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Nach kurzem Zögern schluckte Morgan seinen Zorn und seinen Stolz hinunter und folgte ihm. Als Par zum zweitenmal aufwachte, war es bereits mitten am Nachmittag. Der Geruch von heißer Suppe durchzog ihre enge Behausung. Er blinzelte und setzte sich langsam auf. Damson Rhee stand neben einer kleinen Bank, wo sie die dampfende Suppe in Schüsseln schöpfte. Sie warf dem Talbewohner einen Blick zu und lächelte. Ihr leuchtendes Haar glänzte hell im spärlichen Sonnenlicht, das durch die Ritzen der Fensterläden drang, und Par verspürte ein fast unwiderstehliches Bedürfnis, seine Hand auszustrecken und es zu berühren.

Damson Rhee reichte den Talbewohnern die Suppe, danach frisches Obst, Brot und Milch, und Par hielt das Mahl für das köstlichste, das er je genossen hatte. Da sowohl Par als auch Coll hungriger waren, als sie dies für möglich gehalten hatten, aßen sie alles auf, was Damson Rhee ihnen gab. Par staunte, daß er noch einmal eingeschlafen war, doch zweifellos hatte er gut daran getan, denn sein Körper fühlte sich ausgeruht und fast frei von Schmerzen. Da sie während des Mahles nur wenig redeten, hatte er Gelegenheit nachzudenken. Fast unverzüglich nach dem Erwachen hatte es in seinem Kopf angefangen zu arbeiten; seine Gedanken waren schnell von der Erinnerung an die Schrecken der vergangenen Nacht zu dem, was vor ihm lag, vorausgeeilt – er würde die Informationen, die er gesammelt hatte, auswerten, würde das, was er vermutete, sorgfältig abwägen, würde Pläne schmieden für das, was er glaubte tun zu müssen.

Der Gedanke daran machte ihn schaudern. Ihm wurde klar, daß er Gefallen fand an der Möglichkeit, das Undenkbare anzustreben.

Als sie gegessen hatten, wuschen sie sich in einer Wanne mit frischem Wasser. Nachdem sie anschließend auf Wunsch von Damson Rhee wieder Platz genommen hatten, erfuhren sie, was mit Padishar Creel und Morgan geschehen war.

»Sie sind geflohen«, begann sie ohne Umschweife. In ihren grünen Augen spiegelten sich Freude und Bewunderung. »Ich habe keine Ahnung, wie sie es angestellt haben, aber es ist ihnen gelungen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Bestätigung hatte, daß sie wirklich entkommen sind, aber ich wollte sichergehen, daß ich keinem Gerücht aufgesessen bin.«

Par lächelte seinen Bruder voller Erleichterung an.

Coll zuckte die Schultern. »Wie ich die beiden kenne, haben sie sich wahrscheinlich einfach herausgeredet«, antwortete er.

»Wo sind sie jetzt?« fragte Par. Er fühlte sich, als wären ihm Jahre seines Lebens wiedergeschenkt worden. Padishar Creel und Morgan waren entkommen – das waren die besten Neuigkeiten, die er sich vorstellen konnte.

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Damson Rhee. »Sie scheinen einfach verschwunden. Entweder haben sie in der Stadt ein Versteck gefunden, oder – und das scheint mir wahrscheinlicher – sie haben die Stadt verlassen und sind jetzt auf dem Weg zum Zeigefinger. Das Letztere scheint mir einleuchtender, weil die gesamten Truppen der Föderation mobilisiert sind, und es gibt dafür nur einen einzigen Grund. Sie haben die Absicht, im Parmakeil nach Padishar und seinen Männern zu suchen. Offensichtlich hat sie das, was er und ihr letzte Nacht angestellt habt, furchtbar erzürnt. Alle möglichen Gerüchte machen derzeit die Runde. Manche besagen, daß Dutzende von Föderationssoldaten am Wachhaus von Monstern getötet worden sind. Andere besagen, daß die Monster immer noch frei in der Stadt herumlaufen. Wie auch immer, Padishar hat sich seinen Reim darauf gemacht genau wie ich. Er wird die Stadt bereits verlassen haben und auf dem Weg nach Norden sein.«

»Bist du sicher, daß die Föderation ihn nicht doch gefangengenommen hat?« Par war noch immer in Sorge.

Damson Rhee schüttelte den Kopf. »Das hätte ich gehört. Aber jetzt bist du dran. Erzähl mir, was passiert ist, Par. Was habt ihr in der Schlucht gefunden?«

Mit Unterstützung von Coll erzählte er, was ihnen widerfahren war, und während er erzählte, beschloß er, Damson Rhee ebenso zu vertrauen, wie er dem Anführer der Geächteten vertraut hatte. Folglich berichtete er nicht nur von ihrem Zusammentreffen mit den Schattenwesen, sondern ebenfalls davon, auf welch unerwartete Weise seine Magie sich gezeigt hatte.

