»Es ist nicht richtig, dass sie für uns ein solches Risiko eingehen. Bleibt hier. Außer Sicht.« Er machte einen Schritt auf die Tür zu. Dannyl sah Tayend an, und beide eilten Lorkin nach. Als Lorkin das bemerkte, seufzte er. »Dann bleibt in der Nähe. Unter meinem Schild.«
Als sie das Gebäude betraten, spürte Dannyl die Vibration eines Schildes um sie herum. Im Innern war es dunkel. Lorkin schuf eine Lichtkugel und ließ sie vor ihnen herschweben. Sie traten in ein leeres Herrenzimmer. Lorkin wählte den rechten Flur. Falls die Eindringlinge auf magische Dinge oder Wertgegenstände aus waren, werden sie in die Gemächer der Person im Haus gegangen sein, die den höchsten Status hatte. Als sie Dannyls Räume erreichten, trat Lorkin ein. Die Zimmer waren verlassen, aber jemand hatte die Truhen und Schränke durchstöbert und die meisten Dinge hinausgezerrt, so wie es aussah. Sie wandten sich zum Gehen, doch sie trafen auf Lak, der eine Lampe hielt.
»Niemand im Haus«, berichtete der Sklave. »Vata überprüft die Ställe und die Sklavenquartiere. Doch ich denke nicht, dass sich irgendwelche Ashaki hier verstecken würden.«
Lorkin stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er wandte sich an Tayend. »Wollt Ihr, dass ich mit Euch komme, während Ihr den Blutring holt?«
Tayend schüttelte den Kopf. »Ich bin gleich wieder da.« Er gab Lak ein Zeichen, und die beiden verschwanden in den Flur.
Im Haus war es sehr still. Dannyl untersuchte den Raum. Nur sehr wenig ist mitgenommen worden. Warum sollte irgendjemand Gilderoben oder alte Bücher wollen? Sollte ich meine Forschungsmaterialien mitnehmen? Wo würde ich sie unterbringen? Es gibt keinen sicheren Ort. Aber vielleicht kann ich diesbezüglich etwas unternehmen. Er sah Lorkin an, dann griff er in seine Robe, um Achatis Brief herauszuziehen. Lorkin nahm ihn entgegen, faltete ihn auseinander und las. Er zuckte leicht zusammen, dann gab er ihn zurück.
»Werden die Verräter mir erlauben, Achatis Bibliothek zu sichern?«, fragte Dannyl. »Falls sie nicht geplündert wurde?«
Lorkin runzelte die Stirn und spielte mit seinen Ringen, während er nachdachte.
»Savara sagt, dass Ihr Zugang zu ihr haben dürft«, erwiderte Lorkin. »Wenn Ihr sie wissen lasst, wo die Bibliothek ist, wird sie jemanden hinschicken, der sie bewacht.«
Savara sagt? Dannyl betrachtete die Ringe und sah, dass Lorkin einen der Steine berührte. Interessant.
Lorkin ließ die Hände wieder sinken. »Könnt Ihr mir im Gegenzug einen Gefallen tun?«
Dannyl zuckte mit den Schultern. »Das hängt von dem Gefallen ab.«
»Bringt meine Mutter dazu, so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren«, sagte Lorkin. »Sie wird sich nicht absichtlich einmischen, aber sie wird allein durch ihre Anwesenheit hier Probleme verursachen. Ich rede nicht von mir, sondern von den Verrätern. Sie müssen diejenigen sein, die hier das Kommando übernehmen.«
»Auch über die Heiler der Gilde?«
»Haben sie meiner Mutter das Kommando übertragen?«
»Nein, das haben sie nicht.« Dannyl zuckte die Achseln. »Sie werden ihrem eigenen Anführer Bericht erstatten und dann mir.«
Lorkin wirkte erleichtert. »Dann gibt es also keinen anderen Grund für sie, hier zu sein?«
»Abgesehen davon, dass sie dafür sorgt, dass Ihr, ich und Merria sicher sind … nein. Aber Savara hat ihr das Kommando über das Hospiz übertragen.«
»Es ist nur für die Nacht«, sagte Lorkin. Er massierte sich die Schläfen und seufzte. »Könnt Ihr Osen gegenüber andeuten, dass ihre Anwesenheit hier eine Belastung für die Beziehungen zwischen Sachaka und den Verbündeten Ländern sein wird?«
»Ich kann Eure Sorge übermitteln und die Wünsche der Königin.«
Lorkin schüttelte den Kopf. »Wenn Mutter auch nur den leisesten Hinweis darauf findet, dass es von mir kommt, wird sie umso entschlossener sein zu bleiben. Es muss von Euch kommen, Dannyl. Und … ich bin kein Gildemagier mehr.«
Dannyl hielt inne, um den jungen Magier zu betrachten, den er als Assistenten nach Sachaka mitgenommen hatte. Er hat wirklich vor, bei den Verrätern zu bleiben. Er hat alles für sie aufgegeben. Und für die Liebe auch, vermute ich. Ich denke nicht, dass ich das hätte tun können. Nicht einmal für Achati. Hätte ich es für Tayend getan, damals, als wir jung waren und einander so ergeben? Er spürte ein Echo dieses Gefühls. Ja, ich denke, ich hätte es getan.
