19
Eine Übereinkunft
Bevor die Sonne auch nur über den Horizont gelugt hatte, machten die Verräterinnen sich bereit zum Aufbruch. Sie trafen keine Vorbereitungen, vorher zu essen, bemerkte Sonea. Wenn sie fort sind, werden wir unsere letzten Vorräte essen und uns dann auf den Heimweg machen, beschloss sie. Obwohl ungewiss war, ob dieses »wir« zwei oder drei Personen umfassen würde.
Sie blickte zu Lorkin hinüber, der während der beiden letzten Nächte bei Tyvara geschlafen hatte. Sie hatte ihm während der Verhandlungen genau zugehört. Er hatte viele Male als »wir« von den Verräterinnen gesprochen und von den Verbündeten Ländern und der Gilde als »sie«. Sonea schauderte, als ein Gefühl der Furcht sie beschlich.
Er hatte sich verändert. Aber nicht vollkommen. Er war immer noch Lorkin. Doch er war reifer geworden. Das überraschte sie nicht. Er hatte in dem halben Jahr, seit er die Gilde verlassen hatte, eine Menge durchgemacht. Und die Bürde schwarzer Magie geschultert.
Ich sollte entsetzt sein, aber alles, was ich empfinde, ist Traurigkeit. Er hat keine Ahnung, was er auf sich genommen hat. Dass es ihn immer als vertrauensunwürdig kennzeichnen wird, selbst wenn sie akzeptieren, dass es seine Entscheidung war und der unumgängliche Preis für die Herstellung von Steinen.
»Sie« waren die Gilde und andere Kyralier. Sonea glaubte nicht, dass sie ihn zurückweisen würden. Wie könnten sie das auch tun, jetzt, da sie Lilia akzeptiert hatten? Aber mit jedem Magier, der schwarze Magie erlernt, scheinen wir etwas zu verlieren. Vielleicht unsere Unschuld. Vielleicht die Vorsicht.
Lorkin, der seinen Wasservorrat aufgefüllt hatte, kehrte zurück. Sie dachte an die Edelsteine in ihrer Tasche, die sie bisher den Verrätern gegenüber nicht erwähnt hatte. Tyvara schaute lächelnd zu Lorkin auf, als er ihr die Flasche gab. Es war ihre, nicht seine. Ein Stich des Bedauerns durchzuckte Sonea, dass sie keine Zeit hatte, die junge Frau besser kennenzulernen. Angesichts der Art, wie Tyvara Lorkin ansah, überlief Sonea ein weiterer Schauder, und sie runzelte die Stirn.
Für ein Paar, das so offensichtlich verliebt ist, benehmen sie sich nicht, als würden sie sich in Kürze trennen.
Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte Lorkin sich um und sah Sonea in die Augen. Sein Lächeln verblasste, dann schaute er wieder zu Tyvara hinüber und nickte. Ihre Miene wurde ernst. Mitfühlend. Sie nickte und beobachtete, wie Lorkin zu Sonea ging.
»Mutter«, sagte er. »Können wir unter vier Augen reden?«
»Natürlich.« Sonea stand auf und sah sich um, dann wählte sie willkürlich eine Richtung aus und setzte sich in Bewegung. Er folgte ihr stumm. Nach ungefähr zwanzig Schritten blieb sie stehen und schuf eine Barriere um sie herum, die keinen Laut nach außen dringen lassen würde, und wartete darauf, dass er zu sprechen begann.
Lorkin konnte ihrem Blick plötzlich nicht mehr standhalten. »Ich … äh … wir …«
Sie seufzte und fragte dann: »Kommst du mit mir zurück?«
Er straffte die Schultern und hob den Kopf. »Nein.«
Sie starrte ihn an und kämpfte gegen eine aufsteigende Panik. Ich könnte es ihm befehlen. Ich könnte mich mit Osen in Verbindung setzen und ihn dazu bringen, den Befehl zu erteilen. Aber sie vermutete, dass sie Lorkin damit bloß dazu treiben würde, etwas noch Törichteres zu tun.
»Es geht nicht um Tyvara«, sagte er. »Nun, nicht nur um Tyvara.« Ein intensiver Ausdruck trat in seine Augen. Sie las in ihnen Aufregung und Hoffnung. »Ich denke, dass die Verräter siegen werden. Wenn sie sagen, dass sie der Sklaverei ein Ende machen werden … ich denke, sie werden auch das tun. Sie planen es seit Jahren. Seit Jahrhunderten.«
»Also … wenn sie siegen, werden sie besser sein als die Ashaki?«
»Ja«, erwiderte er entschieden.
