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«Auf dem Rückweg machen wir einen Zwischenstopp in Philadelphia, damit wir in ihrem neuen Restaurant essen können. Es heißt › Der Generator‹?»

«Enid, meine Güte, das ist ihr Lokal? Ted und ich waren vor zwei Wochen dort.»

«Die Welt ist klein», sagte Enid.

«Das Essen war fabelhaft. Wirklich bemerkenswert gut.»

«Im Endeffekt haben wir also sechstausend Dollar bezahlt, um daran erinnert zu werden, wie ein Plumpsklo riecht.»

«Ich werde das nie vergessen», sagte Alfred.

«Und sind noch dankbar für das Plumpsklo! Weil das der eigentliche Zweck von Fernreisen ist. Weil Fernsehen und Bücher einem das nicht vermitteln können. So was muss man schon selbst erleben. Nehmen Sie das Plumpsklo weg, und wir hätten das Gefühl, sechstausend Dollar zum Fenster rausgeworfen zu haben.»

«Sollen wir aufs Sonnendeck gehen und uns das Gehirn durchbraten lassen?»

«O ja, Stig, bitte. Ich bin intellektuell völlig erschöpft.»

«Dank sei Gott für die Armut. Dank sei Gott für das Linksfahren. Dank sei Gott für Babel. Dank sei Gott für andere Voltzahlen und seltsam geformte Steckdosen.» Dr. Roth schob seine Brille den Nasenrücken herunter und spähte darüber hinweg, den schwedischen Exodus fest im Blick. «Kleine Bemerkung am Rande: Jedes Kleid, das diese Frau besitzt, ist so geschneidert, dass man es schnell wieder ausziehen kann.»

«Ich habe noch nie erlebt, dass Ted derart wild darauf war, zum Frühstücken zu gehen», sagte Sylvia. «Und zum Mittagessen. Und zum Abendessen.»

«Fabelhafte nordische Aussichten», sagte Roth. «Dafür sind wir doch hier, oder?»

Alfred senkte betreten den Blick. Auch in Enids Hals steckte eine kleine Gräte der Prüderie. «Glauben Sie, dass er wirklich etwas an den Augen hat?», brachte sie heraus.

«Zumindest in einer Hinsicht hat er ein exzellentes Auge.»

«Ted, jetzt hör aber mal auf.»

«Dass die schwedische Sexbombe ein müdes Klischee ist, ist selbst schon ein müdes Klischee.»

«Hör bitte auf.»

Der pensionierte Vorstandsvorsitzende schob seine Brille wieder hoch und wandte sich Alfred zu. «Ich frage mich, ob wir depressiv geworden sind, weil es kein unerforschtes Land mehr gibt. Weil wir nicht mehr so tun können, als gäbe es irgendwo noch einen Ort, an dem bisher keiner war. Ich frage mich, ob sich da eine kollektive Depression anbahnt, weltweit.»

«Mir geht's ganz wunderbar heute Morgen. Ich habe so gut geschlafen.»

«Laborratten werden teilnahmslos, wenn zu viele in einem Käfig sind.»

«Stimmt, Enid, Sie wirken wie verwandelt. Erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, das hätte etwas mit dem Arzt vom ‹D›-Deck zu tun. Ich hab da ein paar Geschichten gehört.»

«Geschichten?»

«Bleibt höchstens noch der so genannte Cyberraum», sagte Dr. Roth, «aber wo ist da die Wildnis?»

«Von einem Mittel, das Aslan heißt», sagte Sylvia.

«Aslan?»

«Oder der Weltraum», sagte Dr. Roth, «aber mir gefällt diese Erde. Sie ist ein guter Planet. Was sie zu bieten hat, ist ein Mangel an Zyanid, Schwefelsäure und Ammoniak in der Atmosphäre. Womit sich keineswegs jeder Planet brüsten kann.» «‹Großmutters kleiner Helfer› nennen sie es, glaube ich.»

«Aber selbst im eigenen großen, stillen Haus fühlt man sich doch beengt, wenn es auf der anderen Seite der Erde und überall dazwischen ebenfalls große, stille Häuser gibt.»

«Alles, was ich möchte, ist ein bisschen Privatsphäre», sagte Alfred.

«Kein Strand zwischen Grönland und den Falkland-Inseln, der nicht von Erschließungsplänen bedroht ist. Kein Stück Land, das ungerodet bleibt.»

«Ach herrje, wie spät ist es?», fragte Enid. «Wir wollen doch diesen Vortrag nicht verpassen.»

«Sylvia ist anders. Sie mag das Gewimmel an den Kais.»

«Stimmt, Gewimmel mag ich», sagte Sylvia.

«Gangways, Bullaugen, Schauerleute. Sie mag das Tuten des Signalhorns. Für mich ist das hier ein schwimmender Freizeitpark.»

«Man muss sich eben mit einem gewissen Maß an Verklärung abfinden», sagte Alfred. «Daran ist nichts zu ändern.»

