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Vielleicht wird er irgendwo anders hingehen, sobald er seinen Abschluss hat. Irgendwohin, wo alle anderen schwächer sind. Sie schauderte. Was würde er tun, um dafür zu sorgen, dass er der Stärkste war und andere das auch wussten? Irgendjemand muss ihn im Auge behalten. Vielleicht würde es Kallen tun oder die anderen Höheren Magier. Oder sie. Eines Tages würde sie eine Höhere Magierin sein. Sie könnte am Ende sogar diejenige sein, die Bokkin beobachten musste.

»Lady Lilia.«

Ihr Herz machte einen Satz, als sie begriff, dass sie wieder ins Leere gestarrt hatte. Die Lehrerin sah sie jedoch nicht missbilligend an. Sie zeigte auf die Tür. Als Lilia dem Blick der Frau folgte, entdeckte sie ein vertrautes Gesicht, und wieder durchzuckte sie ein Stich.

Jonna. Die Dienerin winkte ihr zu.

Lilia erhob sich von ihrem Platz, verbeugte sich vor der Lehrerin und schlüpfte dann zwischen die Schreibpulte und aus dem Raum hinaus.

»Was ist los?«, fragte sie, während Jonna sich im Flur umsah.

»Anyi war in Soneas Räumen«, berichtete sie. »Sie sagte, es sei vielleicht ein Eindringling … Ihr wisst schon, wo.«

Lilia stockte der Atem. »Wie lange ist das her?«

»Sie hatte einige Zeit gewartet, aber ich bin mir nicht sicher, wie lange. Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, in welchem Klassenzimmer Ihr seid.«

»Ich sollte mich beeilen …« Lilia machte einen Schritt den Flur hinunter, dann hielt sie inne. »Ich sollte in die andere Richtung gehen. So werde ich schneller sein. Könntest du zurückkehren und ihr Bescheid geben?«

Jonna schüttelte den Kopf. »Sie ist bereits zurückgegangen.« Die Dienerin runzelte die Stirn. »Wenn Ihr die Richtung meint, die ich vermute … Ich werde mitkommen und dafür sorgen, dass niemand sieht, dass Ihr diesen Weg benutzt.«

»Danke, Jonna.« Lilia lief auf einen Seitenflur zu und führte Jonna tiefer in die Universität hinein. Als sie die versteckte Tür erreichten, ging Jonna zum nächsten Seitengang und spähte in die Dunkelheit.

Sie nickte. »Alles klar. Seid vorsichtig«, flüsterte sie.

»Natürlich«, erwiderte Lilia. Dann zog sie den Hebel, der die Tür öffnete, und trat in die Dunkelheit dahinter.

»Es ist ein unglaublicher Gedanke, dass all diese Menschen Sklaven waren«, sagte Regin.

»Ja«, pflichtete Sonea ihm bei.

Sie hatten soeben einen langen, niedrigen Hügel erklommen. Vor ihnen erstreckte sich die Straße in einer fast geraden Linie, und es wimmelte von Menschen und Wagen; sogar elegante Kutschen waren gelegentlich zu sehen. Zuerst hatte Sonea sich gefragt, welchen Grund die ehemaligen Sklaven haben mochten umherzustreifen – abgesehen davon, dass sie ihre neugefundene Freiheit nutzen wollten, um hinzugehen, wo immer sie hingehen wollten. Gewiss ergab es Sinn, die Anwesen zu übernehmen, auf denen sie gearbeitet hatten, so dass sie Nahrung und ein Dach über dem Kopf haben würden.

Dann hatten sie das Wiedersehen zwischen zwei Frauen beobachtet, einer älteren und einer jüngeren, und begriffen, dass sie Mutter und Tochter waren. Eine junge Frau stieß einen Freudenschrei aus, als ein Mann ihr einen Säugling reichte. Zwei junge Männer eilten einander entgegen und riefen: »Bruder!« Paare aller Altersklassen umarmten sich und redeten miteinander.

Ihre Herren haben ihnen wohl verboten zu heiraten, dachte sie. Sie haben sie gezüchtet wie Haustiere, aber sie konnten sie nicht daran hindern, die Bande von Liebe und Familie zu verspüren, trotz der Sklaverei, die es hier seit über tausend Jahren gibt.

»Ich habe immer geglaubt, dass Sklaverei unrecht sei, und ich war stolz darauf, dass Kyralia ihr ein Ende gemacht hat, sobald wir frei waren, dies zu tun«, sagte Regin. »Aber das ist vor Jahrhunderten geschehen. Wir Kyralier haben es niemals wirklich begriffen, weil wir es nie selbst gesehen haben.«

Sonea nickte. Sie betrachtete Regin und verspürte eine unerwartete Zuneigung. Falls die Verräter verlieren, dann hatte ich zumindest Gelegenheit, das Mitgefühl und die Demut in ihm zu sehen.

