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DER GENERATOR

ROBIN PASSAFARO war Philadelphierin und kam aus einer Familie von Unruhestiftern und Rechtgläubigen. Ihr Großvater und ihre beiden Onkel Jimmy und Johnny waren allesamt in der Vorbürgerkriegs wolle gefärbte Gewerkschafter; Fazio, der Großvater, hatte als Vorstandsmitglied der nationalen Dachgewerkschaft unter dem Teamster-Chef Frank Fitzsimmons gedient, hatte die größte Ortsgruppe von Philadelphia geleitet und zwanzig Jahre lang die Beiträge der 3200 Mitglieder veruntreut. Er hatte zwei Verfahren wegen organisierter Erpressung, eine Koronarthrombose, einen Kehlkopfschnitt und neun Monate Chemotherapie überlebt, bevor er sich in Sea Isle City an der Küste Jerseys zur Ruhe setzte, wo er immer noch jeden Morgen zum Pier humpelte und seine Krebsfallen mit rohem Hühnchenfleisch bestückte.

Onkel Johnny, Fazios ältester Sohn, lebte, und das recht gut, von zwei Behinderungen («chronische und schwere Lendenschmerzen» hieß es auf den Antragsformularen), seinem saisonalen, nur gegen Barzahlung arbeitenden Malerbetrieb und seinem Glück oder Talent als Online-Daytrader. Johnny wohnte mit seiner Frau und der jüngsten Tochter unweit vom Veterans-Stadion in einem mit Kunststoffplatten verkleideten Reihenhaus, das sie so lange erweitert hatten, bis es ihre Parzelle vom Gehweg bis zur hinteren Grundstücksgrenze vollständig bedeckte; ein Blumengarten und ein Stück Kunstrasen befanden sich auf dem Dach.

Onkel Jimmy («Baby Jimmy») war Junggeselle und Verwalter des IBT-Archivs, eines Mausoleums aus Schlackenstein, das von der Internationalen Bruderschaft der Teamster in hoffnungsfroheren Zeiten an den gewerblich genutzten Ufern des Delaware errichtet und später, weil sich nur drei (3) treue Teamster für die Bestattung in den tausend feuerfesten Grüften entschieden hatten, in ein Langzeitlager für Organisations- und Rechtsdokumente umgewandelt worden war. Baby Jimmy hatte es in Drogen-Selbsthilfegruppen zu lokaler

Berühmtheit gebracht, weil er sich in eine Methadon-Abhängigkeit hineinmanövriert hatte, ohne jemals Heroin probiert zu haben.

Robins Vater Nick war das mittlere Kind von Fazio und der einzige Passafaro seiner Generation, der mit dem Programm der Teamster nicht konform ging. Nick war der kluge Kopf der Familie und eingeschworener Sozialist; die Teamster mit ihrer Vorliebe für Nixon und Sinatra waren ihm ein Graus. Er heiratete ein irisches Mädchen, zog demonstrativ ins multikulturelle Mount-Airy-Viertel und arbeitete als Sozialkundelehrer an verschiedenen Highschools im Stadtgebiet, deren Direktoren er mit seinem überschäumenden Trotzkismus immer wieder herausforderte, ihn zu feuern.

Man hatte Nick und seiner Frau Colleen gesagt, sie seien unfruchtbar. Deshalb adoptierten sie einen einjährigen Jungen, Billy, und wenige Monate später wurde Colleen mit Robin schwanger — der ersten von drei Töchtern. Robin war schon ein Teenager, als sie erfuhr, dass Billy adoptiert war, doch zu ihren frühesten Kindheitserinnerungen, erzählte sie Denise, gehörte das Gefühl, heillos privilegiert zu sein.

Vermutlich gab es für Billy ein plausibles diagnostisches Etikett, das abnormen EKG-Kurven oder auffälligen Lymphknoten oder schwarzen Flecken auf seiner Computertomographie sowie den hypothetischen Ursachen, schwerer Vernachlässigung etwa oder einem Gehirntrauma in präadoptiver Zeit, entsprach; doch für seine Schwestern, insbesondere für Robin, war er einfach nur ein Albtraum. Billy hatte schnell heraus, dass Robin, egal, wie grausam er sie behandelte, sich stets selbst dafür verantwortlich machte. Wenn sie ihm fünf Dollar lieh, lachte er sie aus, weil sie annahm, er würde ihr das Geld zurückzahlen. (Beschwerte sie sich bei ihrem Vater, gab Nick ihr die fünf Dollar eben aus seinem Portemonnaie.) Billy jagte sie mit Grashüpfern, deren Beine er abgeknipst, und mit Fröschen, die er in Klorix gebadet hatte, und sagte ihr — was ein Witz sein sollte — , «ich hab ihnen deinetwegen wehgetan.» Er tat Scheißhaufen aus Matsch in die Unterhosen von Robins Puppen. Er nannte sie Schrulle Schimmerlos und Robin Ohnebusen. Er stach ihr mit einem Bleistift tief in den Arm und brach unter der Haut das Blei ab. Einen Tag nachdem ihr neues Fahrrad aus der Garage verschwunden war, kam er mit einem guten Paar schwarzer Rollschuhe nach Hause, die er angeblich auf der Germantown Avenue gefunden hatte und mit denen er all die Monate, während sie auf ein neues Fahrrad wartete, in der Nachbarschaft herumsauste.

