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Coll begriff, was gespielt wurde. Er war bereits auf den Beinen, drängte zur Tür und bedeutete den anderen, es ihm gleichzutun.

»Öffnet die Tür«, befahl Damson Rhee.

Wieder spiegelte sich in den Augen des Föderationskommandanten Zweifel.

»Öffnet die Tür, Kommandant«, wiederholte Damson Rhee ungeduldig.

Der Kommandant fingerte nach seinem zweiten Schlüssel, steckte ihn in das Schloß und drehte ihn um. Die Zellentür flog auf. Im gleichen Augenblick griff Padishar Creel nach dem Hals des erstaunten Mannes und drückte zu, bis dieser kaum noch atmen konnte. Der Wachoffizier taumelte zurück und versuchte an Par vorbeizukommen, wurde aber von Morgan von hinten gepackt und bewußtlos geschlagen.

Die Gefangenen drängten auf den schmalen Verbindungsgang und begrüßten Par und Damson Rhee.

Padishar Creel schenkte ihnen keine Beachtung. Seme Aufmerksamkeit galt einzig und allem dem Föderationskommandanten. »Wer hat uns verraten?« zischte er ungeduldig. »Wer war es?«

Der zu Tode erschrockene Mann schlug wild um sich, bis Padishar Creel seinen Kopf mit aller Wucht gegen die Steinwand stieß. Der Kommandant sackte wie eine Stoffpuppe zusammen.

»Genug«, sagte Damson Rhee mit ruhiger Stimme und übersah den Zorn, der in den Augen des anderen brannte. »Wir verschwenden unsere Zeit. Es ist klar, daß er es nicht weiß. Wir sollten machen, daß wir hier herauskommen. Wir sind für heute genügend Risiken eingegangen.«

Der Anführer der Geächteten blickte sie einen Augenblick wortlos an. »Ich werde es trotzdem herausfinden«, schwor er.

Par hatte noch nie einen Menschen so zornig gesehen. Aber Damson Rhee ging nicht darauf ein. Sie drehte sich um und bedeutete Par aufzubrechen. Der Talbewohner ging die Treppe hinauf, und die anderen folgten ihm einer nach dem anderen. Sie hatten sich, als sie beschlossen hatten, ihre Freunde zu befreien, keinen Plan für den Rückzug zurechtgelegt.

Der Zufall half ihnen. Der Wachraum war, als sie ihn erreichten, leer, und sie gingen schnell hindurch. Nur Morgan blieb stehen, um in den Waffenregalen zu wühlen, bis er das Schwert von Leah gefunden hatte. Mit einem grausamen Lächeln schnallte er es an seinem Gürtel fest und folgte den anderen.

Das Glück blieb ihnen treu. Die Wachen draußen konnten überwältigt werden, noch bevor sie wußten, wie ihnen geschah. Die Nacht um sie herum war still, der Park leer, die Patrouillen immer noch auf Rundgang, die Stadt in tiefem Schlaf.

Als sie sich eilig davonmachten, schenkte Damson Rhee Par ein strahlendes Lächeln und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund. Der Kuß schmeckte verheißungsvoll.

Trotzdem war es nicht Damson Rhees Kuß, der Par von all den Ereignissen dieser Nacht am nachhaltigsten im Gedächtnis blieb. Es war die Tatsache, daß die Magie des Wunschliedes sich endlich als nützlich erwiesen hatte.

21

Die Geschichte der Druiden wurde für Walker Boh zur Herausforderung, die er zu meistern entschlossen war. Drei volle Tage nach Coglines Weggehen kümmerte sich Walker Boh nicht um das Buch. Er ließ es auf dem Eßtisch liegen, zusammen mit dem Öltuch und der Schnur. Er verschmähte es, ging seiner Arbeit nach, als wäre es nicht vorhanden, prüfte seine Kraft, der Versuchung zu widerstehen. Zuerst hatte er mit dem Gedanken gespielt, es sich unverzüglich vom Hals zu schaffen, hatte dann aber anders entschieden. Wenn er der Versuchung eine Zeitlang widerstehen konnte, wenn er in ihrer Gegenwart leben konnte, ohne seiner Neugier nachzugeben, dann konnte er sich ihrer mit einem reinen Gewissen entledigen. Cogline rechnete damit, daß er das Buch entweder sofort lesen oder sich seiner sofort entledigen werde. Er würde weder das eine noch das andere tun. Der alte Mann sollte keine Genugtuung darüber verspüren, daß er Walker Boh manipulieren konnte.

Der einzige, der dem Paket Aufmerksamkeit schenkte, war Ondit, der es von Zeit zu Zeit beschnupperte, es aber ansonsten links liegen ließ. Die drei Tage vergingen, und das Buch lag immer noch ungeöffnet auf dem Tisch.

