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Ein Jahr bevor Denise Robin kennen lernte, wurde Billy Kurzurlaub gewährt, und er nahm an der Band-Zerschneide-Zeremonie anlässlich der Einweihung eines Computerzentrums in Nicetown teil, einem Armenviertel im Norden der Stadt. Einer der zahlreichen taktischen Coups von Bürgermeister Goodes beliebtem Nachfolger, der sich über zwei Perioden im Amt hielt, bestand darin, kommerzielle Lösungen für das öffentliche Schulwesen anzuregen. Die beklagenswerte Vernachlässigung der Schulen hatte er geschickt als eine wirtschaftliche Chance hingestellt («Handeln Sie schnell, unterstützen Sie unsere Botschaft der Hoffnung» hieß es in seinen Schreiben), und die N — Corporation war seinem Aufruf gefolgt, indem sie sich für den schwer unterfinanzierten städtischen Schulsport zuständig erklärte. Jetzt hatte der Bürgermeister ein ähnliches Arrangement mit der W — Corporation ins Leben gerufen, die der Stadt Philadelphia eine ausreichende Anzahl ihrer berühmten Global Desktops spendete, um, wie die Firmenleitung sagte, «mehr Leistung» in jedes einzelne Klassenzimmer zu bringen, und außerdem in den verwahrlosten Stadtvierteln im Norden und Westen fünf Computerzentren gründete. Die Vereinbarung übertrug W — das exklusive Recht, alles, was in den Klassenzimmern innerhalb des Schulbezirks Philadelphia vor sich ging, gleichgültig, ob die Global Desktops dabei zum Einsatz kamen oder nicht, für Promotion- und Werbezwecke zu nutzen. Kritiker des Bürgermeisters verurteilten entweder den «Ausverkauf» oder bemängelten die Tatsache, dass die W — Corporation den Schulen die langsamen, absturzanfälligen Desktops der Version 4.0 und den Computerzentren die nahezu wertlose Technologie der Version 3.2 gegeben hatte. Doch die Stimmung in Nicetown an jenem Nachmittag im September war gelöst. Der Bürgermeister und W — s achtundzwanzigjähriger Direktor der Abteilung Firmenimage, Rick Flamburg, reichten sich die Hände, um mit einer großen Schere Band zu zerschneiden. Farbige Lokalpolitiker sagten Kinder und Zukunft. Sie sagten digital und Demokratie und Geschichte.

Draußen vor dem weißen Zelt lungerte, argwöhnisch beäugt von einem Polizeitrupp, von dem es später tadelnd hieß, er sei zu klein gewesen, der übliche Haufen Anarchisten herum, die für alle sichtbar Spruchbänder und Plakate hochhielten und für niemanden sichtbar, in den Taschen ihrer Cargohosen nämlich, starke Stabmagneten hatten, mit denen sie inmitten des allgemeinen Kuchenessens und Punschtrinkens und Durcheinanders möglichst viele Daten von den neuen Global Desktops des Computerzentrums zu löschen hofften. Auf ihren Spruchbändern stand WEHRT EUCH und COMPUTER SIND DAS GEGENTEIL VON REVOLUTION und VON DIESEM HIMMEL KRIEGE ICH MIGRÄNE. Billy Passafaro, der sorgfältig rasiert war und ein kurzärmeliges weißes Button-down-Hemd trug, schleppte einen etwa einen Meter langen Holzbalken, auf den er WILLKOMMEN IN PHILADELPHIA!! geschrieben hatte. Als die offiziellen Feierlichkeiten zu Ende gingen und die Lage allmählich reizvollere anarchische Züge annahm, schob Billy sich durchs Gedränge, lächelte und hielt seine Botschaft des guten Willens in die Höhe, bis er nahe genug bei den Würdenträgern war, um den Balken wie einen Baseballschläger zu schwingen und ihn auf Rick Flamburgs Schädel niedersausen zu lassen. Drei weitere Schläge zertrümmerten Flamburgs Nase, Kiefer und Schlüsselbein sowie fast alle seine Zähne, ehe der Leibwächter des Bürgermeisters Billy packte und ein Dutzend Polizisten sich auf ihn stürzten.

Billy hatte Glück: Das Zelt war so voll, dass die Polizisten nicht schießen konnten. In Anbetracht der offenkundigen Vorsätzlichkeit seiner Tat und der, politisch gesehen, ungünstig geringen Zahl weißer Insassen in den Todestrakten hatte er außerdem Glück, dass Rick Flamburg nicht starb. (Weniger klar war, ob Flamburg, ein unverheirateter ehemaliger Dartmouth-Student, der seit dem Überfall gelähmt, entstellt und auf einem Auge blind war, nur noch schleppend sprach und zu Kopfschmerzen neigte, die ihn völlig außer Gefecht setzten, darüber ebenso glücklich war.) Billy wurde wegen versuchten Mordes, schwerer Körperverletzung und Körperverletzung mittels einer Waffe verurteilt. Jedwede Einigung mit der Staatsanwaltschaft lehnte er kategorisch ab. Er beschloss auch, sich selbst zu verteidigen, nachdem er sowohl den vom Gericht bestellten als auch den alten Teamsters-Anwalt, der sich erbot, Billys Familie pro Stunde nur fünfzig Dollar zu berechnen, als «Konformisten» in die Wüste geschickt hatte.

