Par blickte nachdenklich drein. »Weiß die Föderation davon?« fragte er.
»Sie wissen, daß sich die Festung irgendwo hier befindet«, erwiderte Hirehone. »Sie wissen jedoch nicht genau, wo, und vor allen Dingen nicht, wie man hinkommt.«
»Und Pars geheimnisvoller Retter, dein immer noch namenloser Anführer – hat er keine Angst, daß Besucher wie wir genau das verraten könnten?« fragte Steff.
Hirehone lächelte. »Zwerg, damit du den Weg hierher findest, mußt du erst einmal wieder herausfinden. Glaubst du, daß du das ohne mich schaffen würdest?«
Wider Willen mußte Steff schmunzeln, als er begriff, wie recht Hirehone hatte. Ein Mensch konnte tagelang durch dieses Labyrinth irren, ohne jemals zum Ziel zu kommen.
Als sie den Felsen erreichten, war es bereits Spätnachmittag, und die auf die Wildnis fallenden Schatten hüllten den Wald in ein Halbdunkel. Hirehone hatte in der letzten Stunde mehrere Male laute Pfeiflaute ausgesandt, um nach jedem Pfeifen ein Antwortpfeifen abzuwarten, bevor er den Weg fortsetzte. Am Fuß des Felsens erwartete sie in einer Lichtung ein verschließbarer Aufzug, dessen Seile über ihnen verschwanden. Der Aufzug war groß genug für alle; sie stiegen ein und hielten sich am Geländer fest, während sie langsam in die Höhe gehoben wurden, bis sie sich schließlich über den Bäumen befanden. Sie erreichten einen schmalen Felsvorsprung und wurden von einer Handvoll Männer, die die Winde bedienten, angehalten. Sie bestiegen nun den zweiten Aufzug, der bereits auf sie wartete. Wieder wurden sie hochgehoben. Par sah einmal hinunter und bereute es sofort. Er erhaschte einen Blick auf Steffs Gesicht, das unter der sonnengebräunten Haut auf einmal blutleer schien. Hirehone dagegen schien keineswegs beunruhigt und pfiff vergnügt vor sich hin.
Danach bestiegen sie einen dritten Aufzug, dessen Fahrt jedoch sehr viel kürzer war, und als sie schließlich ausstiegen, befanden sie sich auf einem flachen grünen Hang, der sich mehrere hundert Meter zu einer Reihe von Höhlen hin erstreckte. Wachttürme säumten den Rand des Hangs sowie die Höhlen, und in den zersplitterten Fels über ihnen waren Aussichtslöcher gehauen worden. Aus dem Felsen ergoß sich ein winziger Wasserfall in einen kleinen See, und mehrere Gruppen von breitblättrigen Bäumen standen auf dem Hang. Männer hasteten hin und her, transportierten Werkzeuge, Waffen und Körbe voller Steine, gaben Anweisungen oder antworteten.
Aus ihrer Mitte trat Pars Retter, eine große, in rote Gewänder gehüllte Gestalt. Er war glattrasiert, sein gebräuntes, vom Wetter zerfurchtes Gesicht glich einer Landschaft aus Ebenen und Winkeln. Es war ein Gesicht, das dem Alter trotzte. Sein braunes, etwas schütteres Haar war glatt zurückgekämmt. Er war hager und kräftig und bewegte sich wie eine Katze. Mit einem lauten Willkommensgruß stürmte er auf sie zu; mit einem Arm umfaßte er Hirehone, der andere legte sich um Par.
»So, mein Junge, du hast es dir also anders überlegt? Ich heiße dich willkommen, dich und deine Gefährten. Dein Bruder, ein Hochländer und ein paar Zwerge, nicht wahr? Eine seltsame Gesellschaft, scheint mir. Bist du gekommen, um dich uns anzuschließen?«
Er war so offen, wie Morgan ihn sich immer vorgestellt hatte, und Par spürte, wie er errötete. »Nicht ganz. Wir haben ein Problem.«
»Noch ein Problem?« Der Anführer der Geächteten schien amüsiert. »Schwierigkeiten folgen dir geradezu, habe ich recht? Kann ich jetzt meinen Ring zurückhaben?«
Par holte den Ring aus seiner Tasche und übergab ihn.
Der andere steckte ihn mit einem bewundernden Blick an seinen Finger. »Der Falke. Gutes Symbol für einen freien Mann, meinst du nicht?«
»Wer bist du?« fragte Par unverblümt.
»Wer ich bin?« Der Anführer der Geächteten lachte herzlich. »Bist du noch nicht drauf gekommen, mein Freund? Nein? Dann sag’ ich’s dir.« Er beugte sich vor. »Sieh dir meine Hand an.« Er hielt die Hand hoch. »Eine Hand mit einem Finger, der wie ein Dorn absteht. Wer bin ich also?«
Par starrte ihn verwirrt an.
