»Wer ist sie, Padishar?« fragte Par.
Padishar Creel zuckte die Schultern. »Wer sie sein will. Es gibt so viele Geschichten über ihre Herkunft wie über meine. Komm jetzt. Es wird auch für uns Zeit zu gehen.«
Er führte Par wieder durch die Stadt und hielt sich dabei an die weniger bevölkerten Straßen und Gassen. Die länger werdenden Schatten kündigten die Nacht an, aber die Hitze des Tages schien noch in den Mauern der Stadt gefangen. Par blickte zum Himmel auf. Die Mondsichel zeigte sich im Norden, vereinzelte Sterne im Osten. Er versuchte an das zu denken, was er über das Verschwinden des Schwertes von Shannara gehört hatte, stellte jedoch fest, daß er statt dessen an Damson Rhee dachte.
Padishar Creel hatte ihn noch vor Anbruch der Dunkelheit in den Keller des Lagerhauses hinter der Waffenschmiede zurückgebracht, wo Coll und Morgan bereits ungeduldig auf ihre Rückkehr warteten. Der Anführer der Geächteten nahm alle Fragen vorweg, indem er fröhlich lächelte und erklärte, daß alles arrangiert sei. Um Mitternacht würden die Talbewohner, der Hochländer, Blue und er einen kurzen Beutezug in die Schlucht unternehmen, die dem ehemaligen Herrscherpalast vorgelagert war. Sie würden ihren Abstieg mit Hilfe einer Strickleiter bewerkstelligen. Stasas und Drutt würden zurückbleiben. Sie würden die Leiter hochziehen, sobald ihre Gefährten sicher unten angekommen waren, und sich so lange versteckt halten, bis sie gerufen wurden. Dann würden sie auf die gleiche Weise verschwinden, wie sie gekommen waren.
Er erwähnte mit keinem Wort, warum sie das alles tun sollten, und keiner seiner eigenen Männer machte sich die Mühe zu fragen. Sie ließen ihn einfach reden und wandten sich dann wieder der Beschäftigung zu, der sie vorher nachgegangen waren. Coll und Morgan allerdings konnten sich kaum beherrschen, und Par war gezwungen, sie zur Seite zu nehmen und ihnen jede Einzelheit seines Ausflugs zu erzählen.
Als Par seinen Bericht beendet hatte, schüttelte Morgan zweifelnd den Kopf. »Es ist schwer zu glauben, daß eine ganze Stadt vergessen hat, daß es mehr als einen Volkspark und eine Sendic-Brücke gab«, erklärte er leise.
»So schwer auch wieder nicht, wenn man bedenkt, daß die Föderation mehr als einhundert Jahre daraufhingearbeitet hat«, widersprach Coll. »Überleg doch, Morgan. Die Föderation hat die Vier Länder dreihundert Jahre lang umerzogen.«
»Coll hat recht«, sagte Par. »Unseren letzten wirklichen Geschichtskundigen haben wir mit Allanon verloren. Die Geschichten der Druiden waren die einzigen schriftlichen Werke, die die Vier Rassen hatten, und wir wissen nicht, was damit geschehen ist. Das einzige, was uns geblieben ist, sind die Geschichtenerzähler mit ihrer mündlichen Überlieferung, und die meisten sind nicht besonders zuverlässig.«
»Alles, was mit der alten Welt zusammenhängt, gilt als Lüge«, sagte Coll, dessen Augen jetzt kalt waren. »Wir wissen, daß es die Wahrheit ist, aber wir sind praktisch die einzigen. Die Föderation hat alles geändert, damit es ihren Zwecken dienlich ist. Nach einhundert Jahren ist es nicht weiter verwunderlich, daß sich niemand in Tyrsis daran erinnert, daß der Volkspark und die Sendic-Brücke nicht die sind, die sie einmal waren.«
Morgan runzelte die Stirn. »Aber irgend etwas kommt mir noch immer seltsam vor. Es stört mich, daß das Schwert von Shannara in dieser Schlucht liegt und es keiner gesehen hat. Es stört mich, daß niemand, der sich nach unten wagt, jemals wieder nach oben kommt.«
»Das beunruhigt mich ebenfalls«, pflichtete Coll ihm bei.
