»Bleibt dicht beisammen«, flüsterte Padishar Creel über seine Schulter und trat in das Dunkel hinein.
Coll streckte die Hand aus und drückte Pars Schulter, bevor er dem anderen folgte.
Sie befanden sich inmitten eines Waldes aus Baumstämmen, Gestrüpp und undurchdringlichem Nebel. Das dichte, herabhängende Laubwerk der Bäume über ihnen nahm ihnen auch das letzte verbleibende Tageslicht. Schlamm blubberte in kleinen Pfützen überall, wo sie hintraten. Fliegende Kreaturen bahnten sich in zickzackförmigen Bewegungen ihren Weg durch den Dschungel – ob Vögel oder weniger angenehme Kreaturen, konnten sie nicht ausmachen. Gerüche überfielen sie, doch gleichzeitig noch Schlimmeres, etwas noch Ekelhafteres. Geräusche drangen aus dem Schlamm an ihre Ohren, unkenntlich, bedrohlich. Die Schlucht schien wie eine endlose Düsternis.
Padishar Creel bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Drutt ging als erster, dann Coll, Par, Morgan und Stasas. Vorsichtig bahnten sie ihren Weg am Rand der Schlucht entlang und hielten sich in Richtung der Trümmer der alten Sendic-Brücke. Par und Coll trugen Greifhaken und Seile, die anderen gezogene Waffen. Par blickte nach hinten und sah, wie das Schwert von Leah schwach in Morgans Hand funkelte und der Regen auf das glänzende Metall tröpfelte.
Der Boden unter ihren Füßen war weich und nachgiebig, hielt jedoch ihrem Gewicht stand, als sie sich stetig der Düsternis näherten. Die Schlucht glich einem riesigen, wartenden Schlund, aus dem der Geruch von bereits Gegessenem drang und dessen Atem der Nebel war, der sie umhüllte. Allerlei Dinge wanden und schlängelten sich durch die stehenden Tümpel, rannen an verfaulenden Baumstümpfen herunter und huschten gleich Quecksilber durch das Gestrüpp. Die Stille war betäubend. Nur der Regen, der stetig niederging, war zu hören, als er im Schlamm versickerte.
Es schien Par, als wären sie schon sehr lang gegangen. Die Minuten dehnten sich endlos. Wie weit konnte es wohl noch bis zur verfallenen Brücke sein? fragte er sich. Mit Sicherheit hätten sie bereits dort sein müssen. Er fühlte sich in der Schlucht gefangen, die von der Wand zur Linken, den Bäumen und dem Nebel zur Rechten und der Dunkelheit und dem Regen über ihnen und um sie herum begrenzt wurde. Die schwarzen Umhänge seiner Gefährten ließen sie wie Trauernde bei einem Begräbnis erscheinen, wie Leichenträger.
Dann blieb Padishar Creel stehen und lauschte. Par hatte es ebenfalls gehört – ein Zischen, das aus dem tiefen Schlamm an sein Ohr drang, als ob Dampf aus einem Kessel entwiche. Die anderen reckten die Hälse und sahen sich um. Das Zischen verstummte, und wieder wurde die Stille nur durch ihr Atmen und den Regen durchbrochen.
Padishar Creels breites Schwert schimmerte, als er sie erneut weiterwinkte. Er führte sie jetzt schneller voran, als spüre er die heraufziehende Gefahr und die Notwendigkeit, das schnelle Vorankommen über die Vorsicht zu stellen. Riesige Baumstämme, die wie stumme Wächter schienen, tauchten vor ihnen auf, um sogleich wieder in die Finsternis einzutauchen.
Par spürte plötzlich, daß irgend etwas sie beobachtete. Seine Nackenhaare sträubten sich bei dem Gefühl der auf sie gerichteten Blicke, und er sah sich eilig um. Keine Bewegung war im Nebel auszumachen; nichts war zu sehen.
»Was ist los?« flüsterte ihm Coll ins Ohr, aber er brachte nur ein Kopfschütteln zustande.
Ganz unvermittelt erblickten sie die Steinbrocken der zerfallenen Sendic-Brücke, die wie riesige Zähne aus dem dichten Wald aufragten. Padishar Creel drängte vorwärts, die anderen folgten ihm. Sie drangen tiefer in den Wald ein. Die Schlucht schien sie mit ihrem Nebel und ihrer Dunkelheit zu verschlingen. Teile der Brücke lagen verstreut auf dem Waldboden; moosbedeckt und zerfallen, wirkten sie gespenstisch im schwachen Licht.
