schatten kam zum Rand des Wassers und blieb stehen. Aus der Tiefe ihrer Gedanken hörten sie ihn sprechen.