Womöglich hätte er ewig so dagesessen, sich immer weiter in seine Wut hineingesteigert und Beweise gegen seinen Vater aufmarschieren lassen, wenn er nicht draußen vor seiner Tür ein Rascheln gehört hätte. Er sprang auf und öffnete sie.
Caleb saß im Schneidersitz auf dem Boden und studierte den Katalog. «Kann ich jetzt mit dir sprechen?»
«Hast du etwa hier gesessen und mich belauscht?»
«Nein, hab ich nicht. Du hast gesagt, ich kann mit dir sprechen, wenn du fertig bist. Ich wollte dich fragen, welches Zimmer ich überwachen kann.»
Obwohl sie auf dem Kopf standen, konnte Gary erkennen, dass die Preise für das Zubehör in Calebs Katalog — Objekte mit polierten Aluminiumgehäusen, LCD-Farbmonitore — drei- und vierstellig waren.
«Das ist nämlich mein neues Hobby», sagte Caleb. «Ich will einen Raum überwachen. Mom sagt, ich kann die Küche nehmen, wenn du einverstanden bist.»
«Du willst aus Spaß die Küche überwachen?»
«Ja!»
Gary schüttelte den Kopf. Als er klein gewesen war, hatte er viele Hobbys gehabt, und lange Zeit hatte es ihm zugesetzt, dass seine Söhne nicht ein einziges zu haben schienen. Schließlich hatte Caleb begriffen, dass er nur das Wort «Hobby» in den Mund zu nehmen brauchte, damit Gary für Anschaffungen, die er Caroline sonst womöglich untersagt hätte, grünes Licht gab. Und so war das Fotografieren Calebs Hobby gewesen, bis Caroline ihm eine Autofokus-Spiegelreflexkamera mit einem besseren Zoom-Teleobjektiv, als Gary eines hatte, und eine idiotensichere Digitalkamera gekauft hatte. Dann waren Computer sein Hobby gewesen, bis Caroline ihm einen Palmtop und ein Notebook gekauft hatte. Doch inzwischen war Caleb fast zwölf, und Gary hatte das Spielchen einmal zu oft mitgespielt. Er war auf der Hut, was Hobbys betraf. Und er hatte Caroline das Versprechen abgerungen, Caleb keinerlei Zubehör mehr zu kaufen, ohne sich vorher mit ihm zu besprechen.
«Überwachen ist kein Hobby», sagte er.
«Doch, Dad! Mom hat es selbst vorgeschlagen! Sie hat gesagt, ich könnte mit der Küche anfangen.»
Gary nahm es als ein weiteres Warnsignal der Depression, dass er jetzt dachte: In der Küche ist die Hausbar.
«Lass mich lieber erst mal mit Mom darüber reden, okay?»
«Aber der Laden hat nur bis sechs auf», sagte Caleb.
«Du wirst doch wohl ein paar Tage warten können. Erzähl mir nicht, dass es so eilig ist.»
«Aber ich hab schon den ganzen Nachmittag gewartet. Du hast gesagt, du würdest mit mir sprechen, und jetzt ist es fast Abend.»
Dass es fast Abend war, gab Gary eindeutig das Recht, etwas zu trinken. Die Hausbar war in der Küche. Er tat einen Schritt in ihre Richtung. «Um was für Zubehör geht es denn überhaupt?»
«Bloß eine Kamera, ein Mikrofon und eine Fernsteuerung.»
Caleb hielt Gary den Katalog unter die Nase. «Guck hier, ich brauch auch gar nicht das teure Modell. Das da kostet nur sechshundertfünfzig. Mom hat gesagt, das würde gehen.»
Ein ums andere Mal beschlich Gary das Gefühl, dass es irgendetwas Unangenehmes gab, das seine Frau und seine Kinder vergessen wollten, etwas, das im Gedächtnis zu behalten nur ihm wichtig war, und dass ein Kopfnicken, ein «Na gut» von ihm genügen würde, damit es ganz in Vergessenheit geriet. Auch dieses Gefühl war ein Warnsignal.
«Caleb», sagte er, «das hört sich nach etwas an, das dich sehr bald langweilen wird. Es hört sich teuer an und als würdest du nicht lange dabei bleiben.»
«Doch! Doch!», sagte Caleb aufgeregt. «Das interessiert mich total! Dad, es ist ein Hobby.»
«Du warst schon von so manchem, was wir dir geschenkt haben, ziemlich schnell gelangweilt. Sachen, für die du dich angeblich auch jedes Mal ‹sehr interessiert› hast.»
«Diesmal ist es was anderes», bettelte Caleb. «Für das hier interessiere ich mich wirklich, Ehrenwort.»
Ganz offensichtlich war der Junge bereit, jeden Betrag abgewerteter verbaler Währung zu entrichten, um sich die Zustimmung seines Vaters zu erkaufen.
«Ist dir wenigstens klar, was ich meine?», fragte Gary. «Erkennst du das Muster? Dass einem die Sachen, bevor man sie gekauft hat, anders vorkommen als hinterher? Dass sie einem, sobald man sie gekauft hat, gar nicht mehr so viel bedeuten? Ist dir das klar?»