Als er alles berichtet hatte, sahen sie einander schweigend an, während sich jeder seine eigenen Gedanken darüber machte, was das Eindringen in die Schlucht ans Licht gebracht hatte und welche Bedeutung all dem beizumessen war.

Coll ergriff als erster das Wort. »Mir scheint, als hätten wir jetzt noch mehr offene Fragen als vorher.«

»Aber wir haben auch einiges erfahren«, widersprach Par. Ungeduldig beugte er sich vor. »Wir wissen, daß irgendeine Beziehung zwischen der Föderation und den Schattenwesen besteht. Die Föderation muß wissen, was sie dort unten hält; sie kann sich der Wahrheit nicht verschließen. Vielleicht hat sie sogar zum Entstehen dieser Monster beigetragen. So viel wir wissen, könnte es sich um Gefangene der Föderation handeln, die man genau wie Ciba Blue in die Schlucht geworfen hat, wo sie sich dann in das verwandelt haben, was wir vorgefunden haben. Und warum sind sie immer noch dort unten, wenn die Föderation sie nicht dort gefangen hält? Wären sie nicht schon längst geflohen, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten?«

»Du siehst, mehr Fragen als Antworten, genau wie ich gesagt habe«, erklärte Coll.

Damson Rhee schüttelte den Kopf. »Irgend etwas stört mich an der Sache. Warum sollte die Föderation sich mit den Schattenwesen einlassen? Die Schattenwesen stehen für all das, was die Föderation bekämpft – Magie, die alten Bräuche, die Zerstörung des Südlandes und seiner Menschen. Wie kann die Föderation solch eine Beziehung überhaupt herstellen? Sie kann sich gegen die Magie der Schattenwesen nicht verteidigen. Wie sollte sie sich selbst schützen?«

»Vielleicht muß sie das gar nicht«, warf Coll ein. »Vielleicht liefert die Föderation den Schattenwesen andere Wesen als Nahrung, Wesen, für die die Föderation nichts übrig hat. Vielleicht ist es den Elfen so ergangen.« Er hielt inne. »Vielleicht ergeht es jetzt den Zwergen so.«

Sie blieben stumm, während sie über diese Möglichkeit nachdachten. Par hatte schon länger nicht mehr an die Zwerge gedacht, er hatte den Gedanken an die Schrecken von Culhaven und seine Bewohner in den vergangenen Wochen verdrängt. Jetzt erinnerte er sich wieder an das, was er dort gesehen hatte – an die Armut, an die Not und Unterdrückung. Die Zwerge wurden ausgerottet aus Gründen, die im Unklaren blieben. War es möglich, daß Coll recht hatte? War es möglich, daß die Föderation die Zwerge den Schattenwesen als Nahrung lieferte, weil dies Teil eines scheußlichen Handels zwischen ihnen war?

In seinem Gesicht spiegelte sich das Entsetzen wider. »Aber was könnte die Föderation als Gegenleistung erhalten?«

»Macht«, antwortete Damson Rhee auf der Stelle. Ihr Gesicht war leichenblaß.

»Macht über alle Rassen, über die Vier Länder«, pflichtete Coll mit einem Nicken bei. »Das ergibt einen Sinn, Par.«

Par schüttelte langsam den Kopf. »Aber was passiert, wenn nur noch die Föderation übrig ist? Ich bin sicher, daß sie auch daran gedacht haben. Was sollte die Schattenwesen davon abhalten, sich auch an ihnen gütlich zu tun?«

Keiner antwortete.

»Irgend etwas fehlt da noch«, sagte Par leise. »Etwas Wichtiges.« Er erhob sich, wanderte zum anderen Ende des Raumes, starrte eine Weile in die Luft, schüttelte endlich den Kopf, drehte sich um und kam zurück. Sein Gesicht drückte Entschlossenheit aus, als er sich wieder setzte. »Laßt uns noch mal zu den Schattenwesen in der Schlucht zurückkehren«, erklärte er, »denn das ist ein Rätsel, das wir vielleicht lösen können.« Er sah von einem zum anderen und sagte: »Ich glaube, daß der Grund, warum sie dort unten sind, der ist, daß sie jeden davon abhalten sollen, dem Schwert von Shannara zu nahe zu kommen.«

»Par!« versuchte Coll einzuwerfen, doch sein Bruder wies ihn mit einem Kopfschütteln zurück.

»Denk darüber nach, Coll. Padishar hatte recht. Warum sollte die Föderation sich die Mühe machen, den Volkspark und die Sendic-Brücke neu aufzubauen? Warum sollte sie die Überreste des alten Parks und der Brücke in dieser Schlucht verstecken, wenn nicht, um das Schwert zu verbergen? Und wir haben den Kuppelbau gesehen, Coll! Wir haben ihn gesehen!«