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»Vielleicht hat Allanons Geist ihn hinweggefegt«, erklärte Morgan in dem Versuch, die anderen aufzuheitern.

Niemand lachte. Niemand verzog auch nur die Mundwinkel zu einem Lächeln. Sie waren durch die Ereignisse der Nacht bereits genügend beunruhigt, und das seltsame Verschwinden des alten Mannes diente nur dazu, sie noch mehr zu verwirren. Das unangekündigte Kommen und Gehen der Schatten toter Druiden war eine Sache; etwas anderes war es, wenn es sich um einen Menschen aus Fleisch und Blut handelte. Außerdem war Cogline ihre letzte Verbindung zu der Bedeutung ihrer Träume gewesen und der Grund ihrer Reise an diesen Ort. Mit Coglines Verschwinden wurde ihnen nur allzu schmerzlich bewußt, daß sie jetzt ganz auf sich selbst gestellt waren.

Einen Augenblick standen sie unsicher beieinander. Dann murmelte Walker Boh irgend etwas von Zeitverschwendung. Er machte sich auf den Weg, den sie gekommen waren, und alle anderen liefen ihm nach. Die Sonne war aufgegangen und stand jetzt golden am wolkenlosen blauen Himmel; die Wärme des Tages erfüllte bereits die öden Gipfel der Drachenzähne. Par blickte über die Schulter, als sie den Rand des Tales erreichten. Der Hadeshorn-See starrte ihn düster und teilnahmslos an.

Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Alle dachten an das, was der Druide gesagt hatte, und keiner von ihnen war in der Lage, darüber zu sprechen. Par war es ganz gewiß nicht. Er war durch das, was er vernommen hatte, so verwirrt, daß es ihm schwerfiel zu glauben, daß er es wirklich gehört hatte. Zusammen mit Coll folgte er den anderen, starrte auf ihre Rücken, als sie sich einer nach dem anderen durch die Felsspalten wanden und dem Pfad folgten, der zum Fuß der Berge und ihrem Lager führte. Irgendwann fragte ihn Coll, ob er in Ordnung sei, und er nickte wortlos, während er sich im stillen fragte, ob er das jemals wieder sein werde.

»Finde das Schwert von Shannara«, hatte der Geist ihm aufgetragen. Bei allen guten Geistern, wie sollte er das bloß anstellen?

Die Unmöglichkeit der Aufgabe war entmutigend. Er hatte keine Vorstellung davon, wo er beginnen sollte. Soweit er wußte, hatte seit der Besetzung von Tyrsis durch die Föderation – das war vor hundert Jahren gewesen – keiner das Schwert auch nur gesehen. Und zudem war es gut möglich, daß es bereits davor verlorengegangen war. Ganz sicherlich hatte es seit dieser Zeit niemand mehr zu Gesicht bekommen. Wie die meisten Dinge, die mit den Druiden und der Magie zusammenhingen, war das Schwert Teil einer Legende, die nahezu vergessen war. Es gab keine Druiden mehr, nicht in der Welt der Sterblichen. Wie oft hatte er das schon zu hören bekommen?

Sein Mund verhärtete sich. Was genau sollte er tun? Was sollten die anderen tun?

Plötzlich spürte er, wie ihm heiß wurde. Über seine ei­ gene Zauberkraft war kein Wort verloren worden, genauso wenig wie über die Anwendung des Wunschliedes. Er hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, Fragen zu stellen. Er wußte auch jetzt nicht einen Deut mehr über die Zauberkraft als vorher.

Par war zornig und enttäuscht. Finde das Schwert von Shannara, ja natürlich! Und was dann? Was sollte er dann machen? Die Schattenwesen zu einer Art Nahkampf herausfordern? Das Land nach ihnen absuchen und sie einzeln vernichten?

Er sah, wie Steff, der vorausging, mit Teel sprach, dann mit Morgan, wobei er heftig den Kopf schüttelte. Er sah den Rücken von Walker Boh. Er sah, wie Wren mit großen Schritten auf ihren Onkel zuging. Jeder von ihnen war genau so zornig wie er selbst; ihre Blicke sprachen Bände. Sie fühlten sich durch das, was sie gehört hatten, betrogen. Sie hatten etwas Handfesteres erwartet, etwas, das ihnen eine Antwort auf ihre Fragen liefern würde.

Alles, bloß nicht diese unmöglichen Aufgaben, die ihnen aufgetragen worden waren!

Und doch hatte Allanon behauptet, die Aufgaben könnten ausgeführt werden, und die drei damit Betreuten verfügten über die Fähigkeiten, den Mut und das Recht, sie auszuführen.

Par seufzte. Sollte er das tatsächlich glauben?

