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«Ich musste unbedingt etwas essen», erklärte Finch, während sie sich Linsen auf die Gabel häufte. «Ich glaube, es war Joe, der Ihrem Vater geschrieben hat. Wir sind jetzt quitt, denke ich. Wenn Sie noch Fragen haben, wird er sicher gern mit Ihnen sprechen.»

«Unsere Frage richtet sich mehr an Sie», sagte Denise.

«Entschuldigung. Noch einen Happen.» Finch kaute ihren Lachs mit angestrengt mahlendem Kiefer, schluckte erneut und warf ihre Serviette auf den Teller. «Was das Patent betrifft, hatten wir ehrlich gesagt erwogen, es einfach zu missachten. So machen es alle. Aber Krauskopf ist selbst Erfinder. Er wollte das Richtige tun.»

«Mal ehrlich», erwiderte Gary, «das Richtige wäre wohl gewesen, ihm mehr dafür zu bieten.» Finchs Zunge schlüpfte unter ihre Oberlippe wie eine Katze unter Decken. «Sie mögen etwas überzogene Vorstellungen von der Leistung Ihres Vaters haben», sagte sie. «In den sechziger Jahren gab es viele Forscher, die besagte Gels untersucht haben. Die Entdeckung der elektrischen Anisotropie wird meines Wissens gewöhnlich einem Team von der Cornell-Universität zugeschrieben. Und wenn ich Joe richtig verstanden habe, ist die Formulierung des Patents sehr vage. Es ist dort nicht einmal vom Gehirn die Rede, bloß von ‹menschlichem Gewebe›. Im Patentrecht ist Gerechtigkeit das Recht des Stärkeren. Ich denke, unser Angebot war ziemlich großzügig.»

Gary zog seine Ich-Blödmann-Grimasse und schaute zum Podium, wo Bewunderer und Bittsteller Daffy Anderson umringten.

«Unser Vater war ja auch mit dem Angebot zufrieden», versicherte Denise. «Und er interessiert sich sehr dafür, was Sie herausfinden.»

Wenn Frauen sich verbündeten, wenn sie nett taten, wurde Gary immer leicht übel.

«In welcher Klinik arbeitete er noch gleich?», sagte Finch.

«In keiner», sagte Denise. «Er war Eisenbahningenieur. Er hatte ein Labor in unserem Keller.»

Finch war überrascht. «Er hat diese Arbeit als Amateur geleistet?»

Gary wusste nicht, welche Version von Alfred ihn mehr erboste: die des trotzigen alten Tyrannen, der in seinem Keller eine brillante Entdeckung gemacht und sich selbst um ein Vermögen betrogen hatte, oder die des ahnungslosen Kelleramateurs, der unwissentlich Resultate professioneller Chemiker erzielt und mit dem knappen Familiengeld ein vage formuliertes Patent angemeldet, ja über Jahre aufrechterhalten hatte und jetzt zum Lohn einen Brocken von Earl Eberles Tisch hingeworfen bekam. Beide Versionen ärgerten ihn maßlos.

Vielleicht war es doch das Beste, dass der alte Mann Garys Rat ignoriert und das Angebot angenommen hatte.

«Mein Dad hat Parkinson», sagte Denise.

«Oh, das tut mir Leid.»

«Tja, und wir dachten, Sie könnten ihn vielleicht an den Tests für Ihr… Produkt teilnehmen lassen.»

«Gut möglich», sagte Finch. «Wir müssten Krauskopf fragen. Der menschliche Aspekt daran gefällt mir. Lebt Ihr Dad hier in der Gegend?»

«Nein, in St. Jude.»

Finch runzelte die Stirn. «Es wird nicht funktionieren, wenn er nicht mindestens sechs Monate lang zweimal die Woche nach Schwenksville kommen kann.»

«Kein Problem», sagte Denise und wandte sich Gary zu. «Oder?»

Alles an dieser Unterhaltung widerstrebte Gary. Gesundheit, Gesundheit, Frauen, Frauen, nett nett, artig artig. Er antwortete nicht.

«Wie ist seine geistige Verfassung?», fragte Finch.

Denise öffnete den Mund, aber es kamen keine Wörter.

Dann fing sie sich. «Gut», sagte sie. «Sehr — gut.»

«Keine Demenz?»

Denise schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. «Nein. Manchmal ist er zwar ein bisschen verwirrt, aber — nein.»

«Die Verwirrung könnte von seinen Medikamenten herrühren», sagte Finch. «In diesem Fall kriegt man sie in den Griff. Aber eine Lewy-Körperchen-Demenz sprengt den Rahmen von Testphase zwei. Genauso wie Alzheimer.»

«Er ist ziemlich klar im Kopf», sagte Denise.

