Sie ritt vor Garth aus dem Lager hinaus. Die anderen sahen ihnen nach. Minuten später waren sie nur noch kleine Fleckchen am westlichen Horizont.
Par wandte sich nach Osten, in die Richtung, in die Walker Boh geritten war. Es schien ihm, als wäre ihm ein Teil seines Selbsts abhanden gekommen. Coll bestand darauf, daß sie etwas aßen, alle, denn ihre letzte Mahlzeit hatten sie vor mehr als zwölf Stunden eingenommen, und es hatte wenig Sinn, mit nüchternem Magen eine Entscheidung zu treffen. Par war dankbar für die Ruhepause. Er aß die Suppe, die Steff gekocht hatte, danach Brot und Obst, trank mehrere Becher Bier und ging hinunter zur Quelle, um sich zu waschen. Als er zurückkam, befolgte er den Rat seines Bruders, sich einige Zeit auszuruhen, und schlief, nachdem er sich hingelegt hatte, unverzüglich ein.
Es war Mittag, als er erwachte; sein Körper schmerzte. Er hatte allerhand geträumt, das er lieber nicht geträumt hätte – von Felsen-Dall und seinen Suchern, die ihn durch leere, ausgebrannte Häuser verfolgt hatten, von Zwergen, die ihn im Angesicht der Besetzung ihres Landes hungernd und hilflos ansahen, von Schattenwesen, die hinter jeder dunklen Ecke, an der er auf seiner Flucht vorbeikam, lauerten, von Allanons Schatten, der ihm bei jeder neuen Gefahr warnende Worte zurief, aber gleichzeitig über ihn lachte. Er wusch sich noch einmal, trank unter einer Pappel noch ein Bier und aß einen zweiten Teller Suppe.
Coll leistete ihm beim Essen Gesellschaft. »Fühlst du dich besser? Du hast gar nicht gut ausgesehen, als du aufgestanden bist.«
Par schob den Teller beiseite. »Mir ging’s auch nicht gut. Aber jetzt fühle ich mich wieder in Ordnung.« Er lächelte.
Coll ließ sich am Baumstamm zu Boden gleiten, machte es sich bequem und starrte aus dem Schatten in die mittägliche Hitze. »Ich habe nachgedacht«, sagte er, wobei sein eckiges Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck annahm. Er schien nur widerwillig weiterzureden. »Ich habe darüber nachgedacht, was ich tun würde, solltest du dich auf die Suche nach dem Schwert begeben.«
Augenblicklich drehte Par sich zu ihm um. »Coll, ich hab’ noch gar nicht…«
»Nein, Par. Laß mich ausreden. Wenn ich als dein Bruder eines gelernt habe, dann ist es das, daß man, wenn es um Entscheidungen geht, versuchen muß, dir zuvorzukommen. Andernfalls triffst du sie zuerst, und wenn du sie erst einmal getroffen hast, sind sie sozusagen in Stein gemeißelt.« Er sah ihn von der Seite an. »Du erinnerst dich vielleicht, daß wir darüber schon einmal gesprochen haben. Und ich wiederhole mich ständig, indem ich dir sage, daß ich dich besser kenne, als du dich selber kennst. Erinnerst du dich daran, wie du vor ein paar Jahren im Rappahalladran beinahe ertrunken wärst, als wir im Dulnwald auf Jagd nach dem silbernen Fuchs waren? Es hieß, daß es im ganzen Südland keinen einzigen silbernen Fuchs mehr gebe; aber als der alte Trapper behauptete, einen gesehen zu haben, war es schon um dich geschehen. Der Rappahalladran führte Hochwasser, es war Spätfrühling, und Vater verbot uns, den Fluß zu überqueren. In der Sekunde, in der du ihm das Versprechen gegeben hast, ihm zu gehorchen, wußte ich, daß du es brechen würdest.«
Par runzelte die Stirn. »Nun, ich würde sagen…«
Coll unterbrach ihn. »Die Sache ist die, daß ich in der Regel sehr wohl weiß, wann du dich zu etwas entschlossen hast. Und ich glaube, daß Walker recht hatte. Ich glaube, daß du dich bereits dafür entschieden hast, nach dem Schwert von Shannara zu suchen. Das hast du doch, oder nicht?«
Par starrte ihn mit großen Augen an.