Zur Überraschung nahezu aller außer Robin, die nie an der Intelligenz ihres Bruders gezweifelt hatte, wartete Billy mit einem geschliffenen Plädoyer auf. Er sagte, der Umstand, dass der Bürgermeister die Kinder Philadelphias in die «Technosklaverei» der W — Corporation «verkauft» habe, stelle eine «fassbare und reale Gefahr für die Öffentlichkeit» dar, weshalb er berechtigt gewesen sei, gewaltsam darauf zu reagieren. Er prangerte die «unheilige Allianz» zwischen der amerikanischen Wirtschaft und der amerikanischen Regierung an. Er verglich sich mit den Minutemen in Lexington und

Concord. Als Robin, sehr viel später, Denise die Prozessmitschrift zeigte, malte Denise sich aus, wie sie Billy und ihren Bruder Chip zu einem gemeinsamen Abendessen einladen und dem, was beide zum Thema «Bürokratie» zu sagen hätten, zuhören würde, doch ein solches Essen konnte erst stattfinden, wenn Billy siebzig Prozent seiner zwölf bis achtzehn Jahre in Graterford abgesessen hatte.

Nick Passafaro hatte Urlaub genommen und wohnte dem Prozess seines Sohnes unerschütterlich bei. Er trat im Fernsehen auf und sagte, was man von einem Altlinken erwartete: «Einmal am Tag ist das Opfer ein Schwarzer, und alle Welt schweigt; einmal im Jahr ist das Opfer ein Weißer, und alle Welt schreit auf», und: «Mein Sohn wird sein Verbrechen teuer bezahlen, aber die W — Corporation wird für ihre Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen werden», und: «Die Rick Flamburgs dieser Welt haben Milliarden damit verdient, Amerikas Kindern virtuelle Gewalt zu verkaufen.» In fast allen Argumenten, die Billy dem Gericht vortrug, stimmte Nick mit seinem Adoptivsohn überein und war stolz auf dessen Darbietung, doch als dem Gericht die Fotos von Flamburgs Verletzungen vorgelegt wurden, begann ihm die Angelegenheit aus der Hand zu gleiten. Die tiefen V-förmigen Einkerbungen in Flamburgs Schädel, Nase, Kiefer und Schlüsselbein zeugten von einer Grausamkeit und einem Wahnsinn, die mit Idealismus schwer in Einklang zu bringen waren. Der Prozess ging weiter, und Nick schlief nicht mehr. Er hörte auf, sich zu rasieren, und verlor den Appetit. Auf Colleens Drängen suchte er einen Psychiater auf und kam mit Medikamenten nach Hause, doch selbst dann weckte er sie noch jede Nacht. Er rief: «Ich werde mich nicht entschuldigen!» Er rief: «Das ist ein Krieg!» Dann wurde die Dosis erhöht, und im April schickte ihn der Schulbezirk in den Vorruhestand.

Da Rick Flamburg für die W — Corporation gearbeitet hatte, fühlte Robin sich für all dies verantwortlich.

Robin war zur Passafaro-Botschafterin bei Rick Flamburgs Familie geworden, indem sie so lange im Krankenhaus aufkreuzte, bis die Wut und das Misstrauen von Flamburgs Eltern erschöpft waren und sie erkannten, dass Robin nicht die Hüterin ihres Bruders war. Sie saß an Flamburgs Bett und las ihm aus der Sports Illustrated vor. Sie begleitete ihn, wenn er mit seinem Laufgestell über den Flur schlurfte. Am Abend nach seiner zweiten Operation lud sie seine Eltern zum Essen ein und hörte sich deren (offen gestanden ziemlich langweilige) Geschichten über deren Sohn an. Sie erzählte ihnen, wie aufgeweckt Billy als Kind gewesen sei, dass er schon in der vierten Klasse Rechtschreibung und Schönschrift gut genug beherrscht habe, um eine glaubhafte Entschuldigung für die Schule fälschen zu können, was für eine stete Quelle an schmutzigen Witzen und wichtigen Fortpflanzungsdetails er gewesen sei und wie sich ein intelligentes Mädchen fühle, wenn es sehe, dass ihr nicht minder intelligenter Bruder sich mit jedem Jahr dümmer stelle, gerade so, als lege er es darauf an, auf gar keinen Fall so zu werden wie sie: wie mysteriös das alles sei und wie aufrichtig sie bedaure, was er ihrem Sohn angetan habe.