»Wohin gehen wir jetzt?« flüsterte Par, der sich, um nicht umzufallen, an Coll anlehnte. Er war kaum mehr fähig, sich aufrecht zu halten.
Coll schüttelte stumm den Kopf und zog seinen Bruder in Richtung Straße weg von den Lichtern. Sie hatten kaum das Kopfsteinpflaster erreicht, als sich eine schlanke Gestalt aus den Schatten etwa fünfzehn Meter vor ihnen löste und geradewegs auf sie zukam. Damson, dachte Par. Er flüsterte Coll ihren Namen ins Ohr, und sie verlangsamten erwartungsvoll ihre Schritte, während sie auf sie zueilte.
»Geht weiter«, sagte sie leise, während sie sich Pars freien Arm um die Schulter legte, um Coll zu entlasten. »Wo sind die anderen?«
Pars Augen richteten sich auf Damson Rhee. Langsam schüttelte er den Kopf und bemerkte den niedergeschlagenen Ausdruck auf ihrem Gesicht.
Hinter ihnen, tief im Park, loderte ein riesiges Feuer gen Himmel. Laute des Entsetzens entrangen sich denen, die auf der Straße versammelt waren. Die darauf folgende Stille war betäubend.
»Seht euch nicht um«, flüsterte Damson Rhee kurz.
Die Talbewohner brauchten sich nicht umzusehen. Morgan Leah lag, alle viere von sich gestreckt, auf der verbrannten Erde der Schlucht; Rauch drang aus seinen Kleidern und füllte seinen Mund und seine Nase mit einem beißenden Gestank. Irgendwie lebte er noch, das spürte er – gerade noch. Irgend etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Er fühlte sich zerbrochen, als wäre unter seiner Haut alles zu Brei gemahlen worden und hätte ihn als leere Hülle zurückgelassen. Er spürte einen Schmerz, wenngleich es kein körperlicher Schmerz war. Es war viel schlimmer, eine Pein, die nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist zugrunde richtete.
»Hochländer!«
Padishar Creels rauhe Stimme drang durch seinen Schmerz und ließ ihn die Augen öffnen. Flammen wanden sich ganz in seiner Nähe am Boden entlang.
»Steh auf – schnell!« Padishar Creel stellte ihn auf die Beine, und er hörte sich selbst schreien. Ein Wirrwarr von Bäumen und Steinen bewegte sich verschwommen in Nebel und Dunkelheit, um schließlich Gestalt anzunehmen.
Dann sah er, daß er immer noch das Heft des Schwertes von Leah umklammert hielt, dessen Klinge jedoch zertrümmert war.
Morgan begann zu zittern. Er konnte nicht mehr aufhören. »Was habe ich getan?« flüsterte er.
»Du hast uns das Leben gerettet, mein Freund!« sagte Padishar Creel und schleppte ihn vorwärts. Licht strömte aus einem riesigen Loch in der Wand des Wachhauses. Die Tür, die ihnen den Zutritt versperrt hatte, war verschwunden. Padishar Creels Stimme klang heiser. »Deine Waffe hat es fertiggebracht. Deine Magie. Hat die Tür in Rauch aufgelöst! Das ist unsere Chance, das heißt, wenn wir schnell genug sind. Beeil dich jetzt! Stütz dich auf mich. Noch eine Minute…« Er schubste Morgan durch die Öffnung.
Nur verschwommen nahm Morgan den Korridor wahr, durch den sie hindurchstolperten, und die Treppe, die sie hinaufstiegen. Der Schmerz erfüllte auch weiterhin seinen Körper, so daß er, sobald er versuchte zu sprechen, nur unzusammenhängende Sätze formulieren konnte. Es gelang ihm nicht, den Blick von dem zerbrochenen Schwert abzuwenden. Sein Schwert – seine Magie – er selbst.
Schreie und heftiges Getrampel ließen ihn zusammenfahren. »Vorsicht jetzt«, warnte Padishar Creel; die Stimme des Anführers der Geächteten war ein einziges Dröhnen in Morgans Ohren, das von weit her zu ihm zu dringen schien.
Sie erreichten den Wachraum mit seinen Waffen und Geräten. Von außen wurde wie wild an die Eingangstüre gehämmert. Ihre eisernen Beschläge drohten zu brechen.
»Leg dich hin«, befahl Padishar Creel, der ihn an die eine Wand des Raumes lehnte. »Wenn sie reinkommen, sagst du gar nichts, du bleibst ganz ruhig. Komm, gib mir das.« Er streckte die Hand aus und löste Morgans kraftlose Finger, die das zerbrochene Schwert von Leah umklammerten. »Zurück in die Scheide damit, mein Junge! Wir werden uns später um die Reparatur kümmern.« Er steckte das Schwert in die Scheide zurück, tätschelte Morgans Wange und machte sich dann daran, die Tür zu öffnen.
