Enid ging es heute Morgen um so vieles besser, aber ein paar atmosphärische Störungen machten sich in ihrem Kopf noch bemerkbar, eine Gewitterfront zum Beispiel, bestehend aus a) Groll gegen die Frauen, die lächerlich früh in den Langstrumpf-Ballsaal gekommen waren, als würde die potenzielle Lukrativität der Ratschläge, die Jim Crolius gab, mit wachsender Entfernung zu ihm abnehmen; b) besonderem Groll gegen den Typus aufdringliche New Yorkerin, die sich an allen anderen vorbeidrängelte, um mit einem Referenten von Anfang an per du zu sein (sie war sicher, dass Jim Crolius die Anmaßung und hohlen Schmeicheleien solcher Frauen sofort durchschaute, aber vielleicht war er zu höflich, sie zu übergehen und sein Augenmerk auf die weniger aufdringlichen, achtbareren Frauen aus dem Mittelwesten wie Enid zu richten); und c) heftigem Ärger auf Alfred, der auf dem Weg zum Frühstück zweimal eine Toilette aufgesucht hatte, sodass sie den Kierkegaard-Saal nicht beizeiten hatte verlassen können, um selbst einen guten Platz in den vorderen Reihen zu ergattern.
Aber die Gewitterfront verschwand beinahe so schnell, wie sie aufgezogen war, und schon strahlte wieder die Sonne.
«Also, ich will kein Spielverderber sein», sagte Jim Crolius gerade, «aber von hier, wo ich stehe, hier vorn bei den Fenstern, sehe ich ein paar Wolken am Horizont. Es könnten freundliche weiße Wölkchen sein. Oder aber dunkle Regenwolken. Womöglich trügt der Schein! Von hier aus könnte ich meinen, dass wir auf sicherem Kurs sind, aber ich bin kein Experte. Ich könnte das Schiff direkt auf ein Riff steuern. Also, auf einem Schiff ohne Kapitän würden Sie nicht gern fahren, oder? Ohne einen Kapitän, der die Karten und Instrumente hat, die Glocken und Apparate, das ganze Drum und Dran. Stimmt's? Wir haben das Radar, wir haben das Sonar, wir haben das GPS.» Jim Crolius zählte jedes Instrument an seinen Fingern ab. «Wir haben unsere Satelliten da oben im Weltraum! Alles hoch technisiert. Aber irgendjemand muss mit diesen Informationen ja umgehen können, sonst würden wir alle in ziemliche Schwierigkeiten geraten. Stimmt's? Das da ist ein tiefer Ozean. Es geht um Ihr Leben. Ich will damit sagen, dass Sie froh sein können, wenn Sie den ganzen technischen Kram nicht persönlich beherrschen müssen, all die Glocken und Apparate, das ganze Drum und Dran. Besser ist es, Sie verlassen sich auf einen guten Kapitän, wenn Sie auf der hohen See der Hochfinanz kreuzen.»
Applaus in den vorderen Reihen.
«Der muss wirklich denken, wir wären acht Jahre alt», flüsterte Sylvia Roth Enid zu.
«Das ist bloß seine Einführung», flüsterte Enid zurück.
«Nun, noch etwas anderes ist passend», fuhr Jim Crolius fort. «Wir alle sind hier, um das herbstliche Farbenspiel der Blätter zu betrachten. Das Jahr hat seine Rhythmen — Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Das Ganze läuft zyklisch ab. Da sind die Aufschwünge im Frühling, da sind die Abschwünge im Herbst. Genau wie am Markt. Zyklische Angelegenheit, stimmt's? Sie können über fünf, zehn oder sogar fünfzehn Jahre einen stabilen Markt haben. Hat's ja in unserer Zeit schon gegeben. Aber wir haben auch Korrekturen erlebt. Kann sein, dass ich wie ein junger Spund aussehe, aber ich habe bereits einen regelrechten Markteinbruch miterlebt. Ganz schön unheimlich. Zyklische Angelegenheit. Herrschaften, im Moment haben wir da draußen jede Menge Grün. Es war ein langer, glorreicher Sommer. Ja, kommen Sie, lassen Sie mich ein paar Handzeichen sehen: Wie viele von Ihnen bestreiten diese Kreuzfahrt, sei es ganz oder zum Teil, von Investitionserträgen?»
Ein Wald emporgereckter Hände.
Jim Crolius nickte zufrieden. «Nun, meine Herrschaften, ich will kein Spielverderber sein, aber die Blätter beginnen sich zu verfärben. Egal, wie grün die Dinge im Augenblick für Sie sind, den Winter überdauern sie nicht. Klar, jedes Jahr ist anders, jeder Zyklus ist anders. Man weiß nie genau, wann das Grün sich verfärbt. Aber wir sind hier, und zwar jeder Einzelne von uns, weil wir vorausschauende Menschen sind. Jeder von Ihnen hat mir allein durch seine Anwesenheit bewiesen, dass er ein kluger Investor ist. Wissen Sie, warum? Weil es noch Sommer war, als Sie zu Hause losgefahren sind. Jeder hier im Raum war vorausschauend genug zu wissen, dass sich auf dieser Kreuzfahrt etwas verändern wird. Und die Frage, die wir uns alle stellen — ich spreche hier metaphorisch — , ist die: Wird all das prachtvolle Grün da draußen zu prachtvollem Gold werden? Oder wird es, im Winter unseres Missvergnügens, am Zweig verwelken?»