Caleb öffnete den Mund, doch ehe er eine weitere Bitte oder Beschwerde vorbringen konnte, huschte so etwas wie Bauernschläue über sein Gesicht.
«Na ja», sagte er, scheinbar ergeben, «na ja, ich glaube schon.»
«Und meinst du nicht, das wird mit der neuen Ausrüstung auch wieder passieren?»
Caleb gab sich alle Mühe, so auszusehen, als denke er ernsthaft über Garys Frage nach. «Ich glaube, diesmal ist es anders», sagte er schließlich.
«Na schön», sagte Gary. «Aber bitte merk dir, worüber wir gesprochen haben. Ich möchte nicht, dass das noch so ein teures Spielzeug wird, mit dem du dich ein, zwei Wochen beschäftigst, um es dann in der Ecke rumliegen zu lassen. Du bist kein kleiner Junge mehr, und ich möchte allmählich sehen, dass du mal etwas länger bei einer Sache — »
«Gary, das ist nicht fair!», sagte Caroline aufgebracht. Sie kam aus der Schlafzimmertür gehumpelt, eine Schulter hochgezogen und die Hand am Rücken, um das schmerzlindernde Kühlkissen dagegenzupressen.
«Hallo, Caroline. Wusste gar nicht, dass du uns zuhörst.»
«Caleb lässt nichts in der Ecke rumliegen.»
«Genau, tu ich gar nicht», sagte Caleb.
«Was du offenbar noch nicht kapiert hast, ist, dass bei diesem neuen Hobby alles zum Einsatz kommt», sagte Caroline. «Das ist ja das Geniale daran. Er hat einen Dreh gefunden, wie er sein gesamtes Zubehör für eine — »
«Toll, freut mich zu hören.»
«Er macht etwas Kreatives, und du flößt ihm Schuldgefühle ein.»
Einmal, als Gary laut darüber nachgedacht hatte, ob Calebs Phantasie nicht zu verkümmern drohe, wenn sie ihm so viele Gerätschaften schenkten, hatte Caroline ihm vorgeworfen, er verunglimpfe seinen eigenen Sohn. Zu ihren bevorzugten Erziehungsratgebern gehörte Die technologische Phantasie: Was Kinder heute ihren Eltern beibringen können, ein Buch, in dem Dr. Nancy Claymore dem «müden Paradigma» vom begabten Kind als sozial isoliertem Genius das «dynamische Paradigma» vom begabten Kind als kreativ vernetztem Verbraucher gegenüberstellte und die These vertrat, elektronisches Spielzeug werde schon bald so preiswert und weit verbreitet sein, dass die kindliche Phantasie sich nicht mehr an bunten Bildchen und erfundenen Geschichten, sondern an der Synthese und Nutzung existierender Technologien entzünden werde — ein Gedanke, den Gary so überzeugend wie niederschmetternd fand. Als er kaum jünger als Caleb gewesen war, hatte er aus Eisstielen Modelle gebaut.
«Heißt das, dass wir jetzt in den Laden gehen?», fragte Caleb.
«Nein, Caleb, heute nicht mehr, es ist schon fast sechs», sagte Caroline.
Caleb stampfte mit dem Fuß auf. «So ist das immer! Ich warte und warte, und dann ist es zu spät.»
«Wir leihen uns ein Video aus», sagte Caroline. «Du darfst dir aussuchen, welches.»
«Ich will kein Video. Ich will eine Überwachungsanlage.»
«Daraus wird heute nichts mehr», sagte Gary. «Also fang an, dich damit abzufinden.»
Caleb ging in sein Zimmer und knallte die Tür zu. Gary folgte ihm und riss sie wieder auf. «Jetzt reicht's», sagte er. «In diesem Haus werden keine Türen geknallt.»
«Du knallst selber Türen!»
«Ich will kein Wort mehr von dir hören.»
«Du knallst selber Türen!»
«Willst du die ganze Woche in deinem Zimmer verbringen?»
Caleb verdrehte die Augen und kniff die Lippen zusammen: kein Wort mehr.
Gary ließ seinen Blick durch das Kinderzimmer schweifen, das er sich sonst nach Möglichkeit nicht genauer anschaute. Wie die Beute in der Wohnung eines Diebs lag und stand hier stapelweise neues Computer-, Video- und Fotozubehör, dessen Gesamtwert vermutlich das Jahreseinkommen von Garys Sekretärin bei der CenTrust überstieg, unbeachtet in den Ecken herum. Eine solche Luxusorgie in der Höhle eines Elfjährigen! Verschiedenste chemische Stoffe, von molekularen Schleusen den ganzen Nachmittag in Schach gehalten, brachen mit einem Schlag los und fluteten Garys Nervenbahnen. Ein Wasserfall von Reaktionen, ausgelöst durch Faktor 6, regte seine Tränendrüsen an und schickte eine Welle von Übelkeit seinen Vagus hinunter: die «Ahnung», dass er von Tag zu Tag nur überlebte, weil er sich von unterschwelligen Tatsachen ablenkte, die doch von Tag zu Tag unbezweifelbarer und zwingender wurden. Der Erkenntnis, dass er sterben würde. Dass es einen auch nicht rettete, Schätze auf sein Grab zu häufen.