Sie passierten die Tore, wobei die Schatten des aufragenden Torhauses sie wie mit einem Mantel bedeckten. Der zweite Wall erhob sich vor ihnen, kleiner zwar, aber nichtsdestoweniger eindrucksvoll. Sie achteten darauf, immer vom Strom der Menschen umgeben zu sein. Die kleine Gruppe sichtete viele Soldaten und viele Tiere.
Als sie die zweite Reihe von Toren passiert hatten, verließen sie auf Geheiß von Padishar Creel die Hauptstraße mit Wohnhäusern und Geschäften, die sich vom Zentrum der Stadt zu den Felswänden und dem, was einst der Herrscherpalast gewesen war, wand, und bogen in ein Labyrinth von Gassen ein. Auch hier gab es Geschäfte und Wohnhäuser, aber weniger Soldaten und mehr Bettler. Die Gebäude sahen mit jedem Schritt schäbiger aus, und schließlich waren sie im Viertel der Bierhäuser und Bordelle. Padishar Creel hieß sie weitergehen, schenkte den Bitten der Bettler und Straßenverkäufer keine Beachtung und führte sie immer tiefer in die Stadt hinein.
Endlich betraten sie einen hellen, offenen Bezirk mit Märkten und kleinen Parks. Wohnhäuser mit Gärten trennten die Märkte voneinander. Händler verkauften Fähnchen und Süßigkeiten an Kinder und ihre Mütter. An jeder Ecke gab es irgend etwas zu sehen – Schauspieler, Clowns, Zauberer, Musikanten und Tierbändiger. Farbige Baldachine spendeten Schatten für die Marktstände.
Padishar Creel verlangsamte das Tempo und hielt nach irgend etwas Ausschau. Er führte sie an mehreren Ständen vorbei, bis er schließlich vor einem Obstkarren anhielt. Er kaufte einen kleinen Sack voll Äpfel, die sie sich teilten, nahm einen für sich selbst und lehnte sich müßig an eine Straßenlaterne, um ihn genüßlich zu verspeisen. Es dauerte einige Augenblicke, bis Par begriff, daß er auf etwas wartete. Par biß in seinen Apfel und sah sich um. Auf der anderen Straßenseite wurde Eis verkauft, ein Mädchen führte Taschenspielerkunststücke vor, Kinder und Erwachsene schauten vergnügt zu. Das Mädchen hatte leuchtend rotes Haar. Sie zog erstaunten Kindern Münzen aus den Ohren, um sie dann wieder verschwinden zu lassen. Einmal zauberte sie Feuer aus der Luft. Er hatte dergleichen noch nie gesehen. Das Mädchen machte seine Sache sehr gut.
Er war so in das Schauspiel vertieft, daß er beinahe übersehen hätte, wie Padishar Creel etwas in die Hand eines dunkelhäutigen Jungen gleiten ließ, der jetzt neben ihm stand. Der Junge nahm es wortlos und verschwand. Par sah dem Jungen nach, doch es war, als hätte sich die Erde aufgetan und ihn verschluckt.
Sie blieben noch einige Minuten stehen, bevor der Anführer der Geächteten sagte: »Zeit zu gehen« und sie wegführte. Par warf einen letzten Blick auf das rothaarige Mädchen und sah, daß sie einen Ring vor den Augen ihrer Zuschauer in der Luft schweben ließ, während ein kleiner blonder Junge in die Höhe sprang und ihn greifen wollte. Auf dem Rückweg, der sie zwischen den Marktständen hindurchführte, fiel Morgan Leahs Blick auf Hirehone. Der Herr der Kiltan-Schmiede, der in einen großen Umhang gehüllt war, hielt sich am Rand einer Menschenmenge auf, die einem Jongleur applaudierte. Einen Augenblick lang sah Morgan den kahlen Schädel und den herunterhängenden Schnurrbart, doch dann war beides verschwunden. Er blinzelte und entschied, daß er sich geirrt hatte. Warum sollte sich Hirehone in Tyrsis aufhalten? Als sie die nächste Querstraße erreichten, hatte er Hirehone bereits vergessen. Die nächsten Stunden verbrachten sie im Keller eines Lagerhauses, das an die Werkstätte eines Waffenschmieds grenzte; der Schmied stand sicherlich in den Diensten der Geächteten, denn Padishar Creel wußte genau, in welcher Spalte des Türstocks der Schlüssel zu finden war, der ihnen die Tür öffnete. Ohne zu zögern, führte er sie hinein. Speisen und Getränke standen bereit, ebenso wie Stroh und Decken sowie Wasser zum Wa schen. Es war kühl und trocken im Keller, und schon bald hatten sie die Hitze des Tages vergessen. Nachdem sie sich eine Zeitlang ausgeruht hatten, erfreuten sie sich an den Speisen und Getränken und warteten dann auf die kommenden Ereignisse. Nur der Anführer der Geächteten schien Bescheid zu wissen, und wie gewöhnlich sagte er gar nichts. Statt dessen legte er sich schlafen.
