Wieder begann er zu lesen. Der Zauber war da, die Magie, die Allanon vor dreihundert Jahren benutzt hatte, um Paranor aus der Welt der Sterblichen verschwinden zu lassen. Zu seiner Überraschung stellte er fest, daß er sie verstand. Er beendete die Lektüre der Beschreibung des Zaubers und blätterte um.
Die nächste Seite enthielt nur einen einzigen Absatz. Er lautete: »Einmal entschwunden, ist Paranor der Welt der Sterblichen für alle Zeiten verloren, eingeschlossen und unsichtbar innerhalb seiner Mauern. Eine einzige Magie hat die Macht, es zurückzubringen – der Elfenstein, der schwarz gefärbt ist, der vom Feenvolk der alten Welt mit Leben erfüllt wurde und der alle notwendigen Eigenschaften des Herzens, des Verstandes und des Körpers in sich vereinigt. Derjenige, der ein Anliegen und ein Recht hat, soll ihn seinem Ende entgegenführen.«
Das war alles. Walker Boh las es ein zweites Mal, langsam und in der Absicht, auf vielleicht Übersehenes zu stoßen. Es gab für ihn keinen Zweifel daran, daß es das war, worauf Cogline ihn stoßen wollte. Einen schwarzen Elfenstein. Eine Magie, die das verschwundene Paranor erretten konnte. Den Schlüssel zur Bewältigung der Auf gabe, die der Geist Allanons ihm aufgetragen hatte.
»Erwecke Paranor und die Druiden zu neuem Leben.« Er hörte die Worte noch einmal im Geist.
Natürlich gab es keine Druiden mehr. Aber vielleicht war es Allanons Absicht, daß Cogline ihre Stelle einnahm, sobald Paranor ins Leben zurückgerufen wurde. Dieser Gedanke entbehrte nicht einer gewissen Logik, obwohl der alte Mann darauf beharrte, daß seine Zeit vorbei sei. Aber Walker Boh war klug genug zu wissen, daß dort, wo Druiden und ihre Magie im Spiel waren, die Logik oftmals verschlungene Wege ging.
Er hatte zwei Drittel des Buches gelesen. Es dauerte eine weitere Stunde, bis er am Ende angelangt war, ohne auf etwas zu stoßen, das für ihn bestimmt war, und er blätterte deshalb zurück zu dem Absatz über den schwarzen Elfenstein. Im Osten nahte die Morgendämmerung, ein schwaches, goldenes Licht am dunklen Horizont. Walker Boh rieb sich die Augen und versuchte klar zu denken. Warum wurden der Zweck und die Merkmale der Magie nur in so kurzen Worten beschrieben? Wie sah sie aus, und wozu war sie fähig? Es handelte sich um einen einzigen Stein und nicht um drei – warum? Wie konnte es sein, daß noch nie jemand davon gehört hatte?
Die Fragen schwirrten durch seinen Kopf. Er las den Absatz wieder und wieder, las ihn so oft, bis er ihn auswendig konnte, und schloß das Buch. Ondit, der noch immer vor ihm auf dem Boden lag, reckte sich und gähnte, hob den Kopf und blinzelte.
Sprich mit mir, Katze, dachte Walker Boh. Es gibt Geheimnisse, die nur eine Katze kennt. Vielleicht kennst du auch dieses.
Aber Ondit stand nur auf, ging nach draußen und ver schwand in der Dämmerung.
Jetzt überfiel Walker der Schlaf, aus dem er erst am Mittag erwachte. Er stand auf, badete, legte saubere Kleider an und aß dann langsam etwas, während er das geschlossene Buch anstarrte. Später machte er einen langen Spaziergang. Er durchwanderte das Tal, bis er auf eine seiner Lieblingslichtungen stieß, wo ein kleiner Bach geräuschvoll dahinplätscherte und sich in einen kleinen See ergoß, in dem winzige rote und blaue Fische umherschwammen. Dort verweilte er eine Zeitlang und dachte nach, bevor er zur Hütte zurückkehrte. Er saß auf der Veranda und beobachtete die Sonne, die sich am rot- und lilagefärbten Himmel gen Westen wandte.
Ich hätte das Buch nie öffnen sollen, schalt er sich, denn das Geheimnis hatte sich als unwiderstehlich erwiesen. Ich hätte es wieder einpacken und in das tiefste Loch werfen sollen, das es gibt.
Aber dazu war es jetzt zu spät. Er hatte es gelesen und war auf ein Wissen gestoßen, das nicht so leicht zu vergessen war. Er hatte es für unmöglich gehalten, daß Paranor zu neuem Leben erweckt werden konnte. Jetzt wußte er, daß es eine Magie gab, die genau dazu in der Lage war. Wieder einmal beschlich ihn das Gefühl der Unvermeidlichkeit der Dinge, die die Druiden prophezeiten.