»Und wenn sie unterliegen?«
Seine Miene wurde grimmig. Sie konnte in seinem Gesicht plötzlich erkennen, wie er in zehn Jahren aussehen würde. Falls er die nächsten paar Wochen überlebt. Nein, denk nicht darüber nach.
»Manche Dinge sind es wert, dass man sein Leben für sie riskiert«, sagte er. »Wenn du gesehen hättest, was die Ashaki tun – wenn du es erlebt hättest –, würdest du die Welt auch von ihnen befreien wollen.«
Bei dem Zorn und dem Entsetzen in seiner Stimme durchzuckte sie ein stechender Schmerz. Was haben sie ihm angetan? Sie wollte es wissen, wollte den Schuldigen finden und ihm wehtun.
»Der Gilde wird das nicht gefallen, aber ich bin mir sicher, das weißt du«, erklärte sie.
Er nickte. »Sag ihnen, dass sie mich offiziell verbannen sollen. Auf diese Weise kann man sie nicht für meine Taten verantwortlich machen, falls wir verlieren.«
Ihr wurde flau. Ich sollte froh darüber sein, dass er alles durchdacht hat, aber ich kann nicht. Wenn ich nur seine Stelle einnehmen könnte … Aber auch das würde ihn kaum daran hindern, in diesen Krieg zu ziehen.
Und plötzlich wusste sie, was sie als Nächstes tun würde. Wenn er nicht nach Hause gehen würde, würde sie es auch nicht tun. Sie würde ihm folgen. Sie würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihn zu beschützen.
»Du betrachtest dich jetzt also als einen Verräter.« Sie nickte. »Dann gibt es etwas, das du wissen musst.« Sie griff in ihre Tasche, zog einen der Edelsteine heraus und hielt ihn Lorkin hin.
Er nahm ihn entgegen und untersuchte ihn eingehend. Einen Moment später weiteten sich seine Augen.
»Ich hatte den Verdacht, dass es möglich ist«, hauchte er.
Während er den Stein fasziniert betrachtete, verspürte Sonea eine bittersüße Freude und Stolz. Hier war er, ihr Sohn, und er verstand eine Magie, die kein Gildemagier je zuvor erkundet hatte. Und er liebte es.
»Woher hast du das?«, fragte er.
Sie deutete auf ihre Umgebung. »Aus der Erde und dem Sand. Es ist auch ein Stein in der Quelle, um sie sauber zu halten. Ich habe den Verdacht, dass sie überall im Ödland verteilt sind. Du kannst sie wahrnehmen, wenn du weißt, wonach du suchen musst und wenn du ein Schwarzmagier bist.«
Lorkin öffnete den Mund, und er drehte sich um, um das trockene, leblose Land zu betrachten. »Willst du damit sagen …?«
»Ja. Das Ödland hätte sich vor Jahrhunderten erholen sollen, aber wegen der Verräter hat es das nicht getan.« Sie berührte ihn am Arm. »Bist du dir sicher, dass du die Gilde verlassen willst, um dich diesen Leuten anzuschließen? Einem so skrupellosen Volk? Du kannst ihnen immer noch helfen, die Ashaki zu stürzen, ohne deine Loyalität zu wechseln.«
Er blickte auf den Edelstein hinab und runzelte die Stirn. Dann schloss er die Finger um den Stein und nickte. »Ich bin mir sicher. Sie sind nicht vollkommen, aber sie sind besser als die Ashaki.« Er legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ich liebe dich, Mutter. Ich habe nicht die Absicht, in diesem Krieg zu sterben. Ich werde zur Gilde zurückkehren. Königin Zarala hat mir das Wissen um die Herstellung von Steinen gegeben, damit ich es weiterreichen kann, und ich werde das tun, falls die Gilde es will. Du wirst mich wiedersehen.«
Dann zog er sie an sich. Sie hielt ihn fest, und es kostete sie ihre ganze Willenskraft, keinen Widerstand zu leisten, als er sich von ihr löste. Er lächelte knapp, drehte sich um und kehrte zu den Verrätern zurück.
Sonea blinzelte gegen Tränen an, seufzte und folgte ihm.
Als Lilia aus dem Magierquartier ins helle Sonnenlicht trat, blinzelte sie und schlug den Weg zur Universität ein. Es waren zu dieser morgendlichen Stunde mehr Novizen unterwegs als gewöhnlich, bemerkte sie. Die meisten schienen sich am Eingang der Universität aufzuhalten. Als sie sich ihnen näherte und in den Schatten des Gebäudes trat, begriff sie, dass sie alle sie ansahen.