»Meinst du? Schau mir in die Augen und sag, was du siehst.«
Walker wich zurück. Er zitterte. »Es ist mir egal, woher du es hast oder welche Hirngespinste du zusammengebraut hast, um mich etwas glauben zu machen, von dem ich im tiefsten Herzen weiß, daß es unmöglich ist! Trag es dorthin zurück, wo du es her hast, oder wirf es in den See! Ich will damit nichts zu tun haben.«
Cogline schüttelte den Kopf. »Nein, Walker, ich werde es nicht wieder mitnehmen. Ich habe es aus vergangenen Zeiten geholt, um es dir zu geben. Ich bin nicht dein Peiniger. Ich bin der beste Freund, den du je haben wirst, selbst wenn du das jetzt nicht glauben kannst.« Das zerfurchte Gesicht wurde weich. »Ich habe bereits gesagt, daß ich gekommen bin, um dir zu helfen. Das will ich auch tun. Lies das Buch, Walker. Es enthält Wahrheiten, die erkannt werden müssen.«
»Das werde ich nicht tun!« schrie der andere zornig.
Cogline betrachtete den jüngeren Mann lange, dann seufzte er. »Wie du willst. Aber das Buch bleibt hier. Ob du es liest oder nicht, liegt ganz bei dir. Du kannst es sogar vernichten, wenn du willst.« Er trank den Rest seines Biers, stellte das Glas vorsichtig auf den Tisch und sah auf seine verknöcherten Hände hinunter. »Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun.« Er ging um den Tisch herum und trat vor den anderen. »Bis dann, Walker. Ich würde bleiben, wenn das nützen würde. Ich würde dir alles in meiner Macht Stehende geben, wenn du es annehmen wolltest. Aber du bist noch nicht bereit dazu. Ein andermal vielleicht.« Er wandte sich ab und verschwand in der Dunkelheit. Er schaute sich nicht einmal um.
Walker Boh beobachtete, wie er langsam verschwand, ein Schatten, der in die Dunkelheit hineintrat, die ihn geschaffen hatte.
Die Hütte schien, als er gegangen war, plötzlich leer und still. »Es wird gefährlich sein, Par«, flüsterte Damson Rhee.
Par Ohmsford schwieg. Sie befanden sich wieder inmitten des Volksparks und kauerten in einem Zedernwäldchen, gegen das Licht geschützt, das von den Lampen des Wachhauses in den Park geworfen wurde. Es war weit nach Mitternacht.
»Erinnerst du dich an sein Aussehen?« fragte Damson. Par nickte. Es war kaum wahrscheinlich, daß er das Gesicht von Felsen-Dall je vergessen würde.
Sie schwieg kurz. »Falls wir gestellt werden, mußt du ihre Aufmerksamkeit auf dich lenken. Ich werde mit allen Gefahren fertig.«
Wieder nickte er. Regungslos warteten sie in ihrem Unterschlupf, lauschten in die Stille hinaus, hingen ihren eigenen Gedanken nach. Sie waren die einzige Chance für Coll und die anderen. Sie würden das riskante Unternehmen erfolgreich durchführen, weil sie keine andere Wahl hatten.
Die Torwachen rührten sich, als die anderen, die an der westlichen Mauer des Parks patrouillierten, aus der Dunkelheit auftauchten. Sie wechselten ein paar Worte, bis auch die Wachen der östlichen Mauer auftauchten. Eine Flasche wurde herumgereicht, bis sie wieder in westlicher und östlicher Richtung verschwanden. Die Torwachen bezogen wieder ihren Posten.
Die Minuten schleppten sich dahin. Die Einsamkeit, die das Wachhaus zuvor umgeben hatte, kehrte zurück. Die Wachen gähnten. Einer der beiden lehnte sich müde auf den Schaft seiner Streitaxt.
»Jetzt«, erklärte Damson Rhee. Sie packte den Talbewohner bei den Schultern. Ihre Lippen streiften seine Wange. »Wünsch uns Glück, Par Ohmsford.«
Und schon machten sie sich auf den Weg. Sie traten frech in den Lichtschein hinein, als wären sie dort zu Hause, und auf das Wachhaus zu. Par hatte bereits das Wunschlied angestimmt, wob seinen Zauber durch die Stille der Nacht, erfüllte den Geist der Wachen mit den Bildern, die sie sehen sollten.
Was sie sahen, waren zwei Sucher; der größere von beiden war Felsen-Dall.
Sie standen sofort stramm. Par sang mit gleichförmiger Stimme; die Magie hielt den Geist der willfährigen Männer in ihrem fortwährenden Bann.
»Öffnet!« befahl Damson Rhee mit befehlsgewohnter Stimme, als sie das Wachhaus erreichten.
Die Wachen überschlugen sich vor Eifer. Sie zogen das verriegelte Tor auf, öffneten die Schlösser und hämmerten ungeduldig an die Türen, um die Wachen drinnen zu verständigen. Eine winzige Tür öffnete sich, so daß Par das Zentrum seiner Aufmerksamkeit ein wenig verlagerte. Verschlafene Augen spähten heraus, und die Schlösser wurden aufgesperrt. Die Türen flogen zurück, und Par und Damson drängten hinein.