Aber dann ereignete sich etwas Eigenartiges. Am vierten Tag fing Walker an, seine Überlegungen in Frage zu stellen. Hatte es wirklich so viel mehr Sinn, sich des Buches erst nach einer Woche oder gar einem Monat zu entledigen? Was bewies er damit außer eine Art Starrköpfigkeit? Welche Art von Spiel spielte er, und zu wessen Gunsten spielte er es?

Walker Boh brütete über der Angelegenheit, während das Tageslicht immer schwächer wurde und die Dunkelheit heraufzog. Er starrte das Buch am Ende des Raumes lange an, während das Holz im Herd langsam zu Asche verbrannte. »Ich bin überhaupt nicht stark«, flüsterte er. »Ich habe vielmehr Angst.« Schließlich stand er auf, durchquerte den Raum und blieb vor dem Tisch stehen. Einen Augenblick zögerte er. Dann streckte er die Hand aus und ergriff das Buch. Abschätzend hob er es hoch.

Es war besser, den Dämon, der einen verfolgte, zu kennen als weiterhin in der Ungewißheit zu leben.

Er ging zu seinem Lesestuhl, setzte sich und legte das Buch auf seinen Schoß. Ondit, der vor dem Feuer schlief, hob den Kopf und starrte Walker Boh an. Walker Boh starrte zurück. Die Katze blinzelte und legte sich wieder schlafen.

Walker Boh schlug das Buch auf. Er las langsam, arbeitete sich bedächtig durch seine dicken Pergamentseiten, weil er jetzt, da das Buch einmal geöffnet war, nichts, aber auch gar nichts auslassen wollte. Die mitternächtliche Stille wurde nur von gelegentlichen Lauten der schlafenden Moorkatze und dem Knacken des Feuers unterbrochen. Nur ein einziges Mal fragte er sich, wie Cogline wirklich in den Besitz des Buches gekommen war – ganz sicherlich hatte er es nicht aus Paranor –, und dann war der Gedanke schnell wieder verschwunden, denn die geschriebene Geschichte fing ihn ein und riß ihn mit, als wäre er ein Blatt im Wind.

Die Zeit, die aufgezeichnet war, war die Zeit Bremens, als er sich unter den letzten Druiden aufgehalten hatte, als der Dämonenlord und seine Horden fast alle Mitglie­ der des Rates vernichtet hatten. Er las Geschichten über die schwarze Magie, die die rebellischen Druiden in Schreckensgestalten verwandelt hatte. Das Buch enthielt Aufzeichnungen über die verschiedenen Zauber- und Beschwörungsformeln, die Bremen entdeckt hatte. Alle furchtbaren Geheimnisse der Magie und ihrer Macht wurden beschrieben, genauso jedoch die Vorsichtsmaßnahmen im Umgang damit, die so mancher, der der Magie Herr werden wollte, außer Acht gelassen hatte. Es handelte sich um die Zeit des Umbruchs und der schrecklichen Veränderungen in den Vier Ländern, und Bremen allein war sich darüber im klaren gewesen, was auf dem Spiel stand.

Walker Boh blätterte weiter. Cogline hatte ihm das Buch in der Absicht gegeben, daß er etwas ganz Bestimmtes lese. Was immer das war, er war noch nicht darauf gestoßen. Er hatte seinen Vorsatz vergessen, sich nicht in Coglines Falle zu begeben. Doch seine Neugier und sein Verstand besiegten seine Vorsicht. Das Buch enthielt Geheimnisse, die seit Hunderten von Jahren kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen hatte, ein Wissen, das nur den Druiden zur Verfügung stand und das sie nur dann, wenn sie es für notwendig hielten, mit den Rassen teilten. Welche Macht! Wie lange schon war all das vor den Augen der Sterblichen verborgen gewesen? Nur Allanon hatte das Recht gehabt und davor Bremen und vor ihm Galaphile und die ersten Druiden. Und vor ihnen?

Er hielt inne, weil er bemerkte, daß der Stil des Geschriebenen sich verändert hatte. Die Schrift wurde kleiner, aber genauer. Zwischen den Wörtern bemerkte er seltsame Zeichen, Runen, die Gebärden darstellten.

Walker Boh fühlte sein Blut in den Adern gefrieren. Himmel, dachte er, es handelt sich um die Beschwörungsformel, durch deren Anwendung Paranor verschwunden war.

Sein Atem ging schwer, als er sich zwang, seine Augen von dem Buch abzuwenden. Sein blasses Gesicht straffte sich. Das war es also, was Cogline ihm mitteilen wollte – warum, wußte er nicht –, aber das war es ganz sicher. Jetzt, da er es gefunden hatte, fragte er sich, ob es nicht klüger wäre, das Buch sofort zu schließen. Doch er wußte, daß nur seine Furcht ihn zu dieser Frage verleitete.