Par schüttelte den Kopf. »Ich bin der Meinung, daß wir nicht den Rest unseres Lebens damit verbringen können, von einem Ort zum anderen zu wandern.« Selbst er war ziemlich verdrießlich. »Wenn wir einen Plan brauchen, ist es Padishars Aufgabe, einen Plan auszuhecken. Mit der jetzigen Vorgehensweise erreichen wir gar nichts.«
Coll setzte sich auf und begann sich anzuziehen. »Du willst es wahrscheinlich nicht hören, Par, aber es ist vielleicht an der Zeit, daß du deinen Entschluß, dich der Bewegung anzuschließen, überdenkst. Es ist immerhin möglich, daß wir ohne die Bewegung besser fahren.«
Par sagte nichts. Sie zogen sich an und gingen nach unten zu den anderen. Zum Frühstück, das sie hungrig hinunterschlangen, gab es kaltes Brot, Marmelade und Obst. Par konnte nicht verstehen, warum er Heißhunger verspürte, obwohl er sich körperlich so wenig betätigte. Während er aß, hörte er, wie Stasas und Drutt darüber sprachen, daß sie in den Wäldern ihres künftigen Zuhauses irgendwo unterhalb von Varfleet jagen würden. Morgan hielt Wache an der Tür, die ins Lagerhaus führte, und Coll gesellte sich zu ihm. Damson Rhee saß auf einer leeren Holzkiste und schnitzte irgend etwas. Par hatte sie in den vergangenen Tagen nur selten zu Gesicht bekommen; sie war, während der Rest der Gruppe sich versteckte, oft mit Padishar Creel unterwegs gewesen, um steckte, oft mit Padishar Creel unterwegs gewesen, um die Stadt auszukundschaften. Dieser war nirgends zu sehen.
Nach dem Frühstück begab sich Par nach oben, um seine Sachen zusammenzupacken, da er davon ausging, daß seine Auseinandersetzung mit Padishar Creel ungeachtet des Ergebnisses höchstwahrscheinlich einen Ortswechsel nach sich ziehen würde.
Damson Rhee folgte ihm nach oben. »Du bist voller Unruhe«, stellte sie fest, als sie allein waren. Sie setzte sich auf den Rand seines Lagers und schüttelte ihre rote Mähne. »Das Leben eines Geächteten ist nicht das, was du dir vorgestellt hast, stimmt’s?«
Er lächelte müde. »In Lagerhäusern und Kellern herumsitzen ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Worauf wartet Padishar denn?«
Sie zuckte die Schultern. »Worauf wir alle von Zeit zu Zeit warten – auf die Stimme, die in unserem Inneren schlummert und uns sagt, was wir als nächstes tun sollen. Vielleicht ist es Intuition, vielleicht auch gesunder Menschenverstand.« Sie lächelte ihn an. »Spricht sie jetzt zu dir?«
»Irgend etwas spricht ganz gewiß.« Er setzte sich neben sie. »Warum bist du immer noch bei uns, Damson? Vielleicht wegen Padishar?«
Sie lachte. »Kaum. Ich komme und gehe, wie es mir beliebt. Er weiß, daß ich ihn nicht verraten habe.«
»Warum bleibst du also?«
Sie sah ihn nachdenklich an. »Vielleicht bleibe ich deinetwegen«, sagte sie endlich. Sie lächelte. »Ich habe noch nie einen Menschen mit echter Magie getroffen. Nur solche, die sie vorgetäuscht haben wie ich.« Sie streckte ihre Hand nach oben und zauberte geschickt eine Münze hinter seinem Ohr hervor, die aus Kirschholz geschnitzt war. Sie überreichte ihm die Münze.
Er sah, daß auf der einen Seite ihr Bild eingeschnitzt war und auf der anderen Seite das seine. Er sah sie voller Staunen an. »Das ist sehr hübsch.«
»Danke.« Sie errötete leicht. »Du kannst sie zusammen mit der anderen als Glücksbringer behalten.«
Er steckte die Münze in seine Tasche. Lange Zeit saßen sie schweigend nebeneinander und tauschten unsichere Blicke aus. »Weißt du, es besteht kein großer Unterschied zwischen deiner Magie und meiner«, sagte er endlich. »Sie beruhen beide auf einer Illusion.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Par. Das stimmt nicht. Die eine ist angelernt, die andere dagegen angeboren. Meine ist angelernt und nichts weiter. Deine dagegen wächst unaufhörlich und ist deshalb grenzenlos. Verstehst du nicht? Meine Magie ist ein Handwerk, eine Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Deine Magie ist viel mehr; sie ist eine Gabe, um die herum du dein Leben aufbauen mußt.« Sie lächelte, doch in ihrem Lächeln lag ein Hauch von Traurigkeit. Sie stand auf. »Ich muß wieder an die Arbeit. Und du mußt fertigpacken.« Sie ging an ihm vorbei und verschwand auf der Leiter.
Die Morgenstunden schleppten sich dahin, und Padishar Creel war immer noch nicht zurückgekehrt. Par wartete immer ungeduldiger darauf, daß sich etwas ereignete. Coll und Morgan kamen von Zeit zu Zeit zu ihm, und er erzählte ihnen von seiner Absicht, sich dem Anführer der Geächteten entgegenzustellen. Keiner der beiden beurteilte seine Aussichten allzu optimistisch.
