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«Ja, Sportmediziner», sagte Klaus.

«Die ganzen Spitzenskiläufer kommen zu Klaus!», sagte Cindy.

«Auf diese Weise zahle ich der Gesellschaft meine Schulden zurück», sagte Klaus.

Obwohl Cindy sie gebeten hatte zu bleiben, flüchtete Denise noch vor neun aus der Müller-Karltreu'schen Wohnung und flüchtete gleich am nächsten Morgen auch aus Wien, fuhr durch das nebelweiße Tal der mittleren Donau gen Osten davon. In dem Bewusstsein, dass alles Geld, das sie ausgab, Brian gehörte, arbeitete sie unermüdlich, erlief sich Budapest Stadtteil für Stadtteil, machte sich nach jedem Essen Notizen, testete Bäckereien und kleine Imbissbuden und kavernenartige Restaurants, die gerade noch vor der endgültigen Verwahrlosung hatten gerettet werden können. Sie reiste weiter gen Osten bis nach Ruthenien, Geburtsland von Enids Großeltern väterlicherseits, inzwischen transkarpatische Provinz der Ukraine. In den Gegenden, die sie durchquerte, war vom Schtetl nichts zu sehen. Keine nennenswerte jüdische Bevölkerung, außer in den großen Städten. Alles so spröde, öde nichtjüdisch, wie sie es selbst zu sein mittlerweile akzeptiert hatte. Das Essen war, alles in allem, primitiv. Das Bergland der Karpaten, überall von den Stichwunden des Kohle- und Pechblendebergbaus gezeichnet, sah aus, als sei es ein geeigneter Ort für Massengräber, in denen man kalkgesprenkelte Leichen beerdigen konnte. Denise blickte in Gesichter, die zwar dem ihren ähnelten, aber verschlossen und frühzeitig verwittert waren, in den Augen nicht ein Wort Englisch. Sie hatte hier keine Wurzeln. Das war nicht ihre Heimat.

Sie flog nach Paris und traf sich in der Lobby des Hotel des Deux lies mit Brian. Im Juni hatte er davon gesprochen, seine Familie mitzubringen, doch nun war er allein gekommen. Er trug amerikanische Kakihosen und ein stark zerknittertes weißes Hemd. Denise fühlte sich so einsam, dass sie sich ihm beinahe in die Arme geworfen hätte.

Wie blöd muss man sein, fragte sie sich, um seinen Ehemann mit jemandem wie mir nach Paris fahren zu lassen?

Am Abend aßen sie im La Cuillere Curieuse, einem Lokal mit zwei Michelin-Sternen, das in Denise' Augen zu hoch hinauswollte. Ihr stand nicht der Sinn nach rohem Gelbschwanz oder Papayaconfit, wenn sie in Frankreich war. Andererseits hatte sie Gulasch mehr als über.

Brian, sich gänzlich ihrem Urteil unterwerfend, ließ Denise den Wein und das Essen bestellen. Beim Kaffee fragte sie ihn, warum Robin ihn nicht begleitet habe.

«Weil beim Gartenprojekt die erste Zucchini-Ernte ansteht», sagte er mit untypischer Bitterkeit.

«Manche finden reisen anstrengend», sagte Denise.

«Robin aber eigentlich nicht», sagte Brian. «Wir haben sehr schöne Reisen gemacht, quer durch den amerikanischen Westen.

Und jetzt, wo wir's uns wirklich leisten können, will sie nicht mehr. Als ob sie gegen das Geld streiken würde.»

«Es muss ein Schock sein, auf einmal so viel davon zu haben.»

«Ich will mir doch nur mal etwas gönnen, verstehen Sie», sagte Brian. «Ich will kein anderer Mensch sein. Aber in Sack und Asche zu gehen, dazu bin ich nicht bereit.»

«Tut Robin das denn?»

«Seit ich die Firma verkauft habe, ist sie jedenfalls nicht mehr glücklich.»

Nehmen wir eine Eieruhr, dachte Denise, und schauen mal, wie lange diese Ehe noch hält.

Als sie nach dem Essen am Quai entlangschlenderten, wartete sie vergebens, dass Brian, wie flüchtig auch immer, ihre Hand berühren würde. Immer wieder schaute er sie hoffnungsvoll an, als wolle er sich vergewissern, dass sie auch nichts dagegen habe, vor diesem Schaufenster stehen zu bleiben oder in jene Seitenstraße einzubiegen. Er hatte eine treuherzige, hündische Art, ihre Zustimmung einzuholen, ohne unsicher zu wirken. Seine Pläne für den Generator schilderte er ihr, als gehe es um eine Party, auf der sie sich seiner Meinung nach ziemlich sicher amüsieren werde. Offenbar überzeugt, dass er genau das tat, was sie von ihm wollte, das Richtige nämlich, wahrte er hygienischen Abstand von ihr, als sie sich in der Lobby des Deux lies Gute Nacht wünschten.