Par atmete tief ein. Die Legenden berichteten, daß das Schwert von Shannara mit der Klinge nach unten in einen Block aus rotem Marmor eingepflanzt und dieser im Schutz der Sendic-Brücke in einem Kuppelbau aufgestellt worden sei.
Es mußte da sein, irgendwo in der Nähe.
Er zögerte. Würde es ihm überhaupt gelingen, den Kuppelbau zu betreten?
Er ließ seinen Blick durch den Nebel schweifen. Was würde geschehen, wenn es unter den Trümmern der Brücke begraben lag? Wie sollten sie dorthin gelangen?
Die Felswände erhoben sich drohend im dichten Nebel. Er sah den westlichen Flügel des zerfallenen Palastes der Könige von Callahorn als einen dunklen Schatten zwischen den Bäumen. Er spürte, wie es ihm den Hals zuschnürte. Sie befanden sich fast an der anderen Wand der Schlucht. Wo sollten sie noch suchen?
Ich werde diesen Ort nicht ohne das Schwert von Shannara verlassen, schwor er sich stumm. Das Feuer seines Entschlusses brannte in ihm, als wolle es das Versprechen besiegeln.
Dann vernahmen sie wieder das Zischen, diesmal viel näher. Es schien, als käme es aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Padishar Creel verlangsamte seinen Schritt, blieb stehen und drehte sich vorsichtig um. Mit Drutt und Stasas zu seiner Linken und Rechten trat er schützend vor die Talbewohner und den Hochländer und bewegte sich dann vorsichtig weiter.
Das Zischen wurde lauter. Doch es war kein Zischen mehr, sondern ein lautes Atmen.
Außer sich vor Schreck blickte sich Par in der Dunkelheit um. Irgend etwas kam ihnen entgegen, das gleiche Etwas, das Ciba Blue vernichtet hatte und all jene vor ihm, die in die Schlucht hinabgestiegen und nie wieder herausgekommen waren. Die Gewißheit erschreckte ihn zu Tode. Und trotzdem hielt er nicht wirklich nach ihrem Verfolger Ausschau. Es war der Kuppelbau, in dem sich das Schwert von Shannara befand, den er suchte. Er suchte mit der Kraft der Verzweiflung. Plötzlich sah er ihn im Geiste vor sich, so klar, als hielte ihm jemand ein Bild vor Augen.
Etwas Eigenartiges schien mit ihm zu geschehen.
Er spürte eine plötzliche Anspannung in seinem Körper, die scheinbar mit der Magie des Wunschliedes zusammenhing. Er spürte ein Ziehen und Zerren, das an Fesseln rüttelte, die er weder sah noch verstand. Er spürte einen Druck in sich, den er noch nie zuvor verspürt hatte.
Coll sah ihn an und wurde blaß. »Par?« flüsterte er ängstlich und schüttelte ihn.
Rote Lichtstrahlen tauchten aus dem Nebel um sie herum auf und brannten wie winzige Feuer in der Feuchtigkeit. Sie bewegten sich und kamen näher. Gesichter tauchten auf, kaum mehr menschlich, das Fleisch verfault und zerfressen, die Züge entstellt und abstoßend. Körper watschelten aus der Finsternis, unglaublich mißgestaltet. Die meisten gingen gebeugt; einige krochen auf allen vieren.
Sie umringten die kleine Gruppe in wenigen Sekunden. Es waren Wesen aus einem ekelerregenden Alptraum. Dunkle, körperlose Gespenster traten aus ihren Körpern heraus und wieder hinein, aus Mündern und Augen, aus den Poren der Haut und den Spitzen der Haare. Schattenwesen.
Der Druck, der auf Par Ohmsford lastete, wurde unerträglich. Er spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Er sah seine Träume lebendig werden, die dunkle Welt der Schattenwesen. Es war, als erfülle sich Allanons Versprechen hier und jetzt.
Er schrie, und der schrille Schrei ließ seine Gefährten erschauern. Der Schrei artikulierte sich in Worten. Er sang, und das Wunschlied zerriß die Luft gleich einer Flamme; die Magie brachte Licht in die Dunkelheit. Die Schattenwesen fuhren zurück, ihre Gesichter gleich schauerlichen Fratzen in der unerwarteten Helligkeit, die Wunden ihrer Körper gleich leuchtend roten Malen. Par versteifte sich, als er von einer Macht des Wunschliedes durchströmt wurde, wie er sie nicht für möglich gehalten hätte. Er war sich seiner Vision bewußt, der Vision des Schwertes von Shannara.