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Aber nichts und niemand war faszinierender als Padishar Creel. Der Anführer der Geächteten war ein Widerspruch in sich. Da er leuchtend rote Gewänder trug, war er für jeden auf dem Hang jederzeit mühelos zu erkennen. Er redete ununterbrochen, erzählte Geschichten, rief Befehle und tat seine Meinung kund zu allem, was ihm in den Sinn kam. Er schien unablässig fröhlich, so als sei Lächeln sein einziger Gesichtsausdruck. Dennoch verbarg sich hinter diesem heiteren Äußeren ein Kern so hart wie Stein. Wenn er eine Anordnung aussprach, wurde sie sofort ausgeführt. Keiner wagte es, ihn zu kritisieren.

Er führte das Lager mit Organisationstalent und Disziplin. Es handelte sich hier keinesfalls um einen lärmenden Haufen von Nichtstuern. Alle Bestände waren so gelagert, daß sie jederzeit greifbar waren. Jeder war mit einer Aufgabe betraut, und jeder sorgte dafür, daß er diese Aufgabe zufriedenstellend ausführte. Mehr als dreihundert Männer lebten auf dem Felsen, und keiner schien auch nur im entferntesten an dem zu zweifeln, was er tat, oder daran, wer ihn, falls er Unrecht tat, zur Verantwortung ziehen würde.

Am zweiten Tag ihres Aufenthalts wurden zwei der Geächteten vor Padishar Creel gebracht, weil sie angeklagt waren, gestohlen zu haben. Der Anführer der Geächteten hörte sich mit sanftem Gesichtsausdruck die Beweise an, die gegen sie vorgebracht wurden, bevor er die Angeklagten bat, sich zu verteidigen. Der eine gestand seine Schuld sofort, der andere leugnete sie auf wenig überzeugende Art und Weise. Padishar Creel ließ den ersten auspeitschen und schickte ihn dann zur Arbeit zurück, den zweiten ließ er in den Abgrund werfen. Keiner im Lager schien sich hinterher über die Angelegenheit große Gedanken zu machen.

Etwas später kam Padishar Creel zu Par, als dieser allein war, und fragte ihn, ob ihn das, was geschehen war, sehr beschäftige. Ohne jedoch Pars Antwort abzuwarten, fing er sofort an zu erklären, wie notwendig Disziplin in einem Lager wie dem seinen sei und daß eine Verurteilung im Falle eines Vergehens rasch erfolgen müsse.

Danach wandte er sich unvermittelt einem anderen Thema zu; ziemlich reumütig gestand er Par, daß er in der ersten Nacht nicht ganz ehrlich gewesen sei und seine Eltern in Wahrheit keine Landbesitzer waren, die man im Wald aufgehängt hatte, sondern Seidenhändler, die in einem Föderationsgefängnis gestorben waren, weil sie sich geweigert hatten, ihre Steuern zu entrichten. Er meinte, daß die andere Geschichte sich einfach besser anhöre.

Als Par kurze Zeit später auf Hirehone traf, fragte er ihn, ob er die Eltern des Anführers gekannt habe.

Hirehone antwortete: »Nein, das Fieber hat sie hinweggerafft, bevor ich Padishar kennenlernte.«

»Im Gefängnis, meinst du?« wollte Par verwirrt wissen.

»Im Gefängnis? Wohl kaum. Sie starben auf einer Reise in den Süden. Sie haben mit wertvollen Metallen gehandelt. Padishar hat es mir selbst erzählt.«

Par berichtete Coll nach dem Abendessen von beiden Gesprächen. Sie hatten sich am Rand des Hangs in eine Schanze zurückgezogen, wohin die Geräusche aus dem Lager nur gedämpft drangen, und konnten beobachten, wie die Dämmerung nach und nach dem nächtlichen Sternenhimmel wich.

Nachdem Par ausgesprochen hatte, lachte Coll und schüttelte den Kopf. »Man kann diesem Kerl überhaupt nichts glauben, wenn er über sich selber spricht. Er ist ein echter Panamon Creel, und zwar so echt, wie Panamon selbst es wahrscheinlich nie war!«

Par verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Recht hast du.«

»Zieht sich an wie er, redet wie er – ist genauso unverschämt und überspannt.« Coll seufzte. »Warum lache ich also? Was tun wir hier bei diesem Verrückten?«

Par überhörte seine Bemerkung. »Was glaubst du, daß er vor uns versteckt, Coll?«

»Alles.«

»Nein, nicht alles. Das würde er nicht tun. Denk einmal darüber nach. Er gibt diese wilden Geschichten absichtlich zum Besten und nicht nur aus einer Laune heraus. Er hat noch etwas anderes mit Panamon gemeinsam. Er hat den Menschen um sich herum ein neues Bild von sich gegeben – ein Bild, das größer ist als das Leben selbst. Und ich möchte wetten, daß er dies aus einem ganz bestimmten Grund getan hat.«

