Eine Patrouille aus vier Föderationssoldaten tauchte vor ihnen auf. Obwohl das Geräusch ihrer Stiefel ihr Kommen angekündigt hatte, war ihr Anblick furchteinflößend. Par und die anderen warfen sich in ihrem Versteck flach auf den Boden. Die Soldaten blieben stehen und redeten leise miteinander, bevor sie sich umdrehten und auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren, wieder zurückgingen.
Par atmete langsam aus. Er wagte einen kurzen Blick in die dunkle Schlucht. Sie schien von unergründlicher Tiefe zu sein.
Padishar Creel und die anderen Geächteten bereiteten alles für den Abstieg vor und machten die Strickleiter fest. Par, der es kaum noch erwarten konnte, seine Muskeln zu entspannen, erhob sich mit dem Gedanken, das Ganze möglichst schnell hinter sich zu bringen. Eigentlich hätte er zuversichtlich sein müssen. Er war es aber nicht. Sein Unbehagen wuchs stetig, und er wußte nicht, warum. Irgend etwas zerrte an seinen Nerven, warnte ihn, irgendein sechster Sinn, den er nicht benennen konnte.
Er glaubte etwas zu hören – nicht unter ihnen in der Schlucht, sondern hinter ihnen im Park. Seine scharfen Elfenaugen spähten in die Dunkelheit.
Dann vernahm er vereinzelte Schreie aus der Richtung des Wachhauses, und schon drangen Alarmrufe durch die Nacht.
»Jetzt!« drängte Padishar Creel, und sie verließen ihr Versteck, um zur Mauer zu laufen.
Die Strickleiter war bereits an der Mauer befestigt. Eilig wurde sie in die Finsternis hinuntergelassen. Blue bestieg die Leiter als erster. Er prüfte sie mit seinem Gewicht, um dann vor ihren Augen zu verschwinden.
»Denkt daran, auf mein Zeichen zu warten«, sagte Padishar Creel zu Stasas und Drutt eilig; seine Stimme war nur ein heiseres Flüstern.
Er drehte sich um, um Par das Zeichen für den Abstieg zu geben, als ein Schwärm von Föderationssoldaten aus der Dunkelheit hinter ihnen auftauchte. Alle erstarrten. Par spürte, wie sich sein Magen vor lauter Entsetzen verkrampfte. Er ertappte sich bei dem Gedanken daran, daß er sie hätte spüren müssen, und wußte im gleichen Augenblick, daß er sie tatsächlich gespürt hatte.
»Legt eure Waffen ab«, befahl eine Stimme.
Einen Augenblick fürchtete Par, daß Padishar Creel lieber kämpfen werde, als sich zu ergeben. Die Blicke des Anführers der Geächteten flogen nach links und rechts, seine aufrechte Gestalt war starr. Aber die Zahl ihrer Gegner war überwältigend. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seinen Mund, und er ließ sein Schwert und sein langes Messer wortlos zu Boden gleiten. Die anderen der kleinen Gruppe taten es ihm gleich, und die Föderationssoldaten bildeten einen Ring um sie. Ihre Waffen wurden eingesammelt und ihre Arme auf dem Rücken zusammengebunden.
»Einer ist noch unten in der Schlucht«, ließ einer der Soldaten ihren Anführer wissen, einen kleineren Mann mit kurzem Haar und dem Abzeichen eines Kommandanten auf seiner dunklen Uniform.
Der Kommandant warf ihm einen kurzen Blick zu. »Schneide die Strickleiter durch und laß ihn abstürzen.«
Die Strickleiter war in einer Sekunde durchschnitten. Geräuschlos fiel sie in die Tiefe. Par wartete auf einen Schrei, aber es kam keiner. Vielleicht hatte Blue seinen Abstieg bereits beendet. Er sah Coll an, der nur hilflos den Kopf schüttelte.
Der Föderationskommandant wandte sich an Padishar Creel. »Du sollst wissen, Padishar Creel«, sagte er mit leiser, gemäßigter Stimme, »daß du von einem deiner eigenen Leute verraten worden bist.«
Er wartete einen Augenblick auf eine Reaktion, aber es kam keine. Padishar Creels Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Nur seine Augen verrieten die Wut, die er irgendwie zurückzuhalten vermochte.
Dann wurde die Stille von einem schrecklichen Schrei zerrissen, der aus der Tiefe der Schlucht aufstieg.
Es ist Blue, dachte Par voll Entsetzen. Der Föderationskommandant warf einen flüchtigen Blick in die Schlucht und befahl, die Gefangenen abzuführen. Sie wurden im Gänsemarsch zum Wachhaus geführt. Par schleppte sich in der niederschmetternden Stille hinter den anderen her, Blues Schrei hallte in seinen Ohren nach. Was war mit dem Geächteten unten in der Schlucht geschehen? »Verraten«, hatte der Föderationskommandant gesagt. Aber durch wen?
