Bewunderung und Freundschaft waren sehr unterschiedlich. So unterschiedlich wie Freundschaft und Liebe. Ich habe Novizen gekannt, die einander hassten und die nach dem Abschluss Freunde wurden. Das ist mit uns nicht passiert. Ich habe außerdem Menschen gesehen, die einander hassten und die Freundschaft als Zwischenstufe einfach übersprangen und sich ineinander verliebten. Ihr Herz verkrampfte sich. Moment … gewiss nicht. Nein, er meint nicht diese Art von Bewunderung.
Als sie ihn wieder ansah, hatte sie keine Chance, seine Miene zu deuten. Regins Aufmerksamkeit hatte sich auf etwas außerhalb der Kutsche gerichtet. Er bewegte sich über seinen Sitz und beugte sich vor.
»Das ist also das Ödland«, sagte er mit gedämpfter Stimme.
Sie spähte aus dem Fenster. Das schwache Mondlicht streifte die Ränder der Landschaft unter ihnen, die Spitzen vieler Dünen, die unheimliche Muster schufen.
»Ja«, erklärte sie. »Es reicht bis zum Horizont.«
»So weit. Wie haben wir es gemacht?«, fragte Regin sich. »Wo ist das Wissen geblieben?«
»Botschafter Dannyl hat einige interessante Unterlagen ausgegraben, soweit ich von Osen weiß.«
»Irgendwelche Ideen, wie man das Land wiederherstellen kann?«
Sie schüttelte den Kopf. »Wenn ein Magier es jemals schafft, dies wieder zu fruchtbarem Land zu machen, wird das der größte Akt des Heilens sein, den irgendjemand jemals bewerkstelligt hat.«
Regin schaute noch ein wenig länger nach draußen und lehnte sich dann wieder auf seinem Sitz zurück. »Einige Stunden, sagt Ihr?«
»Ja. Der Fahrer weiß, nach welchen Landmarken er Ausschau halten muss. Er wird uns absetzen und dann mit der Post und den Vorräten nach Arvice und zum Gildehaus weiterfahren. Ich habe ihm gesagt, dass wir jetzt, da Lorkin frei ist, nicht nach Sachaka zu fahren brauchen, aber wir wollten die Sonne über dem Ödland aufgehen sehen und zu Fuß zurück zum Fort gehen.«
»Mutiger Mann, ohne Magier zu reisen«, bemerkte Regin. »Ich nehme an, keiner von uns wäre sicher, wenn der sachakanische König beschließen würde, uns anzugreifen. Oder die Ichani. Oder die Verräter.«
»Nein, aber wir müssen hoffen, dass die Verräter auf unserer Seite stehen. Sie haben uns versichert, dass sie die Ichani und die Spione des Königs von uns fernhalten werden.«
»Wirklich? Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen.«
Sie nickte. Ich auch. Nicht nur, weil ich endlich Lorkin wiedersehen werde und dafür sorgen kann, dass er sicher nach Hause gelangt, sondern auch, weil ich diese Menschen kennenlernen will, die ihn so sehr beeindruckt haben, dass er sich bereit erklärt hat, in ihre geheime Stadt zu gehen, obwohl er wusste, dass er sie vielleicht nie wieder verlassen würde.
Nachdem Anyi und Lilia fort waren, war das einzige Geräusch in dem unterirdischen Raum das von Atemzügen. Gol saß auf einer der Matratzen, die er gemacht hatte, mit dem Rücken zur Wand. Cery blieb auf einem der gestohlenen Stühle sitzen. Er dachte über das nach, was Lilia ihm über Kallen und den Grund der Gilde erzählt hatte, nach Feuel-Samen zu suchen.
»Er sagte, er würde Skellin loswerden, wenn sie erst die Saatkörner hätten, und dass sie dann vielleicht deine Hilfe annehmen würden, wenn du immer noch bereit wärst, sie zu geben«, hatte sie ihm mitgeteilt.
»Können wir ihnen trauen?«, fragte Cery laut.