Der ganze Langstrumpf-Ballsaal war jetzt elektrisiert. Hier und da wurde «Großartig! Großartig!» gemurmelt.
«Mehr Inhalt, weniger Schnörkel», sagte Sylvia Roth trocken.
Tod, dachte Enid. Er hat vom Tod geredet. Und all die klatschenden Leute sind so alt.
Aber wo war der Stachel dieser Erkenntnis? Aslan hatte ihn fortgenommen.
Jim Crolius wandte sich nun zur Tafel um und schlug das erste der zeitungspapiergroßen Blätter nach hinten. Die folgende Seite war mit «Wenn sich das Klima ändert» überschrieben, und die Gliederungspunkte — Fonds, Wertpapiere, einfache Aktien etc. - lösten in der ersten Reihe ein Keuchen aus, das in keinem Verhältnis zum Informationsgehalt stand. Einen Augenblick lang schien es Enid, als liefere Jim Crolius eine jener technischen Marktanalysen, denen keinerlei Beachtung zu schenken ihr Börsenmakler in St. Jude ihr dringend geraten hatte. Etwas Werthaltiges, das «abstürzte» (also in «freien Fall» geriet), erfuhr, vernachlässigte man die minimalen Auswirkungen des Windwiderstands bei niedrigen Geschwindigkeiten, aufgrund der Erdanziehungskraft eine Beschleunigung von 9,81 Metern pro Sekunde im Quadrat, und da die Beschleunigung die zweite Ableitung des Weges war, konnte der Analyst über die Strecke, die das fallende Objekt zurückgelegt hatte (ungefähr neun Meter), einmal integrieren, um auszurechnen, welche Geschwindigkeit es gehabt haben musste, als es sich im Zentrum eines drei Meter hohen Fensters befand (nämlich dreizehn Meter pro Sekunde), woraus sich dann, angenommen, das Objekt sei ungefähr zwei Meter lang, und der Einfachheit halber ferner angenommen, die Geschwindigkeit sei über die ganze sichtbare Strecke konstant geblieben, ableiten ließ, dass das Objekt ungefähr vier Zehntelsekunden vollständig oder teilweise zu sehen gewesen war. Vier Zehntelsekunden waren nicht viel. Wenn man zur Seite blickte und im Geist die Stunden bis zur Hinrichtung eines jungen Mörders zählte, registrierte man nicht mehr als etwas Dunkles, das vorbeigeschossen kam. Schaute man aber rein zufällig gerade auf das besagte Fenster und war überdies rein zufällig so ruhig wie nie zuvor, dann waren vier Zehntelsekunden mehr als genug, um in dem fallenden Objekt den Mann zu erkennen, mit dem man seit siebenundvierzig Jahren verheiratet war; genug, um zu bemerken, dass er den grässlichen schwarzen Regenmantel trug, der völlig aus der Form geraten war und niemals in der Öffentlichkeit hätte getragen werden dürfen, den er jedoch starrsinnig in seinen Koffer gepackt hatte und starrsinnig überallhin mitnahm; genug, um nicht nur die Gewissheit zu haben, dass etwas Entsetzliches geschehen war, sondern sich zugleich als Eindringling zu fühlen, als wäre man Zeuge eines Vorgangs geworden, für den die Natur einen niemals als Zeugen vorgesehen hatte, eines Vorgangs vergleichbar mit dem Aufprall eines Meteoriten oder der Kopulation von Walen; ja sogar genug, um den Ausdruck auf dem Gesicht dieses Ehemannes wahrzunehmen, die beinahe jugendliche Schönheit, den sonderbaren Frieden, denn wer hätte je geahnt, mit welcher Anmut der wütende Mann fallen würde?
Er dachte an die Abende, an denen er mit einem oder beiden seiner Jungen oder mit seiner Tochter im Arm oben gesessen hatte, ihre feuchten, nach Schaumbad riechenden Köpfe hart an seinen Rippen, während er ihnen aus Black Beauty oder den Narnia-Chroniken vorlas. Wie schon seine bloße Stimme, deren fühlbarer Klang, sie schläfrig gemacht hatte. Das waren Abende, und es gab Hunderte, vielleicht Tausende davon, an denen nichts die Keimzelle der Familie befallen hatte, was traumatisch genug gewesen wäre, eine Narbe zu hinterlassen. Abende schlichter, nach Vanille duftender Innigkeit in seinem schwarzen Ledersessel; süße Abende des Zweifels zwischen Nächten düsterer Gewissheit. Jetzt kamen sie ihm wieder in den Sinn, all die vergessenen Gegenbeispiele, denn am Ende, wenn man ins Wasser fiel, war da nichts, an dem man sich festhalten konnte, außer den eigenen Kindern.