(Denise, nur drei Jahre jünger als Robin, konnte sich nicht im Traum vorstellen, einen purpurnen Nylonanorak zu tragen oder sich nicht unter den Armen zu rasieren. Und weiße Sneakers besaß sie nicht einmal.)
Robins erstes Zugeständnis an ihren neuen Reichtum war, dass sie im Sommer gemeinsam mit Brian auf Haussuche ging. Sie war in einem großen Haus aufgewachsen, und nun wollte sie, dass ihre Töchter ebenfalls in einem solchen aufwuchsen. Wenn Brian drei Meter hohe Decken und vier Bäder und Mahagonischnickschnack brauchte, konnte sie damit leben. Am sechsten September unterschrieben sie einen Vertrag für eine prächtige Villa aus rötlich braunem Sandstein an der Panama Street, in der Nähe des Rittenhouse Square.
Zwei Tage später hieß Billy Passafaro, mit der ganzen Kraft seiner gefängnisgestählten Schultern, W — s Direktor der Abteilung Firmenimage in Philadelphia willkommen.
Was Robin in den Wochen nach der Tat unbedingt wissen wollte, aber nicht herausfinden konnte, war, ob Billy zu dem Zeitpunkt, als er besagten Balken beschriftete, bereits von Brians großem Los Wind bekommen hatte und wusste, welcher Firma sie und Brian ihren plötzlichen Reichtum verdankten. Die Antwort war entscheidend, entscheidend, entscheidend. Doch Billy selbst zu fragen war zwecklos. Sie wusste, dass sie von ihm nicht die Wahrheit erfahren würde; er würde ihr nur die Antwort geben, von der er glaubte, sie werde sie am tiefsten verletzen. Billy hatte ihr zur Genüge deutlich gemacht, dass er nie aufhören werde, sie zu verhöhnen, und auch nicht vorhabe, sie als seinesgleichen anzuerkennen, solange sie ihm nicht beweisen könne, dass ihr Leben mindestens so im Arsch, mindestens so armselig sei wie seins. Und genau das war es — dass sie offenbar eine Totenrolle für ihn spielte, dass er sie als die archetypische Vertreterin des glücklichen normalen Lebens, das ihm verwehrt war, aufs Korn genommen hatte — , was ihr das Gefühl gab, er habe auf ihren Kopf gezielt, als er Rick Flamburg den Schädel einschlug.
Bevor der Prozess begann, fragte sie ihren Vater, ob er Billy vom Verkauf des Brian'schen Eigenmelodie-Programms an die W — Corporation erzählt habe. Sie hätte ihm diese Frage lieber nicht gestellt, aber es ging nicht anders. Da er Billy Geld gab, war Nick der Einzige aus der Familie, der noch regelmäßig mit ihm in Verbindung stand. (Onkel Jimmy hatte gelobt, den Schänder seines Schreins, das kleine Neffenarschloch, zu erschießen, wenn ihm dessen kleines Elvis-Hasser-Arschgesicht jemals wieder unter die Augen kommen sollte, und alle anderen hatte Billy inzwischen einmal zu oft bestohlen; selbst Nicks Eltern, Fazio und Carolina, die lange behauptet hatten, Billy leide bloß an einem «Aufmerksamkeitsdefekt-Syndrom», wie Fazio es nannte, ließen ihren Enkel inzwischen nicht mehr in ihr Haus in Sea Isle City.)
Nick erfasste die Stoßrichtung von Robins Frage leider Gottes sofort. Sorgfältig seine Worte abwägend, antwortete er, nein, er könne sich nicht erinnern, Billy irgendetwas davon erzählt zu haben.
«Dad, es ist besser, wenn du mir die Wahrheit sagst.»
«Also… äh, ich… ich glaube nicht, dass es da einen Zusammenhang gibt… Robin.»
«Vielleicht würde ich mich ja gar nicht schuldig fühlen. Vielleicht wäre ich ja bloß scheißwütend.»
«Also… Robin… diese… diese Gefühle laufen sowieso oft auf das Gleiche raus. Schuld, Wut — alles das Gleiche… stimmt's? Aber mach dir wegen Billy mal keine Sorgen.»
