Unzählige Frauen strömten in Richtung Langstrumpf-Ballsaal. Ein starker Strudel trieb Alfred in einen Gang, an dem die Kabinen der mitreisenden Referenten und Entertainer lagen. Am Ende des Gangs winkte ein Herren-WC.
Ein Offizier mit Epauletten stand vor einem der beiden Urinbecken. Aus Furcht, unter Beobachtung zu versagen, betrat Alfred eine Toilettenkabine, schob den Riegel vor und fand sich einer Kloschüssel gegenüber, die unter Kotbeschuss genommen worden war, glücklicherweise aber nichts erzählte, sondern nur stank. Er ging wieder hinaus und probierte es mit der nächsten, doch hier huschte etwas über den Boden — ein wendiger Scheißhaufen, der in Deckung ging — , und er wagte nicht einzutreten. Inzwischen hatte der Offizier gespült, und als er sich zu ihm umwandte, erkannte Alfred die blauen Wangen und rosa getönten Brillengläser und vulvapinken Lippen wieder. Aus seinem noch geöffneten Reißverschluss hingen zwanzig Zentimeter oder mehr eines schlaffen braunen Rohrs. Ein gelbes Grinsen tat sich zwischen seinen blauen Wangen auf. Er sagte: «Ich habe eine kleine Kostbarkeit in Ihrem Bett hinterlegt, Mr. Lambert. Anstelle derer, die ich mitgenommen habe.»
Alfred taumelte aus der Toilette und floh die Treppen hinauf, höher und höher, sieben Stockwerke hoch, bis zum Sportdeck unter freiem Himmel. Hier fand er eine Bank in heißem Sonnenschein. Er zog eine Karte von Kanadas Küstenprovinzen aus der Tasche seines Regenmantels und versuchte, seine Position im Gitternetz zu bestimmen, ein paar Landmarken auszumachen.
Drei alte Männer in Gore-Tex-Jacken standen an der Reling.
Ihre Stimmen waren in einem Augenblick unhörbar, im nächsten vollkommen klar. Der Wind schien in seiner veränderlichen Masse Luftlöcher zu haben, kleine Räume der Stille, durch die der eine oder andere Satz schlüpfen konnte.
«Da ist jemand mit einer Karte», sagte einer der Männer. Er kam zu Alfred herüber und sah so glücklich aus wie alle Männer auf der Welt, außer Alfred. «Entschuldigen Sie, Sir. Was, meinen Sie, sieht man da vorn zu unserer Linken?»
«Das ist die Gaspe-Halbinsel», antwortete Alfred entschieden.
«Dahinter müsste eigentlich gleich eine große Stadt auftauchen.»
«Danke vielmals.»
Der Mann kehrte zu seinen Kameraden zurück. Als wäre die Position des Schiffs für sie von großer Bedeutung, als hätte sie überhaupt nur das Verlangen nach dieser Information auf das Sportdeck geführt, machten sich alle drei unverzüglich auf den Weg nach unten und ließen Alfred ganz oben auf der Welt allein. Der schützende Himmel war dünner in diesen Breiten nördlichen Gewässers. Wolken zogen gemeinschaftlich ihre Bahnen, an Furchen auf einem Feld erinnernd, und glitten unter der umschließenden Kuppel des auffallend niedrigen Himmels dahin. Man kam hier Ultima Thule nahe. Alles Grüne hatte eine rote Korona. Den Wäldern, die sich im Westen bis an die Grenze des Sichtbaren erstreckten, auch dem ziellosen Davoneilen der Wolken und der übernatürlichen Klarheit der Luft haftete nichts Irdisches an.
Seltsam, das Unendliche ausgerechnet in einer endlichen Krümmung, das Ewige ausgerechnet im jahreszeitlich Bedingten aufscheinen zu sehen.
Alfred hatte in dem blauwangigen Mann aus der Herrentoilette den Mann von der Abteilung Signale wiedererkannt, den personifizierten Verrat. Doch der blauwangige Mann von der Abteilung Signale konnte sich unmöglich eine Luxuskreuzfahrt leisten, und das beunruhigte Alfred. Der blauwangige Mann kam aus ferner Vergangenheit, sprach und handelte aber in der Gegenwart, und der Scheißhaufen war ein Geschöpf der Nacht, lief aber am helllichten Tag herum, und das beunruhigte Alfred sehr.