»Deine Augen verraten mir, daß du es suchen willst, Par«, fuhr Coll ruhig fort. »Ob es existiert oder nicht, du wirst es suchen. Ich kenne dich. Du suchst es, weil du immer noch glaubst, daß du dadurch etwas über deine eigene Magie erfährst, weil du mit seiner Hilfe etwas Gutes und Edles tun willst. Sag jetzt nichts – hör mir zu.« Er hob die Hände, um Pars Widerspruch abzuwehren. »Ich halte das keineswegs für falsch. Ich verstehe es. Aber ich weiß nicht, ob du es zugeben kannst oder willst. Und du mußt es zugeben können, weil du sonst mit dir und dem, was du vorhast, nie Frieden schließen kannst. Ich weiß, daß ich keine Magie besitze, aber trotzdem verstehe ich die Probleme irgendwie besser als du.« Wehmütig hielt er inne. »Du bist jemand, der immer die Herausforderungen sucht, auf die andere gern verzichten. Das ist ein Teil der Erklärung für das, was hier passiert. Du erlebst, daß Walker und Wren sich zurückziehen, und sofort entschließt du dich, genau das Gegenteil zu tun. So bist du nun mal. Du könntest es jetzt nicht mehr lassen, selbst wenn du wolltest.« Nachdenklich wiegte er den Kopf. »Ob du es nun glaubst oder nicht, aber deswegen habe ich dich immer bewundert.« Dann seufzte er. »Ich weiß, es gibt noch andere Dinge, die in Betracht gezogen werden müssen. Unsere Eltern beispielsweise, die daheim im Tal immer noch unter Hausarrest stehen, und die Tatsache, daß wir keine Heimat mehr haben, keinen Ort, wohin wir zurückgehen könnten. Wenn wir der Suche nicht nachgehen, dieser Aufgabe, die Allanons Geist uns gestellt hat, wohin gehen wir dann? Was können wir sonst tun, um die Dinge nachhaltig zu verändern, wenn nicht nach dem Schwert von Shannara zu suchen? Das ist die eine Seite. Und dann…«
Par unterbrach ihn. »Du hast ›wir‹ gesagt.«
Coll hielt inne. »Was?«
Par beobachtete ihn kritisch. »Du hast ›wir‹ gesagt. Mehrere Male. Du sagtest: ›Was ist, wenn wir dieser Suche nicht nachgehen, wohin gehen wir dann?‹«
Coll nickte. »Ja, das habe ich. Ich fange an, über dich zu sprechen, und gleichzeitig spreche ich über mich. Wir sind uns so nah, daß ich manchmal das Gefühl habe, wir seien eins – und doch sind wir das nicht. Wir sind sehr verschieden, könnten gar nicht verschiedener sein. Du hast die Magie und die Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, und ich nicht. Du hast die Aufgabe und ich nicht. Was soll ich also tun, wenn du gehst, Par?«
Par schwieg.
»Nun, falls du gehst, hast du eine gefährliche Reise vor dir, und du wirst jemanden brauchen, der dir den Rücken freihält. Und genau das sollten Brüder füreinander tun.« Coll räusperte sich. »Wenn es nach mir ginge, das heißt, wenn ich du wäre, dann würde ich gehen.« Er lehnte sich an den Pappelstamm zurück und wartete.
Par atmete tief ein. »Um ehrlich zu sein, Coll, das ist das allerletzte, womit ich bei dir gerechnet hätte. Du würdest also gehen, wenn du ich wärst?« Er sah seinen Bruder wortlos an. »Ich weiß nicht, ob ich dir glauben soll.«
Sie sahen einander immer noch an, als Morgan sich zu ihnen gesellte und ihnen gegenüber Platz nahm. Auch Steff und Teel kamen herüber. Alle drei warfen einander Blicke zu. »Was ist los?« fragte Morgan schließlich.
Par sah ihn kurz an, ohne ihn wahrzunehmen. Er sah statt dessen das Land, das sich hinter ihm erstreckte, die Hügel mit ihren vereinzelten Wäldchen, die sich an die öden Berge der Drachenzähne anschlossen und in der hitzeflimmernden Luft verblaßten. Unter dem Baum war es still, und Par dachte an die Vergangenheit, erinnerte sich an die Zeiten, die er und Coll zusammen verbracht hatten. Die Erinnerungen bedeuteten eine Vertrautheit, die ihn tröstete.
»Nun?« beharrte Morgan.
Par blinzelte. »Coll sagt mir, daß er der Meinung ist, daß ich das tun sollte, was der Geist mir aufgetragen hat. Er ist der Meinung, daß ich das Schwert von Shannara suchen und finden muß.« Er hielt inne. »Was meinst du, Morgan?«
Morgan zögerte keinen Augenblick. »Ich meine, daß ich dich begleiten werde. Ich bin es leid, meine Zeit noch länger damit zu verbringen, daß ich die Dummköpfe, die versuchen, Leah zu regieren, an der Nase herumführe. Es gibt Sinnvolleres zu tun für einen Mann wie mich.« Er sprang auf die Beine. »Außerdem besitze ich eine Klinge, die darauf wartet, im Kampf gegen die schwarze Magie erprobt zu werden.« Er griff nach seinem Schwert. »Und wie alle hier bezeugen können, gibt es dafür keine bessere Gelegenheit, als Par Ohmsford Gesellschaft zu leisten!«