Das Licht der Magie, das zu Anfang nur eine Illusion gewesen war, wurde plötzlich Wirklichkeit. Es wurde heller, es durchbohrte die Dunkelheit auf eine Art, die Par seltsamerweise bekannt vorkam, es leuchtete strahlend, als es die Düsternis durchdrang. Es wand und drehte sich wie ein gefesselten Wesen, das zu entkommen sucht, schlängelte sich um die Trümmer der zerstörten Sendic-Brücke, sprang über Baumstämme, brannte sich durch das Gestrüpp hin zu einer alleinstehenden Steinkammer, die ungefähr hundert Meter von seinem Standort inmitten von Buschwerk und Geäst verborgen lag.
Er spürte, wie eine Woge der Erregung ihn durchströmte.
Da.
Das Wort zischte durch die weiße Stille seines Geistes, unberührt von Magie und Chaos. Er sah den verwitterten schwarzen Stein, und das Licht seiner Magie brannte sich in seine rauhe Oberfläche, durchstreifte seine Spalten und Ritze, erkannte die verschnörkelten eingemeißelten Worte: »Hier liegt Herz und Seele der Nationen, ihr Recht, freie Menschen zu sein, ihr Wunsch, in Frieden zu leben, ihr Mut…«
Plötzlich verließ ihn seine Kraft, noch bevor er zu Ende lesen konnte, und die Magie flackerte noch einmal auf, bevor sie sich ebenso schnell, wie sie gekommen war, wieder auflöste. Mit einem Aufschrei taumelte er nach hinten, und Coll fing ihn auf. Par hörte ihn nicht. Er hörte überhaupt nichts, außer dem seltsamen Klingeln, dem letzten Überbleibsel des Wunschliedes, Fragmente einer Magie, die er, wie er jetzt erkannte, noch nicht einmal begonnen hatte zu begreifen.
In seinem Geist verweilte die Vision, ein flimmerndes Bild in seinen Gedanken – das war alles, was von dem blieb, was die Magie nur wenige Minuten zuvor im Nebel und in der Dunkelheit enthüllt hatte.
Die verwitterte Steinkuppel. Die vertrauten verschnörkelten Worte. Das Schwert von Shannara.
Dann hörte das Klingeln auf, die Vision verblaßte, und er befand sich wieder in der Schlucht, all seiner Kräfte beraubt. Die Schattenwesen kamen näher, humpelten aus allen Richtungen auf sie zu, drängten sie mit dem Rücken gegen die Trümmer der Brücke. Padishar Creel, groß und furchteinflößend, trat einen Schritt vor, um es mit dem am nächsten stehenden Schattenwesen, einem riesigen bärenhaften Ding mit Krallen, aufzunehmen. Es faßte nach ihm, und er hieb mit seinem breiten Schwert darauf ein, einmal, zweimal, ein drittes Mal, mit so schnell aufeinanderfolgenden Hieben, daß Par ihnen kaum folgen konnte. Mit hängenden Gliedmaßen sackte die Kreatur zusammen, doch sie fiel nicht zu Boden. Sie schien kaum zu begreifen, was mit ihr geschehen war; ihre Augen waren starr, ihre Gesichtszüge in Pein verzerrt.
Par beobachtete das Schattenwesen. Seine Gliedmaßen fügten sich in der gleichen Weise zusammen wie die des Riesen, mit dem sie im Anar gekämpft hatten. »Padishar, das Schwert…«, begann er, aber der Anführer der Geächteten schrie ihnen bereits zu, sich auf dem gleichen Weg, wie sie gekommen waren, wieder zurückzuziehen.
»Nein!« schrie Par verzweifelt auf. Es wollte ihm nicht gelingen, die Sicherheit, die er spürte, in Worte zu fassen. Sie mußten zu dem Schwert gelangen. Er raffte sich auf, versuchte sich dem Griff Colls zu entwinden, doch sein Bruder ließ ihn nicht los, sondern schleifte ihn hinter den anderen her.
Mit der ihnen eigenen Eile griffen die Schattenwesen an. Stasas ging zu Boden und wurde von seinen Gefährten weggezerrt. Seine Kehle wurde durchschnitten, und dann fuhr etwas Dunkles in seinen Körper, während er in den letzten Zügen lag. Dieses Etwas ließ ihn hochschnellen, wirbelte ihn herum, so daß er ihnen gegenüberstand, und machte ihn zu einem weiteren Angreifer. Mit den Schwertern wild um sich schlagend, zog sich der Rest der Gruppe weiter zurück. Ciba Blue erschien, oder zumindest das, was von ihm übrig geblieben war. Mit übermenschlichen Kräften gebot er Drutts Schwert Einhalt, ergriff seine Arme und schlang sich wie eine Klette um seinen ehemaligen Gefährten. Der Geächtete schrie vor Schmerzen, als zuerst ein Arm und dann der andere aus seinem Körper gerissen wurde. Danach war es sein Kopf. Er blieb zurück, dort, wo Ciba Blues Überreste ihn gleich einem Blutegel aussaugten.
