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Er setzte sich auf, mit Heuhaufenhaar und leerem Blick. «Kommen sie?»

«Jede Minute. Vielleicht willst du dich noch frisch machen.» «Wer kommt?»

«Gary und Jonah, es sei denn, Jonah ist zu krank.»

«Gary», sagte Alfred. «Und Jonah.»

«Willst du nicht duschen?»

Er schüttelte den Kopf. «Ich dusche nicht.»

«Wenn du nachher unbedingt in der Wanne festsitzen willst — »

«Ich denke, nach all der Arbeit steht mir ein Bad zu.»

Im unteren Badezimmer war eine schöne Duschkabine, aber Alfred hatte sich nie gern im Stehen gewaschen. Da Enid sich neuerdings weigerte, ihm aus der Wanne im oberen Badezimmer zu helfen, saß er dort manchmal eine Stunde, das Wasser kalt und an seinen Hüften seifengrau, bevor er es fertig brachte, sich irgendwie selbst herauszuhieven: So starrköpfig war er.

Er ließ sich gerade ein Bad einlaufen, als das lang ersehnte Klopfen endlich kam.

Enid eilte zur Haustür und öffnete sie der Erscheinung ihres allein auf der Veranda stehenden, gut aussehenden älteren Sohns. Er trug seine Kalbslederjacke und hatte in der einen Hand einen kleinen Koffer und in der anderen eine Einkaufstüte aus Papier. Sonnenlicht, flach und polarisiert, hatte sich, wie so oft gegen Ende eines Wintertages, an den Wolken vorbeigemogelt. Die Straße war von jenem widernatürlich goldenen Licht aus den Häusern überflutet, mit dem ein weniger begabter Maler die Teilung des Roten Meers illuminieren mochte. Die Backsteine des Persons'schen Hauses und die blauen und purpurroten Winterwolken und die dunkelgrünen harzigen Sträucher, all das war so unecht lebendig, dass es nicht einmal hübsch, sondern bloß fremd und unheilvoll aussah.

«Wo ist Jonah?», rief Enid.

Gary kam herein und stellte sein Gepäck ab. «Er hat immer noch Fieber.»

Enid ließ sich einen Kuss geben. Da sie einen Augenblick brauchte, um sich zu fassen, forderte sie Gary auf, doch gleich auch seinen anderen Koffer hereinzuholen.

«Ich habe nur diesen», erklärte er ihr mit einer Art Amtsstimme.

Sie starrte auf seine winzige Tasche. «Mehr hast du nicht mit?»

«Hör zu, ich weiß, dass du wegen Jonah enttäuscht bist — »

«Wie hoch war sein Fieber?»

«Achtunddreißig fünf heute Morgen.»

«Achtunddreißig fünf ist doch kein hohes Fieber!»

Gary seufzte und schaute weg, wobei er den Kopf zur Seite neigte, um ihn mit der Achse des schiefen Weihnachtsbaums auf Linie zu bringen. «Hör zu», sagte er. «Jonah ist enttäuscht. Ich bin enttäuscht. Du bist enttäuscht. Können wir es dabei belassen? Wir alle sind enttäuscht.»

«Es ist ja bloß — ich habe alles für ihn vorbereitet», sagte Enid. «Ich habe sein Lieblingsessen gekocht — »

«Ich hatte dich extra vorgewarnt — »

«Und für heute Abend habe ich Karten für den Waindell- Park!»

Gary schüttelte den Kopf und marschierte zur Küche. «Dann gehen wir da auch hin», sagte er. «Und morgen kommt Denise.»

«Und Chip!»

Gary lachte. «Was, aus Litauen?»

«Er hat heute Morgen angerufen.»

«Na, das glaub ich erst, wenn ich's sehe», sagte Gary.

Die Welt in den Fenstern sah weniger wirklich aus, als es Enid lieb war. Der Scheinwerferkegel der Sonne, der durch die Wolkendecke nach drinnen fiel, war das Traumlicht keiner gewohnten Stunde des Tages. Enid hatte das dunkle Gefühl, dass die Familie, die sie zusammenzubringen versuchte, nicht mehr die Familie war, an die sie sich erinnerte — dass dieses Weihnachten überhaupt nicht so sein würde wie die Weihnachten früher.

Aber sie tat ihr Bestes, um sich auf die neue Realität einzustellen. Auf einmal freute sie sich sehr auf Chip. Und da Jonahs Päckchen nun mit Gary auf die Reise nach Philadelphia gehen würden, musste sie noch ein paar Wecker und Kugelschreiber- und-Bleistift-Sets für Caleb und Aaron einwickeln, damit ihre unterschiedlich große Gebefreudigkeit nicht so ins Auge stach. Das konnte sie tun, solange sie auf Denise und Chip wartete.