Der Himmel wirkte immer bedrohlicher, der Wind blies immer stärker, bis er in ein klagendes Heulen überging, das um die klapprigen Türen und Fensterläden des alten Gebäudes fegte, ohne daß es regnete. Um die Zeit totzuschlagen, spielten sie Karten und schwatzten.
Es war bereits Nachmittag, als Padishar Creel zurückkehrte. Er schlüpfte wortlos durch die vordere Tür herein, ging geradewegs zu Par und gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. Er führte Par in ein kleines Büro im hinteren Teil des Gebäudes.
Als sie allein waren, schien er um Worte verlegen. »Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, was wir als nächstes tun sollten«, sagte er schließlich. »Oder, wenn du so willst, was wir nicht tun sollten. Jeder Fehler, den wir jetzt machen, könnte unser letzter sein.« Er zog Par zu einer Bank, die an die Wand geschoben worden war, und bat ihn, sich zu setzen. Er setzte sich ebenfalls. »Da ist immer noch die Sache mit dem Verräter«, sagte er leise. Seine Augen leuchteten hart, doch Par konnte den Grund nicht ausmachen. »Ich war mir zuerst sicher, daß es einer von uns sei. Aber es war weder ich noch Damson. Damson ist über jeden Zweifel erhaben. Es könnte dein Bruder sein, aber er ist es auch nicht gewesen, stimmt’s?«
Par schüttelte den Kopf.
»Oder der Hochländer.«
Wieder schüttelte Par den Kopf.
»Also bleiben Blue, Stasas und Drutt. Blue ist höchstwahrscheinlich tot; das heißt, wenn er der Verräter war, war er dumm genug, sich den Tod einzuhandeln. Aber das paßt nicht zu Blue. Und die anderen beiden sind schon lange bei mir. Es scheint mir unvorstellbar, daß einer von ihnen mich verraten könnte – ganz gleich, welcher Preis geboten wird. Ihr Haß auf die Föderation ist beinahe so groß wie meiner.«
Padishar Creels Kiefermuskeln spannten sich an. »Vielleicht ist es also doch keiner von uns. Aber wer sonst könnte von unserem Plan erfahren haben? Verstehst du, was ich meine? Dein Freund, der Hochländer, hat heute morgen etwas erwähnt, was er fast vergessen hatte. Als wir in die Stadt kamen, meinte er Hirehone zu sehen. Doch dann glaubte er sich zu irren; jetzt ist er nicht mehr so sicher. Wenn ich die Tatsache außer Acht lasse, daß Hirehone mich unzählige Male zuvor hätte verraten können und es nicht getan hat, frage ich mich, wie er es diesmal überhaupt hätte anstellen können. Niemand außer Damson und denen, die mit mir gekommen sind, kannte das Wo, Wann, Wie und Warum unseres Vorhabens. Und trotzdem haben die Föderationssoldaten auf uns gewartet. Sie wußten davon.«
Par hatte seine Absicht vergessen, Padishar zu sagen, daß er die ganze Sache gründlich satt hatte. »Wer war es also?« fragte er gespannt. »Wer könnte es gewesen sein?«
Padishar Creel lächelte gequält. »Die Frage setzt mir zu wie Bremsen einem schwitzenden Pferd. Ich weiß es noch nicht. Aber du kannst sicher sein, daß ich es früher oder später herausfinden werde. Im Augenblick spielt es keine Rolle. Wir haben Wichtigeres zu tun.« Er beugte sich vor. »Ich habe heute morgen einen Mann aufgesucht, den ich kenne, einen Mann, der über das, was in den obersten Kreisen der Föderation in Tyrsis geschieht, bestens informiert ist. Er ist ein Mann, dessen ich mir sicher bin, dem ich vertrauen kann. Selbst Damson weiß nichts von ihm. Er hat mir einige interessante Dinge be richtet. Es scheint, daß du und Damson mich gerade noch rechtzeitig gerettet habt. Felsen-Dall ist am nächsten Morgen eingetroffen, um sich persönlich um mein Verhör und meine Vernichtung zu kümmern.« In der Stimme des Anführers der Geächteten schwang Befriedigung mit. »Er war schwer enttäuscht, als er feststellte, daß ich schon früh gegangen war… Ich weiß, daß du ungeduldig darauf wartest, daß etwas geschieht, Par. Aber bei der Sache, die wir vorhaben, führt übereiltes Handeln lediglich zum frühen Tod, und deshalb ist Vorsicht jederzeit angebracht.« Er lächelte wieder. »Aber du und ich, mein Junge – wir sind ein Gespann, mit dem die Föderation bei ihren Spielchen nicht gerechnet hat. Das Schicksal hat dich zu mir geführt, und das Schicksal hält etwas ganz Bestimmtes für uns beide bereit, etwas, das die Föderation und ihre Sucher gründlich verwirren wird.« Seine Hand ballte sich vor Pars Gesicht zur Faust, und dieser schrak unwillkürlich zurück. »So viel Mühe ist darauf verwendet worden, die Spuren des alten Volksparks zu zerstören – die Sendic-Brücke wurde abgerissen und neu aufgebaut, der alte Park eingemauert, Wachen gehen durch die ganze Stadt. Warum? Weil sich irgend etwas dort unten befindet, das unter keinen Umständen entdeckt werden soll. Ich fühle es, mein Junge. Ich bin jetzt ebenso überzeugt davon wie vor fünf Nächten, als wir uns auf den Weg gemacht haben!«