«Dann verstehe ich nicht, worüber du dich so aufregst.»
«Über gar nichts. Ich rege mich gar nicht auf!»
«Na gut.» Denise blickte ihm fest in die Augen. «Dann hätte ich nur noch eine Frage. Ich möchte wissen, warum Mom glaubt, ich hätte eine Affäre mit einem verheirateten Mann.»
Ein Stromstoß des schlechten Gewissens, eine Druckwelle, durchlief Gary. «Keine Ahnung», sagte er.
«Hast du ihr erzählt, ich hätte etwas mit einem verheirateten Mann?»
«Wie könnte ich? Ich weiß doch überhaupt nichts über dein Privatleben.»
«Komm, hast du ihr etwas eingeflüstert? Irgendeine Andeutung gemacht?»
«Denise. Im Ernst.» Gary gewann allmählich seine väterliche Fassung wieder, seine Aura der großbrüderlichen Milde. «Du bist der diskreteste Mensch, den ich kenne. Auf welcher
Grundlage hätte ich ihr irgendwas erzählen sollen?»
«Hast du eine Andeutung gemacht?», fragte sie. «Irgendjemand hat das jedenfalls getan. Irgendjemand hat ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt. Und ich erinnere mich, dass ich dir gegenüber mal eine klitzekleine Bemerkung habe fallen lassen, die du vielleicht falsch aufgefasst und ihr weitererzählt hast. Mann, Gary, sie und ich haben schon genug Probleme.»
«Weißt du, wenn du nicht immer so geheimnisvoll tätest — »
«Tue ich doch gar nicht.»
«Wenn du nicht so verschwiegen wärest», sagte Gary, «gäbe es dieses Problem vielleicht gar nicht. Man könnte fast meinen, du legst es darauf an, dass die Leute hinter vorgehaltener Hand über dich reden.»
«Interessant, dass du meine Frage nicht beantwortest.»
Er atmete langsam durch die Zähne aus. «Ich habe keine Ahnung, wie Mom darauf kommt. Ich habe ihr nichts erzählt.»
«Na schön», sagte Denise und stand auf. «Ich übernehme die ‹Rennerei›. Du denkst über Weihnachten nach. Und wir sehen uns, wenn Mom und Dad in der Stadt sind. Bis dann.»
Mit atemberaubender Entschlossenheit strebte sie dem nächsten Ausgang zu, nicht so schnell, dass es Wut erkennen ließ, aber schnell genug, dass Gary hätte in Laufschritt fallen müssen, um sie einzuholen. Er wartete eine Minute, ob sie zurückkommen würde. Da das nicht geschah, verließ er den Innenhof und lenkte seine Schritte Richtung Büro.
Gary hatte sich geschmeichelt gefühlt, als seine kleine Schwester sich für ein College in derselben Stadt entschied, in der er und Caroline kurz zuvor stolze Besitzer ihres Traumhauses geworden waren. Er hatte sich darauf gefreut, Denise all seinen Freunden und Kollegen vorzustellen (mit ihr anzugeben, wenn er ehrlich war), hatte sich ausgemalt, dass sie einmal im Monat zum Abendessen in die Seminole Street kommen und dass sie und Caroline wie Schwestern sein würden. Er hatte sich auch ausgemalt, dass seine ganze Familie, selbst Chip, eines Tages in Philadelphia leben würde, hatte sich Nichten und Neffen, Familienfeste und Gesellschaftsspiele und lange, verschneite Weihnachtstage in der Seminole Street ausgemalt. Doch inzwischen lebten er und Denise seit fünfzehn Jahren in derselben Stadt, und er hatte das Gefühl, sie kaum zu kennen. Nie bat sie ihn um etwas. Nie, wie müde sie auch sein mochte, erschien sie in der Seminole Street ohne Blumen oder einen Nachtisch für Caroline, ohne Haifischzähne oder Comic-Bücher für die Jungen, ohne einen Juristen- oder Glühbirnenwitz für ihn. Kein Weg führte an ihrer Anständigkeit vorbei, kein Weg, ihr das Ausmaß seiner Enttäuschung darüber begreiflich zu machen, dass von der großartigen, familienerfüllten Zukunft, die er sich ausgemalt hatte, so gut wie nichts wahr geworden war.
Vor einem Jahr hatte Gary ihr beim Mittagessen von einem verheirateten «Freund» (eigentlich einem Kollegen, Jay Pascoe) erzählt, der eine Affäre mit der Klavierlehrerin seiner Tochter hatte. Gary sagte, er könne zwar verstehen, dass diese Affäre einen gewissen Freizeitwert für seinen Freund habe (Pascoe hatte nicht die geringste Absicht, seine Frau zu verlassen), aber ihm sei schleierhaft, warum die Klavierlehrerin das mitmache.