Er trat aus den Felsen auf den mit Steinen bedeckten Pfad hinaus, der nach unten zum Lager führte. Welches Wissen, auf das er sich verlassen konnte, besaß er? Die Träume waren tatsächlich eine Aufforderung Allanons gewesen – wenigstens das war jetzt sicher. Der Druide war zu ihnen gekommen, wie er in der Vergangenheit zu den Ohmsfords gekommen war, und hatte um ihre Hilfe gebeten gegen die schwarze Magie, die die Vier Länder bedrohte. Der einzige Unterschied lag natürlich darin, daß er diesmal gezwungen gewesen war, als Geist zu erscheinen. Cogline war sein Bote aus Fleisch und Blut gewesen, der sicherstellen sollte, daß seiner Aufforderung Folge geleistet wurde. Cogline besaß Allanons Vertrauen.

Die Schattenwesen waren wirklich, dachte Par weiter. Sie waren gefährlich, sie waren böse, sie waren eine Bedrohung für die Rassen und die Vier Länder. Sie waren Magie.

Wieder hielt er inne. Falls die Schattenwesen wirklich Magie waren, würde höchstwahrscheinlich auch Magie gebraucht, um sie zu vernichten. Die Aussagen Allanons und Coglines über Ursprung und Wachstum der Schattenwesen schienen zumindest möglich, die Behauptung, daß das Gleichgewicht der Dinge gestört war, wahrscheinlich. Egal, ob die Schattenwesen daran schuld waren, man mußte zugeben, daß vieles in den Vier Ländern nicht in Ordnung war. Die Föderation hatte die Schuld daran der Magie der Elfen und Druiden zugeschrieben, einer Magie, die, wie die alten Geschichten besagten, gut war. Aber Par war überzeugt davon, daß die Wahrheit irgendwo dazwischen lag. Magie an sich war niemals gut oder schlecht; sie war ganz einfach Macht. Das war die Lektion des Wunschliedes. Alles andere hing davon ab, wie die Magie benutzt wurde.

Par runzelte die Stirn. Wenn dem so war, was würde passieren, falls die Schattenwesen die Magie in einer Weise einsetzten, die keiner von ihnen bemerkte?

Vor ihnen lag im Sonnenlicht das Lager, das sie genauso vorfanden, wie sie es in der Nacht verlassen hatten. Die Pferde, die an ihren Pflöcken festgebunden waren, wieherten, als sie ihrer gewahr wurden. Par bemerkte, daß auch Coglines Pferd noch da war. Offensichtlich war der alte Mann nicht zurückgekehrt.

Er ertappte sich bei dem Gedanken daran, wie Cogline ihnen früher begegnet war; er war immer unerwartet aufgetaucht, bei jedem von ihnen, Walker Boh, Wren und ihm selbst, um ihnen mitzuteilen, was er zu sagen hatte, bevor er dann genau so plötzlich wieder verschwand. Jedesmal war es so gewesen. Er hatte jeden davon in Kenntnis gesetzt, was zu tun war, und sie dann allein entscheiden lassen. Vielleicht, dachte Par, war es genau das, was er auch jetzt tat – sie allein lassen, damit sie für sich selbst entscheiden konnten.

Sie erreichten das Lager. Irgend jemand sprach von essen oder schlafen, aber alle entschieden sich dagegen. Sie waren weder hungrig noch müde. Alle wollten jetzt über die Ereignisse der Nacht sprechen.

»Nun«, sagte Walker Boh, »da sich kein anderer findet, es auszusprechen, werde ich es tun. Diese ganze Angelegenheit ist der reine Wahnsinn. Paranor gibt es nicht mehr. Die Druiden gibt es nicht mehr. Seit mehr als hundert Jahren gibt es in den Vier Ländern auch keine Elfen mehr. Das Schwert von Shannara ist mindestens ebenso lang nicht mehr gesehen worden. Keiner von uns hat auch nur die leiseste Ahnung davon, wo wir diese Dinge finden sollen, falls das überhaupt möglich ist. Ich vermute, daß es nicht möglich ist. Ich glaube, daß die Druiden mit den Ohmsfords wieder einmal ihr Spiel treiben. Und mir gefällt das ganz und gar nicht!«

Sein Gesicht war gerötet. Par erinnerte sich daran, wie zornig er im Tal gewesen war, ja fast außer sich. Das war nicht der Walker Boh, den er in Erinnerung hatte.

»Ich bin nicht sicher, daß wir das, was sich dort oben ereignet hat, einfach als Spiel abtun können«, setzte Par an, bevor Walker Boh ihm das Wort abschnitt.

»Nein, natürlich nicht, Par – du hältst all das für eine Möglichkeit, deine Neugier zu befriedigen! Ich habe dich schon einmal darauf hingewiesen, daß die Magie nicht die Gabe ist, die du in ihr sehen willst, sondern ein Fluch. Warum beharrst du weiterhin darauf, sie als etwas anderes anzusehen?«