Walker Boh schüttelte den Kopf. »Nein, Finsterweiher, du kannst niemals ich sein. Du kannst niemals ein anderer sein als der, der du bist – ein Geist ohne ein Sein, ohne einen Körper, verbannt in dieses kleine Gewässer für alle Ewigkeit. Nichts, was du tust, kein Spiel, das du spielst, kann daran etwas ändern.«
Der Finsterweiher ließ einen Wasserstrahl zischend gen Himmel fahren, Zorn sprach aus seiner Stimme. »Dann geh, Dunkler Onkel!« Das Antlitz Walker Bohs verwandelte sich in einen Totenschädel. »Du glaubst, daß mein Schicksal nichts mit deinem zu tun hat? Hüte dich! Du trägst mehr von mir in dir, als du wahrscheinlich erfahren möchtest!« Gewänder breiteten sich aus und warfen düsteres Licht in den Nebel. »Hör mich an, Walker! Du verlangst Auskunft über den schwarzen Elfenstein? Dann hör mir zu! Eine Dunkelheit umgibt ihn, eine Finsternis, die kein Licht durchdringen kann, wo Augen einen Mann in Stein verwandeln und Stimmen ihn in den Wahnsinn treiben. Dahinter, wo nur die Toten liegen, befindet sich ein Behälter, der mit Runen verziert ist, den Zeichen der Vergänglichkeit. In diesem Behälter liegt der Stein.«
Der Totenkopf löste sich in nichts auf, und nur die Gewänder blieben zurück, hingen lose im Nebel. »Ich habe dir gegeben, wonach du verlangt hast, Dunkler Onkel«, flüsterte der Geist mit ekelerfüllter Stimme. »Ich habe es getan, weil das Geschenk dich zerstören wird. Stirb, damit dein verfluchtes Geschlecht mit dir als dem Letzten ein Ende findet! Wie ich mich danach sehne! Geh jetzt! Verlaß mich! Ich wünsche dir eine geschwinde Reise ins Verderben!«
Der Finsterweiher verschwand im Nebel. Dunkelheit umhüllte den See und seine Ufer, und Walker Boh war einen Augenblick blind. Er rührte sich nicht von der Stelle, sondern wartete darauf, wieder sehen zu können, während er die kalte Berührung des Nebels spürte, der über seine Haut streifte. Das Lachen des Finsterweihers hallte in seinem Geist nach.
Als sein Sehvermögen zurückkehrte und er die Umrisse der Bäume hinter sich wieder erkennen konnte, wandte er sich vom See ab, schlug den Mantel eng um sich und stapfte davon.
23
Der Nachmittag neigte sich dem Abend zu. Ein leichter Regen fiel auf die Stadt Tyrsis, der den Staub auf den Straßen glitschig machte. Sturmwolken hingen tief über den Bäumen des Volksparks. Er war leer.
Dann zerstörten Fußtritte die Stille, ein Getrampel von Stiefeln, und sechs in Mäntel und Kapuzen gehüllte Föderationssoldaten traten aus dem Grau. Zwei Amseln, die sich auf einer Birke niedergelassen hatten, blickten unruhig um sich. Ein zwischen Abfall herumstreunender Hund schlich schnell davon. In einem noch trockenen Hauseingang versuchte ein elternloses Kind sich gegen die Kälte zu schützen und lugte vorsichtig aus seinem Unterschlupf hervor. Ansonsten regte sich nichts. Die Straßen waren verlassen, die Stadt hatte sich zur Ruhe begeben und in der feuchten, ungemütlichen Dunkelheit ihre Augen geschlossen.
Padishar Creel führte die kleine Gruppe über den Platz auf der Tyrsian-Allee in den Park hinein. Sie waren nicht voneinander zu unterschieden. Sie hatten den ganzen Weg vom Lagerhaus ohne Schwierigkeiten zurückgelegt und fast kein einziges lebendiges Wesen angetroffen. Alles verlief nach Plan.
Par Ohmsford beobachtete, wie die schwachen Umrisse des Wachhauses durch die Bäume sichtbar wurden. Er zog seine Schultern ein, um sich vor der Kälte des Regens zu schützen. Er wußte, daß er nahe daran war, die Gewalt über sich zu verlieren. Er hatte schon früher Angst gehabt – als Coll und er aus Varfleet geflohen waren, als sie unterhalb des Runnegebirges von der Waldfrau bedroht wurden, als Cogline ihnen erklärte, was sie zu tun hatten, als sie bei Nacht und Nebel mit Morgan den Regenbogensee überquerten, als sie in den Wäldern des Anar mit dem Riesen kämpften, als sie im Wolfsktaaggebirge dem Nager entflohen und als er von den Spinnengnomen und der Kindfrau, die in Wirklichkeit ein Schattenwesen war, gefangengenommen wurde. Er hatte Angst gehabt, als Allanon erschienen war. Aber seine Angst damals und seither war nichts im Vergleich mit dem, was er jetzt fühlte. Er verspürte Todesangst.