Erst nach mehreren Stunden war er wieder wach. Er stand auf, streckte sich und wusch sein Gesicht, um sich dann zu Par zu gesellen. »Wir gehen nach draußen«, sagte er. Er wandte sich an die anderen. »Ihr bleibt hier, bis wir zurückkommen. Wir werden nicht lange fortbleiben, und wir werden auch nichts Gefährliches unternehmen.«
Coll und Morgan wollten protestieren, besannen sich aber eines Besseren. Par folgte Padishar Creel die Kellerstufen hinauf, und die Falltür hinter ihnen schloß sich. Padishar Creel verharrte kurz an der Außentür, bevor er Par winkte und sie auf die Straße hinaustraten.
Der Anführer der Geächteten führte Par nach Süden in Richtung der Felswände; er selbst ging mit großen Schritten voraus, während sich die Schatten des späten Nachmittags allmählich über die Stadt senkten. Sie kamen an keiner der Straßen vorbei, die sie in die Stadt geführt hatten, sondern folgten einer Reihe von Gassen. Die Gesichter, denen sie begegneten, trugen ein gespieltes Desinteresse zur Schau, aber die Augen waren wild. Padishar Creel beachtete sie nicht, und Par hielt sich dicht bei dem großen Mann. Körper drängten sich an ihnen vorbei, aber da er nichts Wertvolles bei sich trug, machte er sich weniger Sorgen, als er es sonst getan hätte.
Als sie sich den Felsen näherten, bogen sie in die Hauptstraße ein. Vor ihnen lag die Sendic-Brücke, die sich über den Volkspark spannte. Dahinter erhoben sich die Mauern des einstigen Herrscherpalastes von Tyrsis.
Par betrachtete den Park, die Brücke und den Palast. Irgend etwas an der Anordnung kam ihm seltsam vor. Sollte die Sendic-Brücke nicht an den Toren des Palastes enden?
Padishar Creel blieb jetzt im Hintergrund. »So, mein Junge. Schwer zu glauben, daß das Schwert von Shannara an einer zugänglichen Stelle wie dieser versteckt sein soll, nicht wahr?«
Par runzelte die Stirn und nickte. »Wo ist es?«
»Geduld, Geduld! Du wirst die Antwort noch früh genug erfahren.« Padishar Creel legte einen Arm um den Talbewohner. »Was jetzt auch passiert, hüte dich davor, überrascht auszusehen.«
Par nickte.
Der Anführer der Geächteten ging langsam zu einem Blumenstand und blieb dort stehen. Er betrachtete die Blumen und wollte offensichtlich einen Strauß aussuchen. Als er einen gefunden hatte, spürte Par, wie sich ein Arm um seine Hüfte legte, und als er sich umdrehte, sah er zu seinem Erstaunen, wie sich das rothaarige Mädchen, das Taschenspielerkunststücke vorgeführt hatte, an ihn preßte.
»Hallo, Elfenjunge«, flüsterte sie, wobei ihre kühlen Finger sein Ohr berührten und sie ihn auf die Wange küßte.
Dann waren plötzlich zwei kleine Kinder neben ihr, ein Mädchen und ein Junge; das Mädchen streckte sich, um nach Padishar Creels rauher Hand, der Junge, um nach Pars Hand zu fassen. Padishar Creel lächelte, hob dann das kleine Mädchen hoch, das jetzt kreischte, küßte es und überreichte ihm eine Hälfte des Blumenstraußes, die andere Hälfte gab er dem Jungen. Pfeifend führte er alle fünf in den Park hinein. Par hatte sich soweit erholt, daß er bemerkte, daß das rothaarige Mädchen einen Korb mit sich trug, der mit einem hellen Tuch zugedeckt war. Als sie sich in der Nähe der Mauer befanden, breitete das Mädchen das Tuch aus, und alle machten sich an das Auspacken des Korbes, der Eier, Brot und Marmelade sowie Kuchen und Tee enthielt.
Padishar Creel wandte sich an Par. »Par Ohmsford, darf ich dir Damson Rhee vorstellen, für die Dauer dieses kleinen Ausflugs deine Verlobte?«
Damson Rhees grüne Augen lachten. »Liebe ist vergänglich, Par Ohmsford. Wir sollten deshalb das Beste daraus machen.« Sie reichte ihm ein Ei.
»Du bist mein Sohn«, fügte Padishar Creel hinzu. »Die beiden Kinder sind deine Geschwister, obwohl mir ihre Namen momentan entfallen sind. Damson, erinnere mich später daran. Wir sind, wenn man uns fragt, eine ganz normale Familie, die ein Picknick veranstaltet.«