»Vielleicht ist das der Grund, warum Sonea nie geheiratet hat. Sie stammt nicht aus den Häusern, daher hat sie keine Familie, die darüber entscheidet, wen sie heiratet, aber sie hätte eine legale Heirat eingehen müssen, wenn sie sich hätte vermählen wollen, und wenn sie ihre Ehe dann beenden wollte, hätte sie hoffen müssen, dass der König es ihr erlaubte.«
Lilia kicherte. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mann sie herumkommandiert.«
Anyi grinste. »Nein. Es wäre wahrscheinlich andersherum gewesen.« Aber als sie Lilias Blick begegnete, wurde sie wieder ernst. Sie schaute weg und seufzte. »Er wird nur erreichen, dass Skellin ihn tötet. Er lässt mich endlich in seine Welt, und jetzt werde ich ihn verlieren.«
»Nur wenn etwas schiefgeht – und wir werden sicherstellen, dass das nicht passiert.«
Anyi warf ihr einen anklagenden Blick zu. »Du denkst, dass er recht hat.«
»Nein.« Lilia schüttelte den Kopf. »Aber ich vermute, dass wir kein großes Mitspracherecht dabei haben werden.«
Anyi runzelte die Stirn, dann wurde ihre Miene nachdenklich. »Du könntest ihm sagen, dass Kallen es nicht tun will. Und Cery eine Weile hinhalten.«
Lilia nickte. »Das könnte ich. Aber dann würde er vielleicht versuchen, es ohne Kallen zu machen.« Sie dachte an Cerys Worte zurück. »Ich kann nicht umhin zu denken, dass er in einem Punkt recht hat: Skellin wird erraten, dass ihr alle hierhergekommen seid. Wohin sonst solltet ihr gehen? Er weiß wahrscheinlich von den Tunneln. Es ist kein Geheimnis in der Gilde, daher bezweifle ich, dass es außerhalb der Gilde eines ist. Er wird irgendwann herkommen, um nachzusehen. Wenn er es tut, wird er euch hier finden. Und wenn ich im Unterricht bin, werde ich ihn nicht daran hindern können, euch alle zu töten.«
Anyi drehte sich um, um Lilia anzusehen, eine steile Sorgenfalte zwischen den Brauen.
»Vielleicht ist die einzige Möglichkeit, wie ihr in Sicherheit sein könnt, der Schutz der Gilde«, fuhr Lilia fort. »Ich weiß, dass diese Idee keinem von euch gefällt, aber wenn Cerys Falle versagt, werdet ihr ohnehin bei der Gilde landen. Ich nehme an, der Gilde wird es ebenfalls nicht gefallen, aber sie wird eher bereit sein, euch zu beschützen, wenn Beweise dafür vorliegen, dass Skellin tatsächlich die unterirdischen Tunnel der Gilde betreten hat.«
Anyi stöhnte und rieb sich das Gesicht. »Was du sagst, ergibt Sinn, aber es gefällt mir nicht.«
»Mir gefällt es auch nicht«, erwiderte Lilia. »Aber ich weiß, dass ich euch nicht den Schutz geben kann, den ihr braucht. Im Wesentlichen weil ich nicht allzu oft hier bin, aber auch weil ich nicht weiß, wie mächtig Skellin ist. Wenn er mit Lorandra herkommt, bezweifle ich, dass ich in der Lage sein werde, mich selbst zu beschützen, geschweige denn euch andere. Selbst wenn er das nicht tut, wie wollt ihr mich wissen lassen, dass ihr meine Hilfe braucht? Was, wenn ich nicht rechtzeitig hier bin?«
»Wir werden einen Fluchtweg benutzen.«
»Was ist, wenn ihr es nicht schafft? Selbst wenn ihr es tut, werdet ihr auf dem Gelände der Gilde auftauchen, und wenn er euch dann immer noch folgt, werdet ihr ohnehin die Gilde um Hilfe bitten müssen.« Lilia seufzte, und die Frustration und Sorge der letzten Wochen schwangen in ihren Worten mit. »Es ist nicht sicher hier unten, und ihr könntet behaglicher leben, und es ist so schwer, euch Essen zu bringen, und … ich vermisse dich.«
Bei diesem letzten Eingeständnis versiegte die Flut der Worte, die aus ihr hinausgeströmt waren. Ihr Gesicht wurde heiß, und sie sah Anyi töricht an. Das andere Mädchen zeigte einen seltsamen, überraschten Ausdruck.
»Ich meine, ich vermisse es, mit dir allein zu sein. Vielleicht ist das ein wenig egoistisch«, begann sie. »Ich …«
Aber sie bekam keine Entschuldigung heraus, weil Anyi sich vorbeugte, ihr Kinn umfasste und sie küsste.
»Ich vermisse dich ebenfalls«, sagte sie leise und grimmig.
Dann zog sie Lilia an sich. Eine Weile hielten sie einander einfach umfangen und trösteten sich in körperlicher Wärme und Nähe. Allzu bald seufzte Anyi und löste sich von Lilia.