Gol stieß ein Brummen aus. »Ich hätte dich das fragen sollen. Du bist der Experte, wenn es um die Gilde geht. Was denkst du?«
Cery holte tief Luft und seufzte. »Sie werden sich zuerst um sich selbst und die Häuser kümmern und erst danach um ihre Vorstellung von ›dem kyralischen Volk‹.«
»Was Diebe und Verbrecher nicht einschließt.«
»Nicht, wenn diese Diebe ihnen nicht im Geheimen geholfen haben …«
»Sie werden sich verpflichtet fühlen, uns zu helfen.« Der Leibwächter sah Cery an. »Obwohl wir ihnen jetzt nicht helfen und Sonea fort ist. Weil wir ihnen in der Vergangenheit geholfen haben.«
»Ich hoffe es.« Cery seufzte erneut. »Je eher Sonea zurückkommt, desto besser«, murmelte er. »Es gefällt mir nicht, Kallen vertrauen zu müssen, wenn er so süchtig nach Feuel ist, wie Lilia sagt.«
»Hmm.« Gol blickte nachdenklich drein. »Wenn er uns an Skellin verkaufen wollte, hätte er deinem Plan zugestimmt und bereits ein Treffen arrangiert, und Skellin würde dann an seiner Stelle kommen.«
»Das ist wahr. Trotzdem, ich wäre lieber hier, wo wir verschwinden können, wenn es sein muss, als in einem Zimmer in der Gilde festzustecken.«
Gol nickte. »Zumindest können wir ein Auge auf diesen Keller halten, so dass wir es erfahren, wenn sie Feuel-Samen haben. Wir sollten warten, bis die Pflanzen die gleiche Größe haben wie die, die wir gesehen haben – groß genug für die Magier, um zu erkennen, ob es Feuel ist.«
»Weißt du denn, wie Feuel-Pflanzen aussehen?«
Gol runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Anyi weiß es vielleicht. Hat ihr Freund es nicht geraucht?«
»Oder ihre Freundin. Sie hat es nie gesagt.«
Das Gesicht des Leibwächters verdüsterte sich in dem fahlen Licht, und er wandte den Blick ab. Errötet er? Cery konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Sie könnten auf andere Weise versuchen, Skellin zu finden, bevor sie unseren Plan in Erwägung ziehen.« Gol trommelte mit den Fingern auf die Kanten des Stuhls. »Falls es ihnen widerstrebt, mit einem Dieb zusammenzuarbeiten.«
»Falls sie nicht gern mit einem Dieb zusammenarbeiten, bezweifle ich, dass es ihnen widerstreben würde, einen Dieb als Köder zu benutzen«, stellte Cery fest.
Gol lachte leise. »Stimmt.«
»Wenn sie unseren Plan tatsächlich ausprobieren wollen …« Cery dachte nach. »Ich schätze, wir sollten dafür sorgen, dass wir für sie bereit sind. Wir sollten eine Falle vorbereitet haben.«
»Es wird verschwendete Mühe sein, wenn sie sich dafür entscheiden, nicht mit uns zusammenzuarbeiten.«
»Was sollen wir sonst tun?« Cery seufzte. »Wir sind direkt unter der Gilde. Gewiss ist das für uns von Vorteil. Ich wünschte … ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, Skellin dazu zu bringen, ihnen direkt in die Arme zu laufen, ob die Gilde es will oder nicht.«
»Eine Falle, die ebenso ihnen gilt wie Skellin.«
»Eine Falle, die ihre Aufmerksamkeit erregen wird, wenn – und nur wenn – Skellin kommt, um zu schnüffeln.«
Die Augen des Leibwächters leuchteten auf. »Ich weiß genau das Richtige. Es wird mit Sicherheit die Aufmerksamkeit der Magier erregen.« Er blickte nachdenklich drein. »Ich werde in die Stadt gehen müssen, um Vorräte zu beschaffen. Und wir müssen die Falle irgendwo aufstellen, wo die Tunnel stark genug sind, damit wir uns nicht versehentlich selbst begraben. Was ist hier der stabilste Bereich?«
»Ich denke, ich kenne genau die richtige Stelle.« Cery griff nach einer Lampe. »Komm mit.«
Gol, der ohne ein Ächzen aufstand, folgte Cery aus dem Raum. Schön zu sehen, dass seine Verletzungen so gut verheilt sind, dachte Cery. Mit ihm und Anyi fühle ich mich doppelt so alt, wie ich bin. Wenn ich jemals mein früheres Leben zurückbekomme, werde ich einige ergraute alte Männer um mich versammeln, damit ich mich jünger fühle.
Schon bald erreichten sie die Gruppe von Räumen, wo Cery Lilia und Anyi bei ihrem trauten Zusammensein überrascht hatte. Gol nahm ihm die Lampe ab und betrat den ersten Raum, dann hob er die Lampe, um die stabilen Ziegelsteinmauern und die gewölbte Decke zu beleuchten.
»Dieser Raum ist in viel besserem Zustand als der, in dem wir leben«, bemerkte der Leibwächter. »Warum sind wir nicht hier hingegangen?«
»Anyi hat die Räume erst vor kurzem entdeckt.« Und dieser Raum hatte etwas, das Cery beunruhigte. Er ließ sein Herz eine Spur zu schnell schlagen. Als Gol die Lampe sinken ließ, fing ein staubiger, zerbrochener Teller das Licht auf. Cery hob eins der Stücke auf. Die Glasur wies ein Symbol der Gilde auf. Er schauderte, als Erinnerungen heraufwehten wie Rauch. Ist dies der Raum, in dem Fergun mich vor all den Jahren eingesperrt hat? Ich habe nicht viel davon zu sehen bekommen. Ich saß tagelang im Dunkeln.