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Keiner fragte. Die Männer aßen schweigend, während sie den Kindern zuhörten, die unaufhörlich schwatzten und so taten, als ob alles, was geschah, vollkommen normal wäre. Damson Rhee, die sich um die Kinder kümmerte, lachte mit ihnen, und ihr Lächeln war warm und ansteckend. Sie war von Natur aus hübsch, aber wenn sie lächelte, fand Par sie wunderschön. Als sie mit dem Essen fertig waren, führte sie jedem Kind das Kunststück mit der Münze vor und schickte sie dann spielen.

»Laßt uns einen Spaziergang machen«, schlug Padishar Creel vor und stand auf.

Sie spazierten zwischen den schattigen Bäumen hindurch und gingen anscheinend ziellos auf die Mauer zu, die eine Schlucht verdeckte. Damson Rhee hing verliebt an Pars Arm. Er stellte fest, daß er nichts dagegen hatte. »Die Dinge in Tyrsis haben sich seit den alten Tagen irgendwie verändert«, sagte der Anführer der Geächteten zu Par. »Als die Familie Buckhannah ausstarb, nahm die Monarchie ein Ende. Tyrsis, Varfleet und Kern herrschten über Callahorn, indem sie einen Rat der Städte gründeten. Als die Föderation Callahorn zum Schutzgebiet erklärte, wurde der Rat aufgelöst. Der Palast hat dem Rat als Versammlungsort gedient. Jetzt nutzt ihn die Föderation – leider weiß niemand, wofür sie ihn benutzt.«

Sie erreichten die Mauer und blieben stehen. Die Mauer war ungefähr einen Meter hoch. Spitze Nägel ragten aus ihr heraus. »Sieh nach unten«, bat ihn der Anführer der Geächteten.

Par tat, wie er geheißen worden war. Die Schlucht fiel steil zu Bäumen und Buschwerk ab. Nebel breitete sich über der Wildnis aus und hing selbst auf den höchsten Zweigen der Bäume. Die Schlucht erstreckte sich zum Palast, dessen Türen und Fenster verriegelt und dunkel, dessen Tore verbarrikadiert waren. Im Vordergrund führte ein kleiner Pfad vom Palast zu den verkommenen Toren.

Par blickte Padishar Creel an.

»Diese Mauer bedeutet die Trennlinie zwischen Vergangenheit und Gegenwart«, sagte der Anführer der Geächteten leise. »Der Boden, auf dem wir stehen, wird Volkspark genannt. Aber der wirkliche Volkspark, der, den es zu Zeiten unserer Vorfahren gab, ist dort unten.« Er wartete kurz, um das Gesagte wirken zu lassen. »Schau. Unterhalb des Föderationstorhauses, das den Pfad schützt.« Par folgte seinem Blick und gewahrte eine Ansammlung von riesigen Steinblöcken, die vor lauter Wald kaum zu sehen waren. »Das«, fuhr Padishar Creel schwermütig fort, »sind die Überreste der echten Sendic- Brücke. Es heißt, sie sei durch den Angriff des Dämonenlords auf Tyrsis zu Zeiten Panamon Creels schwer beschädigt worden. Einige Jahre später ist sie dann ganz zusammengebrochen. Diese andere Brücke«, er machte eine gleichgültige Handbewegung, »ist nichts weiter als Schau.« Er warf einen Blick auf Par. »Verstehst du jetzt?«

Par verstand. Die Teile des Bildes fügten sich zusammen. »Und das Schwert von Shannara?« Mit einem Auge bemerkte er den überraschten Ausdruck auf Damson Rhees Gesicht.

»Irgendwo dort unten, wenn ich mich nicht täusche«, erwiderte Padishar Creel. »Dort, wo es schon immer gewesen ist. Wolltest du etwas sagen, Damson?«

Das rothaarige Mädchen nahm Par am Arm und zog ihn von der Mauer weg. »Also deswegen bist du gekommen, Padishar?« sagte sie zornig zu dem Anführer der Geächteten.

»Hab Nachsicht, liebliche Damson. Urteile nicht zu schnell.«

Der Griff ihrer Hand auf Pars Arm verstärkte sich. »Das, was ihr vorhabt, ist gefährlich. Ich habe schon öfters Männer in die Grube geschickt, wie du wohl weißt, Padishar, und noch keiner von ihnen ist zurückgekommen.«

Padishar Creel lächelte nachsichtig. »Die Grube – so nennen die heutigen Bewohner von Tyrsis die Schlucht.«

»Du gehst zu viele Risiken ein«, beharrte das Mädchen.

