Ein grienender Mann aus Arkansas, Lamar Parker, der gewaltige, fingerdicke Brillengläser und krebsartige Geschwülste auf der Stirn hatte, fragte sie, ob ihr Daddy ihr erzählt habe, was für eine gemeine, nutzlose Truppe die Männer von der Abteilung Signale seien.
«Nur nutzlos», sagte Denise. «Von gemein hat er nichts gesagt.»
Lamar lachte meckernd und paffte seine Tareyton und wiederholte ihre Bemerkung, für den Fall, dass die Männer um ihn herum sie nicht gehört hatten.
«He-he-he», brummelte der Zeichner, den sie Don Armour nannten, mit unschönem Sarkasmus.
Don Armour war der einzige Mann in der Abteilung Signale, der Denise nicht zu mögen schien. Er war ein stämmiger, kurzbeiniger Vietnam-Veteran, dessen Wangen, glattrasiert, fast so blau-weißlich schimmerten wie eine Pflaume. Seine Blazer spannten an den massigen Oberarmen; Zeichengeräte erinnerten in seiner Hand an Kinderspielzeug; er sah aus wie ein ans Pult eines Erstklässlers gezwängter Teenager. Anstatt, wie alle anderen, seine Füße auf den Ring des hohen rollenden Stuhls zu setzen, ließ er sie baumeln, sodass seine Zehenspitzen auf dem Boden schleiften. Er drapierte den Oberkörper über den Zeichentisch, die Augen nur Zentimeter vom Rapidograph-Stift entfernt. Hatte er eine Stunde lang so gearbeitet, schienen all seine Kräfte verbraucht, und er drückte die Nase auf die Folie oder verbarg das Gesicht in den Händen und stöhnte. Die Kaffeepausen verbrachte er häufig zusammengesackt wie ein Mordopfer, die Stirn auf dem Tisch, die Plastik-Pilotenbrille in der Faust.
Als Denise Don Armour vorgestellt wurde, schaute er weg und gab ihr einen Toter-Fisch-Handschlag. Oft, wenn sie am anderen Ende des Zeichenraums arbeitete, hörte sie ihn irgend-etwas murmeln, das die anderen Männer in sich hineinlachen ließ; war sie in seiner Nähe, hielt er den Mund und grinste grimmig seinen Zeichentisch an. Er erinnerte sie an die Klugscheißer in der Schule, die am liebsten auf der letzten Bank saßen.
Eines Morgens im Juli, als sie gerade in der Damentoilette war, hörte sie Armour und Lamar draußen im Gang beim Trinkbrunnen, in dem Lamar seine Kaffeebecher spülte, miteinander reden. Sie stellte sich an die Tür und lauschte.
«Weißte noch, wie wir immer fanden, der gute Alan war 'n Arbeitstier?», sagte Lamar.
«Eins muss ich Jamborets lassen», antwortete Don Armour. «Der war verdammt viel weniger belastend für die Augen.»
«Ha ha.»
«Schwer, seine Arbeit zu machen, was, wenn jemand so Hübsches wie Alan Jamborets den ganzen Tag in kurzen Röckchen rumläuft.»
«Jaja, Alan war 'n adrettes Kerlchen.»
Ein Stöhnen war zu hören. «Ich schwör's bei Gott, Lamar», sagte Don Armour, «ich bin drauf und dran, Beschwerde wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen einzulegen. Das is ja nicht mehr feierlich. Haste den Rock gesehen?»
«Hab ich. Aber jetzt sei still.»
«Ich werd noch verrückt.»
«Das is die Jahreszeit, Donald. Hat sich in zwei Monaten von selbst erledigt.»
«Wenn die Wroths mich nicht vorher feuern.»
«Wieso biste eigentlich so sicher, dass das mit der Fusion hinhaut?»
«Acht Jahre hab ich mich draußen an der Front abgeschuftet, um in das Büro hier reinzukommen. Höchste Zeit, dass irgendwas schief läuft und mir die Tour vermasselt.»
Denise trug einen kurzen stahlblauen Rock vom Wühltisch und war selbst überrascht, dass er im Einklang mit dem islamischen Frauenbekleidungskodex ihrer Mutter stand. Sofern sie überhaupt einzuräumen bereit war, dass Lamar und Don Armour von ihr gesprochen hatten — der Gedanke beanspruchte in der Tat einen unbezweifelbaren, seltsamen, migräneähnlichen Wohnrechtsstatus in ihrem Kopf — , fühlte sie sich von Don um so heftiger brüskiert. Es war, als feiere er eine Party in ihrem eigenen Haus, ohne sie eingeladen zu haben.
