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Der Gedanke an Coll, Morgan und Padishar Creel in den Händen von Felsen-Dall ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Was würde der oberste Sucher mit dem Anführer der Geächteten anstellen?

»Heute nacht«, fuhr Damson Rhee in einem Ton fort, der zugleich weich und bestimmt war, »heute nacht erwarten sie uns bestimmt nicht. Sie werden Padishar und die anderen in den Zellen im Wachhaus eingeschlossen haben. Sie haben sie sicher noch nicht fortgeschafft. Bei Tagesanbruch werden sie müde und schläfrig sein. Eine bessere Chance wird sich uns nicht bieten.«

Ungläubig starrte er sie an. »Uns beiden?«

»Wenn du dich mir anschließen willst.«

»Aber was können wir denn ausrichten?«

Im Mondlicht schimmerte ihr rotes Haar geheimnisvoll. »Erzähl mir von deiner Magie. Was kannst du damit machen, Par Ohmsford?«

Jetzt gab es keinen Grund mehr zu zögern. »Mich unsichtbar machen«, sagte er. »Mich in etwas verwandeln, das ich gar nicht bin. Andere glauben machen, daß sie Dinge sehen, die gar nicht existieren. Im Grunde genommen alles, was ich will, vorausgesetzt, es dauert nicht lange. Es handelt sich ganz einfach um Sinnestäuschungen, verstehst du?«

Sie wandte sich von ihm ab, schritt auf die nahen Bäume zu und blieb stehen. Par wartete, spürte, wie ein kühler Windhauch seine Haut streifte, lauschte auf die Stille, die über der Stadt lagerte. Er fühlte eine Angst in sich, die er nicht unterdrücken konnte – Angst bei dem Gedanken, seine Freunde befreien zu müssen, Angst bei dem Gedanken, dabei zu versagen. Aber den Versuch überhaupt nicht zu wagen war unvorstellbar.

Was konnten sie tun – dieses junge Mädchen und er?

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, kam sie zu ihm zurück; aus ihren Augen sprach Entschlossenheit, als sie seinen Arm berührte und flüsterte: »Ich glaube, ich weiß eine Möglichkeit, Par.«

Unwillkürlich mußte er lächeln. »Laß hören«, sagte er.

20

Nachdem Walker Boh die kleine Truppe am Hadeshorn verlassen hatte, kehrte er zum Kamin zurück. Er ritt auf seinem Pferd nach Osten, überquerte den Rabb, ritt an Storlock und seinen Heilern vorbei, überquerte das Wolfsktaag-Gebirge und den Jadepaß und folgte dem Mangoldfluß aufwärts bis zum Dunkelstreif. Drei Tage später war er wieder zu Hause. Während seiner Reise sprach er mit niemand, hielt sich von allen und allem fern und legte nur dann eine Pause ein, wenn er essen und schlafen mußte. Er hätte, das wußte er, keinen guten Reisebegleiter abgegeben. Er war besessen von dem Gedanken an seine Begegnung mit dem Geist Allanons.

Während der ersten vierundzwanzig Stunden nach seiner Rückkehr wurde der Anar von einem besonders schweren Sturm heimgesucht, und Walker Boh schloß sich trotzig in seinem Haus ein, während die Winde um dessen Bretterwände heulten und der Regen auf sein Dach niederprasselte. Das waldige Tal wurde überflutet, von Blitzen und langem, unheimlichem Donner erschüttert. Das Prasseln des Regens übertönte jedes andere Geräusch, und Walker Boh saß in Decken eingehüllt da; er verspürte einen so großen seelischen Schmerz, wie er ihn nicht für möglich gehalten hätte. Langsam kroch die Verzweiflung in ihm hoch.

Es war die Unvermeidlichkeit der Dinge, die er fürchtete. Er war, welchen Namen er sich auch zulegte, nichtsdestoweniger ein Ohmsford, und er wußte, daß die Ohmsfords, ungeachtet ihrer Bedenken, letztendlich immer dazu gezwungen worden waren, dem Ruf der Druiden zu folgen. So war es Shea und Flick ergangen, genauso wie Wil, Brin und Jair. Jetzt war er an der Reihe, ebenso wie Wren und Par. Par nahm die Aufgabe natürlich mit Freuden an. Par war ein unverbesserlicher Romantiker, ein selbsternannter Helfer der Unterdrückten und Gequälten. Par war ein Narr.

