Aber die Aufgabe war nicht mehr namenlos. Das Geheimnis war enthüllt worden. Er sollte Paranor und den Druiden die Rückkehr ermöglichen, die Rückkehr aus der Vergangenheit, aus dem Nichts.
Genau das hatte der Geist von ihm verlangt, und die Forderung geisterte unablässig durch die Windungen seines Gehirns, überwand Hindernisse, überlistete seinen Verstand.
Er nagte an diesem Gedanken wie ein Hund an seinem Knochen, und die Tage schleppten sich dahin. Der Sturm ließ nach, die Sonne erschien am Himmel und trocknete die Ebenen, überzog jedoch die Wälder mit Hitze. Nach einiger Zeit verließ er das Haus, durchschritt das Tal in Begleitung von Ondit, der riesigen Moorkatze, die aus den Regenwäldern gekommen war. Die Katze war ihm ein Gefährte, doch sie bot ihm keinen Ausweg aus seinem Dilemma und keine Linderung seiner quälenden Gedanken. Im Verlauf der folgenden Tage und Nächte wanderten sie gemeinsam.
In der Nacht, in der Par Ohmsford und seine Gefährten bei dem Versuch, das Schwert von Shannara in Besitz zu nehmen, verraten wurden, kehrte Cogline in das Kamintal zurück und zerstörte damit die Illusion der Abgeschiedenheit, die Walker Boh so verzweifelt aufrechtzuerhalten suchte. Es war spät am Abend, die Sonne war im Westen untergegangen, am Himmel standen der Mond und die Sterne, und die Sommerluft verströmte den Duft des neuen Wachstums. Walker Boh kehrte von einem Aufenthalt am Kaminfelsen zurück, einem Zufluchtsort, der ihm besonders tröstlich erschien; der riesige Stein war eine Quelle, aus der er Kraft schöpfen konnte. Obwohl die Tür seiner Hütte offen und die Zimmer wie immer beleuchtet waren, spürte Walker Boh sofort, noch bevor Ondits Schnurren verstummte, daß etwas anders war. Ganz vorsichtig trat er auf die Veranda und die Tür zu.
Cogline saß am hölzernen Eßtisch. Ein großes, viereckiges Paket, in Öltuch eingewickelt und mit einer Schnur zusammengebunden, lag neben ihm. Ein fast unberührtes Glas Bier stand vor ihm auf dem Tisch. »Ich habe auf dich gewartet, Walker«, begrüßte er den anderen, der sich noch immer im Dunkeln auf der anderen Seite der Tür befand.
Walker Boh trat ein. »Du hättest dir die Mühe sparen können.«
»Mühe?« Der alte Mann streckte seine verknöcherte Hand aus, und Ondit trabte auf ihn zu, um zutraulich den Kopf an ihm zu reiben. »Es wurde Zeit, daß ich mein Zuhause wiedersah.«
»Ist dies dein Zuhause?« fragte Walker Boh. Er wartete auf eine Antwort, doch sie blieb aus. »Wenn du gekommen bist, um mich dazu zu überreden, die Aufgabe, die mir vom Geist Allanons zugeteilt wurde, zu übernehmen, sollst du wissen, daß ich genau das niemals tun werde.«
»Mein guter Walker, niemals ist eine unendlich lange Zeit. Außerdem habe ich nicht die Absicht, dich zu irgend etwas zu überreden. Ich nehme an, daß du bereits in ausreichendem Maß überredet worden bist.«
Walker Boh begab sich zum Tisch, wo er sich Cogline gegenüber niedersetzte.
Der alte Mann nahm einen Schluck Bier zu sich. »Vielleicht hast du nach meinem Verschwinden am Hadeshorn gedacht, daß ich für immer verschwunden sei«, sagte er leise. In seiner Stimme schwang ein Ton mit, den der andere weder deuten konnte noch wollte. »Vielleicht hast du’s dir sogar gewünscht.«
Walker Boh sagte nichts.
