»Gefährlich wäre ein besseres Wort«, antwortete der große Mann knapp.
Chandos warf Morgan einen Blick zu. »Die anderen?«
»Außer den Talbewohnern haben sie ihren letzten Kampf bestritten. Wo ist Hirehone? Hier oder zurück in Varfleet?«
Morgan warf ihm einen kurzen Blick zu. Padishar Creel suchte also immer noch nach dem Verräter, dachte er. Der Herr der Kiltan-Schmiede war nicht mehr erwähnt worden, seit Morgan erzählt hatte, daß er ihn in Tyrsis möglicherweise gesehen hatte.
»Hirehone?« Ein Ausdruck der Verwirrung lag auf Chandos’ Gesicht. »Er hat uns nach euch verlassen, noch am gleichen Tag. Ich nehme an, er ging nach Varfleet zurück, wie du ihm befohlen hast. Er ist nicht hier. Du hast aber Gäste.«
Padishar Creel gähnte. »Gäste?«
»Trolle, Padishar.«
Der Anführer der Geächteten war plötzlich hellwach. »Was du nicht sagst! Trolle? Sieh an, sieh an. Und wie kommt es, daß sie hier sind?«
Gemeinsam gingen sie auf die Feuer zu, Padishar Creel und Chandos nebeneinander, Morgan hinter ihnen. »Das wollten sie nicht sagen«, antwortete Chandos. »Sie traten vor drei Tagen aus dem Wald heraus, einfach so, als wäre es überhaupt nichts gewesen, uns hier zu finden. Sie kamen ohne einen Führer und fanden uns, als kampierten wir mit fliegenden Bannern mitten auf freiem Feld. Zwanzig an der Zahl, große Kerle, aus dem Charnalgebirge im Nordland. Sie nennen sich Kelktic Rock und standen einfach nur herum, bis ich hinging, um mit ihnen zu reden, und wollten dann mit dir sprechen. Als ich ihnen erklärte, daß du nicht da seist, sagten sie, sie würden warten.«
»Tatsächlich? Ziemlich beharrlich.«
»Kann man wohl sagen. Ich habe sie heraufgeholt, nachdem sie zugestimmt hatten, uns ihre Waffen auszuhändigen. Es schien mir nicht recht, sie dort unten am Parmakeil sitzen zu lassen, nachdem sie den weiten Weg gemacht hatten, um dich zu finden – und obendrein so erfolgreich waren.« Chandos schmunzelte. »Außerdem habe ich mir gedacht, daß ein paar hundert von uns mit einer Handvoll Trollen fertig werden würden.«
Padishar Creel lachte leise. »Vorsicht kann nie schaden, alter Freund. Wo sind sie?«
»Da drüben am Feuer.«
Morgan und Padishar Creel spähten durch die Dunkelheit. Ein Haufen gesichtsloser Schatten beobachtete ihr Nahen. Sie sahen riesig aus. Unbewußt faßte Morgan nach seinem Schwertknauf, und erst dann fiel ihm ein, daß der Knauf das einzige war, was ihm geblieben war.
»Der Anführer nennt sich Axhind«, schloß Chandos absichtlich leise. »Er ist der Älteste.«
Padishar Creel schritt auf die Trolle zu, die Müdigkeit war von ihm abgefallen und seine große Gestalt imponierend. Einer der Trolle kam ihm entgegen.
Morgan Leah hatte noch nie einen Troll gesehen. Er hatte natürlich Geschichten über sie gehört; alle erzählten Geschichten über die Trolle. Irgendwann, lange, bevor Morgan zur Welt kam, hatten die Trolle das Nordland, ihre ursprüngliche Heimat, verlassen, um mit den anderen Rassen Handel zu treiben. Eine Zeitlang hatten einige sogar unter den Menschen von Callahorn gelebt. Aber all das hatte mit dem Auftauchen der Föderation und ihrem Kampf um die Vorherrschaft im Südland ein Ende gefunden. Trolle waren südlich von Streleheim nicht mehr gern gesehen, und die wenigen, die in den Süden gekommen waren, hatten sich schleunigst wieder auf den Weg nach Norden gemacht. Da sie von Natur aus Einsiedler waren, waren keine großen Anstrengungen nötig, um sie in ihre Festung in den Bergen zurückzutreiben. Jetzt verließen sie sie überhaupt nicht mehr – wenigstens hatte Morgan noch nie gehört, daß sie sie verlassen hätten. Es war deshalb sehr ungewöhnlich, daß sich eine Gruppe so weit nach Süden vorgewagt hatte.
Morgan versuchte die Besucher nicht anzustarren, obwohl es ihm schwer fiel. Die Trolle waren muskulöse, fast grotesk wirkende Männer mit großen, breiten Leibern und nußbrauner Haut, die so rauh war wie Baumrinde. Ihre Gesichter waren flach und fast ohne charakteristische Züge. Ohren sah Morgan überhaupt nicht. Sie trugen Lederkleidung und schwere Rüstungen; ihre großen Umhänge lagen verstreut um das Feuer herum.