Par blickte flüchtig zu den Geächteten hinüber, die ihnen keine Beachtung schenkten. »Keiner von uns hat angenommen, daß die Suche nach dem Schwert ungefährlich sein würde«, murmelte er leicht gereizt. »Ihr könnt doch nicht erwartet haben, daß wir einfach hingehen und es uns nehmen. Natürlich hat es keiner gesehen. Es wäre nicht verschwunden, wenn man es gesehen hätte, oder? Und ihr könnt sicher sein, daß die Föderation dafür gesorgt hat, daß alle, die in die Schlucht hinuntersteigen, nicht wieder heraufkommen. Deshalb haben sie Wachen und Wachhäuser aufgestellt! Außerdem glaube ich, daß die Tatsache, daß die Föderation so viel Mühe darauf verwendet hat, die alte Brücke und den Park zu verstecken, darauf hindeutet, daß sich das Schwert dort unten befindet.«
Coll sah seinen Bruder an. »Das deutet auch darauf hin, daß es dort unten bleiben soll.«
Sie beendeten das Gespräch und zogen sich in verschiedene Ecken des Kellers zurück. Die Hitze des Tages ließ endlich nach. Die kleine Gruppe nahm ohne viel zu reden ihre Abendmahlzeit ein. Nur Padishar Creel wußte allerhand zu erzählen; er gab Geschichten und Witze zum Besten, als ob diese Nacht wie jede andere Nacht wäre. Par war viel zu aufgeregt, um zu essen oder zu reden, und dachte lieber darüber nach, ob Padishar Creel wirklich so unbefangen war, wie er sich gab. Nichts schien seiner Laune etwas anhaben zu können. Padishar Creel war entweder tapfer oder töricht, und es störte Par, daß er nicht wußte, welches von beidem er war.
Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, saßen sie beieinander, redeten mit gedämpften Stimmen und starrten die Wände an. Padishar Creel setzte sich irgendwann zu Par. »Du kannst es kaum noch erwarten, mein Junge, stimmt’s?« fragte er leise.
Par nickte.
»Tja, nun wird es nicht mehr lange dauern.« Der Geächtete tätschelte sein Knie. Seine harten Augen blickten Par eindringlich an. »Denk an das, was wir vorhaben. Ein kurzer Blick, und schon sind wir wieder draußen. Falls wir das Schwert finden, gut. Falls nicht, darf es keine Verzögerungen geben. Vorsicht ist oberstes Gebot.« Er machte sich wieder davon, und Par starrte ihm nach.
Die Minuten schienen sich ins Endlose zu dehnen. Par und Coll saßen schweigend nebeneinander. Par konnte in der Stille die Gedanken seines Bruders beinahe hören. Die Öllampen flackerten und rußten. Eine riesige Sumpffliege schwirrte an der Decke, bis Blue ihr den Garaus machte. Der Keller wurde auf einmal eng.
Endlich erhob sich Padishar Creel und verkündete, es sei Zeit. Ungeduldig erhoben sie sich ebenfalls. Waffen wurden umgeschnallt und Umhänge fest angezogen. Sie verließen den Keller und begaben sich in die Nacht hinaus.
Die Laternen der Gassen, durch die Padishar Creel sie führte, waren meist zerbrochen oder nicht angezündet worden, und so hatten sie lediglich das Licht des Mondes, das ihnen den Weg durch die Nacht wies. Betrunkene und Bettler, die ihrer ansichtig wurden, sahen kaum auf.
Als sie den Volkspark und die Sendic-Brücke erreichten, schickte Padishar Creel sie gruppenweise über die breite Hauptstraße in den Park hinein. Nur eine einzige Föderationspatrouille machte ihre Runde, ohne jedoch die kleinen Gruppen zu bemerken. Vor dem Wachhaus in der Mitte der Mauer war eine Wache postiert, aber der Lichtschein, der aus dem Gebäude herausdrang, machte es den Soldaten unmöglich, die Gestalten, die sich im Dunkeln verloren, zu erkennen. Padishar Creel führte sie durch den Park zu der Schlucht. Dort hieß er sie warten.
Par kauerte regungslos in der Dunkelheit und lauschte dem Dröhnen seines Herzschlags in seinen Ohren. Er fühlte sich unwohl und fragte sich, ob die Entscheidung hierherzukommen richtig gewesen war. Er warf einen Blick auf Padishar Creel, aber dieser war damit beschäftigt, die Strickleiter zu entwirren, mit deren Hilfe sie in die Schlucht hinabsteigen wollten…