Schwarzuniformierte Föderationssoldaten strömten schreiend in den Raum und füllten ihn mit einem erdrückenden Lärm. Padishar Creel schrie und brüllte zurück, während er sie die Treppe hinunter zu den Schlafquartieren führte. Morgan beobachtete das Geschehen, ohne irgend etwas zu verstehen oder auch nur verstehen zu wollen. Die Gleichgültigkeit, die er empfand, wurde nur durch das Gefühl des Verlustes übertroffen. Es war, als hätte sein Leben keinen Sinn und Zweck mehr, als ob ihm beides so gänzlich abhanden gekommen wäre wie die Klinge des Schwertes von Leah.
Keine Magie mehr, dachte er immer wieder. Ich habe sie verloren. Ich habe alles verloren.
Dann kam Padishar Creel zurück und führte ihn durch das Durcheinander des Wachhauses zur Eingangstür. Allerlei Gestalten drängten sich an ihnen vorbei, doch niemand hielt sie auf. »Eine schöne Bescherung, die wir mit unserer Nachtarbeit angerichtet haben«, murmelte Padishar Creel vor sich hin. »Ich hoffe nur, daß sie keine weiteren Folgen hat.« Geschwind zog er Morgan aus dem Lichtkreis des Wachhauses und in den schützenden Schatten des Parks.
Wenige Augenblicke später waren sie nicht mehr zu sehen.
24
Es war kurz nach dem Einsetzen der Morgendämmerung, als Par Ohmsford zum erstenmal erwachte. Er lag regungslos auf seinem aus Decken bestehenden Lager und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Es dauerte eine Zeitlang, bis er begriff, wo er sich befand. Er war in einem Lagerschuppen hinter einer Gärtnerei im Zentrum von Tyrsis. Damson Rhee hatte sie letzte Nacht in dieses Versteck geführt, nachdem…
Die Erinnerung kehrte unangenehm schnell zurück, Bilder schossen ihm mit schrecklicher Klarheit durch den Kopf.
Er zwang sich, die Augen zu öffnen, und die Bilder verschwanden. Schwaches Licht drang durch die Ritzen der Fensterläden des Schuppens und verlieh den Gartengeräten, die wie Wachsoldaten an der Wand aufgereiht waren, vage Umrisse. Der durchdringende Geruch von Erde und Gras erfüllte die Luft. Jenseits der Wände ihres Verstecks war alles ruhig, die Stadt war noch nicht erwacht.
Vorsichtig hob er den Kopf und sah sich um. Neben ihm lag Coll, der im Schlaf tief und gleichmäßig atmete. Damson Rhee war nirgendwo zu sehen.
Er legte sich noch einmal hin und lauschte der Stille. Dann stand er auf, indem er sich behutsam aus seinen Decken wickelte. Sein Körper war steif und verkrampft, und der Schmerz, der seine Gelenke durchfuhr, ließ ihn zusammenzucken. Doch er konnte ohne Hilfe umhergehen.
Coll warf sich unruhig hin und her, um dann wieder ruhig weiterzuschlafen. Par beobachtete seinen Bruder kurze Zeit und trat dann an das nächste Fenster. Er war immer noch angekleidet; nur seine Stiefel hatte man ihm ausgezogen. Die Kühle des frühen Morgens kroch aus dem Bretterfußboden in seine nur durch Socken geschützten Füße. Er lehnte sich an das Fenster und versuchte durch eine Ritze im Fensterladen hinauszuspähen. Es hatte aufgehört zu regnen, aber der Himmel war bedeckt, und die Welt sah feucht und leer aus. Nichts bewegte sich in seinem Blickfeld. Wände, Dächer, Straßen und dunkle Erker starrten ihn aus dem Nebel heraus an.
Hinter ihm ging die Tür auf, und Damson Rhee trat vollkommen geräuschlos in den Schuppen. Kleine Wassertröpfchen glitzerten auf ihren Kleidern, und ihr nasses Haar hing herunter. »Was machst du denn da?« flüsterte sie mit Unmutsfalten auf der Stirn. Eilig durchschritt sie den Raum und packte Par, als ob er im Begriff wäre hinzufallen. »Du sollst noch nicht aufstehen! Du bist noch viel zu schwach. Geh sofort wieder ins Bett!« Sie führte ihn zu seinem Lager und zwang ihn, sich wieder hinzulegen.
»Damson, hör mir zu…«, setzte er an, aber sie legte ihm schnell eine Hand auf den Mund.
»Nein, du hörst mir zu, Elfenjunge.« Sie starrte auf ihn wie auf eine wunderliche Entdeckung hinunter. »Was ist bloß mit dir los, Par Ohmsford? Hast du nicht ein bißchen gesunden Menschenverstand? Du bist letzte Nacht gerade noch mit dem Leben davongekommen, und jetzt begibst du dich schon wieder in Gefahr. Ist dir dein Leben denn gar nichts wert?«