«Schön — wenn er in der Lage ist, einfache Anweisungen zu befolgen, und wenn er bereit ist, im Januar an die Ostküste zu reisen, könnte Krauskopf vielleicht versuchen, ihn noch einzubeziehen. Wär eine gute Geschichte.» Finch zückte eine Visitenkarte, schüttelte Denise freundlich und Gary weniger freundlich die Hand und wollte sich unter die Menschenmenge mischen, die Daffy Anderson belagerte.

Gary folgte ihr und hielt sie am Ellbogen fest. Erstaunt drehte sie sich um.

«Hören Sie, Merilee», raunte er ihr zu, als wollte er sagen: Jetzt seien wir mal realistisch, wir Erwachsene können doch auf diesen ganzen Nettigkeitsquatsch verzichten. «Dass Sie denken, mein Dad sei eine ‹gute Geschichte›, freut mich sehr. Und es ist ausgesprochen großzügig von Ihnen, ihm fünftausend Dollar zu geben. Aber ich glaube, Sie brauchen uns mehr als wir Sie.»

Finch winkte jemandem zu und hielt einen Finger hoch: eine Sekunde, und sie würde bei ihm sein. «Eigentlich», sagte sie zu Gary, «brauchen wir Sie überhaupt nicht. Also weiß ich nicht genau, worauf Sie hinauswollen.»

«Meine Familie möchte gern fünftausend Ihrer Aktien kaufen.»

Finch lachte wie eine Funktionärin mit einer Achtzigstundenwoche. «Das will jeder in diesem Raum», sagte sie. «Dafür haben wir Investmentbänker. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden — »

Sie machte sich los und entfernte sich. Gary bekam in dem Gedränge von Leibern kaum Luft. Er war wütend, weil er gebettelt hatte, wütend, weil er Denise an dieser Werbeveranstaltung hatte teilnehmen lassen, wütend, weil er ein Lambert war. Mit großen Schritten ging er zur nächsten Tür, ohne auf Denise, die hinter ihm hereilte, zu warten.

Zwischen dem Four Seasons und dem angrenzenden Büro-Hochhaus lag ein Innenhof, der so üppig bepflanzt und tadellos gepflegt war, dass er genauso gut aus den Pixeln eines Cybershopping-Paradieses hätte bestehen können. Hier fand Gary ein Ventil, um seinem Ärger Luft zu machen. Er sagte: «Ich habe keine Ahnung, wo zum Teufel Dad deiner Meinung nach wohnen soll, wenn er herkommt.»

«Teils bei dir, teils bei mir», sagte Denise.

«Du bist nie zu Hause», sagte er. «Und dass Dad sich in meinem Haus nicht länger als achtundvierzig Stunden aufhalten möchte, ist aktenkundig.»

«Es wäre ja nicht so wie letztes Weihnachten», sagte Denise.

«Glaub mir. Der Eindruck, den ich am Samstag gewonnen habe — »

«Außerdem, wie soll er zweimal in der Woche nach Schwenksville rauskommen?»

«Gary, was willst du damit sagen? Willst du nicht, dass es klappt?»

Zwei Büroangestellte standen auf und machten eine Marmorbank frei, als sie die streitenden Parteien auf sich zusteuern sahen. Denise setzte sich auf die Bank und verschränkte unversöhnlich die Arme. Gary, die Hände in die Hüften gestemmt, lief im Kreis vor ihr herum.

«In den letzten zehn Jahren», sagte er, «hat Dad nicht die geringste Verantwortung für sich übernommen. Er hat immer nur in diesem beschissenen blauen Sessel gesessen und sich bemitleidet. Ich weiß nicht, warum du glaubst, dass er nun auf einmal anfangen wird — »

«Na ja, wenn er auf Heilung hoffen könnte — »

«Was — damit er weitere fünf Jahre lang depressiv sein und anstatt mit achtzig mit fünfundachtzig unglücklich sterben kann? Das soll einen großen Unterschied machen?»

«Vielleicht ist er ja depressiv, weil er krank ist.»

«Tut mir Leid, aber das ist Schwachsinn, Denise. Der Mann ist ein Wrack. Er war schon depressiv, bevor er in den Ruhestand ging. Er war schon depressiv, als er körperlich noch vollkommen gesund war.»

Ein niedriger Brunnen plätscherte in ihrer Nähe und schuf ein Mittelmaß an Intimität. Eine einzelne kleine Wolke war in den privaten Raum des Himmelsrechtecks gewandert, das die Dachlinien ringsum bildeten. Das Licht war diffus wie an der Küste.

«Was würdest du denn machen», sagte Denise, «wenn Mom sieben Tage die Woche an dir herumnörgeln und dir andauernd in den Ohren liegen würde, dass du aus dem Haus gehen sollst? Wenn sie dich auf Schritt und Tritt beobachten würde und so täte, als wäre die Frage, in welchem Sessel du sitzt, ein moralisches Problem? Je häufiger sie ihm sagt, er soll aufstehen, umso länger bleibt er sitzen. Und je länger er sitzen bleibt, umso häufiger sagt — »