Ted Roth zufolge bildeten sich die Löcher in der Ozonschicht zuerst an den Polen. In der langen arktischen Nacht gab die Erdhülle zuerst nach, doch sobald sie porös geworden war, breitete sich der Schaden aus, griff sogar auf die sonnigen Tropen über — sogar auf den Äquator — , und schon bald war kein Fleck auf dem Erdball mehr sicher.
Inzwischen hatte ein Observatorium in den entlegenen unteren Regionen ein schwaches Signal ausgesandt, eine zweideutige Botschaft.
Alfred empfing das Signal und fragte sich, was er tun sollte. Er hatte eine Scheu vor Toiletten, neuerdings, aber er konnte ja seine Hosen nicht gut hier im Freien herunterlassen. Möglich, dass die drei Männer jeden Moment zurückkamen.
Hinter einem Schutzgeländer zu seiner Rechten waren mehrere dick lackierte flache und zylinderförmige Gegenstände, zwei sphärische zu Navigationszwecken, ein umgekehrter Kegel. Da er schwindelfrei war, hielt ihn nichts davon ab, die unmissverständliche Warnung in vier Sprachen in den Wind zu schlagen, sich an der Brüstung vorbeizuzwängen und auf die raue Metallfläche hinauszutreten, um sich, sozusagen, einen Baum zu suchen, hinter dem er pinkeln konnte. Er war hoch über allem und nicht zu sehen.
Aber zu spät.
Beide Hosenbeine waren durchnässt, das linke beinahe bis zum Knöchel. Warm-kalte Feuchtigkeit überall.
Und wo an der Küste eine Stadt hätte auftauchen müssen, entfernte sich das Land. Graue Wellen marschierten durch seltsames Gewässer, und das Beben der Maschinen wurde angestrengter, war weniger leicht zu ignorieren. Das Schiff hatte die Gaspe-Halbinsel entweder noch nicht erreicht oder bereits passiert. Die Daten, die er den Männern in den Jacken übermittelt hatte, waren falsch. Er hatte die Orientierung verloren.
Und vom Deck direkt unter ihm trug ihm der Wind ein Kichern zu. Da war es noch einmal, ein trällernder Schrei, eine nordische Lerche.
Er rückte langsam von den Kugeln und Zylindern ab und beugte sich über die äußere Reling. Ein paar Meter weiter achtern war eine kleine «nordische» Sonnenbadezone, versteckt hinter einem Zedernholzzaun, und ein Mann, der dort stand, wo kein Passagier stehen durfte, konnte über den Zaun schauen und Signe Söderblad erblicken, ihre gänsehäutigen Arme und Schenkel, ihren Bauch, die zwei drallen Brombeeren, zu denen ein plötzlich grauer Winterhimmel ihre Brustwarzen zusammengezogen hatte, das zitternde rötlich braune Fell zwischen ihren Beinen.
Die Tagwelt schwamm auf der Nachtwelt, und die Nachtwelt versuchte, die Tagwelt zu überschwemmen, und Alfred mühte und mühte sich, dafür zu sorgen, dass die Tagwelt wasserdicht blieb. Doch ein schlimmer Riss hatte sich aufgetan.
Herauf zog eine weitere Wolke, größer, dichter, und machte den Abgrund unter ihm grünlich schwarz. Kollision von Schiff und Schatten.
Und Scham und Verzweiflung. Oder war es der Wind, der in das Segel seines Regenmantels griff?
Oder war es das Krängen des Schiffs?
Oder der Tremor in seinen Beinen?
Oder der korrespondierende Tremor der Maschinen?
Oder ein Ohnmachtsanfall?
Oder die ewig lockende Tiefe?
Oder die relative Wärme, mit der das Wasser jemanden einlud, der durchnässt und frierend im Wind stand?
Oder lehnte er sich absichtlich weiter vor, um noch einmal den rötlich braunen Schamhügel zu sehen?
«Wie passend es doch ist», sagte der international renommierte Anlageberater Jim Crolius, «auf einer Luxus-Herbstfarben-Kreuzfahrt der Nordic Pleasurelines über Geld zu reden. Herrschaften, ist heute nicht ein phantastisch sonniger Tag?»
Crolius stand an einem Rednerpult neben einer Tafel, auf der in roter Schrift der Titel seines Vortrags — «Wie man die Korrekturen überlebt» — zu lesen war. In den vorderen Reihen, wo jene saßen, die früh erschienen waren, um sich gute Plätze zu sichern, wurde zustimmendes Gemurmel laut. Irgendjemand sagte sogar: «Ja, Jim!»