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Suzie Sterlings Vater Ed hatte Suzie und Denise mehrmals nach Manhattan mitgenommen, bevor er eines Abends im August, als Denise nach Hause radelte und ihn beinahe über den Haufen fuhr, neben seinem BMW stand, eine Dunhill rauchte und hoffte, sie käme allein. Ed Sterling war Anwalt in der Unterhaltungsbranche. Er bekannte sich unfähig, ohne Denise zu leben. Sie versteckte ihr (geliehenes) Fahrrad zwischen den Büschen am Straßenrand. Dass das Fahrrad gestohlen war, als sie am nächsten Tag zurückkehrte, um es zu holen, und sie seinem Eigentümer schwor, es am gewohnten Pfahl angeschlossen zu haben, hätte ihr Warnung genug sein sollen — offenbar betrat sie gefährliches Terrain. Doch was sie mit Sterling dank der gewaltigen hydraulischen Physiologie seiner Lust anstellte, war einfach zu aufregend, und als im September das neue Semester begann, kam sie zu dem Schluss, dass eine geisteswissenschaftliche Fakultät dem Vergleich mit einer Küche nicht standhielt. Sie sah keinen Sinn darin, sich für Seminararbeiten abzurackern, die nur ein einziger Professor jemals las; sie brauchte ein Publikum. Außerdem ärgerte es sie, dass das College ihr ihrer ganzen Vorrechte wegen Schuldgefühle einflößte, während es bestimmten glücklichen Personengruppen einen vollkommenen Ablass davon gewährte.

Sie fühlte sich ohnehin schon schuldig genug, vielen Dank. Fast jeden Sonntag nahm sie die billige, langsame, proletarische SEPTA- und New-Jersey-Transit-Kombination nach New York. Sie ertrug Ed Sterlings paranoide Einbahnstraßen-Telefonate ebenso wie seine Last-Minute-Absagen und seine chronische Zerstreutheit und seine kieferstrapazierenden Versagensängste und ihre eigene Scham, wenn er sie in billige ethnische Restaurants in Woodside, Elmhurst und Jackson Heights ausführte, damit sie ja niemand zusammen sah, den Sterling kannte (denn in Manhattan, sagte er ihr oft genug — sich mit beiden Händen durch sein nerzfelldickes Haar fahrend — , in Manhattan kenne er jeden). Während ihr Liebhaber einem Nervenzusammenbruch und der Unfähigkeit, sich weiter mit ihr zu treffen, immer näher kam, aß Denise uruguayische T-Bone-Steaks, sinokolumbianische Tamales, daumennagelgroße Flusskrebse in rotem Thai-Curry und erlenholzgeräucherte russische Aale. Schönheit oder auch Qualität, wie sie für sie in einem bemerkenswerten Essen verkörpert war, konnte so gut wie jede Demütigung wettmachen. Doch ihr schlechtes Gewissen wegen des Fahrrads blieb. Wegen ihrer hartnäckigen Behauptung, es am gewohnten Pfahl angeschlossen zu haben.

Als sie sich zum dritten Mal mit einem Mann einließ, der doppelt so alt war wie sie, heiratete sie ihn. Sie hatte den festen Entschluss gefasst, keine windelweiche Liberale zu sein. Sie war vom College abgegangen und hatte ein Jahr gearbeitet, um Geld anzusparen, war dann sechs Monate durch Frankreich und Italien gereist und schließlich nach Philadelphia zurückgekehrt, um in einem überlaufenen Fisch-und-Pasta-Lokal unweit der Catharine Street zu kochen. Sobald sie dort ein paar Kenntnisse erworben hatte, bot sie ihre Dienste im Café Louche an, dem damals schillerndsten Lokal der Stadt. Emile Berger stellte sie, kaum hatte er bemerkt, wie sie mit Messern umging und wie hübsch sie aussah, vom Fleck weg ein. Schon nach einer Woche klagte er ihr sein Leid über die kaum tragbare Inkompetenz aller, die in seiner Küche arbeiteten, außer ihm und ihr.

Der arrogante, ironische, hingebungsvolle Emile wurde zu ihrer Zuflucht. In seiner Gegenwart fühlte sie sich unendlich erwachsen. Von der Ehe, sagte er, habe er seit seinem ersten Versuch genug, aber dann tat er Denise doch den Gefallen, mit ihr nach Atlantic City zu fahren und (in den Worten des Barbera D'Alba, mit dem sie sich betrunken hatte, bevor sie um seine Hand anhielt) eine ehrenwerte Frau aus ihr zu machen. Im Cafe Louche arbeiteten sie wie Kollegen, wobei die Erfahrung, die er ihr voraus hatte, in einem steten Strom von seinem in ihren Kopf floss. Sie spotteten gemeinsam über den anmaßenden alten Rivalen, Le Bec-Fin. Einer spontanen Laune folgend, kauften sie sich ein zweistöckiges Reihenhaus in der Federal Street, in einem Viertel mit gemischter schwarzer und weißer und vietnamesischer Bevölkerung unweit vom Italian Market. Sie sprachen über Geschmack wie Marxisten über die Revolution.

