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»Dunkler Onkel«, so hatten sie ihn schon damals genannt, die Spielgefährten von Par und Coll, deren Eltern und andere Menschen aus dem Dorf Shady Vale. Als dunkel bezeichneten sie das Leben und das Wesen dieses blassen, in sich zurückgezogenen jungen Mannes, der manchmal Gedanken lesen konnte, der Dinge, die geschahen, vorhersagen und sie sogar heraufbeschwören konnte, der vieles, das den anderen verborgen blieb, wußte Par und Colls seltsamer Onkel, der ohne eigene Eltern aufwuchs, der keine eigene Familie hatte, der ohne eine Vergangenheit lebte, die er mit anderen hätte teilen wollen. Selbst der Name Ohmsford schien nicht zu ihm zu passen. Er war immer der »Dunkle Onkel«, mehr nach Wissen als nach Jahren älter als alle anderen. Es war kein Wissen, das er gelernt hatte; es war ein Wissen, mit dem er geboren wurde.

Vor ihm lichteten sich die Bäume so unvermittelt, daß er erschrak. Er stand am Rand des Sees, dessen felsige Ufer sich zu beiden Seiten in den Nebeln verloren, dessen Wasser nur leise plätscherte. Walker Boh richtete sich auf. Seine Sinne schärften sich, seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich, seine Gedanken wurden klar.

Während er wartete, glich er einer einsamen Statue.

Dann erhaschte er eine Bewegung im Nebel, aber sie ging von mehr als einer Stelle aus und war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Irgendwo weit weg, über dem Nebel, der den See einhüllte, jenseits der Bergkämme, die das schmale Tal umschlossen, flüsterte eine Stimme in einen leeren Himmeclass="underline" »Dunkler Onkel.«

Walker hörte die Worte, täuschend nah und gleichzeitig nirgendwo, nicht aus seinem Kopf oder von einem anderen feststellbaren Ort, und trotzdem waren sie da. Er antwortete nicht. Er wartete einfach.

Dann begannen die vereinzelt auftretenden Bewegungen, die nur wenige Augenblicke vorher den Nebel durchbrochen hatten, sich an einem Punkt zu versammeln, formten eine farblose Gestalt, die auf dem Wasser stand und jetzt langsam näher kam. Ihre Umrisse wurden immer deutlicher; sie schien zu wachsen, bis sie größer war als jede menschliche Gestalt, und erhob sich, als wolle sie alles, was ihr im Weg stand, zertreten. Walker Boh rührte sich nicht. Die Gestalt verwandelte sich in einen Schatten, und der Schatten verwandelte sich in einen Menschen…

Walker Boh beobachtete regungslos, wie der Finsterweiher vor ihm stand, jetzt sein Gesicht aus dem Schatten hob und die Identität enthüllte, für die er sich entschieden hatte.

»Bist du gekommen, um meine Forderung anzunehmen, Walker Boh?« fragte er.

Walker Boh war überrascht. Das dunkle, sich drohend auftürmende Antlitz von Allanon starrte auf ihn herab. Zwischen den Mauern des Lagerhauses herrschte eine erwartungsvolle Stille, als sich sechs Paar Augen gespannt auf Padishar Creel richteten.

Er hatte eben angekündigt, daß sie noch einmal in die Schlucht zurückkehren würden. »Wir werden dieses Mal anders vorgehen«, erklärte er ihnen, während sein knochiges Gesicht vor Entschlossenheit strotzte, als könne er sie allein damit von seinem Vorhaben überzeugen. »Wir werden uns diesmal nicht mit Strickleitern durch den Park schleichen. Es gibt einen Eingang zum Park im Keller des Wachhauses. Und auf diese Weise kommen wir hinein. Wir gehen in das Wachhaus hinein, hinunter in die Schlucht und wieder heraus, noch bevor es einer merkt.«

Par riskierte einen Blick auf die anderen. Coll, Morgan, Damson Rhee, die Geächteten Stasas und Drutt – auf ihren Gesichtern lag ein Ausdruck von Unglauben und Hochachtung. Das, was der Anführer der Geächteten vorschlug, war schlichtweg ungeheuerlich, die Chance, damit durchzukommen, mehr als gering. Keiner versuchte ihn zu unterbrechen. Alle warteten gespannt auf die Einzelheiten des Plans.