Sie befanden sich in einem Wachraum und sahen sich allerhand Waffen, die in den Wandregalen aufbewahrt wurden, und einem Haufen verblüffter Soldaten gegenüber. Die Soldaten hatten in der festen Überzeugung, daß die Nacht keine Aufregungen mehr bereit hielt, Karten gespielt und getrunken. Sie wurden vom Eintreffen der Sucher überrascht, was sich in ihren Gesichtern widerspiegelte. Par füllte den Raum mit dem leisen Summen des Wunschliedes. Es kostete ihn all seine Kraft.
Damson Rhee verstand, an welch dünnem Faden ihr Unternehmen hing. »Alle raus hier!« befahl sie.
Der Raum leerte sich augenblicklich. Ein Mann, offen sichtlich der Wachoffizier, blieb. Er stand unsicher vor ihnen, und obwohl er sich wünschte, irgendwo anders zu sein, war er unfähig zu gehen.
»Führ uns zu den Gefangenen«, sagte Damson Rhee, die jetzt zur linken Seite des Mannes stand.
Der Offizier räusperte sich, nachdem er vergeblich versucht hatte zu sprechen. »Ich muß zuerst die Erlaubnis des Kommandanten einholen«, wagte er zu sagen.
Damson Rhee richtete ihren Blick auf das Ohr des Mannes, wodurch er gezwungen war, in eine andere Richtung zu schauen. »Wo ist dein Kommandant?« fragte sie.
»Er schläft unten«, antwortete der Mann. »Ich werde ihn wecken.«
»Nein.« Damson Rhee verbot ihm zu gehen. »Wir wecken ihn gemeinsam auf.«
Sie verließen den Raum durch eine Tür am anderen Ende des Zimmers und betraten die Treppe, die nach unten führte und von Öllampen schwach erhellt war. Par ließ das Wunschlied auch weiterhin im Ohr des verängstigten Mannes erklingen. Alles lief wie geplant. Sie schritten die Treppe hinunter, Stufe um Stufe; das Stampfen ihrer Stiefel war das einzige Geräusch in der Stille. Am unteren Ende der Treppe befanden sich zwei Türen. Der Wachoffizier blieb stehen und klopfte an eine. Als er keine Antwort erhielt, klopfte er noch einmal, diesmal kräftiger.
»Was zum Teufel ist los?« schnauzte eine Stimme.
»Öffnet sofort die Tür, Kommandant!« antwortete Damson Rhee.
Man hörte ein Tasten und Tappen, und die Tür öffnete sich. Der Föderationskommandant mit dem kurzgeschnit tenen Haar und den unangenehmen Augen stand mit nur halbzugeknöpftem Rock vor ihnen. Er erblickte die Sucher. Schlimmer noch, er erblickte Felsen-Dall. Er machte sich nicht die Mühe, seinen Rock zuzuknöpfen, sondern kam eilig heraus. »Ich habe so schnell niemand erwartet. Tut mir leid. Gibt es Probleme?«
»Wir reden später darüber, Kommandant«, erklärte Damson Rhee. »Im Augenblick braucht Ihr uns nur zu den Gefangenen zu führen.«
Kurz flackerte Zweifel in den Augen des anderen Mannes, ein Hauch von Besorgnis, daß vielleicht doch nicht alles mit rechten Dingen zuging. Par verstärkte den Druck des Wunschliedes auf den Geist des Mannes, vermittelte ihm einen Vorgeschmack des Schreckens, der ihn erwartete, wenn er dem Befehl nicht gehorchte. Der Kommandant hastete zur Treppe, zog einen Schlüssel von der Kette an seiner Taille und öffnete die zweite Tür.
Sie traten in einen Verbindungsgang, der von einer einzigen Lampe beleuchtet wurde. Der Kommandant nahm die Lampe in die Hand und ging voraus. Damson Rhee folgte. Par bedeutete dem Wachoffizier, ihm vorauszugehen, und bildete die Nachhut. Seine Stimme wurde langsam müde von der Anstrengung, die Maskerade aufrechtzuerhalten. Es war schwieriger, seine Kraft auf zwei Personen zu lenken. Er hätte den zweiten Mann wegschicken sollen.
Die Wände des Verbindungsgangs bestanden aus schwarzen Steinblöcken und rochen nach Schimmel und Verfall. Par erkannte, daß sie sich unter der Erde befanden, offensichtlich unter der Schlucht.
Sie hatten nur wenige Schritte zurückgelegt, als sie die Zellen erreichten, eine Anzahl von niedrigen Käfigen, die nicht hoch genug waren, damit ein Mann sich darin aufrichten konnte. Die ganze Gruppe war in den ersten Käfig hineingepfercht worden, wo sie auf dem Steinboden kauerte oder saß.