Oder ein Realist, je nachdem, wie man die Sache betrachtete. Denn er tat nichts anderes, als ohne Widerrede das auszuführen, wozu auch Walker Boh gezwungen sein würde, nämlich Allanons Willen, dem Willen eines toten Mannes, Folge zu leisten. Der Geist war ihnen erschienen wie ein strafender Erzvater, der der Umarmung des Todes entkommen war, der sie ob ihres fehlenden Eifers tadelte, sie ob ihrer Bedenken schalt und sie mit einer Aufgabe betraute, die zugleich selbstzerstörerisch war. Sorgt für die Rückkehr der Druiden! Laßt Paranor wieder lebendig werden! Tut dies, weil ich euch sage, daß es notwendig ist, weil ich, ein körper- und seelenloses Wesen, es verlange!

Walker Bohs Stimmung verschlechterte sich in dem Maße, in dem er sich die ganze Angelegenheit vor Augen führte; eine Schwermut überfiel ihn, die den Sturm und das Gewitter draußen widerspiegelte. Verändert das Angesicht der Erde – das war es, was der Geist von ihnen verlangte, von Par, Wren und ihm selbst. Nehmt die dreihundertjährige Entwicklung in den Vier Ländern und macht sie in einem einzigen Augenblick zunichte! Was konnte der Geist wollen, wenn nicht das? Die Rückkehr der Magie, die Rückkehr derer, die die Magie ausübten, und aller Dinge, die mit diesem Geist vor dreihundert Jahren ein Ende gefunden hatten. Wahnsinn! Sie sollten wie Schöpfer mit dem Leben spielen, obwohl sie dazu kein Recht hatten!

Durch den Schleier seiner Wut und Angst gelang es Walker, die Züge des Geistes heraufzubeschwören. Allanon, der letzte der Druiden, der Bewahrer der Geschichte der Vier Länder, der Beschützer der Rassen, der Spender der Magie und der Geheimnisse – seine dunkle Gestalt erhob sich im Angesicht der Jahre gleich einer Wolke im Angesicht der Sonne, deren Wärme und Licht sie in sich aufsaugt. Alles, was sich zu seinen Lebzeiten zugetragen hatte, trug seinen Stempel. Und vor ihm war es Bremen gewesen und vor ihm die Druiden des Ersten Rates der Rassen. Die Kriege der Magie, das Ringen ums Überleben, die Kämpfe zwischen Licht und Dunkel waren sämtlich das Werk der Druiden.

Und jetzt verlangte man von ihm, all das zurückzuholen.

Man konnte behaupten, daß es notwendig war. Genau das war schon immer behauptet worden. Man konnte sagen, daß die Druiden lediglich am Erhalten und Beschützen interessiert waren und nie am Lenken. Aber hatte es schon jemals das eine ohne das andere gegeben? Dämonenlords, Dämonen und Mordgeister waren verschwunden; an ihre Stelle waren Schattenwesen getreten. Aber wer oder was waren diese Schattenwesen, daß die Menschen der Hilfe der Druiden und der Magie bedurften? Konnten die Menschen den Mißständen der Welt nicht aus eigener Kraft begegnen? Mußten sie sich einer Macht beugen, die sie kaum verstanden? Magie war immer mit Leid wie mit Freude verbunden, ihre schwarze Seite konnte so leicht beeinflussen und verändern wie ihre weiße. Sollte er ihr zur Rückkehr verhelfen, nur um sie den Männern zu überlassen, die wiederholt bewiesen hatten, daß sie nicht in der Lage waren, ihrer Wahrheiten Herr zu werden?

Wie konnte er?

Doch ohne sie konnte die Welt zu dem werden, was der Geist Allanons ihnen gezeigt hatte, zu einem Alptraum aus Feuer und Finsternis, in den nur Kreaturen wie die Schattenwesen gehörten. Vielleicht entsprach es doch der Wahrheit, daß die Magie das einzige Mittel war, die Rassen vor solchen Wesen zu schützen.

Vielleicht.

Die Wahrheit war, daß er an dem, was geschehen würde, schlichtweg nicht teilhaben wollte. Er war weder im Geist noch im Fleisch ein Kind der Rassen der Vier Länder und war es auch nie gewesen. Er konnte ihren Männern und Frauen auch kein Mitgefühl entgegenbringen. Er gehörte nicht zu ihnen. Er war gestraft mit seiner eigenen Magie, und sie hatte ihm seine Menschenwürde sowie seinen Platz unter den Menschen geraubt, hatte ihn von allen anderen Lebewesen isoliert. Es war eine Ironie, daß er als einziger keine Angst vor den Schattenwesen hatte. Möglicherweise konnte er sogar Schutz vor ihnen bieten, wenn er darum gebeten wurde. Aber keiner würde ihn darum bitten. Er war ebenso gefürchtet wie sie. Er war der Dunkle Onkel, der Nachfahre von Brin Ohmsford, Träger ihres Vermächtnisses, Vollstrecker einer namenlosen Aufgabe von Allanon…