Ihre Beschäftigung mit Padishar Creels Vergangenheit nahm schon bald ein Ende, denn sie wurden zu einer Versammlung gerufen. Hirehone hieß sie mit barscher Stimme kommen und führte sie über den Hang und in die Höhle, zu einem Versammlungsraum, in dem der Anführer der Geächteten bereits wartete. Der Schein der Öllampen, die an schwarzen Ketten von der Decke hingen, drang kaum bis zu den Schatten, die die Ecken und Spalten verdunkelten. Morgan und die Zwerge waren dort und saßen an einem langen Tisch neben einigen Geächteten, die Par bereits im Lager gesehen hatte. Chandos war ein wahrhaft wildaussehender Riese mit einem großen schwarzen Bart; auf einer Seite fehlten ihm Ohr und Auge, und sein Körper war über und über mit Narben bedeckt. Ciba Blue war ein junger, glattrasierter Bursche mit strähnigem blonden Haar und einem halbmondförmigen schwarzen Mal auf seiner linken Wange. Stasas und Drutt waren hagere, rauhe alte Männer mit kurzen dunklen Barten, zerfurchten braunen Gesichtern und Augen, die sich wachsam umblickten. Hirehone schob die Talbewohner hinein, schloß die Tür und stellte sich breitbeinig davor.

Einen Augenblick spürte Par, wie sich seine Nackenhaare warnend aufstellten.

Dann wurden sie von Padishar Creel freundlich begrüßt. »Ah, der junge Par und sein Bruder.« Er bedeutete ihnen, auf den Bänken neben den anderen Platz zu nehmen, und sagte nach ein paar einleitenden Worten: »Mor­ gen bei Tagesanbruch machen wir uns auf den Weg, das Schwert zu holen.«

»Wo ist es?« wollte Par sogleich wissen.

Das Lächeln des Anführers ging jetzt über sein ganzes Gesicht. »Dort, wo es uns nicht wegläuft.«

Par sah Coll an.

»Je weniger wir über unser Ziel reden, desto größer sind die Chancen, daß es ein Geheimnis bleibt.« Der riesige Mann blinzelte.

»Gibt es einen Grund, warum es ein Geheimnis bleiben soll?« fragte Morgan Leah leise.

Der Anführer zuckte die Schultern. »Wenn ich den Felsen verlasse, bin ich immer äußerst vorsichtig.« Seine Augen waren kalt. »Laß mich nur gewähren, Hochländer.«

Morgan hielt seinem Blick stand und schwieg.

»Sieben von uns werden gehen«, fuhr der andere mit sanfter Stimme fort. »Stasas, Drutt, Blue und ich von unserer Seite, die Talbewohner und der Hochländer von der anderen Seite.« Schon wollten die anderen protestieren, doch er brachte sie schnell zum Verstummen. »Chandos, du wirst in meiner Abwesenheit meine Stelle hier einnehmen. Ich möchte jemanden hier haben, auf den ich mich verlassen kann. Hirehone, dein Platz ist in Varfleet, denn du mußt die Dinge dort im Auge behalten. Außerdem würde es dir schwerfallen, deine Anwesenheit dort, wo wir hingehen, zu erklären. – Was euch betrifft, meine Freunde aus dem Ostland«, wandte er sich Steff und Teel zu, »würde ich euch mitnehmen, wenn ich könnte. Aber Zwerge, die sich außerhalb des Ostlandes aufhalten, müssen einfach auffallen, und das können wir uns nicht leisten. Es ist schon riskant genug, die Talbewohner mitzunehmen, während die Sucher immer noch hinter ihnen her sind.«

Steff warf Padishar Creel einen prüfenden Blick zu. »Ich wäre äußerst verärgert, wenn man hier auf unsere Kosten irgendwelche Spiele spielt.«

Ein warnendes Murren ging von den Geächteten aus, aber Padishar Creel brachte sie unverzüglich zum Schweigen. »Das wäre ich auch«, erwiderte er, und sein Blick ruhte auf dem Zwerg.

Steff hielt seinem Blick lange Zeit stand. Dann wandte er sich zu Teel und nickte. »Also gut. Wir werden warten.«

Die Augen des Anführers blickten sich in der Runde um. »Bei Tagesanbruch brechen wir auf und werden ungefähr eine Woche fortbleiben. Falls wir dann nicht zurück sind, bedeutet das höchstwahrscheinlich, daß wir überhaupt nicht mehr zurückkommen. Gibt’s noch irgendwelche Fragen?«