»Mein Name, Par Ohmsford, ist Padishar Creel«, sagte der Anführer der Geächteten schließlich. »Aber du wirst mich besser kennen als den Nachkommen von Panamon Creel.«
Und endlich begriff Par. An diesem Abend saßen Par und seine Gefährten während des Essens an einem abseits von den anderen Bewohnern des Felsens aufgestellten Tisch und lauschten mit wachsendem Erstaunen der Geschichte, die Padishar Creel zum Besten gab.
»Wir befolgen hier alle die Regel, die besagt, daß die Vergangenheit jedes einzelnen seine eigene Sache ist«, erklärte er ihnen verschwörerisch. »Die anderen würden sich vielleicht komisch dabei vorkommen, wenn sie nun meine Geschichte mitanhören müßten.« Er räusperte sich. »Ich war Grundbesitzer«, fing er an, »und habe Felder bepflanzt und Tiere gehalten; ich war der Herr über ein Dutzend kleine Höfe und zahllose Morgen Wald, in dem nur gejagt wurde. Den größten Teil meines Besitzes habe ich von meinem Vater geerbt, der ihn wieder von seinem Vater geerbt hat. Mir wurde erzählt, daß mein Vorfahr Panamon Creel, nachdem er Shea Ohmsford geholfen hatte, das Schwert von Shannara wiederzufinden, in das Grenzland im Norden ging, wo er in seinem Beruf sehr erfolgreich wurde und ein ziemlich großes Vermögen anhäufen konnte.«
Par mußte beinahe lächeln. Padishar Creel gab seine Geschichte ganz ernsthaft zum Besten, obwohl er ebenso wie Par und Morgan wußte, daß Panamon Creel ein Dieb war, als er Shea Ohmsford begegnete.
»Er nannte sich Baron Creel«, fuhr Padishar Creel gedankenverloren fort. »Jedes Oberhaupt der Familie hat sich seither so genannt. Baron Creel.« Er hielt inne, ließ den Klang auf der Zunge zergehen. Dann seufzte er. »Aber die Föderation riß unser Land an sich, als ich noch ein kleiner Junge war. Mein Vater starb bei dem Versuch, es zurückzuerobern. Und meine Mutter ebenfalls. Ziemlich geheimnisvoll.« Er lächelte. »Danach habe ich mich der Bewegung angeschlossen.«
»Einfach so?« fragte Morgan.
Der Anführer der Geächteten spießte ein Stück Rindfleisch auf sein Messer. »Meine Eltern suchten den Gouverneur der Provinz auf, einen Handlanger der Föderation, der in unser Haus eingezogen war, und mein Vater forderte das, was ihm rechtmäßig gehörte, wobei er andeutete, daß der Gouverneur es sehr bedauern würde, falls dieses Problem nicht gelöst würde. Mein Vater hat nie viel von Vorsicht gehalten. Seine Bitte wurde abgelehnt. Man hat sie später in einem Waldstück gefunden – sie hingen mit aufgeschlitzten Bäuchen an einem Baum.« Kein Groll schwang in seiner Stimme mit, er sprach mit einer Ruhe, die beänstigend war. »Danach bin ich ziemlich schnell erwachsen geworden, könnte man sagen«, endete er.
Ein langes Schweigen schloß sich an.
Padishar Creel zuckte die Achseln. »Das alles ist schon lange her. Ich habe gelernt, zu kämpfen und am Leben zu bleiben. Als ich die Bewegung kennengelernt und gesehen habe, welche Mißstände in ihr herrschten, habe ich meine eigene Organisation gegründet. Einige der anderen Anführer fanden meine Idee gar nicht gut. Sie versuchten mich der Föderation auszuliefern. Das war ihr Fehler. Nachdem ich sie losgeworden war, haben sich die meisten der anderen Gruppen mir angeschlossen. Irgendwann werden es alle tun.« Padishar Creel sah auf. »Ist denn niemand hungrig? Es ist noch genügend Essen da. Es wäre schade, es wegzuwerfen.«
Während sie ihr Mahl schnell beendeten, fuhr der Anführer der Geächteten fort, ihnen im gleichen sachlichen Ton weitere Einzelheiten aus seinem gewalttätigen Leben zu erzählen. Par fragte sich, mit welcher Sorte von Mensch er sich eingelassen hatte. Zuvor hatte er es für möglich gehalten, daß sich sein Retter als der Held erweise, der den Vier Ländern seit der Zeit Allanons fehlte, daß er der Wiedervereiniger der unterdrückten Rassen sein könnte. Den Gerüchten zufolge war dieser Mann der Führer, den die Freiheitsbewegung ersehnt hatte. Jetzt schien er im gleichen Maße ein Mörder. Wie gefährlich Panamon Creel in seiner Zeit auch gewesen sein mochte, Par hielt Padishar Creel für ungleich gefährlicher.