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Sie weiß es vielleicht bereits. Oh Anyi. Es tut mir leid, dass ich nicht schneller hergekommen bin.

Es kostete mehr Willenskraft als alles, was sie bisher getan hatte, nicht hinter ihr herzulaufen. Sie zwang sich, neben Gol niederzuknien, ignorierte seine Proteste und machte sich daran, seine gebrochenen Knochen zu heilen. Und hoffte verzweifelt, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

24

Gefährliche Gedanken

Der Himmel war überzogen mit orangefarbenen und schwarzen Streifen, als Saral und Temi von der Hauptstraße abzweigten und sich auf ein weiteres Gut zubewegten. Sonea und Regin folgten ihnen. Jede Nacht, seit die Verrätereskorte sie begleitete, hatten sie auf befreiten Gütern verbracht. Am zweiten Morgen hatte man ihnen auf Sarals Bitte hin Pferde gegeben, obwohl sie seither nicht mit großer Geschwindigkeit geritten waren.

Es überrascht mich, dass wir Saravas Gruppe noch nicht eingeholt haben. Es muss Zeit kosten, die Ashaki zu töten. Aber vielleicht ist das der Grund, warum wir so langsam vorankommen. Sie will nicht, dass wir sie einholen – oder Arvice vor ihr erreichen.

Sie reisten größtenteils schweigend. Saral und Temi waren offensichtlich nicht glücklich über ihre Rolle als Eskorte für zwei lästige Ausländer, aber keiner der beiden beklagte sich. Sie suchten allerdings auch kein Gespräch. Die frisch befreiten Sklaven auf den Gütern dagegen waren euphorisch und unendlich redselig, und sie stellten Saral und Temi Fragen und nahmen an, dass Sonea und Regin in den Augen der Verräter willkommene Besucher waren. Als die vier Pferde sich jetzt den Mauern des Guts näherten, kamen ehemalige Sklaven heraus, um sie zu begrüßen.

»Willkommen, Verräter!«, riefen sie. »Werdet Ihr hierbleiben?« Sie kamen regelrecht herangestürmt, aber als sie Sonea und Regin sahen, verlangsamten die Männer und Frauen an der Spitze das Tempo.

»Ich bin Saral, und dies ist Temi«, erklärte Saral. »Das hier sind Schwarzmagierin Sonea und Lord Regin von der Magiergilde Kyralias. Wir eskortieren sie.«

Einer der Sklaven trat vor. »Ich bin Veli, erwählter Anführer dieses Guts.« Er sah zu Sonea auf. »Willkommen in Sachaka.«

»Vielen Dank, Veli«, erwiderte Sonea und neigte respektvoll den Kopf.

Veli richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Saral. »Werdet Ihr bleiben? Königin Savara und ihre Gruppe waren gestern Nacht unsere Gäste.«

»Ja, wir werden bleiben, und wir wüssten gern alles, was Ihr uns an Neuem über Eure früheren Gäste erzählen könnt.«

Saral sah Sonea an und schien beinahe zu lächeln. Sonea neigte dankbar den Kopf. Auf jedem Gut, wo die Königin haltgemacht hatte, hatte Sonea sich nach Lorkin erkundigt.

Die ehemaligen Sklaven führten sie auf das Anwesen, wo sie aus dem Sattel stiegen. Die Pferde wurden weggebracht. Eine Frau in mittleren Jahren und ihre beiden Töchter kamen näher und hießen sie willkommen.

»Tiatia ist die Ehefrau des ehemaligen Besitzers«, erklärte Veli. »Sie hat Königin Savara in ihrem Heim willkommen geheißen, als sie ankam.«

»Und ihr Mann?«

»Ist im Osten. Er ist ein guter Mann, und wir wollten nicht, dass er starb. Wir wussten, dass eine Chance bestand, dass er gezwungen sein würde, zusammen mit den anderen Ashaki zu kämpfen, oder dass wir keine Chance haben würden, zu seiner Verteidigung zu sprechen, also haben wir veranlasst, dass er außer Landes ist.«

»Was hat die Königin davon gehalten?«

»Sie sagte, sie sei beeindruckt von unserer Loyalität. Aber es war nicht simple Loyalität.«

Saral runzelte die Stirn. »Nein? Was war es dann?«

»Freundschaft.« Als Saral ihn eingehend musterte, wandte er den Blick ab. Aber dann hob er den Kopf und starrte sie an. »Er ist ein guter Mann«, verteidigte er sich. »Wenn Ihr einen Beweis dafür wollt, werft einen Blick auf unsere Sklavenquartiere. Sie sind sauber und warm. Er hat Männern und Frauen erlaubt, einander zu wählen und zusammenzuleben und ihre Kinder zu behalten. Er hat von uns nur dann verlangt, dass wir uns niederwerfen, wenn Besucher hier waren.«