»Vielleicht ist das der Grund, warum wir es nicht geschafft haben, der Sklaverei ein Ende zu machen«, fuhr er fort, »als wir Sachaka erobert haben. Es war zu lange her, seit wir selbst darunter gelitten hatten.«

Sonea schüttelte den Kopf. »Aber es waren nur einige Jahrhunderte vergangen, seit Kyralia und Elyne ihre Unabhängigkeit wiedererlangt und die Sklaverei beendet hatten.«

»Zeit genug für jene, die wussten, wie es war, an Altersschwäche zu sterben, und für deren Nachfahren, das ganze Konzept nur noch als blasse, abstrakte Idee zu empfinden.«

»Und doch haben wir immer noch eine Abneigung dagegen, die seit siebenhundert Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wird.«

»Nur weil es etwas ist, das wir mit Sachaka in Verbindung bringen.«

Sonea lachte leise. »Ah, ja. Weil die Sklaverei sie hassenswert gemacht hat, was uns das Gefühl gegeben hat, moralisch überlegen zu sein. Unterschätzt niemals die Freude, Fehler bei anderen zu finden.«

Regin sah sie stirnrunzelnd an. »Ihr denkt doch nicht, dass Sklaverei …«

»Natürlich nicht. Ich wünschte nur, wir hätten sie abgeschafft, als wir die Chance dazu hatten.« Sie deutete auf die Menschen vor ihnen. »Und dass die Verbündeten Länder die Einladung der Verräterinnen akzeptiert hätten.«

»Ihr würdet wollen, dass wir in den Krieg ziehen, obwohl die meisten von uns zu schwach sind, um etwas auszurichten?«

»Ja. Aber auf unsere eigene Weise.«

Regin sah sie an, dann weiteten sich seine Augen. »Indem die Gilde Euch und Kallen all unsere Macht gegeben hätte.«

»Die ich bereits genommen habe. Wir hätten nur Vorbereitungen treffen und nach Kallen schicken müssen.«

»Oder Lilia?« Regin runzelte die Stirn. »Nein … sie ist zu jung.«

»Nicht viel jünger, als ich es war, als ich in meinem ersten Krieg gekämpft habe, aber ja, ich würde ihr das nicht wünschen, und wir sollten nicht riskieren, alle Magier mit Kenntnissen der schwarzen Magie zu verlieren.«

Regin lächelte. »Obwohl es den Anschein hat, als könne man schwarze Magie doch aus einem Buch lernen.«

»Ja.« Sonea seufzte. »Ich nehme an, die Gilde wird ihren Kampf gegen schwarze Magie bald verlieren. Wenn die Verräterinnen siegen, wird es noch schwerer sein …« Sie hielt inne, als sie ein Paar entdeckte, das auf sie zuritt. Sie trugen Verrätergewänder und kamen ihr bekannt vor. Die beiden musterten sie und Regin. »Diese zwei sehen aus, als wollten sie mit uns sprechen.«

Regin blinzelte ins helle Sonnenlicht. »Und sie wirken auch nicht überrascht, uns zu sehen. Ich nehme an, irgendjemand hat ihnen erzählt, dass wir nicht nach Hause zurückgekehrt sind.«

Sie beobachteten, wie die beiden näher kamen. Ein Mann und eine Frau, bemerkte Sonea. Ist sie die Magierin und er eine Quelle der Macht?, ging es ihr durch den Kopf. Oder haben die Verräterinnen ihre Männer in der Benutzung von Magie ausgebildet, damit sie kämpfen konnten? Einige Schritte entfernt wendeten die beiden ihre Pferde, um Sonea den Weg zu versperren.

»Schwarzmagierin Sonea«, sagte die Frau. »Lord Regin. Ich bin Saral, und das ist Temi. Königin Savara fragt, warum Ihr nicht nach Hause zurückgekehrt seid.«

Sonea hielt inne, als würde sie über ihre Antwort nachdenken. Sie hatte die Frage erwartet, wollte aber nicht, dass ihre Antwort allzu einstudiert klang.

»Die Gilde ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder sicher sind, wenn sie sich in anderen Ländern aufhalten«, erklärte sie. »Ich bin hier, um sicherzustellen, dass unseren Heilern keine Gefahr drohen wird.«

Die Augen der Frau wurden ausdruckslos, dann konzentrierte sie sich wieder auf Sonea. »Wir werden dafür sorgen, dass keinem Gildemagier, der Sachaka bereist, etwas zustößt.«

»Also habt Ihr die Zeit, die Straßen abzusichern, und Ihr habt Leute, denen es freisteht, als Wachen und Eskorten zu dienen, während Ihr gleichzeitig gegen die Ashaki kämpft? Mir wäre es lieber, Ihr würdet Eure Kraft in das Erreichen Eures Ziels investieren.« Sonea trat vor, bis sie zu Saral aufschaute, und sie sprach die Frau an, von der sie wusste, dass sie sie durch den Ring an Sarals Finger beobachtete. »Nicht zuletzt deshalb, weil Ihr meinen Sohn bei Euch habt«, fügte sie entschlossen hinzu. »Erwartet Ihr wirklich von mir, dass ich heimkehre? Ich bin eine einzelne Magierin und stelle keine Bedrohung für Euch oder Euer Volk dar, Königin Savara.« Sie lächelte. »Ob Ihr Lorkin bei Euch habt oder nicht.«