Kaum hatte sie aufgelegt, fragte sie sich, ob Nick sie vor ihren Schuldgefühlen zu schützen versuchte oder Billy vor ihrer Wut bewahren wollte oder vor lauter Anspannung einfach neben der Spur lief. Sie vermutete, es war von allem etwas. Sie vermutete, dass ihr Vater Billy im Sommer von Brians großem Los erzählt hatte und dass Vater und Sohn sich dann abfällig und erbittert über die W — Corporation, die bürgerliche Robin und den Müßiggänger Brian geäußert hatten. Sie vermutete das allein schon deshalb, weil Brian und ihr Vater schlecht miteinander auskamen. Brian sprach mit seiner Frau nie so freimütig darüber wie mit Denise («Nick ist ein Feigling von der übelsten Sorte», sagte er einmal zu ihr), doch er machte kein Hehl daraus, dass ihm Nicks provokante Reden über den Einsatz von Gewalt und seine hanebüchene Zufriedenheit mit seinem eigenen so genannten Sozialismus zuwider waren. Colleen mochte er ganz gern («Sie hat sicher manches auszuhalten, in so einer Ehe», sagte er zu Denise), doch sobald Nick zu einem seiner Vorträge ansetzte, schüttelte er den Kopf und verließ den Raum. Robin vermied es, sich auszumalen, was ihr Vater und Billy über sie und Brian gesagt hatten. Aber sie war ziemlich sicher, dass etwas gesagt worden war und Rick Flamburg dafür hatte bezahlen müssen. Die Art und Weise, wie Nick auf die Prozessfotos von Flamburg reagierte, erhärtete diesen Verdacht.
Während der Prozess voranging und ihr Vater immer mehr abbaute, lernte Robin in der St.-Dymphna-Gemeinde den Katechismus und zog aus Brians neuem Reichtum zwei weitere Konsequenzen. Zunächst kündigte sie ihre Stellung bei der freien Schule. Es erfüllte sie nicht mehr, für Eltern zu arbeiten, die jährlich $23 ooo pro Kind hinblätterten (obwohl sie und Brian für Sineads und Erins Schulbildung natürlich fast ebenso viel ausgaben). Und dann rief sie ein karitatives Projekt ins Leben. In einem besonders heruntergekommenen Teil von Point Breeze, weniger als zwei Kilometer südlich von ihrem neuen Haus, kaufte sie ein brachliegendes städtisches Grundstück, auf dem in einer Ecke ein einzelnes verfallenes Reihenhaus stand. Außerdem kaufte sie fünf Lastwagenladungen Humus und schloss eine gute Haftpflichtversicherung ab. Ihr Plan war, Teenager aus der Gegend zum Mindestlohn zu beschäftigen, ihnen die Grundlagen organischen Gartenbaus beizubringen und sie an jedem Gewinn, den sie mit eigenhändig verkauftem Gemüse erzielen konnten, zu beteiligen. Mit einer manischen Begeisterung, die selbst für Robins Verhältnisse beängstigend war, stürzte sie sich in ihr Gartenprojekt. Häufig sah Brian sie um vier Uhr morgens an ihrem Global Desktop sitzen, mit beiden Füßen auf den Boden klopfen und verschiedene Tulpensorten vergleichen.
Da Woche für Woche eine andere Handwerksfirma in die Panama Street kam, um Verbesserungen vorzunehmen, und da Robin in einer utopistischen Zeit- und Energieversenkung verschwand, fand Brian sich damit ab, in der trostlosen Stadt seiner Kindheit zu bleiben. Aber er wollte sich amüsieren, notfalls auch allein. Er begann, in den guten Restaurants Philadelphias zu Mittag zu essen, probierte sie alle, eins nach dem anderen, aus, und maß jedes an seinem aktuellen Favoriten, dem Mare Scuro. Als er sicher war, dass ihm das Mare Scuro nach wie vor am besten gefiel, rief er die Küchenchefin an und machte ihr ein Angebot.
«Das erste richtig trendige Restaurant in Philly», sagte er. «Ein Ort, der einem das Gefühl gibt: ‹Hey, in dieser Stadt könnte ich, wenn es sein müsste, leben.› Es ist mir egal, ob das auch anderen so geht. Hauptsache, mir geht es so. Also, was immer Sie jetzt verdienen, ich zahle Ihnen das Doppelte. Sie gehen nach Europa und essen ein paar Monate lang auf meine Kosten. Und dann kommen Sie zurück und eröffnen und führen ein richtig trendiges Lokal.»
«Sie werden einen Haufen Geld verlieren», antwortete Denise, «wenn Sie nicht einen erfahrenen Partner oder einen außergewöhnlich guten Manager auftreiben.»
«Sagen Sie mir, was ich tun muss, und ich tue es», erwiderte Brian.
«Sagten Sie ‹das Doppelte›?»
«Sie haben das beste Restaurant der Stadt.»
«‹Das Doppelte› klingt interessant.»