»Ich bin Baron Creel, Anführer der Bewegung.« Padishar Creels Stimme hallte in der Stille.
Der Troll ihm gegenüber murmelte etwas Unverständliches. Morgan hörte nur den Namen Axhind. Die beiden gaben sich kurz die Hand, dann bedeutete Axhind Padis- har Creel, sich bei ihnen am Feuer niederzulassen. Die Trolle traten zur Seite, als der Anführer der Geächteten und seine Gefährten zum Feuer kamen, um sich niederzulassen. Morgan blickte sich unbehaglich um, als die riesigen Gestalten sie umgaben. Er hatte sich noch nie so schutzlos gefühlt. Chandos schien völlig sorglos, während er es sich ein paar Schritte hinter Padishar Creel bequem machte. Morgan ließ sich neben ihm nieder.
Dann begann das ernsthafte Gespräch, von dem der Hochländer absolut nichts verstand. Es wurde in der kehligen Sprache der Trolle geführt, einer Sprache, die Morgan nicht kannte. Padishar Creel schien sich dabei wohlzufühlen, obwohl er, wenn auch nur selten, innehielt, um sich seine Worte zu überlegen. Morgan vernahm ein Grunzen, dazu ein Nuscheln, und viele Worte wurden von heftigen Gesten begleitet.
»Wie kommt es, daß Padishar ihre Sprache spricht?« flüsterte Morgan schon bald Chandos zu.
Der andere würdigte ihn nicht eines Blickes. »Wir in Callahorn kommen etwas weiter herum als ihr Hochländer«, sagte er.
Das Gespräch ging weiter. Padishar Creel schien mit dem Verlauf zufrieden.
»Sie wollen sich uns anschließen«, flüsterte Chandos nach einer Weile Morgan zu. »Nicht nur diese hier – die ganzen einundzwanzig Stämme! Fünftausend Mann! Sie wollen ein Bündnis schließen!«
»Mit uns? Warum?«
Chandos antwortete nicht sofort, sondern bedeutete Morgan zu warten. Dann sagte er: »Die Bewegung hat sich schon früher mit ihnen in Verbindung gesetzt und sie um Hilfe gebeten. Aber sie hielten sie immer für gespal- ten. Jetzt haben sie ihre Meinung geändert. Anscheinend sind sie jetzt der Meinung, daß Padishar die verschiedenen Lager hinreichend vereint hat. Sie suchen nach einer Möglichkeit, das Vordringen der Föderation in ihre Gebiete zu verlangsamen.« In seiner rauhen Stimme lag Befriedigung. »Himmel, das könnte unser Glück werden!«
Axhind reichte jetzt jedem einen Becher und füllte in jeden eine Flüssigkeit. Morgan nahm den Becher, der ihm gereicht wurde, und sah hinein. Die Flüssigkeit in dem Becher war pechschwarz. Er wartete, bis der Anführer der Trolle und Padishar Creel sich zugeprostet hatten, dann trank er. Er mußte sich beherrschen, um sich nicht zu übergeben. Was man ihm auch gereicht hatte, es schmeckte wie Galle.
Sie leerten ihre Becher, selbst Morgan, der feststellte, daß die Flüssigkeit seinen Hunger stillte. Dann erhoben sie sich, Axhind und Padishar Creel gaben sich nochmals die Hand.
»Habt ihr es gehört?« fragte Padishar Creel leise, als die Trolle zwischen den Schatten verschwanden. Langsam wurden Sterne am Himmel sichtbar, und auch das letzte Tageslicht war verschwunden. »Fünftausend Männer! Mit einer Streitmacht wie dieser könnten wir es mit der gesamten Föderation aufnehmen!« Er war begeistert. »Die Bewegung könnte weitere zweitausend oder mehr Männer aufbieten und die Zwerge noch einmal so viel! Beim Himmel!« Er ballte die Faust, doch dann klopfte er Chandos wie auch Morgan kräftig auf den Rücken. »Es ist an der Zeit, daß das Schicksal uns beisteht, meint ihr nicht auch?«
Morgan nahm danach sein Abendessen ein. Er saß al- lein an einem Tisch in der Nähe des Feuers; sein Appetit war durch die Gerüche, die aus den Kochtöpfen aufstiegen, gesteigert worden. Padishar Creel und Chandos hatten sich zurückgezogen, um über die Ereignisse während der Abwesenheit des ersteren zu sprechen, und Morgan sah keine Veranlassung, sich zu ihnen zu gesellen. Er sah sich nach Steff und Teel um, sah jedoch keines von beiden. Erst kurz vor Beendigung seiner Mahlzeit trat Steff aus der Dunkelheit heraus und ließ sich neben ihm zu Boden fallen.