»Damson ist mir Augen und Ohren und rechter Arm in Tyrsis«, fuhr Padishar Creel ruhig fort. Er lächelte sie an. »Erzähl dem Talbewohner, was du über das Schwert weißt, Damson.«

Sie wandte ihr Gesicht ab. »Der Einsturz der Sendic- Brücke ereignete sich zur gleichen Zeit, als die Föderation Callahorn annektierte und mit der Besetzung von Tyrsis begann. Der Wald, der jetzt den alten Volkspark bedeckt, in dem das Schwert von Shannara aufbewahrt wurde, wuchs buchstäblich über Nacht. Der neue Park und die Brücke entstanden ebenso schnell. Ich habe all das von den Alten erfahren, als ich sie gefragt habe. Das Schwert ist nicht wirklich aus dem Block verschwunden; der Block ist im Wald verschwunden. Menschen vergessen, besonders dann, wenn man ihnen etwas anderes erzählt. Fast alle glauben, daß es nur einen Volkspark und eine Sendic-Brücke gab – die, die sie jetzt sehen. Das Schwert von Shannara ist, falls es überhaupt jemals existiert hat, einfach verschwunden.«

Par schaute sie ungläubig an. »Der Wald, die Brücke und der Park haben sich über Nacht verändert?«

Sie nickte. »Einfach so.«

»Aber…?«

»Magie, mein Junge«, flüsterte Padishar Creel als Antwort auf seine unausgesprochene Frage.

Sie spazierten weiter, so lange, bis sie sich wieder dem farbigen Tuch näherten, auf dem die Reste ihres Essens standen. Die Kinder waren zurückgekommen und aßen die Kuchen.

»Die Föderation benutzt keine Magie«, behauptete Par immer noch verwirrt. »Sie haben die Magie verboten.«

»Sie haben ihre Benutzung durch andere verboten, ja«, stimmte der große Mann ihm zu. »Vielleicht, um sie selbst zu benutzen? Oder um sie an andere weiterzugeben? Oder an etwas anderes?« Er betonte die letzten Worte.

Par sah ihn bestürzt an. »Meinst du die Schattenwesen?«

Weder Padishar Creel noch Damson Rhee antworteten. Pars Gedanken überschlugen sich. Die Föderation und die Schattenwesen im Bunde miteinander – war das möglich?

»Ich denke schon lange über das Schicksal des Schwertes von Shannara nach«, grübelte Padishar Creel, wobei er darauf achtete, daß ihn die Kinder nicht hören konnten. »Das Schwert ist auch ein Teil der Geschichte meiner Familie. Es schien mir schon immer seltsam, daß es auf einmal verschwunden sein sollte. Zweihundert Jahre lang ruhte es in einem Block aus Marmor. Wie konnte es da einfach verschwinden? Was geschah mit dem Block, in den es eingepflanzt wurde? Ist er vielleicht weggezaubert worden?« Er sah Par an. »Damson hat lange nach der Antwort gesucht. Nur wenige haben sich daran erinnert, wie das Schwert verschwunden ist. Sie sind jetzt alle tot – aber ich kenne ihre Geschichte.« Er lächelte. »Jetzt bietet sich die Gelegenheit herauszufinden, ob die Geschichte wahr ist. Liegt das Schwert von Shannara hier in dieser Schlucht? Du und ich, wir werden die Antwort finden. Die Wiedergeburt der Magie des Elfenhauses von Shannara ist vielleicht der Schlüssel zur Freiheit der Vier Länder. Wir müssen es herausfinden.«

Damson Rhee schüttelte ihr tizianrotes Haupt. »Du scheinst darauf versessen, Padishar Creel, dein Leben wegzuwerfen. Und das Leben anderer wie das Leben dieses Jungen. Das werde ich nie verstehen.« Sie verließ die beiden Männer, um sich um die Kinder zu kümmern. Par gefiel es gar nicht, daß ein Mädchen, das jünger zu sein schien als er selbst, ihn einen Jungen nannte.

»Sei auf der Hut vor ihr, Par Ohmsford«, murmelte der Anführer der Geächteten.

»Sie hat kein Vertrauen in unser Glück«, stellte Par fest.

»Tja, sie sorgt sich grundlos. Wir verfügen über die Kraft von sieben Männern und können es mit den Gefahren, die möglicherweise in der Grube auf uns warten, aufnehmen. Und wenn wir auf Magie stoßen, dann haben wir dein Wunschlied und das Schwert des Hochländers. Genug jetzt!« Padishar Creel blickte zum Himmel auf. »Es wird bald dunkel, mein Junge.« Er legte seinen Arm um den Talbewohner und zog ihn zu Damson Rhee und den Kindern.

19

Als Padishar Creels zusammengewürfelte Familie den Parkrand erreichte und im Begriff war, auf die Hauptstraße hinauszutreten, drehte sich Damson Rhee zum Anführer der Geächteten um und sagte: »Die Wachtposten, die an der Mauer patrouillieren, wechseln sich um Mitternacht vor dem Föderationstorhaus ab. Ich kann dafür sorgen, daß ein kleiner Zwischenfall sie so lange aufhält, bis ihr in der Schlucht verschwunden seid — falls ihr immer noch dazu entschlossen seid. Ihr müßt auf jeden Fall von Westen her hineingehen.« Dann hob sie den Arm, zog eine Silbermünze aus Pars Ohr und gab sie ihm. Die Münze trug ihr Abbild. »Sie soll dir Glück bringen, Par Ohmsford« sagte sie. »Du wirst es brauchen, wenn du weiterhin auf ihn hörst.« Sie warf Padishar Creel einen zornigen Blick zu, nahm die Kinder an der Hand und verschwand, ohne sich umzudrehen, in der Menge. Der Anführer der Geächteten und der Talbewohner blickten ihr nach.