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Mit einem Ausdruck von Ekel wandte sich Coll ab. Alles, nur nicht das, hatte er von Damson Rhee erwartet.

Par zögerte, um dann vorsichtig zu sagen: »Das ist alles vor mehr als vierhundert Jahren geschehen. Ich hatte diese Stollen vollkommen vergessen – obwohl ich die Geschichten so oft erzähle. Weißt du irgend etwas darüber – wo sie sind, wie man hineinkommt, ob sie überhaupt noch begehbar sind?«

Damson Rhee schüttelte den Kopf. »Aber ich kenne jemanden, der es wissen könnte. Vorausgesetzt, daß er mit uns redet.« Dann begegnete sie Colls Blick. Der plötzliche weiche Ausdruck auf ihrem Gesicht überraschte Par. »Wir alle haben das Recht, für uns selbst zu entscheiden«, sagte sie leise.

Colls Blick war gespenstisch. Par betrachtete seinen Bruder einen Augenblick, während er überlegte, ob er irgend etwas zu ihm sagen sollte, drehte sich dann jedoch zu Damson Rhee um. »Kannst du mich zu dieser Person führen – heute abend?«

Sie stand auf, und die Talbewohner erhoben sich ebenfalls. Im Vergleich mit ihnen wirkte sie klein, fast zerbrechlich; aber Par wußte, daß der Eindruck täuschte. Sie schien zu überlegen, bevor sie sprach. »Das kommt darauf an. Zuerst mußt du mir etwas versprechen. Wenn du noch mal in die Schlucht hineingehst, wirst du Coll und mich mitnehmen.«

Die beiden anderen schwiegen vor Staunen.

»Es tut mir leid, aber ich muß darauf bestehen. Ich kann nicht anders. Du, Par, würdest dich verpflichtet fühlen, das Richtige zu tun, das heißt, du würdest uns zurücklassen, um uns keiner Gefahr auszusetzen – doch das wäre genau das Falsche. Du brauchst uns an deiner Seite.« Damson Rhee wandte sich an Coll. »Und wir müssen dabei sein, Coll. Begreifst du nicht? Nichts wird aufhören, gar nichts, nicht die Föderationsbesatzung oder das Grauen der Schattenwesen oder die Krankheit, die die Länder heimsucht, wenn nicht einer all dem ein Ende bereitet. Par hat vielleicht die Möglichkeit, genau das zu tun. Aber wir können ihn dabei nicht allein lassen. Wir müssen tun, was wir können, um ihm zu helfen, denn es ist auch unser Kampf.«

Coll blickte verwirrt drein.

Par sah Damson Rhee an. »Was passiert, wenn sich herausstellt, daß nur ich hineingehen kann?«

Damson Rhee kam auf ihn zu, nahm seine Hände und drückte sie. »Das wird nicht geschehen. Du weißt es.« Sie küßte ihn. »Seid ihr also einverstanden?«

Par atmete tief ein. Er setzte Colls und Damson Rhees Leben aufs Spiel, weil er nicht von dem Schwert lassen konnte. Er war so halsstarrig; er ließ sich allein von seinem Ehrgeiz leiten. Alles sprach dafür, daß dieses Unternehmen sie vernichten würde. Dennoch sagte er: »Einverstanden.«

Es folgte ein kurzes Schweigen.

Coll sah auf. »Einverstanden«, sagte auch er.

Damson Rhee berührte Pars Gesicht, ging dann auf Coll zu und drückte ihn an sich. Par war nicht schlecht erstaunt, als er sah, daß sein Bruder Damson Rhee ebenfalls an sich drückte.

25

Erst in der Abenddämmerung des folgenden Tages erreichten Padishar Creel und Morgan Leah den Zeigefinger. Beide waren erschöpft.

Sie waren, seit sie Tyrsis verlassen hatten, unaufhörlich gewandert und hatten nur Pausen eingelegt, um zu essen. Sie hatten in der vergangenen Nacht weniger als sechs Stunden geschlafen. Trotzdem hätten sie früher zurückkehren können, hätte Padishar Creel nicht darauf bestanden, jede noch so kleine Spur von ihnen zu beseitigen. Nachdem sie den Parmakeil betreten hatten, ging er immer wieder zurück, durch Schluchten, durch Flußbetten und über felsige Anhöhen, während er das hinter ihnen liegende Gebiet nicht aus den Augen ließ.

Morgan hielt die Vorsichtsmaßnahmen des Anführers der Geächteten für unnötig und hatte ihn, als er seine Ungeduld nicht mehr beherrschen konnte, dies schließlich wissen lassen. »Du lieber Himmel, Padishar – wir vergeuden nur unsere Zeit! Wer, glaubst du denn, verfolgt uns?«

»Niemand, den wir sehen können«, lautete die rätselhafte Antwort des anderen.