Er stolperte über eine Baumwurzel, raffte sich wieder auf und stolperte weiter. Alle möglichen Gedanken schwirrten in seinem Kopf umher. Sie wurden sicher in das Föderationsgefängnis gebracht. Wenn sie erst einmal dort waren, war das große Abenteuer zu Ende. Dann gab es keine Suche mehr nach dem verlorenen Schwert von Shannara. Und auch an die Aufgabe, mit der Allanon ihn betraut hatte, würde er keinen Gedanken mehr verschwenden müssen. Keiner würde je wieder aus dem Föderationsgefängnis herauskommen.
Er mußte fliehen. Wenn er es nicht tat, würden alle eingesperrt und vergessen werden. Nur Damson Rhee wußte, wo sie waren, und der Gedanke schoß Par durch den Kopf, daß sie die beste Möglichkeit gehabt hatte, sie zu verraten.
Sein Atem ging langsamer. Seine Chancen zu entkommen würden nie wieder so gut sein wie jetzt. War er erst einmal im Gefängnis, würde eine Flucht sehr viel schwieriger sein. Vielleicht würde sich Padishar Creel bis dahin einen Plan überlegt haben, aber Par wollte dieses Risiko nicht eingehen.
Er betrachtete die Lichter des Wachhauses, die zwischen den Bäumen des Parks schimmerten. Er hatte nur noch wenige Minuten. Er mußte es allein versuchen. Er mußte Coll und Morgan zurücklassen. Er hatte keine andere Wahl.
Par atmete tief ein. Er wartete, bis sie an einem verwilderten Birkenwäldchen vorbeigingen, und stimmte dann das Wunschlied an. Er sang leise, ließ seine Stimme mit den Klängen der Nacht verschmelzen, verwandelte sie in ein Flüstern im Wind, in den Ruf eines Vogels, in das Zirpen einer Grille. Er ließ die Magie des Wunschliedes ausströmen, die die Wachen ablenkte, so daß sie ihre Augen von ihm abwandten und vergaßen, daß es ihn gab…
Und dann machte er einfach einen Schritt in das Bir kenwäldchen hinein und verschwand.
Die Gefangenen marschierten ohne ihn weiter. Niemand hatte zur Kenntnis genommen, daß er verschwunden war. Falls Coll oder Morgan oder die anderen irgend etwas bemerkt hatten, ließen sie sich nichts anmerken.
Die Föderationssoldaten und ihre Gefangenen setzten ihren Weg zum Wachhaus fort. Als sie verschwunden waren, bewegte sich Par lautlos in die Nacht hinein. Es gelang ihm fast sofort, sich der Fesseln an seinen Händen zu entledigen. Ungefähr hundert Meter von der Stelle, an der er entkommen war, fand er an der Mauer eine scharfe Kante, an der er sich hochreckte und die Fesseln in wenigen Minuten durchrieb. Bis jetzt hatte keiner der Soldaten Alarm gegeben; offensichtlich wurde er nicht vermißt. Vielleicht hatten sie sich nicht die Mühe gemacht, ihre Gefangenen zu zählen, dachte er. Schließlich war es dunkel gewesen, und die Gefangennahme war eine Sache von Sekunden gewesen.
Vorsichtig schlich er durch den Park zur Hauptstraße, wobei er alle paar Sekunden stehenblieb, um nach Geräuschen möglicher Verfolger zu lauschen. Der Schweiß, der seinen Körper bedeckte, ließ sein Hemd an seinem Rücken kleben. Seine gelungene Flucht ließ ihn jubeln, doch die Erkenntnis, daß er nicht wußte, wie er sie nutzen sollte, ließ ihn verzweifeln. Er konnte weder in Tyrsis noch außerhalb von Tyrsis auf Hilfe hoffen. Er wußte nicht, wen er in der Stadt hätte aufsuchen können; es gab niemanden, dem er in seiner Lage hätte vertrauen können. Und er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er zum Parmakeil zurückfinden sollte.
Die Lichter der Hauptstraße schienen bereits durch die Bäume. Par stolperte bis zum Rand des Parks, um sich dann in schierer Verzweiflung gegen den Stamm eines alten Ahornbaums zu lehnen. Er mußte etwas unternehmen; er konnte nicht einfach ziellos umherwandern.
Er mußte Coll und Morgan finden. Er mußte einen Weg finden, um sie zu befreien. Gebrauche das Wunschlied, dachte er. Aber wie?
Eine Föderationspatrouille kam die Straße daher, er hörte das Trampeln ihrer Stiefel in der Stille. Er wich in den Schatten zurück und wartete, bis sie außer Sicht waren. Dann ging er zu einem Brunnen, der an der Straße stand. Er benetzte Hände und Gesicht eilig mit Wasser.