Er kämpfte mit der Trockenheit, die sich in seinem Hals bemerkbar machte, und versuchte sich einzureden, daß alles in Ordnung sei. Das Gefühl hatte ihn ganz plötzlich überfallen. Er hielt es für sinnlos, den anderen von dem, was er empfand, zu erzählen. Im Grunde genommen hätte er nichts sagen können, was von Bedeutung gewesen wäre – er hätte nur sagen können, daß er sich fürchtete, ja, daß er Todesängste ausstand. Und was, fragte er sich, fühlten die anderen?
Ein Windstoß schüttelte die tropfnassen Bäume und ließ die Tropfen auf ihn herunterprasseln. Er leckte sie von den Lippen ab und hieß die kühle Feuchtigkeit willkommen.
»Allanon!« Er flüsterte den Namen des Druiden wie ein Gebet. »Warum hilfst du mir nicht?« Aber ein Geist, das wußte er, konnte niemandem helfen. Hilfe boten nur die Lebenden.
Es blieb keine Zeit mehr zu denken, keine Zeit, sich ob der Entscheidungen, die nicht mehr zu ändern waren, zu quälen, und keine Zeit, die bereits getroffenen zu beklagen. Die Bäume lichteten sich, und sie standen vor dem Wachhaus. Die zwei diensttuenden Föderationssoldaten standen stramm, als sie sich näherten.
Padishar Creel zögerte niemals. Er ging schnurstracks auf sie zu, teilte ihnen Sinn und Zweck ihres Kommens mit, machte einen Witz über das Wetter und veranlaßte sie so, ihnen das Tor zu öffnen. Mit eng um sich gezogenen Umhängen eilte die kleine Gruppe ins Innere.
Die Männer der Nachtwache, sechs an der Zahl, saßen beim Kartenspiel um einen Holztisch herum und blickten bei ihrem Eintreten kaum auf. Der diensthabende Offizier war nirgendwo zu sehen.
Padishar Creel schielte über seine Schulter und forderte Morgan, Stasas und Drutt mit einem schwachen Kopfnicken auf, sich um den Tisch zu verteilen.
Als sie ihre Plätze einnahmen, blickte einer der Kartenspieler argwöhnisch auf. »Wer seid ihr?« wollte er wissen.
»Reinigungskommando«, antwortete Padishar Creel. Er trat hinter den Sprecher und beugte sich hinunter, um in seine Karten zu schauen. »Das ist ein schlechtes Blatt, mein Freund.«
»Verschwinde, du machst mich ja naß«, beschwerte sich der andere.
Padishar Creel schlug mit der Faust gegen seine Schläfe, und der Mann fiel um wie ein Stein. Ein zweiter folgte fast ebenso schnell. Die Wachen sprangen schreiend von ihren Plätzen auf, aber die Geächteten und Morgan streckten sie innerhalb von Sekunden nieder. Par und Coll begannen Seile und Tücher auszupacken.
»Schleift sie in die Schlafquartiere und fesselt und knebelt sie«, flüsterte Padishar Creel. »Sorgt dafür, daß sie nicht fliehen können.«
Sie vernahmen ein kurzes Klopfen an der Tür. Padishar Creel wartete, bis die Wachen weggeschafft waren, und öffnete dann das Guckloch. »Alles in Ordnung«, versicherte er den Wachtposten, die geglaubt hatten, ein Geräusch zu hören.
Nachdem die Männer der Nachtwache sicher in den Schlafquartieren untergebracht waren, schloß Padishar Creel die Tür und verriegelte sie. Er zögerte, bevor er befahl, die Eingangstüren ebenfalls zu verriegeln. »Es hat keinen Sinn, ein Risiko einzugehen«, erklärte er. Sie konnten niemanden zurücklassen, der dafür sorgte, daß sie nicht gestört wurden.
Die mitgebrachten Öllampen beleuchteten ihren Weg, als sie in der Dunkelheit die Treppe zu den Gewölben des Wachhauses hinabstiegen. Im unteren Stockwerk fanden sie den wachhabenden Offizier schlafend vor – einen neuen Mann, nicht denjenigen, der auf sie gewartet hatte, als sie versuchten, in die Schlucht hinabzusteigen. Diesem erging es nicht besser als den anderen. Sie überwältigten ihn mühelos und fesselten und knebelten ihn, bevor sie ihn in seinem Zimmer einschlossen.
»Laßt die Lampen hier«, befahl Padishar Creel.
Sie gingen an den Räumen des wachhabenden Offiziers vorbei zum Ende des Korridors. Dort stießen sie auf eine eisenbeschlagene Tür, die doppelt so groß war wie der Größte von ihnen, der lange Drutt. Ein riesiger Türgriff, verziert mit dem Wolfskopfabzeichen der Sucher, ragte ihnen entgegen. Padishar Creel faßte mit beiden Händen zu und drückte die Klinke nach unten. Das Schloß gab nach, und die Tür sprang auf. Dunkelheit und der Gestank von Verfall schlugen ihnen entgegen.