Lorkin schaute wieder auf seine Hände hinab. Er nahm einen der Ringe, streifte ihn vom Finger und hielt ihn Dannyl hin.
»Das ist der Grund, warum Ihr dafür sorgen sollt, dass meine Mutter nach Hause geschickt wird. Das ist der Grund, warum die Verbündeten Länder gute Beziehungen zu Sachaka unterhalten sollten.«
Dannyl nahm den Ring und untersuchte ihn. Die Fassung war silbern und der Stein darin durchsichtig. »Was ist das?«
»Ein Lagerstein.«
Dannyl stockte der Atem. Er erinnerte sich an Achatis Worte: »Falls es noch einen gibt oder einer erschaffen wird, könnte das für alle Länder schrecklich sein.«
»Er enthält nur die Macht von wenigen Magiern. Das Problem mit Lagersteinen ist, dass man nicht wissen kann, wie viel Macht sie enthalten können. Zu viel, und sie werden zerspringen und all ihre Macht freisetzen. Es wäre sicherer, mehrere Lagersteine zu haben, die ein wenig Macht in sich haben, als nur ein paar, die eine große Menge enthalten. Aber selbst dann könnte es die Lösung für die Verteidigung der Verbündeten Länder sein, ohne auf schwarze Magie zurückzugreifen.«
»Also haben die Verräter gelogen. Sie wussten, wie man sie macht«, hauchte Dannyl.
»Nein, obwohl sie Steine haben, die ganz ähnlich sind. Ich fürchte, ich … wir … haben sie auf die Idee gebracht, es zu versuchen. Sie haben bisher nur einige wenige gemacht, aber ich kann keinen Grund dafür sehen, warum sie nicht weitere machen oder die Methode verbessern sollten.« Lorkin betrachtete den Ring, dann sah er wieder Dannyl an. »Savara sagte, Ihr könnt ihn behalten.«
Dannyl runzelte die Stirn. »Eine Bestechung?«
»Die erste Bezahlung für die Dienste der Heiler.«
»Wie benutze ich ihn?«
»Berührt ihn. Zieht Macht in Euch hinein, als würdet Ihr sie von einem anderen Magier nehmen. Ihr werdet sie sofort verwenden müssen, da Ihr nicht wisst, wie man Magie lagert. Mit dem Einlagern von Macht in dem Ring ist es das Gleiche. Sendet ihm einfach Macht, als würdet Ihr sie einer anderen Person schicken.«
»Und ich darf nicht zu viel Macht darin lagern.«
»Nein.«
Dannyl ließ die Hand mit dem Ring sinken. Er sah Lorkin an und wog alles ab, was sein ehemaliger Assistent gesagt hatte. Dann nickte er.
»Dies wird die Gilde definitiv dazu bewegen, die Heimkehr Eurer Mutter zu befehlen.«
Lorkin lächelte. »Danke. Obwohl ich sicherstellen werde, dass ich die Chance bekomme, ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen, bevor sie aufbricht. Ich vermisse sie tatsächlich. Und meine Freunde. Und Rothen. Ah. Und da ist noch etwas, das ich Euch in Bezug auf Lord Regin fragen wollte. Sind er und …?« Er brach ab und drehte sich zur Tür um. »Botschafter. Habt Ihr ihn gefunden?«
Tayend war mit Lak und Vata in den Raum getreten. Er hielt einen kleinen Ring hoch, seine Verbindung mit dem elynischen König. »Genau dort, wo ich ihn gelassen habe.«
»Gut«, sagte Lorkin. »Also, wollt Ihr hierbleiben oder mit mir zurückkommen?« Er sah Dannyl an. »Bis wir zurück sind, werden wir wissen, ob Achatis Bibliothek intakt ist. Die beste Möglichkeit zu verhindern, dass sie geplündert wird, bestünde darin, das Gebäude zu besetzen, und ich denke, Savara wird es gutheißen, dass ihre Hauptverbindungen zur Gilde und den Verbündeten Ländern in der Nähe bleiben.«
Dannyl seufzte vor Erleichterung und sah, wie Tayends Augen hoffnungsvoll aufleuchteten. »Ich hole nur ein paar Sachen, dann werden wir Euer Angebot mit Freuden annehmen.«