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»Nehmen wir an, der Geist hat die Wahrheit gesprochen.« Colls Stimme klang ruhig und sicher und lenkte Walker Bohs Aufmerksamkeit von Par ab.

»Die Wahrheit kommt auf keinen Fall von diesen verkleideten Gaunern. Wann kam denn die Wahrheit schon einmal von ihnen? Sie erzählen uns ein bißchen von diesem und ein bißchen von jenem, aber niemals alles. Sie benutzen uns. Sie haben uns schon immer benutzt.«

»Dabei waren sie jedoch nicht unklug oder haben das, was getan werden mußte, außer Acht gelassen – so berichten es die Geschichten.« Coll gab nicht so leicht auf. »Versteh mich nicht falsch, Walker, ich will damit nicht sagen, daß wir unbedingt das tun sollten, was der Geist vorgeschlagen hat. Ich will nur sagen, daß es unvernünftig wäre, eine Sache aus einem einzigen Grund aufzugeben.«

»Das bißchen von diesem und jenem, von dem du sprichst – das hat sich doch alles als wahr erwiesen«, erwiderte Par. »Was du meinst, ist, daß Allanon zu Anfang nie die ganze Wahrheit gesagt hat. Er hat immer etwas verschwiegen.«

Walker Boh sah sie kopfschüttelnd an, als wären sie kleine Kinder. »Eine halbe Wahrheit kann so verheerend sein wie eine Lüge«, sagte er ruhig. »So viel solltest du wissen.«

»Onkel«, sagte Par, selbst erstaunt über den Tadel in seiner Stimme, »ich habe mich noch gar nicht entschieden.«

Walker Boh sah ihn lange an, mit einem Gesicht, in dem sich alle möglichen Gefühle spiegelten. »Wirklich nicht?« fragte er leise. Dann drehte er sich um und suchte seine Decken und sonstigen Habseligkeiten zusammen. »Ich habe meinen Entschluß gefaßt. Ich werde nichts tun, um Paranor und die Druiden in die Vier Länder zurückzubringen. Ich kann mir nicht vorstellen, was mir mehr zuwider wäre. Die Magie und die Hexerei dieser alten Männer zurückbringen, ihr Spiel mit dem Leben der Menschen, als wären sie nichts.« Er stand auf und sah ihnen in die Augen; sein blasses Gesicht war so hart wie Stein. »Ich würde mir lieber die Hand abhacken, als die Druiden zum Leben zu erwecken!«

Mit Bestürzung sahen die anderen einander an, als er sich abwandte, um seine Sachen vollends zusammenzupacken.

»Wirst du dich also in deinem Tal verstecken?« konterte Par, der jetzt ebenfalls zornig war.

Walker Boh sah ihn nicht an.

»Was passiert, wenn der Geist die Wahrheit gesprochen hat, Walker? Was passiert, wenn alles, was er vorhergesagt hat, eintrifft und die Macht der Schattenwesen eines Tages bis zum Kamin reicht? Was wirst du dann tun?«

»Was ich tun muß.«

»Mit deiner eigenen Magie?« stieß Par hervor. »Mit einer Magie, die du von Cogline gelernt hast?«

Sein Onkel blickte schnell auf. »Woher weißt du das?«

Trotzig schüttelte Par den Kopf. »Wo liegt denn schon der Unterschied zwischen deiner Magie und der der Druiden, Walker? Handelt es sich nicht um ein und dasselbe?«

Das Lächeln des anderen war hart und unfreundlich. »Manchmal, Par, bist du ein Narr«, erwiderte er und beschloß damit das Gespräch. Als er einen Augenblick später aufstand, war er ruhig. »Ich bin hierher gekommen, weil ich darum gebeten wurde, und habe gehört, was ich hören sollte. Damit bin ich meiner Pflicht nachgekommen. Ihr anderen müßt für euch selbst entscheiden, was ihr tun wollt. Was mich betrifft, habe ich damit nichts mehr zu tun.« Er schritt ohne zu zögern zwischen ihnen hindurch und wandte sich zu den Pferden. Er befestigte sein Bündel, stieg auf und ritt davon. Nicht einmal drehte er sich um.

Das war eine schnelle Entscheidung, dachte Par, eine Entscheidung, auf die Walker Boh geradezu versessen schien. Zu gern hätte er den Grund dafür gekannt. Als sein Onkel verschwunden war, sah er Wren an. »Wie steht’s mit dir?«

Die Fahrende schüttelte langsam den Kopf. »Ich muß mich nicht mit den Vorurteilen und der Befangenheit Walkers herumschlagen, aber seine Zweifel kann ich gut verstehen.« Sie ging auf einen Steinhaufen zu, auf dem sie sich niederließ.