»Ich bin in der Welt draußen gewesen, Walker. Ich habe die Vier Länder und die Rassen gesehen, bin durch die Städte und das Land gezogen; ich habe den Puls des Lebens gespürt und habe festgestellt, daß er immer schwächer wird. Ein Bauer sprach mit mir, ein Mann, den die Sinnlosigkeit dessen, was er gesehen hat, zermürbt und zerbricht. ›Nichts wächst‹, flüsterte er. ›Die Erde krankt, als sei sie von irgendeiner Seuche befallen.‹ Die Vier Länder welken und verdorren, und es ist, als ob ihnen jeder Überlebenswille abhanden gekommen wäre. Mensch und Tier erkranken gleichermaßen und sterben. Alles wird zu Staub.«
Walker Boh schüttelte den Kopf. »Das Land und seine Menschen haben schon immer schwere Zeiten erlitten, Cogline. Du siehst die Vision Allanons, weil du sie sehen willst.«
»Nein, Walker.« Der alte Mann schüttelte entschlossen den Kopf. »Ich will nicht teilhaben an den Visionen der Druiden. Ich bin ebenso wie du ein Opfer. Glaub, was du willst, aber ich möchte damit nichts zu tun haben. Ich habe mich für mein Leben entschieden, so wie du dich für deines entschieden hast. Aber du glaubst mir nicht, stimmt’s?«
Walker Boh lächelte unfreundlich. »Du hast dich für die Magie entschieden, weil du es so wolltest. Als ehemaliger Druide hattest du die Wahl. Du hast dich mit den Wissenschaften und mit Zauberei befaßt, weil du dich dafür interessiert hast. Bei mir war das ganz und gar nicht der Fall. Ich mußte mit einem Erbe leben, das ich besser nie gekannt hätte. Die Magie wurde mir gegen meinen Willen aufgezwungen. Ich gebrauche sie, weil ich keine andere Wahl habe. Sie ist wie ein Mühlstein, der mich zu Boden zwingt. Ich mache mir nichts vor. Sie hat aus meinem Leben einen Trümmerhaufen gemacht.« Aus seinen dunklen Augen sprach Bitterkeit. »Versuch nicht, uns beide auf eine Stufe zu stellen, Cogline.«
»Harte Worte, Walker Boh. Du hast meine Unterweisung in der Magie einstmals nur allzu bereitwillig angenommen. Damals war sie dir willkommen, und du wolltest die Geheimnisse kennenlernen.«
»Eine Frage des Überlebens und sonst nichts. Ich war ein Kind, das in der Gewalt eines Druiden war. Ich habe dich benutzt, um selbst am Leben zu bleiben. Du warst der einzige, den ich hatte. Erwarte keine Dankbarkeit von mir, Cogline.«
Cogline erhob sich mit einer Schnelligkeit, die seinen gebrechlichen Körper Lügen strafte. Er überragte die ihm gegenübersitzende Gestalt, und auf seinem verwitterten Gesicht lag ein drohender Ausdruck. »Armer Walker«, flüsterte er. »Du leugnest immer noch, wer du bist – und du leugnest damit deine Existenz. Wie lange wirst du das noch fertigbringen?«
Die Stille, die nun eintrat, war unheilvoll. Ondit, der sich auf einem Teppich vor dem Feuer zusammengerollt hatte, schaute erwartungsvoll auf. Glühende Asche stob aus dem Herd und erfüllte die Luft mit einem Funkenregen.
»Warum bist du gekommen, Alter?« fragte Walker Boh schließlich; in seiner Stimme schwang eine kaum beherrschte Wut.
»Um zu versuchen, dir zu helfen«, erwiderte Cogline. Er sagte dies ohne jegliche Ironie. »Um dein Denken in eine bestimmte Richtung zu lenken.«
»Ich bin auch ohne dich ganz zufrieden.«
»Zufrieden?« Der andere schüttelte den Kopf. »Nein, Walker, du wirst erst dann zufrieden sein, wenn du aufhörst, gegen dich selbst zu kämpfen. Ich habe geglaubt, daß das, was du von mir über den Gebrauch der Magie gelernt hast, dich von solchen Kindereien abgebracht hätte – aber es scheint, daß dem nicht so ist. Dir stehen noch schwere Lektionen bevor, Walker. Es kann sein, daß du sie nicht überlebst.« Er schob das schwere Paket über den Tisch. »Öffne es.«
Walker Boh zögerte, starrte wie gebannt auf das Dargebotene. Dann streckte er die Hand aus, öffnete mit einer einzigen Bewegung den Knoten der Schnur und schlug das Öltuch auf.
Er blickte auf ein großes, ledergebundenes Buch, das mit verschnörkelten Goldbuchstaben beschriftet war. Er streckte die Hand aus und berührte es vorsichtig, schlug es auf und warf einen kurzen Blick hinein, um augenblicklich zurückzufahren, als hätte er sich die Finger verbrannt.
»Ja, Walker. Es ist eins der verlorengegangenen Bücher der Druiden, nur ein einziger Band.«
»Woher hast du das?« erkundigte sich Walker Boh barsch.
»Aus dem verschwundenen Paranor.«
Walker Boh erhob sich langsam. »Du lügst.«