Er ertappte sich dabei, daß er an den schwarzen Elfenstein dachte, selbst wenn er versuchte, nicht daran zu denken. Der schwarze Elfenstein, die vergessene Magie, befand sich an irgendeinem Ort. Wo war er?
Dies und all die anderen Fragen bestürmten ihn im Lauf des Abends. Er nahm sein Abendessen zu sich, ging danach wieder spazieren, las in einigen der ihm teuren eigenen Bücher, schrieb kurze Zeit in seinem Tagebuch und dachte immer wieder über den Absatz über die Magie nach, die Paranor zu neuem Leben erwecken sollte.
Der Gedanke daran ließ ihn auch nicht los, als er sich zu Bett legte.
Er fiel in einen unruhigen Schlaf. Das Geheimnis des schwarzen Elfensteins übte einen Reiz auf ihn aus, dem er nicht entging. Als der Morgen anbrach, beschloß er, etwas zu unternehmen. Es waren fünf Tage vergangen, seit Damson Rhee und Par Coll, Morgan, Padishar Creel und die anderen beiden Geächteten aus den Zellen des Föderationsgefängnisses befreit hatten; seitdem war die kleine Gruppe nur auf der Flucht gewesen. Sie hatten erst gar nicht versucht, die Stadt zu verlassen, weil sie sicher waren, daß die Tore scharf bewacht wurden und das Risiko der Entdeckung zu groß war. Sie waren auch nicht in den Keller der Waffenschmiede zurückgekehrt, weil sie das Gefühl nicht loswurden, daß ihr geheimnisvoller Verräter damit zu tun haben könnte. Statt dessen waren sie von einem Zufluchtsort zum anderen geeilt, waren nie länger als eine Nacht an ein und demselben Ort geblieben, hatten überall Wachen aufgestellt und waren durch jedes Geräusch, das ihnen zu Ohren kam, und jeden Schatten, den sie sahen, aufgeschreckt worden.
Par erwachte und erhob sich von seinem Notbett, in dem er auf dem Dachboden eines Kornspeichers geschlafen hatte. Er sah zu Coll hinüber, der immer noch schlief. Die anderen waren bereits auf und vermutlich unten. Sachte näherte er sich dem winzigen, mit Läden verschlossenen Fenster, durch das das wenige Licht, das den Raum erhellte, hereindrang, und spähte hinaus. Die Straße war mit Ausnahme eines herumstreunenden Hundes, der an einem Abfalleimer schnupperte, und eines Bettlers, der auf der anderen Seite der Straße schlief, leer. Der Himmel war mit tiefhängenden grauen Wolken bedeckt, die noch vor Ende des Tages Regen verhießen.
Als er zurückging, um seine Stiefel anzuziehen, war Coll wach und sah ihn an. Das struppige Haar seines Bruders war zerzaust, und aus seinen vom Schlaf verquollenen Augen sprach Mißmut.
»Ein neuer Tag«, murmelte Coll und gähnte. »Welchen umwerfenden Lagerraum werden wir deiner Meinung nach heute abend aufsuchen?«
»Keinen, soweit es von mir abhängt.« Par ließ sich neben ihm auf den Boden nieder.
Coll zog die Augenbrauen in die Höhe. »Tatsächlich? Hast du mit Padishar gesprochen?«
»Das habe ich vor.«
»Ich nehme an, daß du einen anderen Vorschlag hast.« Coll richtete sich auf einen Ellbogen auf. »Ich sage das, weil ich nicht glaube, daß Padishar Creel dir auch nur den kleinen Finger reichen wird, wenn du keinen hast. Er ist, seit er festgestellt hat, daß er bei seinen Männern vielleicht doch nicht so beliebt ist, wie er gemeint hat, nicht in der allerbesten Stimmung.«
Par zweifelte daran, daß Padishar Creel sich zu dem Glauben verleiten ließ, bei seinen Männern beliebt zu sein, aber Coll schätzte die gegenwärtige Stimmung des Anführers der Geächteten sicher richtig ein. Der Verrat eines seiner eigenen Männer hatte ihn schweigsam gemacht. Er hatte sich während der vergangenen Tage ganz in sich selbst zurückgezogen, auch wenn er keinen Zwei fel daran ließ, daß er immer noch die Führung innehatte, wenn er sie durch das Netz der Föderationspatrouillen und Wachtposten führte, die überall in der Stadt zu sehen waren. Damson Rhee begleitete sie; ob freiwillig oder nicht, konnte Par nicht sagen. Doch selbst sie konnte die Mauer, die der Anführer der Geächteten um sich herum errichtet hatte, nicht durchbrechen.