Als sie ins Zeichenbüro zurückkam, ließ er seinen skeptischen Blick durch den ganzen Raum schweifen, jedermann taxierend, nur nicht sie. Kaum war er mit den Augen über sie hinweggehüpft, hatte sie das eigentümliche Bedürfnis, sich die Fingernägel ins Fleisch zu bohren oder in die Brust zu kneifen.
Es war die Jahreszeit des Donners in St. Jude. Die Luft roch nach mexikanischer Gewalt, nach Hurrikanen oder Staatsstreichen. Mal gab es Morgendonner aus unlesbar aufgewühlten Himmeln, ein unheilschwangeres, dumpfes Grummeln aus Ortschaften im Süden des Bezirks, in denen niemand, den man kannte, je gewesen war. Mal Mittagsdonner, von einem einzelnen Amboss herrührend, der über den ansonsten halbwegs klaren Himmel zog. Und den schlimmeren Donner am Nachmittag, wenn sich im Südwesten meergrüne Wolkenwellen auftürmten, während die Sonne stellenweise um so heller schien und die Hitze noch drückender lastete, als wisse sie, dass wenig Zeit blieb. Und das großartige Schauspiel eines anständigen Abendgewitters, Stürme, die sich im Achtzig-Kilometer-Radius des Radarstrahls sammelten wie große Spinnen in einem kleinen Glas, Wolken, die, aus allen vier Himmelsecken kommend, aneinander rumpelten, und Woge auf Woge pfenniggroßer Regentropfen, die wie Plagen niedergingen, bis das Bild, das man im Fenster sah, schwarz-weiß wurde und verschwamm, Bäume und Häuser im aufflackernden Licht der Blitze taumelten und kleine Kinder in
Badehosen und mit klatschnassen Handtüchern Hals über Kopf, wie Flüchtige, nach Hause rannten. Und das Getrommel spät in der Nacht, die rollenden Munitionswagen des vorbeimarschierenden Sommers.
Und jeden Tag in den Zeitungen von St. Jude das Grollen der Gerüchte von einer drohenden Fusion. Die hartnäckigen Midpac-Freier Hillard und Chauncy Wroth seien in der Stadt, um Gespräche mit drei Gewerkschaften zu führen. Die Zwillingsbrüder seien in Washington, wo sie vor einem Unterausschuss des Senats Aussagen von Midpac-Mitarbeitern entgegenträten. Die Midpac habe die Union Pacific gebeten, ihr Eintänzer zu werden. Die Wroths rechtfertigten die nach dem Kauf der Arkansas Southern vorgenommenen Umstrukturierungen. Die Midpac-Sprecher appellierten an alle betroffenen Bürger von St. Jude, ihre Kongressabgeordneten anzurufen oder ihnen zu schreiben…
Unter einem teilweise bewölkten Himmel verließ Denise das Firmengebäude, um Mittagspause zu machen, da explodierte einen Block von ihr entfernt die Spitze eines Strommastes. Sie sah leuchtendes Rosa und spürte das Krachen des Donners auf ihrer Haut. Sekretärinnen rannten schreiend durch die kleine Grünanlage. Denise drehte auf dem Absatz um und ging mit ihrem Buch, ihrem Sandwich und ihrer Pflaume zurück in den zwölften Stock, wo sich jeden Tag zwei Binokel-Runden bildeten. Sie setzte sich ans Fenster, aber dort Krieg und Frieden zu lesen kam ihr arrogant oder unhöflich vor. Also richtete sie ihre Aufmerksamkeit abwechselnd auf den verrückten Himmel draußen und das Kartenspiel neben ihr. Don Armour wickelte ein Sandwich aus und klappte es auf, sodass eine Scheibe Mortadella zum Vorschein kam, auf der in gelbem Senf die Brottextur lithographiert war. Er sackte in sich zusammen. Dann wickelte er das Sandwich lose wieder in die Folie und schaute Denise an, als wäre sie die jüngste Folter an diesem seinem Tag.
«Sechzehn.»
«Wer hat den Schweinkram hier gemacht?»
«Ed», sagte Don Armour und fächerte seine Karten auf, «pass mal mit deinen Bananen auf.»
Ed Alberding, der dienstälteste Zeichner, hatte einen bowlingkegelförmigen Körper und krauses graues Haar wie das einer älteren Dame mit Dauerwelle. Er zwinkerte hektisch mit den Augen, während er Banane mummelte und sein Blatt studierte. Die Banane lag, geschält, vor ihm auf dem Tisch. Er brach noch einen zarten Bissen davon ab.
«Verdammt viel Kalium in so 'ner Banane», sagte Don Armour.
«Kalium is gesund», sagte Lamar, der ihm gegenübersaß.
Don Armour legte seine Karten ab und schaute Lamar mit ernster Miene an. «Machste Witze? Ärzte geben Kalium, wenn sie 'n Herzstillstand herbeiführen wollen.»