Ihr Vater Nick hatte Augen für jede Ungerechtigkeit in der Ersten und der Dritten Welt, nur nicht für die, deren Urheber Billy war. Als Robin auf die Highschool wechselte, hatte Billys kriminelle Energie sie so weit gebracht, dass sie ihren Schrank mit einem Vorhängeschloss versperrte, Kleenex ins Schlüsselloch ihrer Zimmertür stopfte und vor dem Schlafengehen ihr Portemonnaie unter das Kopfkissen schob; doch auch diese Maßnahmen ergriff sie eher traurig als wütend. Sie hatte wenig Grund zur Klage, und das wusste sie. Sie und ihre Schwestern lebten arm und glücklich in ihrem großen baufälligen Haus an der Phil-Ellena Street, sie besuchte eine gute Quäker-Highschool und später ein hervorragendes Quäker-College, beides voll finanziert durch Stipendien, und sie heiratete ihren Collegefreund und bekam zwei kleine Mädchen, während Billy vor die Hunde ging.

Nick hatte Billy gelehrt, sich für Politik zu interessieren, und Billy dankte es ihm, indem er ihn als Sozi-Bourgeois, Sozi-Bourgeois verhöhnte. Da das Nick nicht richtig wütend machte, freundete Billy sich mit den anderen Passafaros an, die mehr als geneigt waren, jeden Verräter des Familienverräters in ihr Herz zu schließen. Nachdem Billy zum zweiten Mal straffällig geworden war und Colleen ihn aus dem Haus geworfen hatte, bereiteten ihm seine Teamster-Verwandten eine Art Heldenempfang. Es dauerte eine Weile, ehe er es sich auch mit ihnen verscherzt hatte.

Ein Jahr lang wohnte er bei Onkel Jimmy, der sich noch mit weit über fünfzig am liebsten mit gleich gesinnten Jugendlichen umgab, die er an seinen umfangreichen Schusswaffen- und Messersammlungen, seinen Chasey-Lam-Videos und seinen Warlords-III- und Dungeonmaster-Utensilien teilhaben lassen konnte. Jimmy huldigte aber auch Elvis Presley, und zwar an einem Schrein in einer Ecke seines Schlafzimmers, und Billy, dem es nicht in den Kopf wollte, dass Jimmy die Sache mit Elvis Ernst war, entweihte den Schrein auf irgendeine schmerzliche und unwiderrufliche Weise, über die Jimmy sich später zu sprechen weigerte, und fand sich auf der Straße wieder.

Von dort driftete Billy in die radikale Untergrundszene von Philadelphia ab — jenen Roten Halbmond aus Bombenbastlern und Flugblattkopisten und Kleinstverlegern und Punks und Bakuninisten und veganischen Propheten und Herstellern von Orgondecken und Frauen, die Afrika hießen, und selbst ernannten Engels-Biographen und emigrierten Rote-Armee-Brigadisten, der sich von Fishtown und Kensington im Norden über Germantown und West-Philadelphia (wo Bürgermeister Goode Brandbomben auf die guten Menschen der schwarzen Separatistenbewegung MOVE werfen ließ) bis hinunter ins verwahrloste Point Breeze erstreckte. Es war ein eigenartiges Philifaktum, dass die Verbrechen in dieser Stadt zu einem nicht unerheblichen Teil mit politischem Bewusstsein verübt wurden. Nach Frank Rizzos erster Amtsperiode als Bürgermeister konnte niemand mehr so tun, als wäre die städtische Polizei sauber oder unparteiisch; und da, wenigstens in den Augen der Halbmond — Bewohner, alle Cops Mörder oder, zuallermindest, ipso facto Mordkomplizen waren (siehe MOVE!), ließ sich jede Gewalttat und jeder Akt der Vermögensumverteilung, gegen die ein Cop Einwände erheben konnte, als legitimes Mittel in einem langwierigen, schmutzigen Krieg rechtfertigen. Den örtlichen Richtern allerdings leuchtete diese Logik nicht gerade ein. Der junge Anarchist Billy Passafaro bekam über die Jahre für seine Vergehen immer härtere Strafen — Bewährungsstrafe, Gemeinschaftsdienst, Arbeitslager in Form eines Versuchsprojekts und, am Ende, das staatliche Zuchthaus in Graterford. Robin und ihr Vater stritten oft über die Gerechtigkeit dieser Strafen; Nick strich sich dann über den Leninschen Spitzbart und versicherte, er sei zwar kein Gewalttäter, lehne jedoch Gewalt im Dienst eines Ideals nicht grundsätzlich ab, woraufhin Robin ihn aufforderte, ihr konkret zu sagen, für welches politische Ideal Billy denn genau eingetreten sei, als er einen Studenten der Universität von Pennsylvania mit einem abgebrochenen Billardstock niedergestochen habe.