Als Emile ihr schließlich all das beigebracht hatte, was er ihr je würde beibringen können, versuchte sie, den Spieß umzudrehen — komm, lass uns die Karte doch mal aufpeppen, wie wär's, wenn wir das Gericht mal mit Gemüsefonds und ein bisschen Kreuzkümmel probieren — , und lief mit Karacho gegen jene Wand aus Ironie und eiserner Überzeugung, die sie geliebt hatte, solange sie auf der richtigen Seite stand. Es kam ihr so vor, als wäre sie begabter und ehrgeiziger und hungriger als ihr weißhaariger Ehemann. Es kam ihr so vor, als wäre sie, während sie geschlafen und gearbeitet und geschlafen und gearbeitet hatte, so schnell gealtert, dass sie an Emile vorbeigezogen und bei ihren Eltern angekommen war. Ihre eng umgrenzte Welt des ständigen Zusammenseins, rund um die Uhr, zu Hause wie am Arbeitsplatz, schien ihr identisch mit dem Zweieruniversum ihrer Eltern. Sie hatte Altweiberschmerzen in ihren jungen Hüften, Knien und Füßen. Sie hatte geschundene Altweiberhände, sie hatte eine trockene Altweibervagina, sie hatte Altweibervorurteile und Altweiberansichten, sie hatte eine

Altweiberabneigung gegen junge Leute mit ihren elektronischen Geräten und ihrer Sprechweise. Sie sagte sich: «Ich bin zu jung, um so alt zu sein.» Und schon kamen die verbannten Schuldgefühle auf den Schwingen der Rache kreischend wieder aus ihrer Höhle gestoben, weil Emile ihr unverändert ergeben und seinem gleich bleibenden Selbst treu wie eh und je war und weil sie, und nicht er, auf einer Heirat bestanden hatte.

So verließ sie in freundschaftlichem Einvernehmen mit Emile seine Küche und heuerte bei einem Konkurrenzlokal an, dem Ardennes, das einen zweiten Küchenchef suchte und ihrer Meinung nach dem Cafe Louche in jeder Hinsicht überlegen war, nur nicht in der Kunst, scheinbar mühelos Bestleistungen zu erbringen. (Virtuosität ohne jeden Tropfen Schweiß war zweifelsfrei Emiles größte Gabe.)

Im Ardennes verspürte sie alsbald den Wunsch, die junge Frau, die bei den Vorbereitungen half und den Gardemanger abgab, zu erwürgen. Becky Hemerling, Absolventin eines Kochinstituts, hatte welliges blondes Haar, einen zierlichen, flachen Körper und helle Haut, die in der Küchenhitze scharlachrot wurde. Alles an Becky Hemerling machte Denise krank — ihre Ausbildung am Kulinarischen Institut von Amerika (Denise war ein autodidaktischer Snob), ihr plumpvertraulicher Umgang mit erfahreneren Köchen (insbesondere Denise), ihr Bedürfnis, jeden wissen zu lassen, wie sehr sie Jodie Foster verehrte, die dummen Fisch-und-Fahrrad-Sprüche auf ihren T-Shirts, ihr ständiger Gebrauch der verstärkenden Vorsilbe «Scheiß», ihre selbstbewusste lesbische «Solidarität» mit den «Latinos» und «Asiaten» in der Küche, ihre Verallgemeinerungen über «die Rechten» und das «reaktionäre Kansas» und «fremdenfeindliche Peoria», die Leichtigkeit, mit der ihr Wendungen wie «farbige Männer und Frauen» über die Lippen kamen, die ganze strahlende Aura einer Anspruchshaltung, die daher rührte, dass sie sich in der Anerkennung von Pädagogen gesonnt hatte, die gern genauso marginalisiert und zum Opfer gestempelt und frei von Schuldgefühlen gewesen wären wie sie. Was macht diese Person in meiner Küche? fragte sich Denise. Köche hatten nicht politisch zu sein. Köche waren die Mitochondrien der Menschheit; sie hatten ihre eigene DNA, sie schwammen in einer Zelle und trieben sie an, ohne eigentlich dazuzugehören. Denise argwöhnte, dass Becky Hemerling Köchin geworden war, um ein politisches Statement abzugeben: Seht her, ich bin ein taffes Mädel, das sich zwischen Kerlen behaupten kann. Denise verabscheute das Motiv umso mehr, als auch sie ein Körnchen davon in sich trug. Hemerling hatte eine Art, sie zu mustern, als kenne sie Denise besser, als Denise sich selbst kannte — eine Anmaßung, die ebenso empörend wie unmöglich zu widerlegen war. In der Nacht, wenn sie wach neben Emile im Bett lag, malte Denise sich aus, Hemerling die Kehle zuzudrücken, bis ihre blauen, blauen Augen hervorquollen. Sie malte sich aus, ihre Daumen auf Hemerlings Luftröhre zu pressen, bis es knackte.