Der Abend war schwül, die Luft schwer und der Himmel dort, wo die Sonne als roter Feuerball am Horizont verschwand, dunstig. Während sie sich im Aufzug dem Gipfel des Zeigefingers näherten, konnten sie sehen, wie die Schatten der Nacht langsam den Wald in vollkommene Finsternis hüllten. Lästige Insekten, die vom Schweiß ihrer Körper angezogen wurden, umschwirrten sie unablässig. Die Hitze des Tages lag wie eine erdrückende Decke auf dem Land. Padishar Creel ließ seinen Blick immer wieder in Richtung Tyrsis gleiten, als könnte er ihre vermeintlichen Verfolger doch noch entdecken. Morgan folgte seinem Blick, konnte jedoch, wie schon zuvor, nichts und niemanden sehen.

Der große Mann schüttelte den Kopf. »Ich sehe es nicht«, flüsterte er. »Aber ich spüre es kommen.«

Er ließ keine Erklärung folgen, und der Hochländer stellte keine Fragen. Morgan war müde und hungrig, und er wußte, daß nichts, was Padishar Creel oder er tun würden, die Pläne dessen, was sie vielleicht verfolgte, ändern konnte. Ihre Reise war zu Ende, sie hatten alles Menschenmögliche getan, um ihre Spuren zu beseitigen, und es nützte nichts, sich jetzt noch zu sorgen. Morgan dachte an das Essen, das sie erwartete.

Das Mittagessen an diesem Tag war mehr als spärlich ausgefallen – ein paar Wurzeln, altes Brot, harter Käse und etwas Wasser. »Mir wird langsam klar, daß man als Geächteter praktisch von nichts leben können muß, aber du hättest sicherlich etwas mehr mitnehmen können!« hatte sich Morgan beklagt. »Das hier ist armselig.«

»Aber natürlich, mein Junge«, hatte der Anführer der Geächteten geantwortet. »Nimm’s nicht so schwer.«

Padishar Creel hatte ihre Auseinandersetzung fünf Minuten später bereits vergessen, und Morgan war bei Tagesende zu dem Schluß gelangt, daß alles wieder in Ordnung war. Widerwillig zollte er dem Mann Respekt – für seine draufgängerische und entschlossene Art, in der der Hochländer sich selbst wiedererkannte, für sein Selbstvertrauen und für die Art und Weise, wie er andere Menschen anzog. Padishar Creel trug die Abzeichen eines Führers, als seien sie sein Geburtsrecht, und irgendwie schien das vollkommen in Ordnung. Er war stark, das war nicht zu leugnen; und diese Stärke zog andere Menschen an. Aber er wußte, daß auch ein Führer seinen Gefolgsleuten etwas geben mußte. Da er klug genug war, sich über die Rolle Morgans bei der Reise von Par und Coll in den Norden im klaren zu sein, war er darauf bedacht, den Hochländer wissen zu lassen, daß seine Sorge um das Wohl der Talbewohner gerechtfertigt war. Er hatte sich nach ihrem Streit mehrere Male die Mühe gemacht, Morgan zu versichern, daß er Par und Coll niemals im Stich lassen würde, daß er dafür sorgen würde, daß sie in Sicherheit waren. Er war eine vielschichtige Persönlichkeit, und Morgan mochte ihn trotz seines Verdachts, daß er nicht in der Lage sein würde, alle seine Versprechen zu halten.

Auf jeder Station ihrer Auffahrt ergriffen die Geächteten Padishar Creels Hand zur Begrüßung. Wenn sie so sehr an ihn glauben, fragte sich Morgan, soll ich es dann nicht auch tun?

Aber er wußte, daß Glaube so vergänglich war wie Magie. Einen Augenblick kam ihm das zerbrochene Schwert, das er mit sich trug, in den Sinn. Glaube und Magie zusammengeschmiedet, in Eisen gelegt, um dann zu zerspringen. Er atmete tief ein. Der Schmerz über den Verlust war immer noch da, trotz seines Entschlusses, nicht mehr daran zu denken und die Wunde heilen zu lassen, so wie Padishar Creel ihm geraten hatte. Es gab nichts, was er tun konnte, um das, was geschehen war, ungeschehen zu machen, sagte er sich immer wieder; er mußte nach vorne blicken. Er hatte jahrelang ohne die Magie des Schwertes gelebt – ohne überhaupt zu wissen, daß sie existierte. Es ging ihm jetzt nicht schlechter als damals. Er war immer noch der Gleiche.

Als sie den Zeigefinger erreichten, wartete Chandos auf sie. Padishar Creels einäugiger Stellvertreter sah größer und dunkler aus, als ihn Morgan in Erinnerung hatte; sein bärtiges, entstelltes Gesicht war runzlig, sein Körper wirkte durch den weiten Umhang noch größer. Er ergriff Padishar Creels Hand und hielt sie fest. »Gute Jagd?«