»Cery wird sich fragen, wohin wir gegangen sind«, murmelte sie.
Sie stand auf und streckte Lilia eine Hand hin. Als Lilia sie nahm, zog Anyi sie auf die Füße, aber in derselben Bewegung drückte sie Lilia wieder an sich und küsste sie erneut. Diesmal war es ein langer Kuss, als hätte sie ihre letzten Worte vergessen.
Ein Schritt, gefolgt von einem scharfen Einatmen, riss Lilia jäh in ihre Umgebung zurück. Sie und Anyi sprangen auseinander und wirbelten zu der Tür herum. Anyi nahm Kampfhaltung ein. Lilia hatte Magie in sich hineingezogen und einen Schild geformt, bevor sie sah, dass nur Cery in der Tür stand.
Sein Gesicht war vor Überraschung erstarrt. Als Anyi einen Fluch murmelte, veränderte sich Cerys Miene, und anstelle der Überraschung waren da jetzt Verlegenheit und Erheiterung.
»Ich wollte nicht stören«, sagte er und machte einen Schritt rückwärts. »Kommt zurück, wenn ihr so weit seid.«
Dann drehte er sich mit einem kaum unterdrückten Lächeln um und eilte davon.
Anyi schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte. Lilia drückte mitfühlend die Schulter ihrer Freundin. Ich würde auch nicht wollen, dass mein Vater auftaucht, wenn ich eine andere Frau küsse. Während Anyis Schultern zu zittern begannen und sie anfing, erstickte Laute von sich zu geben, krampfte sich ihr Herz zusammen, bis sie sah, dass ihre Freundin die Hände an den Mund hob, und sie begriff, dass Anyi lachte.
»Nun«, sagte Lilia, während sie darauf wartete, dass Anyi aufhörte. »Das ist nicht die Reaktion, die ich erwartet habe.«
Anyi schüttelte den Kopf. »Nein. Das kann ich mir vorstellen.« Sie holte einige Male tief Luft und hatte große Mühe, nicht sofort wieder loszuprusten. »Ich mache mir seit Monaten Gedanken, wie ich es ihm beibringen soll. Jetzt brauche ich es nicht mehr zu tun.«
»Du wolltest ihm von uns erzählen?«
»Natürlich.«
»Aber … wird er nicht ärgerlich sein?«
»Nein. Ein wenig entsetzt vielleicht. Habe ich dir je erzählt, wo er zur Welt gekommen und aufgewachsen ist?«
Lilia schüttelte den Kopf.
»Nun, eigentlich muss er seine Geschichte selbst erzählen – und tatsächlich sind es viele Geschichten. Es war ein Ort, an dem man Menschen mit allen möglichen Geschmäckern und Ideen trifft.« Anyi ergriff Lilias Hand. »Komm. Wir sollten wirklich gehen. Er wird sich Sorgen machen, dass wir zu verärgert oder verlegen sind, um zurückzukommen. Und ich will sicherstellen, dass sein närrischer Plan so narrensicher ist wie möglich.«
11
Eine Planänderung
Die Worte auf der Seite vor Dannyl waren so grau wie ein bedeckter Himmel. Tayend hatte Dannyl seinen mageren Vorrat an verbliebener Tinte gegeben, und da es weder die Sklaven noch Merria geschafft hatten, neue Tinte ins Gildehaus zu bringen, musste Dannyl mit Wasser verdünnen, was noch übrig war. Er befolgte Tayends Rat und verschloss seine Forschungsnotizen jetzt mit Magie, wann immer er mit der Arbeit an ihnen fertig war.
Eine Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit gerade rechtzeitig auf die Tür, um zu sehen, wie Kai sich auf den Boden warf.
»Eine Kutsche vom Palast ist eingetroffen, Herr«, sagte der Sklave.
Wieder Achati. Er seufzte und schloss für einen Moment die Augen. Es wird nicht einfacher. Er öffnete die Augen, trocknete die Tinte auf der Seite, säuberte seine Feder, verstaute alles in einer Schublade und schützte es mit Magie. Dann entließ er Kai, straffte sich und machte sich auf den Weg zum Herrenzimmer.
Der Türsklave hüpfte buchstäblich von einem Fuß auf den anderen, bis er Dannyl sah und sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden warf.
»Lord Lorkin ist zurückgekehrt, Herr!«, erklärte er.
Dannyls Herz setzte einen Schlag aus. »Lorkin?«
Er eilte los, aber Soneas Sohn kam bereits aus dem Eingangsflur. Als der junge Mann den Raum betrat, überlief Dannyl ein Frösteln. Irgendetwas ist mit ihm passiert, dachte er, obwohl er sich nicht sicher war, woher er es wusste. Dannyl musterte Lorkin. Da war keine Spur einer Verletzung, obwohl es schwer zu erkennen war, da die Gilderoben so viel verbargen. Abgesehen von dunklen Ringen unter den Augen, die auf Schlafmangel schließen ließen, sah Lorkin gut aus.