«Usbekistan ist meinem Magen nicht bekommen», sagte Sylvia.

«Mir gefällt die ganze Verschwendung hier», sagte Dr. Roth. «Es tut gut zu sehen, wie Hunderte von Meilen sinnlos zurückgelegt werden.»

«Sie romantisieren die Armut.»

«Wie bitte?»

«Wir waren in Bulgarien», sagte Alfred. «Usbekistan kenne ich nicht, aber in China waren wir auch. Soweit ich es von der Eisenbahn aus sehen konnte, würde ich — also, wenn es nach mir ginge, würde ich alles abreißen. Abreißen und noch mal von vorn anfangen. Die Häuser müssen nicht hübsch sein, nur solide. Sanitäre Anlagen rein in die Häuser. Eine vernünftige Betonmauer und ein Dach, das nicht leckt — das ist es, was die Menschen dort brauchen. Kanalisation. Schauen Sie sich die Deutschen an, wie die alles wieder aufgebaut haben. Geradezu vorbildlich.»

«Würde allerdings nicht so gern Fisch aus dem Rhein essen. Falls man überhaupt welchen darin findet.»

«Das ist alles Umweltschützer-Geschwafel.»

«Alfred, Sie sind ein zu kluger Mann, um das Geschwafel zu nennen.»

«Ich muss jetzt mal verschwinden.»

«Al, wenn du fertig bist, nimm doch ein Buch mit nach draußen und lies ein bisschen. Sylvia und ich hören uns den Investment-Vortrag an. Setz du dich einfach irgendwo hin. In die Sonne. Und entspann dich, hörst du, entspann dich.»

Er hatte gute Tage und schlechte Tage. Es war, als flössen, wenn er eine Nacht im Bett verbrachte, bestimmte Körpersäfte, wie die Säfte einer Marinade, in die man ein Hüftsteak legt, an die richtigen oder falschen Stellen und als hätten seine Nervenenden am Morgen entweder genug von dem, was sie brauchten, oder eben nicht; als hinge seine geistige Klarheit von etwas so Banalem ab wie davon, ob er in der vergangenen Nacht auf der Seite oder auf dem Rücken gelegen hatte; oder, beunruhigender noch, als wäre er ein beschädigtes Transistorradio, das nach heftigem Schütteln entweder wieder laut und deutlich funktionierte oder nichts als statisches Rauschen ausspuckte, durchbrochen von Satzfetzen und gelegentlichen Takten Musik.

Trotzdem, noch der schlimmste Morgen war besser als die beste Nacht. Am Morgen beschleunigten sich alle Prozesse und katapultierten Alfreds Medikamente an ihre Bestimmungsorte: das kanariengelbe spindelförmige Ding gegen Inkontinenz, die kleine runde rosafarbene Kugel gegen das Zittern, das weiße Oval gegen Übelkeit, die blassblaue Tablette zur Bekämpfung der Halluzinationen, die von der kleinen runden rosafarbenen Kugel kamen. Am Morgen herrschte in seinem Blut dichter Pendlerverkehr,

Glukoseboten, Lakto- und Urinhygienespezialisten, Hämoglobinspediteure, die in ihren zerdellten Lieferwagen Mengen frisch aufbereiteten Sauerstoffs transportierten, unerbittliche Vorarbeiter wie das Insulin, das enzymische mittlere Management und die leitenden Epinephrine, Leukozytenpolizisten und Notfallwagenteams, teure Berater, die in ihren rosafarbenen und weißen und kanariengelben Limousinen herbeigefahren kamen, den Aorta-Fahrstuhl nahmen und über die Arterien ausschwärmten. Vor zwölf Uhr am Mittag war die Quote der Arbeitsunfälle gering. Die Welt war neugeboren.

Er hatte Schwung. Vom Kierkegaard-Saal aus schwankte er federnden Schritts einen mit rotem Teppich ausgelegten Gang entlang, der ihm schon einmal mit einem stillen Örtchen aufgewartet hatte, doch heute Morgen schien hier alle Welt Geschäfte zu machen, kein H oder D in Sicht, nur Frisörsalons und Boutiquen und das Ingmar-Bergman-Kino. Das Problem war, dass er sich nicht mehr darauf verlassen konnte, ob sein Nervensystem die Dringlichkeit seines Austretenmüssens richtig einschätzte. In der Nacht löste er es, indem er einen Schutz trug, am Tage, indem er stündlich eine Toilette aufsuchte und stets seinen alten schwarzen Regenmantel bei sich hatte, für den Fall, dass er einmal ein Missgeschick verbergen musste. Ein weiterer Vorzug des Regenmantels war, dass er Enids romantische Gefühle verletzte, ein weiterer Vorzug der stündlichen Gänge zur Toilette, dass sie seinem Leben eine Struktur gaben. Lediglich alles im Griff zu behalten — lediglich den Ozean der nächtlichen Schrecken daran zu hindern, dass er auch das letzte Schott durchbrach — , das war jetzt sein ganzes Streben.