«Du kannst dir also nicht vorstellen», sagte Denise, «warum eine Frau vielleicht eine Affäre mit dir haben will?»
«Ich rede nicht von mir», sagte Gary.
«Aber du bist verheiratet und hast Kinder.»
«Ich meine, ich begreife nur nicht, was die Frau an einem Kerl findet, von dem sie weiß, dass er lügt und betrügt.»
«Im Allgemeinen verachtet sie solche Männer wahrscheinlich», sagte Denise. «Aber für den Mann, den sie liebt, macht sie eine Ausnahme.»
«Eine Art Selbstbetrug also.» «Nein, Gary, so funktioniert die Liebe nun mal.»
«Na, und außerdem besteht ja immer noch die Chance, dass sie Glück hat und reich heiratet.»
Dass er ihre liberale Unschuld mit einer so spitzen ökonomischen Wahrheit durchbohrte, schien Denise traurig zu stimmen.
«Du siehst jemanden, der Kinder hat», sagte sie, «du siehst, wie glücklich er ist, Vater zu sein, und fühlst dich davon angezogen. Das Unmögliche ist anziehend. Du weißt schon: der Reiz von Dingen, aus denen nichts werden kann.»
«Das klingt, als wenn du dich da auskennst», sagte Gary.
«Emile ist der einzige Mann ohne Kinder, den ich bisher anziehend fand.»
Das interessierte Gary. Unter dem Deckmantel brüderlicher Begriffsstutzigkeit riskierte er die Frage: «Na, und mit wem bist du im Augenblick zusammen?»
«Mit niemandem.»
«Du hast nichts mit einem verheirateten Typen?», scherzte er.
Denise' Gesicht wurde eine Schattierung blasser und zwei Schattierungen röter, während sie nach ihrem Wasserglas griff. «Ich bin mit niemandem zusammen», sagte sie. «Ich arbeite viel.»
«Dann vergiss bitte nicht», sagte Gary, «dass es im Leben noch etwas anderes gibt als Kochen. Du musst dir allmählich Gedanken darüber machen, was du wirklich willst und wie du es bekommst.»
Denise rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und gab dem Kellner ein Zeichen, dass sie zahlen wollte. «Vielleicht heirate ich ja reich», sagte sie.
Je mehr Gary darüber nachdachte, dass seine Schwester sich mit verheirateten Männern einließ, desto wütender wurde er. Dennoch hätte er Enid nie etwas davon sagen dürfen. Zu dieser
Indiskretion war es gekommen, weil er auf leeren Magen Gin getrunken hatte, während er an Weihnachten dem Loblied lauschte, das seine Mutter auf Denise sang, wenige Stunden nachdem das verstümmelte österreichische Rentier aufgetaucht und Enids Geschenk für Caroline wie ein ermordetes Baby im Mülleimer entdeckt worden war. Enid pries den großzügigen Multimillionär, der Denise' neues Restaurant finanzierte und sie auf eine zweimonatige kulinarische Reise durch Frankreich und Mitteleuropa geschickt hatte, sie pries Denise' lange Arbeitstage, ihre Hingabe und ihre Sparsamkeit, und in ihrer hinterhältig vergleichenden Art bemängelte sie gleich darauf Garys «Materialismus» und «Protzerei» und «Geldbesessenheit» — als hätte sie nicht selbst Dollarzeichen auf der Stirn! Als hätte sie nicht selbst, wenn es ihr nur möglich gewesen wäre, gern ein Haus wie Garys gekauft und es weitgehend genauso eingerichtet! Am liebsten hätte er zu ihr gesagt: Von deinen drei Kindern führe ich das Leben, das deinem eigenen bei weitem am ähnlichsten ist! Ich habe genau das, was haben zu wollen du mir beigebracht hast! Und jetzt, da ich es habe, mäkelst du daran herum!
Aber was er tatsächlich sagte, als der Wacholdergeist irgendwann überkochte, war: «Warum fragst du Denise nicht, mit wem sie schläft? Frag sie doch mal, ob er verheiratet ist und Kinder hat.»
«Ich glaube nicht, dass sie zurzeit mit irgendjemandem ausgeht», sagte Enid.
«Ich meine ja nur», sagte der Wacholdergeist, «frag sie, ob sie schon mal was mit jemandem hatte, der verheiratet war. Ich finde, die Ehrlichkeit gebietet es dir, diese Frage zu stellen, bevor du sie uns hier als ein Muster an mittelwestlicher Tugend hinstellst.»