»Die Wachen des Wachhauses werden zweimal täglich abgelöst – einmal bei Sonnenaufgang, einmal bei Sonnenuntergang. Zwei Schichten zu je sechs Mann. Jede Schicht wird einmal in der Woche ausgewechselt, aber an jeweils anderen Tagen. Heute ist einer dieser Tage. Die Tagwachen werden heute kurz nach Sonnenuntergang ausgewechselt. Ich weiß es; ich habe nichts unversucht gelassen, es herauszufinden. Heute wird ein paar Stunden vor der Ablösung der Wache zudem ein besonderes Reinigungskommando eintreffen, weil vor der Wachablösung am Abend eine Inspizierung der Quartiere stattfinden soll; der Kommandant des Wachhauses will, daß die Quartiere makellos aussehen. Die Tagwachen werden das Reinigungskommando ungehindert passieren lassen.« Er schwieg kurz. »Das besagte Reinigungskommando, das sind natürlich wir. Sind wir erst einmal drin, kümmern wir uns als erstes um die Nachtwache. Wenn wir nicht allzu viel Lärm machen, wird die Tagwache überhaupt nicht merken, was gespielt wird. Sie werden ihre Runden fortsetzen und damit sogar einen Teil unserer Arbeit erledigen, indem sie niemand hereinlassen. Von innen verriegeln wir für alle Fälle die Tür. Dann begeben wir uns über die Treppe des Wachhauses in den Keller und hinaus in die Schlucht. Draußen sollte es dann noch immer hell genug sein, damit wir das, was wir suchen, ziemlich rasch finden. Sobald wir es haben, gehen wir die Treppe wieder hinauf und verschwinden so, wie wir gekommen sind.«

Einen Augenblick sprach niemand. Dann sagte Drutt mit rauher Stimme: »Man wird uns erkennen, Padishar. Wir werden bestimmt einigen von den Soldaten über den Weg laufen, die uns von unserem letzten Besuch kennen.«

Padishar Creel schüttelte den Kopf. »Vor drei Tagen wurden die Wachen ausgetauscht. Die Wachen, die dort waren, als wir gefangengenommen worden sind, sind nicht mehr da.«

»Und was ist mit dem Kommandanten?«

»Er kommt erst Anfang der nächsten Woche zurück. Wir haben es nur mit dem wachhabenden Offizier zu tun.«

»Wir brauchen Föderationsuniformen.«

»Die haben wir. Ich habe sie gestern besorgt.«

Drutt und Stasas warfen sich vielsagende Blicke zu. »Du hast alles seit langem vorbereitet, stimmt’s?« fragte letzterer.

Der Anführer der Geächteten lachte leise. »Seit dem Augenblick, als wir die Zellen verlassen haben.«

Morgan, der neben Par auf einer Bank saß, stand auf. »Wenn irgend etwas schief geht und sie unser Vorhaben entdecken, werden sie überall sein. Und dann sitzen wir in der Falle, Padishar.«

Der große Mann schüttelte den Kopf. »Nein, werden wir nicht. Zusätzlich zu unseren Reinigungsgeräten nehmen wir Greifhaken und Seile mit. Wenn wir nicht auf dem gleichen Weg wieder hinauskommen, verlassen wir die Schlucht mit Hilfe dieser Geräte. Die Föderationssoldaten werden darauf warten, daß wir durch den Wachhauseingang verschwinden. Sie werden gar nicht auf die Idee kommen, daß wir die Schlucht auf einem anderen Weg verlassen könnten.«

Ein langes Schweigen trat ein.

»Nun, wie steht ihr dazu?« Padishar Creels Geduld neigte sich dem Ende zu. »Zeit ist unser kostbarstes Gut. Wir wissen, daß wir ein Risiko eingehen, aber das liegt in der Natur der Sache. Ich möchte eine Entscheidung. Wollt ihr es versuchen oder nicht? Wer sagt ja? Wer ist auf meiner Seite?«

Par spürte, wie die Stille unerträglich wurde. Coll und Morgan waren neben ihm zu Statuen erstarrt. Stasas und Drutt hatten die Augen auf den Fußboden gerichtet. Damson Rhee und Padishar Creel sahen einander an.

Par erkannte, daß niemand etwas sagen wollte, sondern alle auf ihn warteten. Zu seiner eigenen Überraschung, und ohne daß er darüber nachdenken mußte, sagte er: »Ich bin dabei.«

»Hast du den Verstand verloren?« flüsterte Coll in sein Ohr.

Stasas und Drutt zogen einen Augenblick Padishar Creels Aufmerksamkeit auf sich, als auch sie erklärten, mit von der Partie zu sein.

»Par, das war unsere Chance, aus der Sache rauszukommen!« murmelte Coll.

»Er tut es für mich, verstehst du das nicht? Ich bin es schließlich, der das Schwert von Shannara sucht. Ich kann nicht zulassen, daß Padishar das Risiko ganz allein trägt. Ich muß mit ihm gehen!«