Par folgte ihr. »Glaubst du, daß der Geist die Wahrheit gesprochen hat?«

Wren zuckte die Schultern. »Ich frage mich immer noch, ob der Geist wirklich der war, der er zu sein vorgab, Par. Ich fühlte, daß er es war, spürte es in meinem Herzen, und doch… Außer den Geschichten weiß ich nichts von Allanon, und auch die Geschichten kenne ich nicht genau. Du kennst sie besser. Was glaubst du?«

Par zögerte nicht. »Es war Allanon.« »Und du glaubst, daß er die Wahrheit gesagt hat?« Die anderen kamen schweigend näher. »Ich glaube, daß vieles dafür spricht, daß er es getan hat, ja.« Par teilte ihr seine Überlegungen während des Marsches zurück ins Tal mit. Er fühlte sich nicht mehr unsicher; seine Gründe waren jetzt gewichtig. »Ich habe noch nicht alles so bis ins Einzelne durchdacht, wie ich gern möchte«, endete er. »Aber welchen Grund hätte der Geist, uns hierherzubringen und uns das zu erzählen, was er erzählt hat, wenn der Grund nicht der wäre, die Wahrheit ans Licht zu bringen? Warum sollte er uns Lügen auftischen? Walker scheint davon überzeugt, daß wir getäuscht werden, obwohl ich nichts dergleichen entdecken kann und auch nicht wüßte, welchem Zweck es dienen sollte. – Außerdem«, fügte er hinzu, »hat Walker Angst – vor den Druiden, vor der Magie, wovor auch immer. Er verheimlicht uns etwas. Ich spüre es. Er spielt das Spiel, dessen er Allanon beschuldigt.«

Wren nickte. »Aber er versteht die Druiden.« Den verwirrten Ausdruck in Pars Gesicht quittierte sie mit einem traurigen Lächeln. »Sie verheimlichen das, was sie nicht preisgeben wollen. So sind sie eben. Auch hier gibt es Dinge, die verheimlicht werden. Was wir hier gehört haben, ist unvollständig. Es bleibt die Tatsache, daß wir in keiner Weise anders behandelt werden als unsere Vorfahren.«

Ihren Worten folgte ein langes Schweigen. »Vielleicht sollten wir heute ins Tal zurückkehren – vielleicht zeigt sich der Geist noch einmal«, schlug Morgan vor, wobei seine Stimme voller Zweifel war.

»Vielleicht sollten wir Cogline die Möglichkeit geben zurückzukommen«, fügte Coll hinzu.

Par schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß wir sie in Bälde wieder zu Gesicht bekommen. Ich bin sicher, daß wir unsere Entscheidungen ohne ihre Hilfe treffen müssen.«

»Der Meinung bin ich auch.« Wren erhob sich. »Ich soll die Elfen finden und sie in die Welt der Menschen zurückbringen. Eine wohl überlegte Formulierung, die ich aber trotzdem nicht verstehe. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo sich die Elfen aufhalten, nicht einmal, wo ich nach ihnen suchen könnte. Ich lebe schon seit fast zehn Jahren im Westland, Garth noch länger, und wir beide waren bereits überall, wo man nur hingehen kann. Ich kann euch versichern, daß sich nirgends Elfen aufhalten. Wo könnte ich noch suchen?« Sie trat näher zu Par und sah ihn an. »Ich gehe nach Hause. Hier kann ich nichts mehr tun. Sollten die Träume wiederkehren und mir einen Hinweis darauf geben, wo ich mit der Suche beginnen soll, werde ich vielleicht einen Versuch wagen. Aber im Augenblick…«

Sie zuckte die Schultern. »Also dann. Auf Wiedersehen, Par.« Sie umarmte und küßte ihn, um dann auch Coll, ja selbst Morgan zu umarmen und zu küssen. Den Zwergen nickte sie zu, bevor sie ihre Sachen zusammenpackte.

»Ich wünschte, du würdest ein bißchen länger bleiben, Wren«, rief Par.

»Warum kommst du nicht mit?« antwortete sie. »Im Westland wärst du wahrscheinlich besser aufgehoben.«

Par sah Coll an, der die Stirn runzelte. Morgan blickte beiseite. Par seufzte und schüttelte widerstrebend den Kopf. »Nein, ich muß mich zuerst entscheiden. Erst dann weiß ich, wo ich hingehen werde.«

Sie schien zu verstehen und nickte. Dann kam sie auf ihn zu. »Möglicherweise würde ich anders darüber denken, wenn ich wie du und Walker über die Magie verfügte, die mich schützt. Aber ich verfüge nicht darüber. Ich habe weder das Wunschlied noch Coglines Lehren, auf die ich mich verlassen könnte. Ich besitze lediglich einen Beutel mit gefärbten Steinen.« Sie küßte Par ein zweites Mal. »Falls du mich brauchst, findest du mich in Tirfing. Sei vorsichtig, Par.«