Zehn Tage lang hielt sie seine Unverbindlichkeit aus. Am Ende konnte sie ihren eigenen Anblick im Spiegel nicht mehr ertragen, so zerfurcht fand sie ihr Gesicht, so schlapp ihren Busen, so fusselig ihre Haare, so heruntergereist ihre Kleidung. Sie war, unterm Strich, entsetzt, dass dieser unglückliche Ehemann ihr widerstand. Auch wenn er allen Grund hatte, ihr zu widerstehen! Er war der Vater zweier niedlicher Töchter! Und sie war seine Angestellte! Sie respektierte seine Haltung, genau so, dachte sie, sollten sich erwachsene Menschen benehmen; und trotzdem war sie kreuzunglücklich.

Sie bot ihren ganzen Willen auf, um sich nicht übergewichtig vorzukommen und zu fasten. Es half nicht gerade, dass sie das ewige Zu-Mittag- und Zu-Abend-Essen satt hatte und nur noch picknicken wollte. Nur noch Baguette, weiße Pfirsiche, trockenen Ziegenkäse und Kaffee. Sie hatte es satt, Brian beim genüsslichen Speisen zuzusehen. Sie hasste Robin, weil sie einen Mann hatte, dem sie so sehr vertrauen konnte. Sie hasste Robin für ihre Schroffheit in Cape May. Sie verfluchte sie im Stillen, nannte sie eine Fotze und drohte ihr, mit ihrem Mann zu vögeln. An manchen Abenden, nach dem Essen, überlegte sie, gegen ihre eigene verquere Moral zu verstoßen und sich Brian einfach zu nehmen (denn bestimmt würde er sich ihrem Urteil unterwerfen; würde bestimmt, wenn er nur ihre Erlaubnis hätte, auf ihr Bett hüpfen und hecheln und grienen und ihr die Hand lecken), doch letztlich fehlte ihr wegen ihrer Haare und ihrer Kleidung dann doch der Mut. Sie war so weit, dass sie nach Hause wollte.

Zwei Abende vor ihrer Abreise klopfte sie vor dem Essen an Brians Tür, und er zog sie zu sich ins Zimmer und küsste sie.

Nichts hatte auf seinen Sinneswandel hingedeutet. Sie wandte sich an den Beichtvater in ihrem Kopf und konnte ihm sagen: «Nichts! Ich kann nichts dafür! Ich habe an die Tür geklopft, und im nächsten Moment war er auf den Knien.»

Kniend presste er ihre Hände an sein Gesicht. Sie sah ihn an, wie sie vor langer Zeit Don Armour angesehen hatte. Seine Lust verschaffte der Trockenheit und Rissigkeit, dem Ganzkörpernotstand ihrer Person, kühle örtliche Erleichterung. Sie folgte ihm ins Bett.

Brian, der in allem gut war, küsste auch gut, natürlich, und zwar auf jene indirekte Art, die ihr gefiel. «Ich liebe deinen Geschmack», murmelte sie doppelsinnig. Er berührte sie überall dort wo sie es erwartet hatte. Sie knöpfte sein Hemd auf, wie eine Frau es eben irgendwann tut. Mit den nickenden, bestimmten Kopfbewegungen einer sich putzenden Katze leckte sie seine Brustwarze. Sie legte eine geübte hohle Hand auf die Schwellung in seiner Hose. Sie war eine wunderschöne, leidenschaftliche Ehebrecherin, und sie wusste es. Und so machte sie sich an Schnallenprobleme, an Haken- und Knopfprojekte, an Gummizugaufgaben heran, bis, kaum merklich zuerst, dann offenkundig, und dann nicht mehr nur offenkundig, sondern mit zunehmend schmerzhaftem Druck auf Bauchfell und Augäpfel und Arterien und Hirnhaut, ein menschengroßer, robingesichtiger Unrechts-Ballon in ihr anschwoll.

Brians Stimme war in ihrem Ohr. Er stellte die Verhütungsfrage. Er hatte ihr Unbehagen als ein Hinauszögern, ihr Sichwinden als eine Aufforderung missverstanden. Damit er klarer sah, rollte sie sich aus dem Bett und kauerte sich in eine Ecke des Hotelzimmers. Sie könne nicht, sagte sie.

Brian setzte sich auf und gab keine Antwort. Sie riskierte einen Blick und stellte fest, dass seine Ausstattung dem entsprach, was ein Mann, der alles hatte, erwarten ließ. Sie vermutete, dass sie das Bild dieses Schwanzes so schnell nicht vergessen würde. Dass sie es, sobald sie die Augen zumachte, vor sich sähe, in unpassenden Momenten, in abwegigen Zusammenhängen.

Sie entschuldigte sich.

«Nein, du hast Recht», sagte Brian, sich ihrem Urteil unterwerfend. «Ich fühle mich schrecklich. Ich habe so was noch nie gemacht.»

«Ich schon», sagte sie, damit er sie nicht für schüchtern hielt. «Mehr als einmal. Und ich will das nicht mehr.»