Saral zog die Augenbrauen hoch. »Bemerkenswert. Was wird jetzt mit ihm geschehen?«

»Seine Schiffssklaven werden ihm in einigen Tagen alles erzählen und ihn warnen, dass er vielleicht um Erlaubnis bitten muss, bevor er zurückkehren darf. Denkt Ihr, man wird es ihm erlauben?«

Die beiden Verräter tauschten einen Blick. Temi zuckte die Achseln. »Vielleicht. Er wird kein Land haben. Er wird gleichberechtigt mit Euch leben müssen.«

»Es wird ihm eine Ehre sein, das zu tun«, erklärte Tiatia.

Saral sah die Frau an, dann Veli und nickte. »Königin Savara hat gesagt, dass es Situationen wie diese geben würde und dass wir wissen müssten, wann es gilt, Vorsicht mit Mitgefühl zu paaren.«

»Kommt herein«, sagte Veli lächelnd. »Es werden bereits Zimmer und eine Mahlzeit für Euch vorbereitet.«

Wie bei allen vorangegangenen Gütern führte eine überraschend bescheidene Haupttür in einen Flur und zu einem größeren Raum, der in jedem Haus unterschiedlich genutzt wurde: manchmal als Lagerraum, manchmal als Schlafquartier, manchmal als Versammlungsort.

»Setzt Euch«, lud Veli sie ein. »Es wird eine Weile dauern, bis das Essen fertig ist.«

Sonea wählte zwei Hocker für sich selbst und Regin aus. Das Sitzen auf Kissen ist etwas für jüngere Leute als mich, ging es ihr durch den Kopf. Veli, Saral und Temi hielten es genauso wie sie.

»Während wir warten, darf ich etwas Raka für Euch zubereiten?«, fragte Tiatia.

Saral sah Veli an, die Augenbrauen fragend hochgezogen. Er nickte. »Ja, das wäre schön«, erwiderte Saral.

Tiatia lächelte und setzte sich mit ihren Töchtern auf Kissen in die Mitte des Raums. Unter einem Hocker standen ein Raka-Topf und ein Behälter mit dem Pulver. Als weitere ehemalige Sklaven mit Wasser und Tassen kamen, machte sie sich an die Arbeit. Während Saral und Veli über die Zukunft des Guts sprachen und darüber, was dort angebaut wurde, schaute Sonea Tiatia zu, erheitert, an einem so unvertrauten Ort ein so vertrautes Ritual der Vorbereitung zu sehen. Zu ihrer Überraschung begann Dampf aus der Tülle des Topfes zu wehen.

»Ihr seid Magierin?«, fragte Sonea Tiatia.

Alle Gespräche verstummten abrupt. Sonea schaute sich um. Veli biss sich auf die Unterlippe und sah Saral stirnrunzelnd an; dann blickten die beiden überrascht zu Tiatia hinüber. Soneas Magen krampfte sich zusammen, als sie begriff, dass Veli dies hatte geheim halten wollen und dass sie die Frau in ihren Augen vielleicht verdammt hatte, indem sie das Geheimnis enthüllte.

»Ja«, sagte Tiatia mit leiser Stimme. »Mein Mann hat es mich gelehrt.«

Saral stieß einen angehaltenen Atemzug aus. »Jetzt bin ich bereit zu denken, dass Euer Ehemann vielleicht wirklich all das ist, von dem Ihr behauptet, er sei es«, stellte sie fest.

»Warum glaubt Ihr uns erst jetzt?«, fragte Veli. Zwischen seinen Brauen stand eine steile Falte.

»Weil eine gute Behandlung von Sklaven die Macht des Ashaki über andere niemals bedroht hat. Aber die Unterweisung seiner Frau in Magie könnte das tun.«

Es sei denn, er hat ihr keine Höhere Magie beigebracht, überlegte Sonea. Sie wusste, dass die Sachakaner auf Magier herabblickten, die keine Höhere Magie kannten. Wenn Tiatias Ehemann sie ihr nicht beigebracht hatte, würde sie im Status wie in der Macht immer noch unter ihm stehen.

So wie es Regin tun würde, für einen Sachakaner, sollten er und ich …

Sie schob den Gedanken beiseite und nahm plötzlich Regin wahr, der neben ihr saß. Es war seltsam und beunruhigend, dass ein einzelner verirrter Gedanke ihr Bewusstsein für seine Anwesenheit so veränderte, dass ihr nicht nur bewusst war, wo er sich befand, sondern sie seine körperliche Nähe geradezu spürte. Sie bemerkte plötzlich seine Atmung und stellte sich vor, auch seine Wärme spüren zu können.