Bedrängt von allen Seiten, war Padishar Creel jetzt ganz allein. Nur seiner Schnelligkeit und seiner Stärke hatte er es zu verdanken, daß er noch am Leben war. Auf der einen Seite täuschte er einen Angriff vor, um auf der anderen Hiebe auszuteilen, und wich zugleich den Fingern aus, die nach ihm griffen. Angesichts der Überzahl der Schattenwesen blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als zurückzuweichen.
Schließlich war es Morgan Leah, der ihm das Leben rettete. Der Hochländer vergaß einen Augenblick seine Rolle als Beschützer von Par und Coll und eilte dem Anführer der Geächteten zu Hilfe. Sein rotes Haar flog wild durch die Luft, als er sich auf die Schattenwesen stürzte. Das Schwert von Leah fuhr in großem Bogen nach unten, und Funken stoben in die Luft, als es auftraf. Zauberkraft durchströmte die Klinge, ergoß sich in die dunklen Wesen und verbrannte sie zu Asche. Zwei lösten sich auf, dann drei, dann noch mehr. Padishar Creel kämpfte unerbittlich an seiner Seite, und schließlich gelang es ihnen gemeinsam, eine Bresche durch die sie umgebenden Augen zu schlagen, während sie Par und Coll aus Leibeskräften zuschrien, ihnen zu folgen. Die Talbewohner torkelten hinter ihnen her, wobei sie versuchten, den Schattenwesen auszuweichen, denen es gelungen war, sich hinter sie zu drängen. Par verlor alle Hoffnung, das Schwert doch noch zu erringen. Zwei von ihnen waren bereits tot, und auch die übrigen mußten ihr Leben lassen, wenn es ihnen nicht gelang, sich augenblicklich aus dem Staub zu machen.
Sie taumelten dem Abhang der Schlucht zu und versuchten gleichzeitig die Schattenwesen abzuwehren, wobei die Zauberkraft des Schwertes von Leah die Bestien in Schach hielt. Sie schienen überall zu sein, so, als wäre die Schlucht ein Nest, in dem sie sich vermehrten. Ebenso wie die Waldfrau und der Riese schienen auch ihnen herkömmliche Waffen nichts anhaben zu können. Nur Morgan konnte sie vernichten; er besaß eine Zauberkraft, der sie nicht widerstehen konnten.
Ihr Rückzug ging quälend langsam vonstatten. Morgan wurde müde, und in dem Maße, in dem seine eigene Stärke schwand, schwand auch die Macht des Schwertes von Leah. Sie rannten, wenn sie konnten, aber immer häufiger stellten sich ihnen die Schattenwesen in den Weg. Par versuchte vergeblich die Magie des Wunschliedes zu beschwören, doch sie war durch nichts zu erwecken. Er versuchte nicht daran zu denken, was dies bedeuten konnte, sondern mühte sich immer noch ab, das zu verstehen, was passiert war, zu begreifen, wie die Magie zum Leben erwacht war. Wie hatte es nur geschehen können, daß er die Gewalt darüber verloren hatte?
Irgendwie erreichten sie die Wand der Schlucht und blieben erschöpft stehen. Aus dem Park über ihnen ertönten Schreie, und Fackeln flackerten. Ihr Kampf mit den Schattenwesen hatte die Föderationswache alarmiert.
»Die Greifhaken!« keuchte Padishar Creel.
Par hatte seine verloren, doch die Colls hingen immer noch über seiner Schulter. Der Talbewohner trat zurück, wickelte das Seil ab und schwang das schwere Eisen hoch in die Luft. Es flog außer Sichtweite und hakte sich fest. Coll prüfte die Haltbarkeit und stellte fest, daß das Seil seinem Gewicht standhielt.
Padishar Creel wandte sich an Par. »Zieh dich hoch«, befahl er mit rauher Stimme. Sein Atem ging stoßweise. »Auch du, Coll. Zieht euch hoch, bis ihr oben seid, und versteckt euch dann im Park. Damson wird euch finden und euch zum Zeigefinger führen.«
»Damson«, wiederholte Par benommen.
»Vergiß deinen Verdacht und meinen auch«, flüsterte der Anführer der Geächteten schroff. Eine Spur von Traurigkeit lag in seinen harten Augen. »Vertrau ihr, mein Junge – sie ist mein besseres Selbst!«
Die Schattenwesen drangen noch einmal aus der Dunkelheit hervor; ihr Atem war ein langsames Zischen in der Nachtluft. Morgan hatte die Wand bereits verlassen, um sich ihnen entgegenzustellen. »Mach, daß du hier wegkommst, Par«, rief er über seine Schulter.