«Ich hab so viele Plätzchen gebacken», sagte sie zu Gary, der sich an der Spüle in der Küche penibel die Hände wusch. «Da ist eine Birne, die ich dir schneiden kann, und ein bisschen von diesem schwarzen Kaffee, den ihr jungen Leute so gern trinkt.»

Gary roch an ihrem Küchenhandtuch, bevor er sich damit abtrocknete.

Alfred brüllte von oben ihren Namen.

«Ach, Gary», sagte sie, «er kommt mal wieder nicht aus der Wanne. Geh du rauf und hilf ihm. Ich tu's nicht mehr.»

Gary trocknete sich überaus gründlich die Hände ab. «Warum benutzt er nicht die Dusche, wie wir es besprochen haben?»

«Er sagt, er setzt sich lieber hin.»

«Tja, Pech für ihn», meinte Gary. «Er ist doch derjenige, dessen Evangelium das selbstverantwortliche Handeln ist.»

Alfred brüllte Enids Namen erneut.

«Geh schon, Gary, hilf ihm», sagte sie.

Mit einer Ruhe, die nichts Gutes verhieß, glättete und richtete Gary das gefaltete Geschirrhandtuch auf der Stange. «Hier sind die Grundregeln, Mutter», sagte er und mit der Amtsstimme. «Hörst du mir zu? Hier sind die Grundregeln. In den nächsten drei Tagen werde ich alles tun, was du möchtest, nur nicht Dad aus Situationen retten, in denen er nicht sein müsste. Wenn er auf eine Leiter steigen und runterfallen will, werde ich ihn auf der Erde liegen lassen. Wenn er verblutet, verblutet er. Wenn er nicht ohne Hilfe aus der Badewanne kommt, kann er Weihnachten in der Badewanne verbringen. Habe ich mich klar und verständlich ausgedrückt? Abgesehen davon werde ich alles tun, was du möchtest. Und am Morgen des Fünfundzwanzigsten setzen du und er und ich uns an einen Tisch und über-»

«ENID.» Alfreds Stimme war erstaunlich laut. «DA IST JEMAND AN DER TÜR!»

Enid seufzte schwer und stellte sich an den Fuß der Treppe. «Das ist Gary, Al.»

«Kannst du mir helfen?», rief er.

«Gary, sieh mal nach, was er möchte.»

Gary stand mit verschränkten Armen im Esszimmer. «Hab ich dir nicht gerade meine Grundregeln erklärt?»

Enid erinnerte sich jetzt an Eigenschaften ihres älteren Sohnes, die sie gern vergaß, solange er nicht in der Nähe war. Langsam, darauf bedacht, eine schmerzende Verspannung aus ihrer Hüfte zu lösen, stieg sie die Stufen hinauf.

«Al», sagte sie, als sie das Badezimmer betrat, «ich kann dir nicht aus der Wanne helfen, das musst du schon selbst schaffen.»

Er saß mit ausgestreckten Armen und flatternden Fingern in fünf Zentimeter tiefem Wasser. «Gib das her», sagte er.

«Was?»

«Die Flasche da.»

Seine Flasche Schneeweiß-Shampoo, zum Haarebleichen, war auf den Boden gefallen. Vorsichtig, ihre Hüfte schonend, ging Enid auf der Badematte in die Hocke und drückte ihm die Flasche in beide Hände. Er strich kraftlos darüber, als überlege er, sie zu kaufen, oder versuche sich angestrengt zu erinnern, wie man sie öffnete. Seine Beine waren unbehaart, seine Hände fleckig, aber seine Schultern kräftig wie eh und je.

«Verflixt und zugenäht», sagte er und grinste die Flasche an.

Jede Wärme, die das Wasser gehabt haben mochte, war in dem dezemberkühlen Raum verflogen. Es roch nach Dial-Seife und, ein wenig schwächer, nach Alter. Zigtausendmal hatte Enid an genau dieser Stelle gehockt, um ihren Kindern die Haare zu waschen und ihnen, mit heißem Wasser aus einem Eineinhalb-Liter-Kochtopf, den sie extra dafür aus der Küche geholt hatte, die Köpfe zu spülen. Sie beobachtete, wie ihr Mann die Shampooflasche in den Händen drehte.

«Ach, Al», sagte sie, «was sollen wir nur tun?»

«Hilf mir hierbei.»

«Na schön. Ich helfe dir.»

Es klingelte an der Tür.

«Da ist es wieder.»

«Gary», rief Enid, «sieh mal nach, wer das ist!» Sie drückte ein wenig Shampoo in ihre offene Hand. «Du solltest wirklich lieber duschen.»

«Nicht sicher genug auf den Beinen.»

«Hier, mach dir die Haare nass.» Sie rührte, um Alfred auf die Sprünge zu helfen, mit einer Hand im lauwarmen Badewasser. Er spritzte sich ein bisschen davon aufs Haar. Sie hörte Gary mit einer ihrer Freundinnen sprechen, irgendeiner vergnügt zwitschernden Frau aus St. Jude, Esther Root vielleicht.